Drei Minuten nach dem Start stürzt US-Airways-Flug 1549 in den Hudson River in New York. Ein früherer Kampfpilot landet mit 155 Menschen an Bord im eiskalten Wasser. "Es war eine Begegnung mit dem Tod", sagt ein Passagier. Die Chronologie einer Beinahe-Katastrophe. Von Jan Christoph Wiechmann, New York

Über die Tragflächen verließen die meisten Passagiere ihr im Hudson River havariertes Flugzeug© Janis Krums/AP
US-Airways-Flug 1549 ist pünktlich an diesem eisigen Nachmittag auf dem Flughafen La Guardia in New York City. 155 Menschen sind an Bord des Airbus A320 auf dem Weg nach Charlotte im Bundesstaat North Carolina und weiter in den Nordwesten nach Seattle. Es ist 15.26 Uhr, die Sicht ist gut, der Himmel leicht bewölkt, es hat geschneit an diesem Donnerstag, die Temperatur: minus 6 Grad Celsius.
Die voll besetzte Maschine hebt ab von Startbahn vier, macht eine Linkskurve, wie gewöhnlich, und steigt um 15.27 Uhr auf eine Flughöhe von 914 Meter. Etwa 45 Sekunden lang verläuft alles normal, der gut zweistündige Flug Richtung Süden kann beginnen, als plötzlich ein lauter Knall die Passagiere aufschreckt. Flammen steigen aus dem linken Triebwerk auf, es riecht nach Kerosin und Rauch. "Das linke Treibwerk ist explodiert, es kamen Flammen heraus", erzählt Jeff Kolodjay, der mit seinem Vater und Bruder an Bord ist. "Obwohl die Maschine nicht außer Kontrolle geriet, wussten wir doch, dass etwas passiert war, denn wir flogen zurück", sagt Passagier Alberto Pinero.
Vermutlich ist es ein Gänseschwarm, mit dem das Flugzeug in der Höhe kollidiert. Zwei größere Vögel verfangen sich in beiden Triebwerken, ein so genannter "double bird strike", ein doppelter Vogelschlag. Er setzt die Triebwerke außer Kraft, es wird gespenstisch still. Etwa 56.000 "bird strikes" gab es in den USA zwischen 1998 und 2004, fünf endeten als schwere Unfälle.
Die Stimme des Piloten Chesley "Sully" Sullenberger aus Danville in Kalifornien ist ruhig, als er verkündet: "Brace for Impact." Bereitmachen für einen Aufprall. "Da wussten wir, jetzt kann alles vorbei sein", sagt Pinero. Die Passagiere klemmen den Kopf zwischen ihre Arme, einige pressen ihn auf den Schoß, viele beginnen zu beten. An Bord befinden sich Senioren und ein Kleinkind, dazu Angestellte der Bank of America und Wells Fargo, die auf dem Weg sind in die Bankenstadt Charlotte.
Sullenberger, 57, ist ein erfahrener Pilot, 40 Jahre im Dienst, auch als Kampfpilot der Airforce, seit 29 Jahren fliegt er für US Airways. Vor zwei Jahren gründete er seine eigene Sicherheitsberatungsfirma. Sein Spezialgebiet: Psychologische Kniffe, die nötig sind, um eine Flugcrew in der Krise funktionsfähig zu halten. "Ein Unfall", so sagte er einmal, "ist in einer Pilotenkarriere höchst selten."
Im Kontrollzentrum von La Guardia beschließen sie, die Maschine zurückkehren zu lassen, doch der Pilot will Kurs nehmen auf den nahe gelegenen Flughafen Teterboro in New Jersey. Binnen zwei Minuten sinkt der Airbus von 975 auf 366 Meter. Um 15.31 Uhr zeigt der letzte Eintrag eine Flughöhe von 91 Meter. Dann bricht der Kontakt ab.