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"Gesetzlosigkeit ist die größte Gefahr"

Während Israel von den Palästinensern erwartet, dass Anschläge auf abziehende Gaza-Siedler unterbunden werden, könnte dem übervölkerten Landstrich ein Machtkampf bevorstehen - um die Verteilung von Grund und Boden.

Im Zentrum der Stadt Gaza plant der Palästinenser Musama Hamed (20) für die Zeit nach dem Abzug der Israelis. Nach Jahren täglicher Gewalt, eines eingeengten Lebens ohne Reisemöglichkeiten und einer sich stetig verschlimmernden Wirtschaftskrise könnte die Räumung der jüdischen Siedlungen den Wechsel zum Besseren einleiten, sagt er in seinem Geschäft für Installationstechnik und Baubedarf. Palästinenser und Israelis hoffen auf Frieden.

"Früher haben wir für den Import einer Containerladung über den israelischen Hafen Aschdod umgerechnet knapp 100 Euro Gebühr bezahlt. Jetzt sind es wegen der Sicherheitsmaßnahmen deutlich mehr als 1000 Euro", sagt Hamed, der fast alle seine Waren aus dem fernen Asien bezieht. Bei Kämpfen zwischen militanten Palästinensergruppen und der israelischen Armee seien Waren oft ganz blockiert, was für die Wirtschaft im Gazastreifen ein Schlag sei. An eine Produktion in dem von Israel mit einem Sperrzaun und Marinepatrouillen abgeriegelten Palästinensergebiet sei unter diesen Umständen nicht zu denken.

Grünes Licht für eigenen Seehafen

Jetzt sollen sich die Tore zur Welt wieder öffnen. Die Palästinenserführung erwartet, dass Israel in Absprache mit Ägypten den südlichen Grenzstreifen räumt. Der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon hat grünes Licht dafür gegeben, dass die Palästinenser den Bau eines eigenen Seehafens vorbereiten können. Über einen im Süden des Gazastreifens liegenden Flughafen, den die israelische Armee während des Palästinenseraufstandes teilweise zerstört hat, wird noch verhandelt.

Israelische Sicherheitsexperten haben aber insgesamt betrachtet "Bauchschmerzen", denn militante Palästinensergruppen könnten die neu gewonnene Freiheit nutzen, um Waffen zu schmuggeln und Anschläge vorzubereiten. "Gesetzlosigkeit nach dem Abzug ist für uns die größte Gefahr", sagt auch der palästinensische Ministerpräsident Ahmed Kureia. Westliche Politiker haben ihm erklärt, wie wichtig ein Beweis der Handlungsfähigkeit für die Aussicht auf einen Palästinenserstaat ist. Versinkt der Gazastreifen nach dem Abzug der israelischen Armee im Chaos, rückte der Palästinenserstaat in die Ferne.

Abzug soll ohne Angriffe verlaufen

Die Verantwortung beginnt mit der Räumung. Mitte August soll der Abzug formal anlaufen. "Israelische Soldaten gehen in den 21 Siedlungen von Haus zu Haus und informieren die Familien, dass sie freiwillig abreisen sollen. Erst 48 Stunden später setzt die Armee die Räumung durch", sagt ein Militärsprecher in Tel Aviv. Israel erwartet von der Palästinenserführung, dass Anschläge militanter Gruppen auf die abziehenden Siedler unterbunden werden. Sonst werde mit schweren Angriffen der israelischen Luftwaffe reagiert, auch wenn dabei palästinensische Bevölkerungszentren getroffen werden.

Doch während die israelische Regierung Sicherheit ganz oben auf die Agenda setzt, steht dem von etwa 1,4 Millionen Palästinensern übervölkerten Gazastreifen Streit um das Land, womöglich sogar ein gewaltsamer Machtkampf um die Verteilung bevor. Die Palästinenserführung will eine neue, 5000 Mann starke Polizeitruppe aufstellen, die für Ruhe und Ordnung sorgen soll.

Das Land soll rekultiviert werden

Der 36-jährige Palästinenser Chaled Ahmed freut sich schon sehr, wenn er an sein Feld denkt, das Israel für ein Sperrgebiet um die jüdische Siedlung Kfar Darom beschlagnahmt hat. Vor drei Jahren habe die israelische Armee 3000 Quadratmeter des Landes beschlagnahmt. "Wir beten zu Gott und warten ungeduldig darauf, dass wir das Land zurückbekommen. Ich will es rekultivieren", sagt er vor seinem Haus in der Ortschaft Deir al-Balah.

Mit schweren Maschinen ebneten die Soldaten in einem nächtlichen Einsatz Olivenbäume ein, von denen der jüngste 50 Jahre alt war. Die israelische Armee begründet solche Einsätze damit, dass militante Palästinenser die Felder als Deckung für Angriffe auf die Siedlungen nutzen. Die Sperrzonen wurden immer mehr ausgeweitet. "Die Felder sind eine Haupteinnahmequelle. Ich habe allein dreizehn Kinder zu versorgen", sagt Ahmed. Mit 90 Olivenbaumsetzlingen will er neu beginnen. Die Oliven-Sorte "K18" schmecke besonders gut, die Sorte "Sorri" liefere ausgezeichnetes Öl.

Carsten Hoffmann/DPA/DPA
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