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"Tausche Goethe gegen Stuckrad-Barre"

Erfolg geht auch ohne: ohne Wissen, ohne Ausbildung, ohne Ahnung. So ist sie, die "Generation Doof" finden die Autoren des gleichnamigen Buches. Im stern.de-Interview sagen sie, wie dumm die 15- bis 45-Jährigen wirklich sind und was den Reiz der Verblödung ausmacht.

Heute bleibt die Glotze aus - Wer weiß, vielleicht lohnt sich der Verzicht eines Tages

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Wir leben im Informationszeitalter - und doch sind viele von uns verdammt blöd. Und manchmal sogar stolz darauf, zumindest wenn sie zur "Generation Doof" gehören. Die Autoren Anne Weiss und Stefan Bonner setzen sich in ihrem gleichnamigen Bestseller mit dieser Generation auseinander. stern.de sprach mit Ihnen über den Niedergang der Zivilisation und mögliche Lichtblicke.

Frau Weiss, Herr Bonner - hat Sie beim Schreiben die Dummheit Ihres jeweiligen Co-Autors zur Verzweiflung getrieben?

Bonner: Wir sind zwei sehr verschiedene Typen, auf unterschiedlichen Gebieten ungebildet. Da haben wir uns eigentlich gut ergänzt. Als ich mit einem Haufen Statistiken fürs Buch ankam, da hat Frau Weiss aber doch ein wenig angewidert reagiert: Das sei nicht lustig.

Ihr Buch muss also lustig sein…

Weiss: Man muss den Grat finden zwischen dem Ernsten und dem Witzigen, es darf nicht zu trocken sein. Bonner:Wir hatten von Anfang an das Ziel, kein trockenes Sachbuch zu schreiben, sondern eine Generationen-Schau aus der Generation heraus. Wir zählen uns ja selbst zur Generation Doof. Man soll sich wiedererkennen können, sich auf nette Weise ertappt fühlen, wenn man es liest.

Sie grenzen die Generation in ein Raster zwischen 15 und 45 Jahren ein. Lässt sich das halten - schließlich gibt es auch Ältere, die doof sind?

Weiss:Es geht uns eher um das Gefühl der Zusammengehörigkeit und eine gemeinsame Einstellung als ums Alter. Bestimmte Jahrgänge können sich mit unseren Beobachtungen besonders gut identifizieren. Bonner:Man muss die Sache natürlich zuspitzen und eingrenzen. Es gibt auf jeden Fall Leute bis Mitte 40, die Symptome zeigen.

Wirkt die Generation ansteckend?

Weiss:Das Medienverhalten schon, auch 50-Jährige sitzen heute vor Ballerspielen. Bonner:Ansteckend ist auch das Gefühl, dass Dummheit gesellschaftsfähig und öffentlich ist. Schauen Sie ins Fernsehen, die Casting-Shows, die Quizsendungen, schauen Sie ins Internet auf YouTube oder MyVideo, schauen Sie auf die Straße: Man hat den Eindruck: Hier verdummt wirklich eine ganze Generation.

Lässt denn der schwächliche Inhalt der Medien auf den geistigen Zustand der Konsumenten schließen?

Bonner:Es gibt auf jeden Fall den Trend, sich unkritisch berieseln zu lassen. Das bringt zwei Probleme mit sich: Es gibt verkehrte Idole - Paris Hilton, Gülcan Kamps, Mark Medlock. Sie zeigen uns, dass eine Ausbildung scheinbar nicht nötig ist, um im Leben Erfolge zu erzielen. Das lässt den Schluss zu, dass mir Mathe und Deutsch nichts bringen, es genügen ganz einfache Mittel. Und das andere Problem ist die Flut von Informationen und Eindrücken, die täglich auf uns einströmen. Man weiß, wie Dinge oberflächlich oder technisch gehen, aber die Hintergründe verlieren wir mehr und mehr aus den Augen - wir nehmen uns keine Zeit mehr für sie. Es gibt keinen Zweifel, zu viel Fernsehen und Computer macht blöd. Also kommt es darauf an, gezielt zu konsumieren, Medien-Kompetenz zu erwerben. Wir müssen lernen, welches Medium wann sinnvoll ist.

Aber warum ist das Bedürfnis nach Dummheit heute so groß?

Weiss:Wenn sich jemand im Fernsehen dämlich anstellt, ist das einerseits lustig. Andererseits bietet es aber auch eine reizvolle Möglichkeit der Katharsis: Egal, was ich tue, es gibt immer noch Leute, die blöder sind als ich. Versagen kann man akzeptieren, Dummheit scheint nicht mehr schlimm, selbst, wenn sie einem selbst unterläuft. Bonner:Eine wichtige Rolle spielt auch die verdeckte Dummheit, die man nicht im Fernsehen sieht. Die kostet unsere Wirtschaft Unsummen. Schulabgänger und Studienabsolventen sind nur bedingt einsatzfähig, weil sie während ihrer Ausbildung noch gar keinen Plan entwickeln, wo sie hin wollen oder wie sie sich qualifizieren. Viele sind auch so naiv und überzeugt von sich, dass sie den Ehrgeiz verlieren, ihr Leben zu planen.

Hat das mit einem Aufwachsen in gesättigten Verhältnissen zu tun?

Bonner:Wir sind sicherlich sehr satt, eine gewisse Form von Wohlstand ist für viele von uns normal - wir sehen jedoch häufig nicht, dass man sich anstrengen muss, um diesen Level zu halten. Und wir sind extrem passiv. Weiss:Es gibt allerdings auch große Gruppen, die weniger am materiellen Reichtum teilhaben und die in der Schulbildung - wie Pisa zeigt - strukturell benachteiligt werden. Auch hier wirkt sich die Übersättigung durch Medien und Werbung negativ aus: Beides gaukelt uns vor, man könne mit wenig Bildung alles erreichen.

Auch was den Warenkonsum anbelangt, scheint die Generation schlecht vorbereitet.

Bonner:Wir sind eine Generation, die alles sofort haben will, weil wir reizüberflutet sind durch Werbung. Es ist frappierend, wie stark die Verschuldung der Privathaushalte voranschreitet. Und die meisten Kredite hängen nicht bei Banken an, sondern bei Elektronikmärkten, Kaufhäusern und Versandgeschäften. Viele können gar nicht mehr mit Geld umgehen.

In Ihrem Buch schreiben Sie, wir gaukelten uns ständig vor, wir hätten die Wahl - bei einer Inflation von unwichtigen Entscheidungen wie dem Shampoo-Kauf. Verdrängt das die Fähigkeit zu wirklich wichtigen Entscheidungen?

Weiss:Es gibt eine Flut von Entscheidungen, und wir wissen oft gar nicht mehr, was Priorität haben müsste. Ich kann an mir selbst beobachten, dass wir uns schwertun, grundsätzliche Entscheidungen zu treffen. Soll ich jetzt Kinder kriegen? Kümmere ich mich lieber erst um die Karriere? Sollte ich nicht heute erstmal über das richtige Shampoo entscheiden? Wir suchen immer den richtigen Zeitpunkt. Aber vielleicht gibt es den nicht, wenn wir so denken, wie wir es tun. Es geht ja ums Bewusstsein, nicht darum, immer nur von anderen gemachte Angebote zu selektieren. Bonner:Das Angebot wird immer größer, in allen Lebensbereichen, das prägt uns, und wir laufen wie ferngesteuerte Lemminge durchs Leben.

Steckt eine Verschwörung hinter dieser Entwicklung?

Bonner:Nein, wir verfolgen keine Verschwörungstheorie. Es gibt komplexe Zusammenhänge. Weiss:Ein Beispiel dafür: Wenn in der Bildungspolitik gespart wird, wie es in Deutschland immer noch passiert, dann zeigt das seine Folgen. Wenn die Kinder weniger Unterricht bekommen weil das Lehrpersonal fehlt, müssten die Eltern das privat kompensieren. Passiert das nicht, haben die späteren Absolventen gewaltige Lücken. Und in der Schule gibt es auch die Erwartung, dass Unterricht spannend sein muss, Infotainment. Man tauscht Goethe gegen Stuckrad-Barre. Das ist populärer, führt aber auch dazu, dass Schüler sich weniger abfordern. Bonner:Das Lernen verändert sich dramatisch. Wir haben bei unserer Recherche mit Erschrecken festgestellt, dass in Kindergärten heute "Deutschland sucht den Superstar" ein beliebtes Spiel ist. Ein Kind mimt den Bohlen, muss mit fiesen Sprüchen die anderen herunterputzen, die irgendwelche Verrenkungen machen.

Im Internet ereifern sich viele über das Buch. Wie gehen Sie mit der Kritik um?

Weiss:Man wirft uns vor, dass wir von oben herab über andere urteilten. Aber die Heftigkeit vieler Reaktionen zeigt auch, dass es ein Thema ist, das die Leute betrifft. Wir wollen ja erreichen, dass Menschen anfangen, über sich selber nachzudenken. Mit ein bisschen Humor erkennt man sich am besten. Aber es ist ein grundsätzliches Problem, dass Leute heftig über Dinge schimpfen, mit denen sie sich nicht auseinandergesetzt haben, beispielsweise ein Buch, das sie nicht gelesen haben. Auch das ist typisch Generation Doof. Bonner:Wir behaupten nicht, dass wir ein Patentrezept hätten. Wir beschreiben einen Eindruck, den man durch die Medien und im Alltag erhält und fragen, ob wir wirklich so doof sind, wie es scheint.

Es gibt aber auch Hoffnung für die Welt: Sie schreiben über eine Gegenbewegung. Wie sieht die aus?

Bonner:Es kommen jetzt zielstrebigere Menschen nach. Es scheint absehbar, dass Nachfolger kommen, die wieder Spaß am Lernen haben und den Mangel an Bildung der Generation Doof überwinden wollen. Weiss:Für die nachwachsende Generation wird das Überangebot an digitalen Medien und Spielkonsolen ganz normal sein und nicht mehr faszinierend. Und das wird dann vielleicht ihr Denken verändern. Sie werden sich möglicherweise eher bewusst sein, was ihnen gut tut und was nicht. Leider sind wir in der Generation Doof dazu viel zu oft nicht in der Lage.

Aber was können die Mitglieder der Generation Doof tun, um vielleicht doch noch ihr Leben umzukrempeln?

Bonner (lacht):Es gibt im Moment ein gutes Buch auf dem Markt, das dabei helfen könnte, sich selbst zu erkennen. Weiss:Wer merkt, dass Aktivität nicht nur gut ist, sondern auch mehr Spaß machen kann als Passivität, der dürfte schon ein bisschen klüger sein.

Interview: Tim Farin

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