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31. Juli 2010, 15:29 Uhr

Die Trauer nach dem "Totentanz"

Es war nicht die Massenveranstaltung, die die Stadt Duisburg erwartet hatte - doch vielleicht war das auch gut so. Die Gedenkfeier für die Opfer der Loveparade bewegte und bedrückte.

Loveparade, Duisburg, Tragödie, Trauerfeier

Bischof Franz-Josef Overbeck geht nach dem Gottesdient zum Ort des Unglücks, dem Gelände des Alten Güterbahnhofs© Jakob Studnar/DDP

Die Stadt hatte mit bis zu 100.000 Menschen gerechnet bei der großen Gedenkfeier in Duisburg. So viele Menschen sollten Abschied nehmen von den 21 Todesopfern der Loveparade. Um den Trauernden genügend Platz zu bieten, sollte die Gedenkfeier live in 14 Kirchen sowie im MSV-Stadion mit über 30.000 Plätzen übertragen werden. Doch gekommen ist nur ein Bruchteil. Der erwartete Besucherandrang zur Feier in der Salvatorkirche ist ausgeblieben.

Zwar warten gegen 9.30 Uhr am Samstagmorgen sieben Gelenkbusse am Burgplatz vor der Kirche auf erste Fahrgäste. Doch die Straßen zwischen den Polizeiabsperrungen rund um das Rathaus sind wie leergefegt. "Wir haben uns auf 90.000 Fahrgäste eingerichtet und am Hauptbahnhof und vor der Salvatorkirche 90 Zusatzbusse bereitgestellt, die die Menschen zur MSV-Arena bringen können", berichtet Rolf Krüßmann von der Duisburger Verkehrsgesellschaft. Doch gerade mal 1500 Menschen sollen dort laut Tanja Horn, Sprecherin der Polizei in Essen, die Trauerfeier auf Großleinwänden mitverfolgt haben. Auch rund um die Salvatorkirche herrscht Stille. Journalisten bringen ihre Kameras in Position, Polizeibeamte blicken wachsam in die Runde.

Bedrückende Stille

Als um 10.45 Uhr die Totenglocken zu läuten beginnen, ist schon ein Großteil der rund 500 Sitzplätze in der Kirche besetzt. Ein Schild weist die rustikalen Holzbänke rechts des Altars für die Politiker aus. Die Reihen links neben ihnen sind für die Angehörigen reserviert. Bundespräsident Christian Wulff und seine Frau Bettina, Bundestagspräsident Norbert Lammert, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ministerpräsidentin Hannelore Kraft treten ein. Nicht alle Plätze sind besetzt, als der Gottesdienst beginnt. Bedrückende Stille füllt das Kirchenschiff zwischen den Predigten, in denen Präses Nikolaus Schneider und Bischof Franz-Josef Overbeck Gott um Trost bitten. "Wir werden jetzt für jede Verstorbene und jeden Verstorbenen ein Licht anzünden", kündigt Bischof Overbeck schließlich an. Schneider geht härter zur Sache. Er spricht von der Loveparade gleich zur Eröffnung seiner Rede als "Totentanz".

Rettungskräfte und Helfer, die Gesichter tief bewegt und von Trauer gezeichnet, schreiten langsam und feierlich nacheinander zu einem Tisch vor der Kanzel, auf dem auch ein Kondolenzbuch liegt. Dort entzünden sie nacheinander je eine von insgesamt 21 Kerzen. Mit jeder Flamme, die für ein erloschenes Leben aufleuchtet, wird das Ausmaß der Katastrophe deutlicher. Die Stimmung ist gedrückt, in den Reihen der Gottesdienstteilnehmer fließen Tränen. Schließlich mahnt Joachim Müller-Lange, Landespfarrer für Notfallseelsorge, in seiner Fürbitte: "Bewahre uns davor, Menschen vorschnell zu verurteilen, damit Wut und Zorn nicht länger diese Stadt regieren."

Am Ende der Gedenkfeier geht Ministerpräsidentin Hannelore Kraft nach vorne, um sich bei allen Helfern zu bedanken und den Angehörigen und Verletzten ihr Mitgefühl auszusprechen. Ihr Aufritt bewegt. Sie ist den Tränen nahe. Sie habe in den letzten Tagen "mit vielen Angehörigen gesprochen", sagt sie und die Stimme versagt ihr beinahe, als sie fortfährt: "Diese Gespräche haben mich sehr bewegt." Schnelle und unbürokratische Hilfe sichert sie "allen Betroffenen" zu und sagt: "Sie sind nicht allein".

Abgeschreckt vom Polizeiaufgebot

Als um 12.05 Politiker und Angehörige die Kirche verlassen, hallt nur der Klang der Absätze zwischen den Wänden wieder. Vor den Polizeiabsperrungen zur Kirche beobachten nur wenige Menschen das Geschehen. "Wir haben uns nicht getraut zu fragen, ob wir in die Kirche dürfen", gesteht Margret Skumavc, 62, aus der Nachbarstadt Mülheim an der Ruhr. Im Fernsehen habe sie gesehen, dass die Stadt doch nicht voller Menschen sei, da habe sie sich auf den Weg gemacht. "Die meisten haben sich von den Absperrungen und dem Polizeiaufgebot abschrecken lassen", meint Angelina Latorre, 43.

Juan Latorre pflichtet ihr bei: "Viele Plätze wurden für Parteibonzen, Funktionäre und Geschäftsleute freigehalten. Mich hat die Polizei gefragt 'Wo wollen Sie denn hin?'. Als ich sagte 'In die Kirche', hieß es 'Sind Sie ein Angehöriger? Nein? Wie kommen Sie dann dazu?'. Erst als ich sagte, ich bin Katholik und möchte in die Messe, durfte ich durch", so der 41-jährige Duisburger. Er habe sich dann für jedes Familienmitglied ein grünes Besucherkärtchen abholen dürfen. "In der Kirche saßen wir dann hinter einer Säule, wo man nichts sehen konnte", bedauert Angelina Latorre. "Wir sind Duisburger und fühlen uns betroffen, deshalb waren wir hier. Aber ich habe schon das Gefühl, dass der Pöbel weggehalten werden und zum MSV-Stadion gefahren werden sollte." Beide habe die Trauerfeier sehr bewegt. "Auch die Ansprache der Hannelore Kraft war sehr bewegend. Die hat sehr mitgelitten", so die 43-Jährige.

Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland ist übrigens nicht zu dem Gedenkgottesdienst gekommen. Das Rathaus liegt direkt neben der Kirche, doch das mit Rücktrittsforderungen konfrontierte, umstrittene Stadtoberhaupt ist seit Tagen abgetaucht.

So war er auch beim Trauermarsch nicht zugegen. 2000 Menschen zogen dabei durch Duisburg und ließen Hunderte schwarze und weiße Luftballons steigen. Gedacht wurde der Opfer auch in Gesenkirchen. Vor dem Fußballspiel zwischen Schalke 04 und dem HSV legten die Spieler und 50.000 Zuschauer eine Schweigeminute ein.

AP/kmi
 
 
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