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20. Juli 2008, 13:47 Uhr
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"Suspendierung des Rechtsstaates"

Drei Jahre dauerte der Prozess gegen 45 Polizisten, Vollzugsbeamte und Mediziner, die mehr als 90 Demonstranten beim G8-Gipfel im Juli 2001 in Genua misshandelt haben sollen. Diese Woche wurden die Urteile gefällt - und sorgen am Jahrestag des Gipfels für Enttäuschung und Proteste. Von Manuela Pfohl

Polizisten stehen vor Carlo Giuliani, der bei den Ausschreitungen in Genua getötet worden war© DPA

Drei Jahre lang hat Jens H. darauf gewartet. In dieser Woche war es endlich soweit. In Genua wurden die Urteile gegen 45 Angehörige der Polizei sowie Vollzugsbeamte und medizinisches Personal des Bolzaneto-Gefängnisses gesprochen. Während des G8-Gipfels in der norditalienischen Hafenstadt im Jahr 2001 haben sie verhaftete Demonstranten brutal verprügelt, mit dem Tod bedroht, sexuell gedemütigt und teilweise verlangt, dass sie bis zu 18 Stunden unter Mussolini-Bildern stehen und faschistische Parolen aufsagen.

Eine körperliche und psychische Grenzerfahrung, sagt Jens H., der fast 30 Stunden in der umfunktionierten Polizeikaserne zubrachte. Zusammen mit anderen Betroffenen und Nebenklägern im Prozess hat er geglaubt, dass irgendwann Recht gesprochen wird. Ein Irrtum, wie der 34-jährige Berliner Politikwissenschaftler inzwischen meint. 30 Angeklagte wurden "aus Mangel an Beweisen" freigesprochen. Nur 15, darunter fünf Mediziner, wurden verurteilt. Die höchste Strafe erhielt mit fünf Jahren und acht Monaten der Sicherheitschef des Gefängnisses, Antonio Biagio Gugliotta. Der für seine Brutalität heftig kritisierte Gefängnisarzt Giacomo Toccafondi erhielt ein Jahr und zwei Monate Haft.

Urteil hat bestenfalls Symbolcharakter

Doch die Verurteilten müssen sich keine Sorgen machen. Einer 2006 ausgesprochenen Amnestie haben sie es zu verdanken, dass Haftstrafen unter drei Jahren nicht verbüßt werden müssen. Alle anderen Delikte, von der Körperverletzung bis zum Amtsmissbrauch, verjähren im Januar 2009. Da alle Angeklagten Berufung eingelegt haben und im italienischen Recht die Verjährungsfrist dadurch nicht aufgehoben wird, hat das jetzt gesprochene Urteil im Bolzaneto-Verfahren bestenfalls symbolischen Charakter.

"Das Gericht hat zwar anerkannt, dass unsere Vorwürfe berechtigt sind und uns deshalb Entschädigungszahlungen bis zu 15.000 Euro zugesprochen", sagt Jens H. Doch politisch sei der Prozess mit einem eindeutigen Signal beendet worden: "Die italienische Polizei kann sich darauf verlassen, dass die Regierung sie im Ernstfall nicht hängen lässt." Alle Angeklagten seien nach wie vor in Amt und Würden. Filippo Guiglia von der Anwaltsvereinigung Genova Legal Forum (GLF) meint dazu: "Das Gericht hat eine Menge Vorwürfe unter den Tisch fallen lassen. In einem Strafprozess unter weniger politischen Vorzeichen wären die Strafen höher gewesen." Nebenklage-Anwältin Laura Tartarini erklärt: Eine Gesellschaft, in der Repräsentanten des Staates weniger Verantwortung tragen als Demonstranten, ist eine hässliche Gesellschaft."

"Vorgehen im Stil von Militärdiktaturen"

Ein demokratischer Albtraum, der für Jens H. auf den Tag genau vor sieben Jahren beginnt. Nach anfangs friedlichen Protesten gegen den G8-Gipfel eskaliert die Situation in der Stadt. Schaufensterscheiben werden von Angehörigen des sogenannten Schwarzen Blocks eingeworfen, 83 Autos in Brand gesetzt, 41 Geschäfte geplündert. Zunächst schaut die Polizei tatenlos zu. Dann setzt sie Wasserwerfer, Schlagstöcke und Gummigeschosse ein. Es gibt 219 Festnahmen und 516 Verletzte auf beiden Seiten. Während einer Demonstration am 20. Juli auf der Piazza Alimonda wird der 23-jährige Italiener Carlo Giuliani von einem Polizisten erschossen. In Notwehr, wie es später beim Urteil zum Freispruch heißt.

Am 21. Juli 2001 ist das Weltwirtschaftstreffen vorbei, der Schock über die Ereignisse sitzt auch bei Jens H., der als freier Journalist über den Gipfel berichtet, tief. Er will am Abend noch einmal im unabhängigen Medienzentrum vorbeischauen, es ist die Gelegenheit, ins Internet zu kommen, Mails zu checken und Texte zu verschicken. Doch er bleibt nicht lange. Er ist müde und legt sich zu den Demonstranten, die gegenüber in der Diaz-Schule ihre Schlafplätze haben. Es ist kurz nach 22 Uhr. Die meisten schlafen schon, als plötzlich beginnt, was der Grünen-Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele als ein "Vorgehen im Stil von Militärdiktaturen" und "vorsätzlichen Verstoß gegen Menschenrechte" bezeichnet.

Hitlergruß und Schläge

Ein Polizeikontingent, das von Beamten der politischen Polizei DIGOS angeführt wird, stürmt das Gebäude. Die Männer schlagen auf alles und jeden ein. Am Ende werden 93 Menschen festgenommen. 62 von ihnen sind so schwer verletzt, dass sie in der Notaufnahme des städtischen Krankenhauses behandelt werden müssen. Drei Verletzte schweben in Lebensgefahr. 28 Demonstranten müssen stationär aufgenommen werden. Einer 20-jährigen Deutschen sind alle oberen Zähne ausgeschlagen worden, ein britischer Journalist fällt nach schweren Lungenverletzungen ins Koma, einer 62-jährigen Deutschen hat ein Polizeiknüppel den Arm zerschlagen. Einem Spanier wurde ein Bein gebrochen. Jens hat eine stark blutende Kopfwunde, mit der er zunächst in ein Krankenhaus und am frühen Sonntagmorgen ins Bolzaneto-Gefängnis kommt.

"Dort mussten wir gebückt durch ein Spalier von Polizisten laufen, die uns bespuckten und mit ihren Schlagstöcken auf uns eindroschen. Dabei zeigten die Beamten den Hitlergruß. Es war einfach irre", sagt Jens. "Und es war erst der Anfang." Mehr als 30 Stunden seien er und alle anderen immer wieder verprügelt worden. "Es gab nichts zu trinken, wir waren völlig übermüdet, viele hatten Angst, manche haben geweint." Jens ist wegen der unzähligen Schläge und Tritte am ganzen Körper geschwollen. Als er zu einem Arzt gebracht wird, hofft er auf Hilfe. "Ich war mit meiner frisch genähten Kopfverletzung in das Gefängnis gekommen. Doch statt sich bei der Untersuchung um die Wunde zu kümmern, hat Giacomo Toccafondi mich exakt auf diese Stelle geschlagen. Dann hat er verlangt, dass ich mich nackt ausziehe und mich vor dem medizinischen Personal in perverser Weise sexuell erniedrigt."

Jens H. muss danach zurück zu den anderen und wie sie stundenlang geduckt an einer Wand stehen. "Wer hinfiel, wurde wieder verprügelt. Der Wunsch, einen Anwalt sprechen zu wollen oder mit Angehörigen zu telefonieren, wurde ebenso mit Schlägen quittiert, wie die Weigerung irgendwelche Papiere zu unterschreiben, die in italienischer Sprache abgefasst waren. Irgendwann war ich so fertig, dass ich schon Halluzinationen hatte. Ich hab immer nur gedacht, ich muss durchhalten. Es muss doch mal Hilfe kommen."

Polizeiexzess in Mitteleuropa

Tatsächlich ist die Öffentlichkeit nach den nächtlichen Ereignissen in der Diaz-Schule aufgeschreckt. In allen Zeitungen und Fernsehsendern wird darüber berichtet. Christian Ströbele fährt nach Genua und handelt sich dafür harsche Kritik vom bayerischen Innenminister Kurt Beckstein (CSU) ein. Schließlich hat die Polizei gegen alle Festgenommenen aus der Diaz-Schule Anzeige wegen "Waffenbesitz, Widerstand gegen die Staatsgewalt und Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung 'Schwarzer Block' " erhoben.

"Ich erinnere mich, dass ich zwei Tage nach dem Überfall auf die Diaz-Schule bei den Leuten im Krankenhaus und in den verschiedenen Gefängnissen war. Es war einfach unvorstellbar für mich, was ich dort erfuhr. Ich habe nicht für möglich gehalten, dass es solche Polizeiexzesse in Mitteleuropa gibt." Der zuständige italienische Innenminister Claudio Scajola muss sich Fragen nach der Berechtigung des Einsatzes und dem Umgang mit den Demonstranten gefallen lassen.

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KOMMENTARE (7 von 7)
 
Nostradamus (22.07.2008, 10:02 Uhr)
Unkontrollierte Systeme
Letztendlich ist es so, dass Machtapparate, die mit Gewalt augestattet sind und nicht kontrolliert werden entarten.
Das Prinzip der Gewaltenteilung ist ein Fehlschlag. Der Aufbau Legislative, Exekutive und Judikative funktioniert nicht.
Das Grundprinzip "homo homini lupo est", dass die Basis zur Bildung von Gesellschaften gelegt haben soll (Thomas Hobbes) wurde ersetzt durch "magistratus homini lupo est". Der Beamte ist des Menschen Wolf.
Nicht die Monarchie, nicht die Diktatur, nicht die Demokratie sind Ursache für Unrechtshandlungen sondern das Versagen der Kontrollmechanismen des Staates und auch des Gehirns und dessen, was der Mensch an sich als "Menschlichkeit" und somit seinen eingebauten "Kontrollmechanismus" sieht.
Die EU selbst legt es mit dem EU Vertrag sogar noch darauf an, die Konfrontationen mit den Bürgern weiter auszuweiten und die Fratze eines totalitären auf Gewaltherrschaft und Unterdrückung basierenden Regimes aufzubauen.
Miord und Totschlag durch die Staatsmacht bei Demonstrationen soll legalisiert werden.
Eure wahre Fratze ist widerlich. Bürger, die sich nicht gegen derartigen Mobb wehren, aus welchem Grund auch immer, müssen sich nicht wundern, wenn sie am Sonntag zum Familienausflug fahren, in eine Polizeikontrolle kommen, die vorn bis hinten mit Maschinengewehren voll gepackt ist und ein Ordnungshüter Amok läuft, weil ihm brüllende Säuglinge auf den Nerv gehen und er abdrückt.
Wundert euch auch nicht, wenn die Kinder des Bildungsbürgertums, so wie in Hamburg geschehen, bei Demonstrationen von Gymnasiasten von der Polizei stundenlang eingekesselt und mishandelt werden und demnächst bei Widerstand geschossen werden darf.
Staatsterror aus angst Macht zu verlieren.
Wir sind nichts als der Mobb, den diese nach belieben beklauen und vergewaltigen dürfen und sind ohne Schutz.
Wer glaubt, dass die Ordnungsmacht zu seinem Schutz da sei, der irrt. Diese hat lediglich ihr eigenes Wohl und das Wohl ihrer Herren im Auge und den Machterhalt.
Wer das ändern will, der muss die Ausbildung umstellen und den jungen angehenden Staatsdienern eintrichtern, dass diese StaatsDIENER sind, dem Volk zu dienen und zu nutzen haben, und die Freiheitsrechte des Bürgers und in Deutschland auch die vom Staat garantierte UNVERLETZLICHKEIT DES KÖRPERS (Artikel 2 Absatz 2 des GG) höchstes zu achtendes Gut sind.
Wer dagegen verstößt ist, unabhängig von seinem Stand, mit höchsten Strafen zu belegen und zu ächten!
waelder (21.07.2008, 07:32 Uhr)
G8 und Genua
@JackSparrow
Genau! Der Vorwurf, dass die Demonstranten gegen G8 und deren neoliberalen Wirtschaftspolitik nicht wüßten, wogegen sie demonstrieren, beweist nur eins: Wer so etwas behauptet, hat noch mit keinem der G8-Gegner gesprochen.
Ich bin seit Jahren bei ATTAC aktiv, übersetze regelmäßig Dokumente, Prokolle und Aufrufe und weiß daher erstens sehr gut Bescheid über das was läuft und zweitens kann den Befürwortern einer alternativen Globalisierung nur bestätigen, dass sie sehr wohl Bescheid wissen, wogegen sie sich engagieren.
Zu mir selbst: ich bin Engländer, Diplom-Agrarökonom, seit 26 in der Entwicklungszusammenarbeit in nunmehr 24 Ländern tätig, spreche und arbeite in 5 Sprachen und halte die G8 für einen verlogenen Haufen, denen die Menschen egal wo völlig egal sind, vor allem aber die, die keine Kaufkraft aufweisen. Zur Zeit bin ich in Äthiopien.
JackSparrow (20.07.2008, 20:19 Uhr)
...
also ich war bei den anti-g8-protesten in heiligendamm dabei und wusste wie alle meine mitdemonstranten auch worum es geht. würden die herrschaften, die meinen, dass besagte demonstranten nicht einmal wissen worum es geht, selbst wissen was die g8 bei ihren treffen beschließen, wären sie sicherlich auch dabei und würden nicht immer über die courage engagierter menschen herziehen. dass sie es dennoch tun zeigt letztendlich nur, dass sie entweder nicht mit intelligenz gesegnet wurden oder aber auch ihr letztes quentchen gerechtigkeitssinn für einen toshiba-flachbildfernseher verschleudert haben.
wünsche viel spaß bei rtl-exklusiv!
waelder (20.07.2008, 19:37 Uhr)
Polizei, Gewalt und der Rechtsstaat
Bei einer Demonstration von Polizisten verprügelt, getreten und sonstwie mißhandelt zu werden, ist in den meisten westeuropäischen Ländern normal.
In Genua hatte es jedoch eine zusätzliche Qualität, denn die Polizisten überfielen ein Gebäude, dass als Schlafstätte diente.
Das Polizisten für Übergriffe milde oder garnicht bestraft werden, ist ein allgemeiner Tatbestand. Das ist nicht nur in Italien der Fall. Kuras bekam für den Mord an Benno Ohnesorg 8 Monate auf Bewährung (2. Juni 1967). Für die Ermordung des Brasilianers in der Londoner U-Bahn (2 Polizisten sitzen auf ihm, 7 Schüsse in den Kopf) ist kein Beamter aus dem Dienst entlassen worden oder ins Gefängnis gegangen.
Generell ist die Polizei als gewaltbereit anzusehen und wird vor Einsätzen bei Demonstrationen meist noch gezielt "aufgeheizt" (mehrere Wochen Kasernierung, dadurch Trennung von der Familie und Freunden) und die Gerichte und Staatsanwälte sind sowieso nach rechts orientiert. Das zeigt sich bereits offen bei den Wahlen für Studentenvertreter. An allen juristischen Fakultäten sind politisch Rechtsstehende in der überwältigenden Mehrheit (für Gegenbeispiele wäre ich sehr dankbar).
Italien ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel!
taucher1102 (20.07.2008, 14:32 Uhr)
Keine Angst!
Das kommt hier auch noch her. Ist nur eine Frage der Zeit. Die Machthabenden wollen an der Macht bleiben, wie ist ihnen dabei völlig egal!
kaykay (20.07.2008, 14:29 Uhr)
Genua Gipfel
Für mich war dieser Gipfel ein bespiel für die G8. Drinnen passiert nichts und Draußen werden, Staatlich gefördert, Menschen getötet und misshandelt. Ich hoffe nur das es nächstes Jahr nicht wieder zu Toten auf Seiten der Demonstranten kommt.
Zuechter (20.07.2008, 14:17 Uhr)
Ist Italien ein Rechtsstaat?
Zustände wie in Guantanamo werfen ein Licht auf den Berlusconi-Staat - wie faschistisch darf ein europäischer Staat werden bis ihn die Gemeinschaft kritisiert?
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