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16. April 2010, 16:30 Uhr

Der fremde Landsmann im Vatikan

Vor fünf Jahren wurde Joseph Ratzinger zum Papst gewählt. Nach einer Kette von Missverständnissen und Skandalen ist der geistige Graben zwischen dem deutschen Papst und seiner Heimat so tief wie nie zuvor. Von Frank Ochmann

Benedikt XVI., Vatikan, Joseph Ratzinger, Skandale, Kirche, Katholiken, katholisch, christlich, Vater, Papst, Pontifex,

Papst Benedikt XVI. winkt am 19. April 2005 nach seiner Wahl aus dem Vatikan© Andrew Medichini/AP

Ein bisschen waren alle noch wie betrunken vom Charisma Johannes Paul II., der selbst im Sterben Millionen an den Tiber gezogen hatte. Und so versuchten nicht nur Katholiken, in seinem Nachfolger den Vorgänger zu entdecken. Als Joseph Ratzinger zum Weltjugendtag in Köln eintraf und nur vier Monate nach seiner Wahl zum Papst als Benedikt XVI. erstmals wieder deutschen Boden betrat, wurde im Fernsehen mit erstaunlichem Ernst darüber spekuliert, ob er wohl den Boden küssen würde, wie es der polnische Papst so oft bei seinen Reisen getan hatte. Wie sehr wünschten sich nicht nur die Medienprofis dieses Bild, dem ein fester Platz in der Geschichte sicher gewesen wäre: Der erste deutsche Papst nach fast fünfhundert Jahren küsst den Boden seiner Heimat!

Das Amt ändert den Menschen nicht

Er küsste ihn nicht. Natürlich nicht. Denn hier stieg der sechzehnte Benedikt die Gangway herunter und nicht ein dritter Johannes Paul. Es brauchte allerdings noch eine Weile, bis das in die Köpfe von vielen Gläubigen und Beobachtern eingedrungen war. Etliche schienen zu glauben, bei der Papstwahl drücke der Heilige Geist auch auf eine Löschtaste für die Persönlichkeit und die Biografie des Erkorenen. Mild und versöhnlich, freundlich und auf Ausgleich bedacht war nun angeblich einer, der als oberster römischer Glaubenswächter zuvor über fast ein Vierteljahrhundert die Theologie der Befreiung und jede Theologie mit allzu eigenem Ansatz zum Schweigen gebracht, Frauenpriestertum und Familienplanung strikt verneint und mit seiner Rigorosität ganze Bischofskonferenzen brüskiert hatte.

Kampf "der Diktatur des Relativismus"

War es denn auch nur denkbar, dass Benedikt XVI. nicht mehr wahrhaben wollte, was er nur einen Tag vor seiner Wahl als ranghöchster Kardinal am Hauptaltar von Sankt Peter gepredigt hatte? "Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgestempelt, wohingegen der Relativismus, das sich ‚vom Windstoß irgendeiner Lehrmeinung Hin-und-hertreiben-lassen‘, als die heutzutage einzige zeitgemäße Haltung erscheint." An diesem Tag sagte er "der Diktatur des Relativismus" noch einmal den Kampf an, den er schon so viele Jahre führte. War diesem kompromisslosen Verfechter der Rechtgläubigkeit tatsächlich zuzutrauen, dass er plötzlich mit dem Zeitgeist flirtete und sich wie ein populistischer Politiker darum sorgte, was die Menschen über ihn dachten, nur weil er jetzt eine weiße statt der gewohnten schwarzen Soutane trug?

Beim ersten Besuch in Deutschland schien er selbst davon überrascht, wie herzlich er aufgenommen wurde. Und bei seiner äußerlich immer bescheidenen Art und einer Stimme, die so gar nichts von einem Donnerprediger hat, fiel das den meisten auch nicht schwer. Und so scherzte Ratzinger mit dem Bundespräsidenten und wich ab und an sogar vom Redemanuskript ab, um sich einen rhetorischen Schlenker zu erlauben. Zunehmend gelöst wirkte der Papst aus Marktl am Inn auch in der folgenden Zeit. Nur selten noch blickten damals die Augen des Pontifex so skeptisch, ja manchmal widerwillig in die Welt, wie man es aus der Zeit davor gewohnt war und heute längst wieder ist.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie es zum Bruch zwischen dem Papst und der deutschen Öffentlichkeit gekommen ist

Seite 1: Der fremde Landsmann im Vatikan
Seite 2: Das große Missverständnis von Regensburg
Seite 3: "Sprungbereite Feindseligkeit" in der Heimat
 
 
KOMMENTARE (10 von 26)
 
80blatt (19.04.2010, 16:09 Uhr)
@auwei - Zustimmung.
"Ich möchte übrigens noch einmal betonen, dass es sowohl bei den Christen als auch bei den Muslimen durchaus aufgeklärte und dennoch gläubige Geister gibt. Leider zu wenige."

- und diese dann auch meist nicht in führenden Positionen. Was sich aus dem erwähnten Streben nach Machterhalt ergibt.
auwei (19.04.2010, 16:02 Uhr)
@80blatt
Das könne sie auch nicht, weil sie dann Macht verlieren würden - das größte und einzige Pfund, mit dem man seine Schäfchen beisammen hält. Ich möchte übrigenbs noch einmal betonen, dass es sowohl bei den Christen als auch bei den Muslimen durchaus aufgklärte und dennoch gläubige Geister gibt. Leider zu wenige.
80blatt (19.04.2010, 15:39 Uhr)
@auwei
Ich gebe gerne zu, dem Islam aufgrund seiner 622 Jahre später beginnenden Zeitrechnung die gesellschaftspolitische Befindlichkeit im (nach christlicher Zeitrechnung) Mittelalter zu unterstellen.

Jedoch, und da haben Sie absolut Recht, sind die christlichen Kirchen auch noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen - noch lange nicht.
auwei (19.04.2010, 15:29 Uhr)
@80blatt
Offenbar gilt nicht nur für den Islam, dass sich Religion und Aufklärung spinnefeind sind. Selbst als Religionsskeptiker bin ich froh, dass es hüben wie drüben Ausnahmen gibt. Die Päpste gehören jedoch definitiv nicht dazu, eher schon die lateinamerikanischen Befreiungstheologen.
80blatt (19.04.2010, 15:23 Uhr)
Wer mehr wissen möchte,
dem empfiehlt sich Peter de Rosa`s Buch "Gottes erste Diener".

Zitat (so ähnlich):
"In Zeiten der Verfolgung und Unterdrückung führten die Päpste die Meute. In Zeiten der Aufklärung sind/waren sie außen vor."
walt1952 (19.04.2010, 15:11 Uhr)
@stabo
dieser Kommentar ist zwar reichlich ausführlich, doch könnte ich diesen Wortlaut komplett sprichwörtlich unterschreiben.
Ausserdem beklagt der Pabst die Armut und den Hunger in vielen Teilen der Erde . Tja, hätte der Mann mehr Grips statt nicht helfender Weltverbessererfloskeln im Kopfe, würde ihm vielleicht auffallen, dass (unter anderem) durch Aufhebung des Kondomverbotes eine ungehemmte Vermehrung dieses Zustandes und der dadurch aus purer Not folgenden Selbstzerstörung eigener Länder (Abholzung der Wälder um Ackerflächen zu schaffen) erheblich zur Verbesserung der Situation in den besonders betroffenen Weltregionen beitragen würde. Wir, die sogenannte 1. Welt, dürfen dabei natürlich nicht vergessen unseren Teil dazu beizutragen (Energieverbrauch reduzieren, öfter mal auf Fleisch oder Fisch zu verzichten, usw.)
auwei (19.04.2010, 15:03 Uhr)
@benedetta
Ich vermisse irgendwie Ihre Argumentation. Ist die unterwegs verloren gegangen - oder hat sie nie existiert? Allein ein herzhaftes "Ihr seid aber doof!" ist nicht wirklich überzeugend.
Benedetta (19.04.2010, 14:56 Uhr)
@Paul Haverkamp
Wenn Sie ihre offensichtlich reich bemessene Zeit mal eher in Denken und Reflektion invenstieren würden, als in das Schreiben von derartigem Sermon, wäre sowohl Ihnen als auch Ihren Mitmenschen geholfen.

Mfg
Benedetta (19.04.2010, 14:55 Uhr)
Sorry, aber...
liebe Stern Redaktion Sie schreiben einfach nur sehr großen SCHWACHSINN. Wo ist Eure Journalistenehre???
Viper2024 (19.04.2010, 14:39 Uhr)
Übernimmt stern.de jetzt die PR-Abteilung des Vatikan
Der Artikel von Frank Ochmann strotzt nur so vor Fehlern und Mutmaßungen um den Pontifex wohl in einem besseren Licht erscheinen zu lassen - und ist den Strom nicht wert der dafür missbraucht wurde.


"atheistische Selbstdarsteller wie der Engländer Richard Dawkins"


Richard Dawkins ist KEIN Atheist er ist Agnostiker!


Kein Wort in dem Artikel über das schändliche Verhalten vom damaligen Erzbischof von Milwaukee der 200 gehörlose Kinder missbraucht hat wovon Ratzinger wusste und dennoch MILDE walten ließ - und dies ist KEIN Einzelfall.


Die verletztende Zitate des Papstes gegenüber anders Gläubigen waren natürlich nur "unbedacht" gewählt und nicht in voller Absicht - wers glaubt.
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