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Lob und Tadel für Atomenergiebehörde

Die Internationale Atomenergie-Organisation IAEO und ihr Chef Mohammed el Baradei erhalten den Friedensnobelpreis für den Einsatz gegen die Ausbreitung von Atomwaffen. Doch die Vergabe löste auch eine Lawine heftiger Kritik aus.

Um 11:00 vormittags machte es das Nobelpreiskomitee offiziell: Der diesjährige Friedensnobelpreis geht an die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) und ihren ägyptischen Chef Mohammed el Baradei (63) für ihre Arbeit gegen die Verbreitung von Atomwaffen. Das Komitee in Oslo begründete seine Entscheidung am Freitag damit, dass die UN-Organisation und ihr Direktor in einer Zeit zunehmender atomarer Bedrohung "von unschätzbarer Bedeutung" seien. Der norwegische Komiteechef Ole Danboldt Mjøs sagte: "Wir wollen dem Kampf gegen Atomwaffen mit diesem Preis neuen Auftrieb geben."

Belohnung für Bemühung um friedliche Nutzung der Kernkraft

Der Friedensnobelpreis ist mit umgerechnet 1,1 Millionen Euro dotiert und wird am 10. Dezember überreicht. Letzter deutscher Preisträger war 1971 der damalige Bundeskanzler Willy Brandt (1913-1992). Die IAEO setzt sich für die friedliche Nutzung der Kernenergie ein und hat sich vor allem bei den Bemühungen um einen Stopp der umstrittenen Atomprogramme in Nordkorea und in Iran engagiert. Die Behörde nahm 2003 eine kritische Haltung gegenüber dem Beschluss der USA zur Invasion des Iraks wegen dort angeblich gelagerter Massenvernichtungswaffen ein. Sie hatte in dem Land bei Inspektionen keine solchen Waffen gefunden.

Doch die Vergabe des Friedens-Nobelpreises rief nicht nur Zustimmung hervor: Für Greenpaece Deutschland ist das "eine ganz klare Fehlentscheidung". "Schon allein die Rolle der IAEO in der weltweiten Verbreitung der Atomenergie ist mit dem Geist des Friedensnobelpreises nicht zu vereinbaren", sagte Wolfgang Lohbeck, der bei Greenpeace in Hamburg für Sonderprojekte und die Bereiche Abrüstung und Frieden zuständig ist. Andererseits sei Greenpeace mit der Vergabe des Preises an IAEO-Chef Mohammed el Baradei einverstanden. "Damit haben wir kein Problem", sagte Lohbeck. Schließlich habe sich Baradei in den vergangenen Jahren wiederholt im Amt hervorgehoben, vor allem mit seiner Kritik am Irak-Krieg.

Greenpeace und "Ärzte gegen Amtomkrieg" kritisierten Vergabe

Kritik an der Vergabe kam aber auch von der Gruppe "Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges" (IPPNW), die 1985 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden war. Eine Behörde, deren Ziel es sei, den Ausbau der Atomenergie weltweit zu beschleunigen und auszuweiten, trage nicht zu einer friedlichen und gesunden Welt bei, meinte IPPNW.

"Im Gegenteil: Hinter der friedlichen Nutzung der Atomenergie verbirgt sich immer die Möglichkeit zum Bau der Atombombe, wie das Beispiel Iran, Indien oder Pakistan zeigen", sagte Ute Watermann, Sprecherin der IPPNW. "Ganz zu schweigen von den gesundheitlichen Risiken der Atomenergienutzung." Allerdings begrüßte auch die Ärzteorganisation das persönliche Engagement von IAEO-Chef Mohammed el Baradei gegen die Invasion des Iraks und gegen einen möglichen militärischen Angriff auf Iran.

"Tarnorganisation der Nuklearindustrie"

Auch die deutschen Naturschutzorganisation BUND übte Kritik. Der Freiburger BUND-Regionalgeschäftsführer Axel Mayer bezeichnete die IAEA als "geschickt aufgebaute Tarnorganisation der Nuklearindustrie". Es sei erschreckend, welche Macht die Atomlobby auf diese Einrichtung der Vereinten Nationen ausübe, "und ausgerechnet diese Organisation erhält jetzt den Friedensnobelpreis". Bei der Gründung sei als Ziel der IAEA definiert worden, sie solle "den Beitrag der Atomenergie zum Frieden, zur Gesundheit und zum Wohlstand auf der ganzen Welt rascher und in größerem Ausmaß wirksam werden" lassen, aber zugleich sicherstellen, dass ihre Hilfe nicht für militärische Zwecke missbraucht werde. Hier zeige sich "die ganze Schizophrenie" der IAEA, sagte Mayer. Einerseits solle sie die militärische Nutzung der Atomkraft verhindern, andererseits fördere sie durch den Bau von Atomkraftwerken in immer mehr Ländern die Ausbreitung von Kernwaffen.

Dieser teilte mit, er sei von der Entscheidung "völlig überrascht" worden. El Baradei, der die in Wien ansässige IAEO seit 1997 leitet, hatte erst über das Fernsehen davon erfahren und sei vorab nicht informiert worden. "Ich habe das nicht erwartet", meinte er mit Tränen in den Augen unter dem lang andauerndem Applaus von jubelnden Mitarbeitern. Er ist nach dem früheren ägyptischen Präsidenten Anwar el Sadat der zweite Ägypter, der diese Auszeichnung erhält.

"Anerkennung eines Hauptproblems"

"Die Auszeichnung ist auch eine Anerkennung des Hauptproblems, dem wir heute gegenüber stehen: Der Bedrohung durch die Weiterverbreitung von Atomwaffen, der Existenz von Tausenden von Nuklearwaffen und der drohenden Gefahr des Atomterrors", sagte Baradei.

US-Außenministerin Condoleezza Rice bezeichnete die Verleihung als "wohlverdient". In einer sehr knappen Stellungnahme wird das Wort "wohlverdient" allerdings nur im Zusammenhang mit der IAEO, nicht mit Baradei genannt. In Berlin begrüßte Bundeskanzler Gerhard Schröder die Vergabe als "sehr kluge Entscheidung". Damit werde Baradeis "sehr gute Arbeit" während des Irak-Kriegs und dessen Bemühungen um eine Lösung des Atomkonflikts in Iran angemessen gewürdigt, sagte Regierungssprecher Béla Anda. Schröder stand wegen seines Widerstandes gegen den Irak- Krieg selbst auf der Kandidatenliste für den Friedensnobelpreis.

Entscheidung war nicht als Kritik an George Bush gemeint

UN-Generalsekretär Kofi Annan, Friedensnobelpreisträger 2001, nannte die Vergabe eine "Erinnerung daran, dass dringend Fortschritte bei der nuklearen Nichtverbreitung und der Abrüstung erzielt werden müssen". Weiter sagte Annan: "Das trifft ganz besonders auf eine Zeit zu, in der Massenvernichtungswaffen eine furchtbare Gefahr für uns alle darstellen". Auch der französische Präsident Jacques Chirac und der britische Premierminister Tony Blair begrüßten die Wahl. Glückwünsche kamen auch von Bundespräsident Horst Köhler. "Die Aufgabe, der sich die Internationale Atomenergie-Behörde täglich stellt, ist für den Frieden in der Welt unabdingbar", schrieb er.

Komiteechef Mjøs bestritt, dass die Entscheidung auch als Kritik an der Politik von US-Präsident George W. Bush gemeint sei, dessen Verhältnis zu Baradei und der IAEO als äußerst kühl gilt: "Dies ist weder gegen ein Land noch einen Staatsführer gerichtet." In der Begründung des Osloer Komitees hieß es, das Nobelkomitee habe sich in den letzten Jahrzehnten nicht zuletzt "auf den Kampf um die Verminderung der Bedeutung von Atomwaffen in der internationalen Politik mit dem Ziel ihrer endgültige Abschaffung konzentriert". Weiter hieß es: "Dass die Welt hier so wenig erreicht hat, macht aktive Opposition gegen Atomwaffen heute umso wichtiger."

DPA, AP, Reuters/AP/DPA/Reuters

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