Der Fluch des Fingerabdrucks

10. November 2012, 20:00 Uhr

Was wird aus den Flüchtlingen, die aus Afrika übers Mittelmeer nach Lampedusa kommen? In Italien leben sie auf der Straße, in Deutschland will sie auch niemand. Die Odyssee des Kidane Teklit Yared. Von Massimo Bognanni

Es war ein Tag im Dezember 2010, an dem Kidane Teklit Yared beschloss, nicht mehr er selbst zu sein. Freunde hatten ihm verraten, wie es gemacht wird. Der junge Eritreer ging in einen Supermarkt in Rom, kaufte eine Tube der Enthaarungscreme "Veet", die sich gewöhnlich Frauen auf die Beine schmieren. "Nicht länger als sechs Minuten einwirken lassen" - Kidane ignorierte den Warnhinweis.

Er tauchte die Spitzen seiner schmalen Finger in die ätzende Paste. 10 Minuten, 20 Minuten. Zunächst kribbelte es, dann brannte es. Erst nach einer halben Stunde hielt er es nicht mehr aus und wusch die Creme ab. Einen Tag musste er nun warten bis zum nächsten Schritt. Die Herdplatte glühte. Kidane presste seine in Öl getränkten Fingerkuppen auf die heiße Platte. Das Pochen in den verbrannten Kuppen quälte ihn noch Tage. Daran konnte auch die Vaseline nichts ändern, die er auf die Wunden schmierte. Als fühlte er noch immer den Schmerz, reibt sich Kidane die Hände, wenn er heute von der höllischen Prozedur erzählt. Kidane ist ein Flüchtling. Seit er 2008 die Mittelmeerinsel Lampedusa erreicht hat, sind die Fingerabdrücke seine Feinde. Sie identifizieren ihn als Immigranten, der in Italien in die EU gelangt ist.

Kidanes Geschichte ist die einer Odyssee durch Europa. Sie zeigt, was aus den Zehntausenden afrikanischer Flüchtlinge wird, die auf Lampedusa landen. Wie sie durch Europa irren, immer in der Hoffnung, bleiben zu dürfen. Wie sie wegen einer EU-Verordnung namens "Dublin II" doch immer nach Italien zurückgeschickt werden, wo sie auf der Straße leben müssen. Es ist die Geschichte über das Versagen der europäischen Flüchtlingspolitik, die Elend in Kauf nimmt, statt es zu bekämpfen. Und es ist eine Geschichte darüber, wie Deutschland die Verantwortung für afrikanische Asylsuchende an die südeuropäischen Staaten abschiebt. Der Weg in Kidanes Welt beginnt in einem Außenbezirk von Rom, an der UBahn- Station Ponte Mammolo, ein paar Schritte quer über einen Parkplatz.

Ein Slum mitten in Rom

Gleich an der "Via delle Messi d’Oro", an der "Straße der goldenen Kornfelder", liegt die Barackensiedlung. Rund 150 Menschen hausen in den Hütten aus Türen, Zaunresten und verrosteten Eisenplatten. Die meisten der Flüchtlinge kommen aus Eritrea, Äthiopien und Somalia. Fließend Wasser oder eine Heizung gibt es hier nicht. Es ist ein Slum in einer der wohlhabendsten Hauptstädte Europas. Mit roter Farbe hat jemand Nummern auf die Bretterverschläge gesprüht. In der "49" lebt Kidane, zusammen mit zwei Freunden. Es riecht nach angebrannten Zwiebeln. An der Tür des fensterlosen Kabuffs steht in schwarzen Buchstaben "God help us".

Eigentlich hätte er in Eritrea ein gutes Leben haben können, erzählt Kidane, während er auf einer durchgelegenen Matratze sitzt. Der 26-Jährige trägt die schwarzen Haare kurz geschoren, sein Bart ist säuberlich gestutzt. Als Mechaniker beim US-Unternehmen Caterpillar habe sein Vater für eritreische Verhältnisse sehr gut verdient, sagt er. Er selbst habe am College von Massawa fünf Semester Meereskunde studiert.

"Meine Familie hat Tausende Euro in meine Flucht nach Europa gesteckt", sagt Kidane in fließendem englisch. "Davon hätte ich in Eritrea eine Existenz aufbauen können." Wenn er von seiner Familie erzählt, wendet er den Blick ab, die Stimme wird so leise, dass vorbeirasende Autos sie fast übertönen. Nur noch selten telefoniere er mit seiner Mutter, vielleicht werde er sie niemals wiedersehen. So wie seinen Vater. Als der vor zwei Jahren starb, war Kidane bereits in Europa. "Ich konnte mich nicht verabschieden."

Sieben Jahre Gefängnis

In Eritrea herrscht ein Einparteisystem, Kritiker sprechen von einer Militärdiktatur. Grundrechte gelten wenig. Die Religionsfreiheit steht nur auf dem Papier. Kidane ist Mitglied der protestantischen Pfingstkirche, die dort verboten ist. "Die Regierung schloss unsere Kirchen. Wir trafen uns dann heimlich in Privathäusern zum Gebet. 2007 wurden wir verhaftet. Sieben Monate lang wurde ich ins Gefängnis gesperrt", erzählt Kidane. Bei einem Gefangenentransport sei ihm die Flucht gelungen, damals habe er beschlossen, seine Heimat zu verlassen. "Bekommen sie mich jemals wieder in die Hände, stecken sie mich wieder ins Gefängnis und foltern mich", sagt er.

Seine Furcht ist begründet. Mitgliedern von verbotenen Religionsgemeinschaften drohten in Eritrea "erhebliche Schwierigkeiten", auch Verhaftungen und Gefängnisstrafen, bestätigt das Auswärtige Amt in Berlin. Schmuggler schleusten Kidane über die Grenze in den Sudan, auf einem überladenen Geländewagen ging es durch die Sahara nach Libyen. Von der Hauptstadt Tripolis fuhr er in einem Fischerboot mit 350 weiteren Flüchtlingen in dreitägiger Fahrt übers offene Meer nach Lampedusa. Im Oktober 2008 erreichte Kidane die vermeintlich rettende italienische Küste. Doch aus der ersten Euphorie wurde ein Albtraum. "Ich wollte doch nur in Sicherheit leben", sagt er vier Jahre später, "und jetzt sitze ich hier im Elend."

Weil er in seiner Heimat gefährdet ist, steht Kidane in Italien unter "subsidiärem Schutz": Er hat eine dreijährige Aufenthaltserlaubnis, darf arbeiten und sich eine Wohnung suchen. Er ist normalen Bürgern bei der Gesundheitsversorgung und Sozialhilfe gleichgestellt. Nach den Buchstaben des Gesetzes. Im wirklichen Leben sind die Aufenthaltspapiere jedoch so wertlos wie alte 1000-Lire-Scheine. Denn Italiens Asylsystem gleicht einer Farce. Die Flüchtlinge erhalten zwar eine Unterkunft, solange ihr Verfahren läuft. Doch danach beginnt das Chaos.

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