Vor fünf Jahren wurde Joseph Ratzinger zum Papst gewählt. Nach einer Kette von Missverständnissen und Skandalen ist der geistige Graben zwischen dem deutschen Papst und seiner Heimat so tief wie nie zuvor. Von Frank Ochmann

Papst Benedikt XVI. winkt am 19. April 2005 nach seiner Wahl aus dem Vatikan© Andrew Medichini/AP
Ein bisschen waren alle noch wie betrunken vom Charisma Johannes Paul II., der selbst im Sterben Millionen an den Tiber gezogen hatte. Und so versuchten nicht nur Katholiken, in seinem Nachfolger den Vorgänger zu entdecken. Als Joseph Ratzinger zum Weltjugendtag in Köln eintraf und nur vier Monate nach seiner Wahl zum Papst als Benedikt XVI. erstmals wieder deutschen Boden betrat, wurde im Fernsehen mit erstaunlichem Ernst darüber spekuliert, ob er wohl den Boden küssen würde, wie es der polnische Papst so oft bei seinen Reisen getan hatte. Wie sehr wünschten sich nicht nur die Medienprofis dieses Bild, dem ein fester Platz in der Geschichte sicher gewesen wäre: Der erste deutsche Papst nach fast fünfhundert Jahren küsst den Boden seiner Heimat!
Er küsste ihn nicht. Natürlich nicht. Denn hier stieg der sechzehnte Benedikt die Gangway herunter und nicht ein dritter Johannes Paul. Es brauchte allerdings noch eine Weile, bis das in die Köpfe von vielen Gläubigen und Beobachtern eingedrungen war. Etliche schienen zu glauben, bei der Papstwahl drücke der Heilige Geist auch auf eine Löschtaste für die Persönlichkeit und die Biografie des Erkorenen. Mild und versöhnlich, freundlich und auf Ausgleich bedacht war nun angeblich einer, der als oberster römischer Glaubenswächter zuvor über fast ein Vierteljahrhundert die Theologie der Befreiung und jede Theologie mit allzu eigenem Ansatz zum Schweigen gebracht, Frauenpriestertum und Familienplanung strikt verneint und mit seiner Rigorosität ganze Bischofskonferenzen brüskiert hatte.
War es denn auch nur denkbar, dass Benedikt XVI. nicht mehr wahrhaben wollte, was er nur einen Tag vor seiner Wahl als ranghöchster Kardinal am Hauptaltar von Sankt Peter gepredigt hatte? "Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgestempelt, wohingegen der Relativismus, das sich ‚vom Windstoß irgendeiner Lehrmeinung Hin-und-hertreiben-lassen‘, als die heutzutage einzige zeitgemäße Haltung erscheint." An diesem Tag sagte er "der Diktatur des Relativismus" noch einmal den Kampf an, den er schon so viele Jahre führte. War diesem kompromisslosen Verfechter der Rechtgläubigkeit tatsächlich zuzutrauen, dass er plötzlich mit dem Zeitgeist flirtete und sich wie ein populistischer Politiker darum sorgte, was die Menschen über ihn dachten, nur weil er jetzt eine weiße statt der gewohnten schwarzen Soutane trug?
Beim ersten Besuch in Deutschland schien er selbst davon überrascht, wie herzlich er aufgenommen wurde. Und bei seiner äußerlich immer bescheidenen Art und einer Stimme, die so gar nichts von einem Donnerprediger hat, fiel das den meisten auch nicht schwer. Und so scherzte Ratzinger mit dem Bundespräsidenten und wich ab und an sogar vom Redemanuskript ab, um sich einen rhetorischen Schlenker zu erlauben. Zunehmend gelöst wirkte der Papst aus Marktl am Inn auch in der folgenden Zeit. Nur selten noch blickten damals die Augen des Pontifex so skeptisch, ja manchmal widerwillig in die Welt, wie man es aus der Zeit davor gewohnt war und heute längst wieder ist.
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