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Wer war ich, bin ich, werde ich sein?

Eine schwere Kopfverletzung raubte der Amerikanerin Su Meck das Gedächtnis. Lange Zeit bemerkte es keiner – weil sie sich selbst nur spielte.

Von Norbert Höfler und Alexandra Kraft

  Doppelt und gespalten: Su Meck ist 50 Jahre alt, doch Erinnerungen hat sie nur an ein halbes Leben 

Doppelt und gespalten: Su Meck ist 50 Jahre alt, doch Erinnerungen hat sie nur an ein halbes Leben 

Guten Tag, Frau Meck ...
Ich hätte gerne meinen Sohn Benjamin bei dem Gespräch dabei. Er hilft, wenn mir etwas nicht einfällt.
Passiert das noch oft?
Es hängt von der Tagesform ab. Manchmal erinnere ich mich an wichtige Dinge nicht.
In Ihrer Krankenakte steht, dass Ihnen am 22. Mai 1988 ein Deckenventilator auf den Kopf fiel.
Ich kenne die Geschichte, weil mein Mann Jim sie mir erzählt hat. Es geschah an einem Sonntag. Wir waren morgens vermutlich in der Kirche. Aber so sicher ist Jim sich da auch nicht mehr. Wir saßen am Küchentisch, Benjamin, der fast zwei war, saß im Kinderstuhl. Der acht Monate alte Patrick krabbelte herum. Ich nahm ihn hoch, hielt ihn über meinem Kopf. Dabei stieß er gegen den Deckenventilator. Durch diesen Schubs rutschte das Ding vom Haken und fiel mir auf den Kopf.
Und dann kippten Sie um?
Nicht gleich. Ich setzte Benjamin auf den Boden. So erzählt es Jim. Erst danach verlor ich das Gleichgewicht, schlug mit dem Hinterkopf gegen die Tischkante, dann auf den Boden, bumm, bumm, bumm. Überall war Blut. Jim rief den Notarzt. An diesem Tag verlor ich alle meine Erinnerungen. An diesem Tag starb Su.
Sie meinen sich selbst?
Für mich ist die Su von damals eine Fremde. Ich rede von ihr als "sie" oder als "Susie". So riefen mich meine Eltern, als ich Kind war. "Susie" bin nicht ich, sie ist eine andere Person. Wie eine Verwandte, der ich nie begegnet bin. 

  Mecks Lieblingsplatz: der Schaukelstuhl. Er beruhigt, er schwingt, so wie das Leben zwischen guten Tagen und schlechten Tagen 

Mecks Lieblingsplatz: der Schaukelstuhl. Er beruhigt, er schwingt, so wie das Leben zwischen guten Tagen und schlechten Tagen 


Sie haben keinerlei Erinnerungen an Ihr früheres Leben?
Nein.
Erkannten Sie Ihren Mann und Ihre Söhne im Krankenhaus?
Nein.
Ihre Eltern?
Nichts. Ich wusste nicht einmal, was eine Zahnbürste ist, wie man aus einem Glas trinkt oder zur Toilette geht. Ich war ein neugeborenes Baby. 
Ein Albtraum?
Nein. Ich hatte noch nicht einmal Angst.
Wenige Tage nach dem Unfall sind Sie Fahrrad gefahren.
Das steht in meiner Akte. Ich kann mich nicht erinnern. Zwei Krankenpfleger haben mich auf ein Rad gesetzt, sie wollten testen, wie mein Zustand ist.
Sie sollen sogar auf dem Klavier "The Entertainer" gespielt haben?
Ein einziges Mal, dann war diese Fähigkeit auch weg.
Wie haben die Ärzte reagiert?
Sie dachten, schuld seien die starken Medikamente. Sie glaubten, das geht schon wieder weg.

In Ihrer Akte steht, Sie hatten eine geschlossene Gehirnverletzung.
Ja. Mein Schädel war nicht gebrochen. Mein Gehirn schwoll an und wurde im Kopf gequetscht.

Auf dem MRT war aber nichts zu erkennen.

Vor 27 Jahren war MRT eine neue Sache. Ich glaube, heute würde man mehr auf meinem Gehirnscan sehen. Mein Mann sagt, die Ärzte hätten ihn auf das Schlimmste vorbereitet. Die Kinder wurden ins Krankenhaus geholt, um Abschied von Susie zu nehmen.

Sie überlebten und waren nur drei Wochen lang im Krankenhaus. Dann wurden Sie entlassen. Auch daran erinnere ich mich nicht.
Warum haben Sie den Ärzten nicht gesagt, dass Sie nicht wissen, wer Sie sind?
Ich habe das nicht gemerkt.
Warum ließ Ihr Mann das zu?
Vielleicht, weil die Ärzte ihm gesagt hatten, ich sei okay. Und dass ich gut zurechtkomme. Jim war damals 24. Er wollte ein normales Leben mit mir führen. Ich sollte funktionieren.
Wie lange lebten Sie, ohne neue Erinnerung aufbauen zu können?
Etwa drei Jahre. Wir sind nach meinem Unfall mehrmals umgezogen.

Und wie funktionierte Ihr Alltag?

Nicht gut. Die Kinder übernahmen die Verantwortung für mich.
Benjamin: Ich war dafür zuständig, dass wir vom Einkaufen wieder nach Hause fanden. Dad hatte mir den Weg beigebracht. Am Anfang, da war ich etwa drei Jahre, wusste ich nur grob die Richtung. Aber mit der Zeit habe ich mir Straßenecken gemerkt, an denen wir abbiegen mussten. Später konnte ich dann die Karte lesen. Dasselbe im Supermarkt. Mum war da verloren. Also sagte ich, was wir brauchen und wo wir es finden. Mum fragte immer: "Was machen wir eigentlich hier?"

Unglaublich!
Benjamin: Wir waren immer zusammen, fast immer im selben Raum. Wir spielten, aßen, schliefen. So haben wir funktioniert. Das war unser Leben.
Su: Ich wuchs mit meinen Kindern auf. Wenn sie aus der Schule kamen und Hausaufgaben machten, habe ich mit ihnen rechnen, lesen und schreiben gelernt.
Sie waren bei Ihrem Unfall 22 Jahre alt!
Ich hatte den Körper einer erwachsenen Frau, aber nicht den Geist. Wir hatten diesen alten, umgestürzten Baum im Garten, da sind wir immer drauf rumgeklettert. Wir spielten, dass darunter Treibsand sei. Da durfte man nicht reinfallen. Das war verrückt. Ich war das vierte Kind.
Bemerkte niemand, wie es Ihnen wirklich ging? Dass Sie keine Erinnerung hatten und auch kein neues Gedächtnis bildeten?
Ich realisierte das ja auch nicht. Ich machte einfach nach, was die anderen taten. Wenn wir bei den Nachbarn waren mit den Kindern und eine Mutter sagte: "Lasst uns die Spielsachen einsammeln", imitierte ich das.
Und Jim, Ihr Ehemann, wo war er?
Er arbeitete als Computerspezialist im Außendienst und war wochenlang auf Reisen. Man darf ihm keinen Vorwurf machen. Er hatte nichts Böses im Sinn. Er wollte es vielleicht nicht wahrhaben, sonst wäre ja alles zusammengebrochen.
Wie lange dauerte es, bis Sie wussten, dass Jim Ihr Ehemann ist?
Lange. Ich habe das ganze Konzept nicht verstanden. Was ist ein Ehemann? Und was eine Frau?
Was erzählte Ihnen Jim über Sex?
Dass er mit Su tollen Sex hatte. Ich bin aber nicht sie. Ich habe nie eine solche Verbindung mit ihm gespürt wie sie.

Dann wurden Sie von Ihrem Ehemann aufgeklärt?

Wir hatten am Küchentisch ein Bienen-und-Blümchen-Gespräch. Wie ein Vater mit seiner Tochter. Wir fühlten uns beide nicht sonderlich wohl. Ich war intellektuell auf dem Stand eines Kindes.

  Mecks Lieblingsplatz: der Schaukelstuhl. Er beruhigt, er schwingt, so wie das Leben zwischen guten Tagen und schlechten Tagen 

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Lieben Sie Ihren Mann?
Schwer zu sagen. Er war einfach da, als ich zu mir kam. Es ist mehr ein Abhängigkeitsgefühl. Jim kennt mich besser als jeder andere. Er weiß, wie ich mich fühle, wenn ich einen schlechten Tag habe. Erst als unsere Tochter Kassidy geboren wurde, spürte ich wieder eine tiefe Emotion. Sie kam vier Jahre nach dem Unfall zur Welt, und für sie empfand ich sofort Liebe.
In Ihrem Haus hängen viele Familienfotos. Erkennen Sie sich auf Kinderbildern wieder?

Nur weil es mir jemand erzählt hat, dass ich das bin. Ich war nie klein.
Wie verkraften das Ihre Eltern?
Für meine Mutter ist es besonders schwierig. Ich erinnere mich, dass ich mit ihr irgendwann nach dem Unfall auf dem Sofa saß und wir in Fotoalben blätterten. Sie zeigte auf ein Bild und sagt: "Su, das bist du." Und ich antwortete: "Nein, das bin ich nicht." Aber sie bestand darauf. Sie wollte so sehr, dass ich mich erinnere.
Wer war Ihre beste Quelle für Informationen über Susie?
Mein erster Freund. Jahre nach dem Unfall fand mich Neal über Facebook. Ich habe erst Jim gefragt, ob ich Neal wirklich kenne. Heute bin ich sehr froh, Kontakt zu ihm aufgenommen zu haben.
Warum?
Er gehörte nicht zur Familie. Deshalb sind seine Erinnerungen für mich besonders glaubwürdig. Wir waren drei Jahre zusammen. Ich habe meine Jungfräulichkeit an ihn verloren, in einem Park. Er war wichtig für Susie. Er hat mir ihre Liebesgeschichte erzählt. Sie sollte eigentlich nur eine Freundin ins Kino begleiten, weil sie sich nicht alleine mit Jungs treffen durfte. Sie alberten herum und haben sich mit Popcorn beworfen. Als Susie am nächsten Tag welches in ihrer Tasche fand, rief sie Neal an, und sie haben sich wiedergetroffen.
Was ist das Besondere für Sie daran?
Weil es die alte Su ist. Sie hat sich nicht darum gekümmert, dass ein Mädchen damals einen Jungen nicht einfach anrief. Ihr waren Konventionen egal. Ich bin viel ängstlicher. Mir ist wichtiger, wie Dinge wirken. Vielleicht, weil ich normal sein will.
Verbindet Sie noch etwas mit der alten Susie?
Susie spielte gern Schlagzeug. Su heute auch. Ich musste es neu lernen, ich hatte nur noch ein paar kleine Erinnerungen daran.
Sie sagten vorhin, dass Sie Ihren Mann nicht lieben. Leben Sie noch zusammen?
Ja. Jim hat ein verrücktes Temperament. Es ist hart, mit ihm zu leben. Ich glaube, er fühlt sich gefangen mit mir. So wie ich mit ihm. Er war mir nicht treu. Wenn ich noch immer Susie wäre, wäre all das vielleicht nicht passiert.
Woher wissen Sie, dass er Sie betrogen hat?
Weil er es mir erzählte. Jim hat unglaublich viel Geld in Strip- und Sex-Clubs ausgegeben. Er hatte mehrere Affären. Er stürzte uns in sehr hohe Schulden. Erst als er sich nicht mehr zu helfen wusste, gestand er. Er sagte mir, der Grund für seinen Betrug sei mein Unfall und wie ich mich danach verändert hätte. Wir haben über Scheidung geredet, aber ich kann ohne ihn nicht, und ich hätte auch Angst davor.
Er ist der Mann, der Ihnen wichtige Teile Ihrer Erinnerungen zurückgab. Können Sie ihm vertrauen?
Ich muss ihm einfach glauben. Ich habe keine Wahl. Er ist der Einzige, der so viel über mich weiß. Ich darf daran nicht zweifeln. Traue ich ihm als Ehemann, der nie wieder fremdgeht? Nein.
Haben Sie sich jemals gefragt, ob der Ventilator wirklich der Auslöser für Ihre Amnesie war? Oder ob vielleicht ein psychisches Problem dahintersteckt?
Das ist eine spannende Frage. Meine Mutter erzählte mir, dass ich mir als Kind den Kopf am Schrank angeschlagen habe. Später fiel ich bei einem Skiunfall noch einmal schwer auf den Kopf. Im College hatte ich einen Autounfall mit einer starken Gehirnerschütterung. Vielleicht war der Ventilator der letzte große Schlag. So wie man ja heute auch bei Football-Spielern vermutet, dass die vielen Zusammenstöße für Hirnschäden verantwortlich sind.
Warum haben Sie jahrelang mit niemandem über Ihre Krankheit geredet?
Ich fürchtete mich vor diesem Schritt. Ich wollte nicht, dass sie mir meine Kinder wegnehmen. Dass ich in eine Klinik komme. Ich habe gelernt zu imitieren. Ich ging zu Partys und benahm mich einfach wie alle anderen. Ich war ein Betrug.
Wie können wir sicher sein, dass Sie uns nicht anlügen?
Leute fragen das manchmal, nicht so direkt, aber sie zweifeln. Die komplette retrograde Amnesie soll ja sehr selten sein. Aber seitdem mein Buch in den USA erschienen ist, bekomme ich viele Mails, und ich bin mir sicher, dass es mehr Menschen damit gibt, als wir glauben. Aber viele sagen es nicht, weil Mediziner einfach erklären: Ihr denkt euch das nur aus.
Wir haben mit dem Neurologen und Traumaexperten Professor Geoffrey Manley über Ihren Fall gesprochen. Er sagt, er habe keine Zweifel an Ihrer Amnesie. Ihr Verlauf sei ein seltener, aber in seinen Studien habe er festgestellt, dass schon leichte Hirnverletzungen großen Schaden anrichten können.
Ich bin natürlich froh, wenn ein Wissenschaftler das sagt. Ich kann ja nicht zeigen, was in meinem Kopf vorgeht. Ich lebe damit jeden Tag. Die Zweifler möchte ich gerne einmal fragen, warum ich so tun sollte, als hätte ich keine Erinnerung mehr? Warum sollte irgendjemand Tage haben, an denen er nicht weiß, wo sein Zuhause ist? Oder stundenlang durch den Park irrt?
Würden Sie heute Ihre alten Erinnerungen gern zurückhaben?
Nein, denn dann müsste ich noch einmal von vorne beginnen. Das wäre zu viel Ballast.
Was ist Ihre erste Erinnerung in Ihrem zweiten Leben?
Es ist der Moment, als ich schwanger war und beim Arzt zum ersten Mal den Herzschlag meiner Tochter Kassidy hörte. Das war vier Jahre nach dem Unfall.
Als der Ventilator auf Sie fiel, war das wie sterben?
Für viele um mich herum sicher. Ich respektiere das. Aber es ist auch irgendwie kurios. Es war kein heroischer Unfall. Ein Feuer oder irgendwas Aufregendes. Es war einfach dieser dusselige Deckenventilator. Ich hatte einen kleinen Schnitt am Kopf, das war es. Aber es krempelte mein Leben komplett um.
Sieht man noch eine Narbe davon?
Ja, schauen Sie hier oben am Haaransatz. Ich mag es überhaupt nicht, wenn man mich da anfasst. Da sind die Nerven extrem empfindlich. Ich kann deswegen keinen Fahrradhelm tragen. Meine Friseurin weiß, dass sie mich da nicht berühren darf.
Sind Sie nach dem Unfall noch einmal zur Schule gegangen?
Im Juni 2007 betrat ich das erste Mal in meinem Leben ein Klassenzimmer. Vor Kurzem habe ich meinen Abschluss hier in Northampton am Smith College gemacht. Mit fast 50.

Und wie alt fühlen Sie sich?
Natürlich wie Anfang 20.

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