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Der treueste Freund des Volksministers

Möge ihn die ganze Welt verdammen, einen Freund weiß Karl-Theodor zu Guttenberg fest an seiner Seite: die "Bild"-Zeitung. Am Donnerstag erneuerte Deutschlands größtes Blatt sein Band mit dem Minister - und weiß das Volk angeblich hinter sich.

Von Gerd Blank

Das ist doch mal ne klare Ansage. "Ja, wir stehen zu Guttenberg", schreit es am Donnerstag von der "Bild"-Titelseite. So unmissverständlich hatten das am Mittwoch im Bundestag nicht einmal die Koalitionskollegen von der FDP erklärt. Das Massenblatt hatte ebenfalls auf der Seite 1 zur Abstimmung ausgerufen, das Ergebnis fiel eindeutig aus. 87 Prozent sprachen sich für einen Verbleib von Karl-Theodor zu Guttenberg im Amt aus. Damit war die Zustimmung noch höher als bei ähnlichen Umfragen.

Muss sich der Minister dieser Tage ansonsten über einen Mangel an Spott und Häme, ätzender Kritik und bösen Kommentaren nicht beklagen, wird er beim Blick in die "Bild" immer wieder freundschaftliche Wärme verspüren. Bereits am Samstag füllte das Porträt des Ministers die halbe Titelseite. "Gut!" steht dort in großen Lettern, "Guttenberg bleibt!" Die Kolumne von Franz Josef Wagner war einige Tage zuvor der zärtlichste Beleg für die Verbundenheit der größten deutschen Zeitung mit dem Hause Guttenberg: "Lieber Dr. zu Guttenberg", beginnt Wagner seine Liebeserklärung an den CSU-Politiker und fährt fort: "Worum geht es bei den Plagiatsvorwürfen um Ihre Doktorarbeit? Um die Reinheit der Wissenschaft? Oder darum, einen Superstar zu entzaubern?" Wagner schließt mit den Worten: "Ich habe keine Ahnung von Doktorarbeiten. Ich flog durchs Abitur und habe nie eine Universität von innen gesehen. Also, ich kann von außen sagen: Macht keinen guten Mann kaputt. Scheiß auf den Doktor." Vor eineinhalb Jahren vertrat Wagner allerdings noch eine ganz andere Meinung zu falschen Doktortiteln. Damals ging es aber nicht um Guttenberg.

Kein Einzelfall, sondern Strategie. An ihrem Lieblingspolitiker prallt bei der "Bild" alles ab. Kein Schatten soll das Bild trüben, kein Fleck die Weste beschmutzen, die bei Guttenberg andernorts längst nicht mehr makellos ist. Am 15. Dezember legte sich Deutschlands größte Zeitung mit den Guttenbergs das erste Mal ins Bett. Fett auf Seite 1: "Wir finden die gutt". Darunter, nur wenig kleiner: "Nörgler, Neider, Niederschreiber: Einfach mal die Klappe halten!" Worum ging es? Karl-Theodor zu Guttenberg nahm seine Ehefrau Stephanie mit zur Truppe nach Afghanistan. Nach heftiger Schelte anderer Medien sah sich die "Bild" gezwungen, Stellung zu beziehen. Journalisten werden zu Fans.

Auch in anderen Zeitungen gibt es Wahlempfehlungen, politische ("Financial Times Deutschland") wie "kulturelle" (stern.de). Allerdings inthronisieren diese Publikationen mögliche Kandidaten nicht schon, bevor diese sich überhaupt zur Wahl stellten. Die "Bild" scheint aber fest bestrebt, aus dem adeligen Minister den Volkskanzler zu machen. Und analog zu den anderen "Volksprodukten" aus dem Hause "Bild" wird auch dieses perfekt in Szene gesetzt.

Guttenberg, der Volkskanzler

Die Idee hinter der Kampagne: Das Volk liebt Guttenberg, wer etwas gegen Guttenberg sagt, stellt die Meinung des Volkes in Frage. Die Rechnung geht auf, knapp 3000 Leser drückten im Wagner-Kommentar via Facebook bereits auf "Gefällt mir", auch sie finden ihn "gutt". Aber nicht nur der "Bild"-Leser, auch Medienexperten wie Stephan Weichert, Professor für Journalistik an der Macromedia Hochschule, hält die klare Position der Zeitung für legitim. "Boulevard-Journalismus funktioniert anders. Dort ist das Cheering (Hochjubeln, Anm. d. Red.) üblich." Und dabei ist das Ausrufezeichen das schlagkräftige Kampagnen-Schwert.

"Guttenberg greift ein!" und "Guttenberg spricht!". Die Überschriften sind dabei häufig so sinnentleert wie die Botschaften auf Wahlkampfplakaten. Von der "Bild" gibt es zu der offensichtlichen Nähe zum Minister kein offizielles Statement. Allerdings sagt ein Sprecher, dass man ja an allem, was die "Bild" zu dem Thema schreibt, die Meinung der Redaktion ablesen könne. Und Guttenberg-Lesestoff gibt es in der Boulevardzeitung en masse.

So macht sich der kritische Medienblog "Bildblog" nicht nur über die stern-Ausgabe mit Guttenberg auf dem Titel lustig, sondern listet genüsslich rund 50 "Bild"-Artikel auf, in denen von August 2009 bis Dezember 2010 über Stephanie zu Guttenberg, Ehefrau des "Reservekanzlers", berichtet wird, Artikel auf "Bild.de" nicht mitgerechnet. Sucht man per Google nach Guttenberg-Veröffentlichungen auf "bild.de", werden mehr als 62.000 Treffer (inklusive Doppelnennungen) angezeigt. Zum Vergleich: Bei stern.de sind es rund 12.600, bei "spiegel.de" etwa 7200 Treffer.

Auf Schlingerkurs mit der "Gorch Fock"

Die offensichtliche Nähe der "Bild"-Zeitung zu den Guttenbergs gipfelte kürzlich darin, dass ein Reporter der Tageszeitung dem Verteidigungsminister in der "Gorch Fock"-Affäre überhaupt erst den Hinweis gab, die zur Entlassung des Kapitäns des Schulschiffs führte.

Hans-Hermann Tiedje, ehemaliger Chefredakteur der "Bild", äußerte sich am 25. Januar zu Guttenberg. Er bezeichnet die Berichterstattung über die Schieflage des Schulschiffs als reines Getöse und schreibt "Die Meute hetzt das Alpha-Tier". Am 15. Februar heißt es in der "Bild": "Die Vorgänge auf dem Marine-Schulschiff 'Gorch Fock' lassen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (39, CSU) keine Ruhe!" Wieder dieses Ausrufezeichen. Und wieder das Guttenberg-Etikett "Deutschlands beliebtester Politiker". Im Artikel "Minister Liebling im Storm", erschienen in der "Bild am Sonntag" vom 23. Januar, steht es gleich zwei Mal.

Volkes Stimme?

Marion Horn fragt am 15. Dezember 2010 in ihrem "Bild"-Kommentar "Was stimmt bloß nicht mit uns Deutschen?" Guttenberg sei charismatisch, erfolgreich und mache einen "verdammt guten Job". Und Alexander von Schönburg fragt am 29. Oktober 2010 "Sind Adelige die besseren Politiker?" Und beantwortet diese Frage mit einem klaren "Nein, ABER". Der Adel stünde "in Deutschland für Tugenden, nach denen sich viele Menschen in der Politik sehnen. Für Aufrichtigkeit. Für Geradlinigkeit. Für Rückgrat".

Das schließt den Kreis zu den schludrig kopierten Textzeilen in der Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg. Doch hält das Bündnis zwischen dem Volksminister und dem Volksblatt ewig? "Wer mit der 'Bild' hoch fährt, fährt auch wieder mit ihr runter", sagt Journalistik-Professor Weichert. "Die 'Bild' ist unberechenbar, man weiß nie, wohin das Pendel bei ihr zwischen totaler Hingabe und Liebesentzug schlägt."

Der Liebesentzug hat im Volk längst begonnen. Denn obwohl einige Umfragen, wie die eingangs zitierte, ein komplett anderes Bild ergeben, wendet sich die Internetgemeinde zunehmend gegen den Minister. Während die "Bild" die Riesenzustimmung zu Guttenberg bejubelt, votierten auf ihrer Online-Seite bei einer großen Umfrage mehr als 50 Prozent für einen Rücktritt des Ministers. Votings von stern.de und anderen Seiten ergeben ein ähnliches Bild. Volkes Stimme spricht nur zum Teil aus der Volkszeitung.

Nachtrag

Es wird ein Zufall sein, dass die Bundeswehr eine große Werbekampange in der "Bild" plant. Wie die "Financial Times Deutschland" berichtet, will die Truppe exklusiv in den Springer-Medien "Bild", "Bild am Sonntag" und auf "bild.de" Anzeigen schalten, um Rekruten anzuwerben.

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