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20. März 2008, 07:56 Uhr

Krebspatientin tot aufgefunden

Sie bat um aktive Sterbehilfe, das Gericht versagte sie ihr. Jetzt ist die an einem Krebsgeschwür leidende Französin Chantal Sébire tot in ihrer Wohnung aufgefunden worden. An ihrem Schicksal entzündet sich eine neue Debatte um aktive Sterbehilfe in Frankreich.

Chantal Sébire: Tot in der Wohnung gefunden© Jeff Pachoud/AFP

Chantal Sébire hat einen verzweifelten Kampf um Sterbehilfe geführt. Zwei Tage, nach dem der Antrag der an einem unheilbaren Gesichtstumor leidenden Mutter abgelehnt wurde, starb sie am Mittwochabend in ihrem Haus in Plombieres-les-Dijon. Ob sie sich mit Medikamenten das Leben nahm und in ihren letzten Stunden alleine war, war zunächst weiter unklar. Erst am Montag war ein Antrag der früheren Lehrerin auf aktive Sterbehilfe von einem Gericht in Dijon abgelehnt worden. Ihr Schicksal lässt jetzt Rufe nach einer Legalisierung der Sterbehilfe in Frankreich lauter werden.

Die neue Staatssekretärin für Familie, Nadine Morano, forderte gegenüber dem Sender "France Info": "Ich glaube, die Gesellschaft ist bereit, die Gesetzeslage neu zu bewerten." Der Präsident des Verbandes für das Recht auf einen würdevollen Tod (ADMD), Jean-Luc Roméro, würdigte Sédire als außergewöhnliche Frau, die die Franzosen trotz ihres Leidens sensibilisiert habe. "Ihre Botschaft ist wichtig." In Frankreich gebe es bis zu 15.000 Fälle von illegaler Sterbehilfe. "Schmerzlindernde Maßnahmen sind keine ausreichende Antwort, wir brauchen andere Antworten", erklärte Roméro.

Der Leidensweg der 52-jährigen Mutter dreier erwachsener Kinder hat in den vergangenen Wochen die französische Öffentlichkeit schwer erschüttert und die Regierung gespalten. Acht Jahre lang hatte Sébire gegen den äußerst schmerzhaften Tumor mitten im Gesicht gekämpft. Auch keine Chemotherapie konnte die bösartige Wucherung stoppen, die ihr Gesicht fast völlig entstellt hatte. Das seltene Esthesioneuroblastom in der Rinne der Geruchsnerven zerstörte ihr den Geschmacks- und Geruchssinn und führte schließlich zu ihrer Erblindung. Fernsehbilder zeigten sie zuletzt abgemagert, aber mutig und gefasst.

"Ich will in meinem eigenen Bett sterben"

Sébire hatte beantragt, "in Würde sterben" zu dürfen und vom Gericht eine Genehmigung für ihren Arzt gefordert, ihr eine tödliche Medikamenten-Dosis zu verabreichen. Eine Flucht nach Belgien, in die Schweiz oder die Niederlande, wo aktive Sterbehilfe nicht bestraft wird, lehnte sie ab. "Ich will in meinem eigenen Bett sterben", sagte sie. Frankreichs Justiz urteilte am Montag, Ärzte seien verpflichtet, Leben zu retten. Das Recht stelle Sterbehilfe unter Strafe.

So sah die Französin vor ihrer Krankheit aus© Jeff Pachoud/AFP

In der französischen Regierung stieß der Fall auf ein geteiltes Echo. Noch am Mittwochvormittag sprach sich Außenminister und Ärzte- ohne-Grenzen-Mitgründer Bernard Kouchner für eine gesetzliche Ausnahmeregelung aus. Sébire ihren Wunsch zu ermöglichen wäre "menschlich und notwendig", sagte der Mediziner. Dagegen lehnt der konservative Präsident Nicolas Sarkozy jede Rechtsreform für eine aktive Sterbehilfe ab. Auch Justizministerin Rachida Dati stellte sich hinter das Urteil. Premierminister François Fillon sprach von einem Fall, der "an die Grenze dessen" gehe, "was eine Gesellschaft sagen kann und was das Gesetz tun kann".

Premierminister François Fillon hatte eine Prüfung des Gesetzes von 2005 angeordnet. Seit einer Reform vor drei Jahren dürfen unheilbar kranke Patienten lebenserhaltende Maßnahmen verweigern. Die Verabreichung tödlicher Dosen von Schlaf- oder Schmerzmitteln ist aber weiter strafbar. AMD-Chef Jean-Luc Roméro sprach sich gegen eine Gesetzesänderung aus: "Frankreich ist nicht Belgien oder die Niederlande (wo Sterbehilfe erlaubt ist)", sagte Didier Sicard. Das Schlimmste wäre eine überstürzte Parlamentsdebatte.

Der Bundesstaatsanwalt warf indes die Frage einer Obduktion auf: "Der Körper ist äußerlich nicht auffällig. Ich frage mich, ob man nun eine Obduktion machen wird oder nicht." Dafür sammle man weiter Aussagen ihrer Angehörigen und von mit dem Fall befassten Polizisten. Die Anwältin Sébires hingegen lehnte eine Obduktion ab - dies "wäre peinlich", meinte sie und fügte hinzu: "Hätte sich Chantal in einem Kanal in der Nähe ihres Appartments geworfen, hätte es keine Untersuchung gegeben."

DPA/AP/lio
 
 
KOMMENTARE (10 von 11)
 
alwo (20.03.2008, 13:06 Uhr)
provocateur
Sie haben wohl recht....es ist ein sehr sensibles Thema. Aber das Wort "umbringen" kann man in diesem Fall eher mit "erlösen" umschreiben. Würde ein Fenstersturz die ohnehin schon geforderte Familie nicht noch mehr aus dem Takt bringen als ein verlangtes Entschlafen im Einverständnis und in Gegenwart der Angehörigen. Es wäre auf jeden Fall würdevoller als gewisse Selbstmordarten....Man kann nur hoffen dass solche und andere Schicksale den meisten erspart bleiben.
zurgat (20.03.2008, 11:44 Uhr)
vermutlich gings ihr um
andere die nichmehr soviel wahl hatten
provocateur (20.03.2008, 11:43 Uhr)
Eine mutige Frau...
...ich bin voller Respekt dafür, dass sie Ihr Leiden und Sterbehilfe zum Thema gemacht hat und diese Kraft aufgebracht hat. Eigentlich bin ich in so einem Fall aber eher ein Gegner der Sterbehilfe, da Sie ja nicht im Koma lag, konnte sie ja selbst Selbstmord begehen. Denn die Frage ist auch, ob und wenn ja welche Schuld jemand auf sich lädt, der einen anderen Menschen umbringt, egal wie krank der auch ist und wie sehr er darum bittet. Ich könnte das nicht tun! Der Sprung aus dem Fenster steht jedem offen, der noch stehen kann. Was mich mehr beschäftigt ist die Frage, wie gehen wir mit einem Menschen um, der nicht mehr selbst handlungsfähig ist, aber vorher eine klare Ansage gemacht hat: Bitte tötet mich, wenn ich es nicht mehr selber kann. Soll man diesem Wunsch entsprechen? Ich meine schon.
farbklecks (20.03.2008, 11:25 Uhr)
Warum erst bitten?
Eigentlich unfassbar, jeden Hund hätte man gnädiger behandelt. Allerdings wäre ich auch nicht vor Gericht gegangen. Niemand hat das Recht über mein Leben zu bestimmen, also hätte ich auch nicht gefragt.
Echoes (20.03.2008, 10:12 Uhr)
In The Garden
ich wünsche frau sebire ruhe und frieden.
H.P. (20.03.2008, 10:11 Uhr)
Chantal Sébire tot in ihrer Wohnung gefunden.
Es gibt heute Möglichkeiten einem Menschen zu helfen, viele Menschen werden einfach in ihrem Leid alleine gelassen, weil keine richtige Hilfe und Mittel zu Verfügung stehen. All die vielen Menschen die an Alzheimer erkrankt sind, die nur noch teilnahmslos am Leben teilnehmen können, dafür hat man zu wenig Zeit und Mittel und die Angehörigen der Kranken sind total überfordert.
Wenn einem Menschen nicht mehr zu helfen ist und sein Leben nur noch eine einzige Qual ist, so ist es die Aufgabe einer Gesellschaft diesen Menschen zu helfen, auch zu helfen in Würde zu sterben.
mona.lisa (20.03.2008, 09:34 Uhr)
Keine Selbstbestimmung
Für mich ist es vollkommen indiskutabel, nicht über mein eigenes Leben bestimmen zu dürfen, solange ich anderen Menschen damit nicht schade.
Sie hat es glücklicherweise hinter sich. Mein größter Respekt gilt dem Menschen, der ihr dabei geholfen hat.
Ich hoffe, wenn es bei mir mal soweit ist, habe ich auch einen mutigen Freund.
Wenn nicht, gibt es Gottseidank noch die legale Sterbehilfe in der Schweiz.
Noch...
alwo (20.03.2008, 08:42 Uhr)
Respekt
Hoffentlich trägt der Mut dieser Frau sich an die Oeffentlichkeit zu wenden Früchte und erlöst in Zukunft viele kranke unheilbare Menschen von ihrem Leiden.
Georges13437 (20.03.2008, 08:38 Uhr)
Das Märtyrium hat ein Ende
Möge sie im Himmel, wenn es ihn denn gibt, den ewigen Frieden finden. Ihren Helfern dorthin sei verziehen. Ich hatte sehr großes Mitleid mit diesem Menschen.
MfG Georges P.
mupfeline (20.03.2008, 08:37 Uhr)
@Badmax
... dem kann ich mich nur anschließen.
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