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16. März 2009, 16:33 Uhr

Bestie und Zirkusclown zugleich

Ausnahmezustand in St. Pölten: Josef Fritzl, der Inzestvater von Amstetten, wird im Gerichtssaal vorgeführt wie die Schlangenfrau mit zwei Köpfen auf einer Dorfkirmes aus den Zwanziger Jahren. Und draußen protestieren Aktivisten mit nackten Babypuppen gegen ein "pädophiles Österreich". Ein Lagebericht. Von Christian Parth

Fritzl, Prozess, Inzest, Amstetten

Die Öffentlichkeit ist im Fritzl-Prozess weitgehend ausgeschlossen© Ronald Zuk/AP

Es ist kurz nach halb zehn Uhr, als Josef Fritzl den Schwurgerichtssaal des Landgerichts St. Pölten betritt. Sein Gesicht verdeckt der Inzestvater von Amstetten, der im April 2008 mit seinen Taten eine ganze Welt erschütterte, mit einem blauen Aktenordner. Er trägt ein beigefarbenes Sakko und eine schwarze Hose. Leicht gebeugt schleppt er sich in die Mitte des Saals, das graue Haar schütter, mit einer großen, kahlen Stelle am Hinterkopf. Kaum zu glauben, dass dieser Mann 24 Jahre durch einen 83 Zentimeter schmalen Gang gekrochen ist, durch drei Sicherheitsschleusen bis zum Verlies, wo er seine Tochter E. wie eine Sklavin hielt, sie wieder und wieder vergewaltigte und sieben Kinder mit ihr zeugte.

Vor dem Platz seines Verteidigers Rudolf Mayer muss Fritzl stehen bleiben, flankiert von mehreren Polizisten. Dann bauen sich vor ihm zwei Kamerateams vom ORF auf und stellen Fragen, übertragen auch auf Großleinwand nach draußen. Warum er das denn gemacht habe und ob er sich den schuldig bekenne. Aber Fritzl antwortet nicht. Er hält nur weiter seinen Aktenordner nach oben wie einen schützenden Panzer. Ein Fotograf legt seine Kamera vor Fritzls Füße und versucht, von unten zumindest einen kleinen Ausschnitt seines Gesichts zu erhaschen, irgendeine Regung, wenn es nur ein Zucken ist. Ohne Erfolg.

Vorgeführt wie auf einer Dorfkirmes

Josef Fritzl ist heute Bestie und Zirkusclown zugleich. Im Schwurgerichtssaal zu St. Pölten wird er vorgeführt wie die Schlangenfrau mit zwei Köpfen auf einer Dorfkirmes aus den Zwanziger Jahren. Auch vor dem Gerichtsgebäude ereignet sich ein bizarres Spektakel. Aktivisten der "Opferoffensive" protestieren gegen ein "pädophiles Österreich". Auf der geschwungenen Einfahrt zum Haupteingang haben sie nackte Babypuppen ausgelegt, beschmiert mit roter Farbe, Ärmchen und Beinchen zum Teil abgetrennt. Einige Puppen wurden kurzerhand an ein Holzkreuz gebunden, das wie bei einer Prozession durch die Herrschaar von Journalisten getragen wird.

Auch Hubsi Kramer ist gekommen. Der gefürchtete österreichische Aktionskünstler trägt Sonnenbrille und einen Anzug aus Gold. Kramer hatte den Fall Fritzl vor einigen Wochen als Medien-Persiflage auf die Theaterbühne gebracht. Heute lässt er aus einer Musikanlage eine orchestral inszenierte Version des Stones-Klassikers "I can get no Satisfaction" spielen. Den Österreichern ist das alles sehr peinlich: "Was soll die Welt jetzt denn bloß über uns denken?", sagen sie. "Österreich, ein Hort der Kinderschänder?"

Fritzl noch immer eine Gefahr

Im Saal hat Josef Fritzl inzwischen Platz genommen auf einem Stuhl mitten im Gerichtsaal. Er sitzt mit dem Rücken zu den Journalisten, rechts die Geschworenen und die Staatsanwältin, links seine Verteidiger. Zuvor hatte Richterin Andrea Hummer noch vor den Kameras die Anklage verlesen: Mord aus Unterlassung, Sklaverei, Vergewaltigung, Blutschande, Freiheitsentziehung und schwere Nötigung. Nach dem Willen der Staatsanwaltschaft soll Fritzl lebenslang in Haft. Außerdem soll er in eine Anstalt eingewiesen werden, weil Gerichtspsychiaterin Adelheid Kastner ihn wegen seiner "seelisch geistigen Abartigkeit" noch immer für eine Gefahr hält.

Fritzl selbst gibt sich charmant und höflich, so wie er in Amstetten bis zur Enthüllung des Skandals eben bekannt war. Doch genau davor warnt Staatsanwältin Christiane Burkheiser die Geschworenen, die sich an den insgesamt fünf Prozesstagen ein Bild des Täters machen sollen. "Schauen Sie sich ihn an", sagt Burkheiser. "Er wird sich als fürsorglicher Vater ausgeben, als netter Herr von nebenan." Doch das sei er mitnichten. Dann schildert sie, wie Elektrotechniker Fritzl seine Tochter E. am 29. August 1984 unter dem Vorwand, ihm beim Transport einer Tür helfen zu müssen, in den Keller lockt, betäubt und in jenes Verließ zerrt, das sie 24 Jahre lang nicht mehr verlassen wird.

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