HOME

Ein Haufen Freunde kämpft gegen die Katastrophe

Kapitän Ljubormir Filipovic steuert die "Sea Watch" ins Mittelmeer, um Flüchtlingen zu helfen. Er und seine Freunde wollen einer der größten Katastrophen der Neuzeit Aufmerksamkeit verschaffen.

Von Uli Hauser, Helgoland

Ein Mann mit einer Mission: Kapitän Ljubormir Filipovic an Bord der "Sea Watch"

Ein Mann mit einer Mission: Kapitän Ljubormir Filipovic an Bord der "Sea Watch"

Wenn Ljubormir Filipovic einem anbietet, aus seinem Leben zu erzählen, sagt er gern, das ist eine längere Geschichte. Und dass man dies in Ruhe tun sollte; die Frage derzeit ist nur, wann diese Ruhe eintritt. Denn Ljubormir ist gerade wieder unterwegs, er ist wieder auf Mission, er möchte wieder helfen, und so trifft man den gebürtigen Kroaten dieser Tage am besten auf einem Schiff, das den schönen Namen "Sea Watch" trägt.

Es ist das Schiff, das seit einiger Zeit für Aufsehen sorgt, weil sich neben Ljubormir Filipovic noch ein paar mehr Leute zusammengetan haben, um die Aufmerksamkeit einer dauererregten Gesellschaft auf einen der unerträglichsten Missstände der Neuzeit zu lenken: die tägliche Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer.

In der vergangenen Woche sind wieder hunderte Menschen bei dem Versuch ertrunken, das rettende Ufer Europas zu erreichen. Die Staatschefs der mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Europäischen Union (unter anderem für Humanismus und das Bekenntnis zu Frieden) können sich derzeit nicht einigen, ob sie neben Geldern zur Rettung der Banken vielleicht auch wieder Mittel bereitstellen sollen, um Menschen aus dem Meer zu fischen.

"Mare Nostrum" hieß dieser Einsatz im vergangenen Jahr, er wurde beendet, weil niemand so recht der italienischen Regierung zur Seite stehen wollte, zehntausenden Menschen bei der Überfahrt von der afrikanischen Küste entgegenzukommen.

So teuer wie ein Mittelklassewagen

Das tun jetzt Ljubormir Filipovic und seine Freunde. Er ist Kapitän auf einem ehemaligen Fischkutter, 21 Meter lang, sechs Meter breit, hundert Tonnen schwer. Für den Preis eines Mittelklassewagens von dem Brandenburger Unternehmer Harald Höppner gekauft, der noch nie zur See gefahren ist, es aber auch nicht mehr ertrug, als Fernsehzuschauer tatenlos die apokalyptischen Nachrichten aus dem Mittelmeer zu konsumieren. Höppner verdient sein Geld im Internet, er ist ein Macher, er ist impulsiv, er handelt aus dem Bauch, aber das wohlüberlegt.

Also sammelte er ein paar Leute um sich, und am Sonntag hat er sein Boot auf die Reise geschickt, Richtung Malta. Dort wollen seine Freunde auf den bevorzugten Flüchtlingsrouten patroullieren und denen helfen, die in Not sind. Ihr Schiff ist zu klein, aufzunehmen. Aber sie haben Radar, Rettungswesten und Schwimminseln an Bord und alle wichtigen Telefonnummern, um die italienische Küstenwache zu erreichen.

All das hatte Höppner auch bei Günter Jauch sagen wollen, der ihn am Sonntagabend in seine Sendung eingeladen hatte. Höppner hatte die Runde gesprengt, mit einer Schweigeminute hatte er die vorher bisweilen zynische Debatte vergessen gemacht, ein starker, emotionaler Auftritt.

"Sea Watch" als schwimmende Mahnwache

Und jetzt soll die "Sea Watch" eine Art schwimmende Mahnwache sein: Sie wollen täglich daran erinnern, was passiert, und sie wollen etwas tun, für das Kapitän Ljubormir Filipovic, 48, diese Worte findet: "Jeder hat doch, im Rahmen seiner Möglichkeiten, die Gelegenheit, etwas zu tun. Und ich kenne mich aus mit Schiffen, ich habe gerade Zeit, und finde relativ einfach, was wir tun. Und wenn so ein Einsatz für einen allein zu groß sein sollte, dann müssen wir uns eben zusammentun. Und dann kann gemeinsam Großes entstehen."

Zurzeit bunkert die "Sea Watch" auf Lebensmittel, letzte Reparaturen stehen an; ein paar Reporter sind an Bord und haben sich mit den Crewmitgliedern die Kojen geteilt, jeder konnte drei Stunden schlafen. Ein Arzt, ein Metallbauer, Maschinist, ein Schiffsbauer, ein Seenotretter, eine Krankenpflegerin. Ruhige, entspannte Profis: stellvertretend für hunderte Freiwillige, die sich gemeldet hatten, "hochqualifiziertes Personal", sagt der Kapitän. "Wir erfahren eine unglaubliche Hilfsbereitschaft."

Ein Schiff kaufen und Menschen retten

Ljubomir Filipovic stand die ersten Stunden der Nacht am Steuer und fand dann doch ein wenig Zeit, über sich und sein Leben zu erzählen. Er war Soldat im jugoslawischen Bürgerkrieg, viel gäbe es zu erzählen: Er hat mit dem Finger an der Handgrante geschlafen, er ist fast zweimal mit einem Auto in eine Schlucht gestürzt, beim Versuch, über Nacht ohne Licht über das Bergland zu fliehen. Er verzweifelte bei seinem Bemühen, die Erlebnisse aus dem Krieg zu verarbeiten, er tat Dinge, über die er öffentlich lieber nicht redet, die Fremdenlegion in Marseille war auch zeitweise eine Möglichkeit.

Ebenso wie die vier Monate bei den Mönchen auf dem Berg Athos, deren Stille er dann doch nicht ertrug, aber von wo aus er mit einer "Eingebung", wie Filipovic sagt, nach Deutschland fuhr, auch eine Heimat seiner Familie. Ihm war der Gedanke zugeflogen, sich ein Schiff zu kaufen und damit Menschen zu retten. Gleiches hatte Filipovic schon in Greifswald versucht, er fuhr mit straffällig gewordenen Jugendlichen zur See und anderen Charakteren, die an ihren Launen und dem Leben zu verzweifeln drohten.

"Weitere Tote verhindern"

Ljubomir Filipovic, Vater einer Tochter und mittlerweile dreifacher Großvater, aber, hatte nun eine neue, eine noch radikalere Idee: Er wollte mit seinem 26 Meter langen Schiff "Atlantic" Richtung Syrien schippern, dort den einzig verfügbaren Hafen ansteuern und dann aus Aleppo Waisenkinder rausholen. Mit Jeeps und Schutzwesten, eine wagemutige Idee, aber nicht für einen, der vier Jahre Not und Elend erlebt hat und dem dabei "mehr Glück als Verstand" zuteil wurde.

Filipovic hat keine Angst, aber Respekt vor dem, was kommt. Er hat sich auch schon vorgestellt, wie es sein würde, wenn plötzlich neben seinem Boot Leichen trieben. "Was mich wirklich antreibt", sagt er, "ist, weitere Tote zu verhindern."

Vier Wochen bis ins Mittelmeer

In knapp vier Wochen wird die "Sea Watch" erreichen, falls nichts dazwischen kommt. Mit sieben Knoten geht es zunächst von Helgoland über die Nordsee und den Atlantik ins Mittelmeer, ab Anfang Juni will die Crew da sein für alle, die sich verlassen fühlen. Und weiter Geld sammeln für ein neues Radar, für Ferngläser, mit denen man auch in der Nacht gute Sicht hat, für starke Batterien, die einen Einsatz auch ohne Dieselgenerator möglich machen.

Der Einsatz ist erst einmal bis Ende Herbst geplant, so lange, wie das Geld eben reicht. Und bis dahin wird Ljubomir Filipovic seinem bewegten Leben neue Episoden hinzugefügt haben. Filopovic kennt fast alle Aggregatzustände des Lebens, er war Täter, Opfer und Verfolgter. "Und ich kann beinahe körperlich mitfühlen, wie es Menschen geht, die unter Lebensgefahr ihre Heimat verlassen müssen."

Staatsangehörigkeit: "ungeklärt"

Die Pointe ist: Seit dem Krieg hat er kein Gefühl mehr für Nationalitäten. Seit er fliehen musste, hat sich auch sein Land aufgelöst, Jugoslawien gibt es nicht mehr. Deutscher könnte er werden, er legt es aber nicht mehr darauf an. Ljubomir versteht sich als Weltbürger. Und zeigt stolz seinen Pass, seinen "Reiseausweis für Ausländer".

Dort ist über dem Feld mit dem Begriff Staatsangehörigkeit handschriftlich sein aktueller Status eingetragen: "ungeklärt". Das Dokument allerdings, so steht es zwei Seiten weiter, gelte "für alle Länder. For all countrys. Pour tous pays."

Von Uli Hauser, derzeit Helgoland

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren