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14. August 2008, 12:47 Uhr

Israel kämpft um Gilad Shalit

Seit mehr als zwei Jahren ist Gilad Shalit im Gazastreifen in der Hand der Hamas. Israels Armeechef Gaby Ashkenazi erklärte, man wisse, wo der Soldat festgehalten werde. Immer mehr Israelis fordern Gilads Freilassung. Sein Vater wandte sich an eine palästinensische Zeitung und Israels Protestsänger produzierte eine Befreiungsballade. Von Sabine Brandes

Demonstranten fordern im Juni 2008 bei einer Demo in Jerusalem die Freilassung Shalits.© Ronen Zvulun/Reuters

773 endlose Tage und Nächte. So lange schon sitzt der junge israelische Soldat Gilad Shalit in Geiselhaft im Gazastreifen. Eine Befreiung ist nicht in Sicht. Manche meinen sogar, nach den jüngsten Unruhen zwischen den verfeindeten Palästinenser-Gruppierungen Fatah und Hamas ist sie ferner denn je. Doch weder seine Familie noch die israelische Bevölkerung sind bereit, den stillen Jungen mit der Liebe für Mathematik und Fußball aufzugeben. Immer öfter wenden sich Verwandte, Freunde und einfach Menschen, die sich mit dem Schicksal des mittlerweile 20-Jährigen identifizieren, nach außen, um Gilad im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu halten.

"Wir denken ständig an ihn"

Vor wenigen Tagen verkündete Armeechef Gaby Ashkenazi, man wisse, wo Gilad festgehalten wird. „Es werden Anstrengungen auf allen Ebenen unternommen, wir sind sicher, er lebt“, sagte der Oberste Befehlshaber bei der Einweisung neuer Rekruten. Nur kurz darauf relativierte der Inlandsgeheimdienst, es gebe lediglich ungenaue Angaben zum Aufenthaltsort. Fast zur selben Zeit wurden die Wehrpflichtigen aus Shalits Einheit entlassen. Drei Jahre Dienst in der Armee haben die 20- und 21-Jährigen hinter sich, richtig freuen indes können sie sich kaum. „Ständig denken wir an unseren Freund Gilad“, sagen sie traurig. „Wir sind heute entlassen worden –, aber wann er?“

Die Öffentlichkeit wird zusehends ungeduldiger, will keine Vertröstungen der Politiker mehr hören. Nachdem die sterblichen Überreste der beiden im Libanon entführten Soldaten Ehud Goldwasser und Eldad Regev vor einigen Wochen nach Hause überführt wurden, soll auch für die Gaza-Geisel endlich etwas getan werden. „Wir wollen Gilad zu Hause haben – und zwar lebendig“, tönt es auf mehr und mehr Demonstrationen. Besonders laut meldete sich Goldwassers Mutter Miki zu Wort: Sie wolle eine Soldatin werden im Kampf für die Befreiung Gilad Shalits.

"Wer wird hier als Geisel gehalten?"

Sein Vater Noam Shalit, der vor einigen Wochen mit hängendem Kopf verlauten ließ, alles, was er noch habe, sei seine Hoffnung, gibt sich mittlerweile kämpferisch: Kürzlich ließ er einen Brief mit ungewöhnlichem Inhalt in der palästinensischen Tageszeitung „Al Quds“ veröffentlichen: „Wer wird denn hier als Geisel gehalten?“, fragt er provokant und entlarvt damit die Propaganda der Hamas, die seinen Sohn vor 25 Monaten verschleppt hatte.

„Hamas gaukelt vor, Gilad festzuhalten, damit palästinensische Gefangene freikommen“, so der Artikel, „doch die Realität zeigt, dass die Geiselnahme Gilad Shalits es ist, die sowohl die Gefangenen wie auch Hunderttausende Menschen in Gaza in unerträglicher Armut hält“. Denn es gäbe gar keine Vereinbarung zwischen Israel und der Hamas, erklärt Shalit weiter. Zum einen, weil in der palästinensischen Organisation aufgrund ewiger Grabenkämpfe niemand Entscheidungen treffen könne, zum anderen, weil – selbst wenn es israelische Vorschläge gibt – diese von den Palästinensern ohnehin nie akzeptiert würden. Eine unmissverständliche Nachricht von Shalit an Hamas und die Menschen auf den Straßen von Gaza. „Steht endlich auf“, scheint er zwischen den Zeilen zu rufen, „und glaubt nicht mehr denen, die euch belügen und unterdrücken“.

Song für Gilad Shalit

Auch Aviv Geffen will, dass die Leute zuhören und aufwachen. Am liebsten auf beiden Seiten des Grenzzaunes. Geffen, erklärter Pazifist und Enfant terrible der israelischen Musikszene, setzt auf das, was er am besten kann: singen. Schon einmal wurde einer seiner Songs zur Hymne einer ganzen Generation. Am 4. November 1995 trat Geffen auf einer Friedensrallye in Tel Aviv auf und sang die gefühlvolle Ballade „To cry for you“. Kaum waren die letzten Töne verklungen, schloss der Staatschef und Kriegsheld Yitzhak Rabin den jungen Musiker und Wehrdienstverweigerer in die Arme. Momente später wurde Rabin von einem jüdischen Fanatiker erschossen. Rabin und Geffen wurden damals zu Idolen der Verständigung.

Spenden für Befreiungskampagne

Jetzt singt der Künstler mit seinem neuen Titel „Hajeled schel kulanu“, auf Deutsch „Jedermanns Kind“, für die Freilassung des Entführten. „Niemand weiß, hinter wie vielen Türen er sitzt, wie viel Angst er gerade hat“, sagte er während einer Kundgebung in Tel Aviv. Sämtliche Einnahmen aus dem Verkauf der CD sollen in die Befreiungskampagne fließen. Geffen stammt aus einer der berühmtesten Familien des Landes. Sein Vater, Yehonatan Geffen, ist erfolgreicher Poet, sein Großvater war kein geringerer als Mosche Dayan, jener berühmte Armeegeneral, der nie ohne Augenklappe auftrat.

Auch Geffen hat seinen eigenen Kopf. Schon als Teenanger schminkte er sich und schmetterte zornige Texte. So engagiert er ist, so viele Kritiker hat er auch. Nicht wenige werfen ihm, dem Armeeverweigerer, Doppelmoral vor. Den 35-Jährigen schert es wenig: „Es ist unsere Verpflichtung, in diesen schweren Stunden Menschlichkeit zu zeigen und Gilad nach Hause zu holen.“

Von Sabine Brandes
 
 
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