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Plastiknapf für KZ-Überlebende, Porzellan für die Promis

Auf der Gedenkfeier im KZ Ravensbrück wurden die Promis hofiert und Überlebenden wie Statisten abgespeist. Die Ex-Häftlinge mussten für Eintopf Schlange stehen, während die Polit-Prominenz tafelte.

Ein ehemaliger Gefangener des KZ Ravensbrück trauert still in der Mahn- und Gedenkstätte

Ein ehemaliger Gefangener des KZ Ravensbrück trauert still in der Mahn- und Gedenkstätte

Aus einem Akt der Erinnerung und Begegnung zum Gedenken an die Befreiung des KZ Ravensbrück wurde ein Lehrstück in Polit-Verdrossenheit. Sie lief ab, als hätte man das Dichterwort von Wasser predigen und Wein trinken, illustrieren wollen.

Eigentlich sollte sich alles um die Ehrengäste drehen, nämlich die wenigen überlebenden Ex-Häftlinge. Tatsächlich durften sie wohl nur die Kulisse für den Polit-Betrieb abgeben.

Am sichtbarsten wurde es beim Essen: Die prominenten Gäste nahmen an eingedeckten Tischen mit Decke, Porzellangeschirr, Wein- und Wassergläsern sowie Besteck Platz. Die betagten Überlebenden des Konzentrationslagers Ravensbrück bekamen ihr Essen in Plastikgeschirr. Und das auch nur, nachdem sie lange anstehen mussten. Freiwillige Helfer der Feier fanden das Vorgehen schlichtweg beschämend.

Respekt? Fehlanzeige!

Hannah Rainer, Studentin, und andere Helfer empfanden die Situation als zynisch und entwürdigend, wie sie dem "Spiegel" berichteten. Rainer begleitete eine Gruppe polnischer Überlebender unter anderem auch zum Mittagessen im "Zelt der Begegnung". Die Teilnehmer saßen dort an nicht gedeckten Tischen und mussten ihre Suppe aus Plastikschüsseln mit Einwegbesteck essen und ihre Getränke aus Plastikbechern trinken. Die Ehrengäste, darunter Daniela Schadt, Lebensgefährtin von Joachim Gauck, dinierten derweil an fein eingedeckten Tischen. Mit allem was dazugehört: Tischdecke, bestickte Stoffserviette, Wasser- und Weingläser und poliertes Besteck. Natürlich wurden sie von Kellnern bedient und mussten nicht, wie die ehemaligen KZ-Insassen, mit Wertmarken für ihr Essen anstehen. Eigentlich sollten sich die offiziellen Vetreter des Täterstaates bei den Opfern entschuldigen. Hier war von Respekt und Würde keine Spur. Auf den ersten Blick erkennt man, dass die Veranstalter für die Bewirtung eines Promis das Mehrfache der Summe ausgegeben haben, die sie für ein Opfer budgetiert hatten. An ein Versehen kann man kaum glauben, der beschämende Akt geschah mit Absicht.

Veranstalter rechtfertigen sich mit Protokollwünschen

Die Helfer kritisierten, dass auf die oft hochbetagten Gäste wenig Rücksicht genommen wurde und sie, die doch die Hauptpersonen waren, wie bloßes Beiwerk behandelt wurden. Man musste den Eindruck gewinnen, dass "nicht die Überlebenden und ihr Wohl im Zentrum der Veranstaltung standen, sondern repräsentative Interessen."

Ein Sprecher der Stiftung Brandenburgischer Gedenkstätten, die die Gedenkfeier veranstalteten, bestätigte inzwischen die unterschiedliche Bewirtung. Entschuldigte das aber mit dem Hinweis darauf, dass man Protokollwünsche hätte berücksichtigen müssen. Als würde das die Sache besser machen.

Carolyn Moyé
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