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Die schmutzigen Methoden einer rechten Hetzseite

Spätestens seit der US-Wahl wird vehement über Fake News diskutiert. Auch in Deutschland verbreiten sich immer wieder falsche Zitate von Politikern. Eine kleiner Blog aus Halle erreicht mit seinen verfälschten Texten teilweise sogar mehr Menschen via Facebook als etablierte Medien.

"Halle Leaks": Eine rechte Seite und ihre Fake News

"Halle Leaks": Eine rechte Seite und ihre Fake News

"Der Islam wird vorherrschende Religion in diesem Land, ja in ganz Europa werden", ruft der schwarzgekleidete Mann mit Kappe und Kutte den Menschen auf einem Marktplatz in Halle zu. "Schon allein unsere Fruchtbarkeit wird dafür sorgen." Der Mann, der ganz offensichtlich den Eindruck erwecken möchte, ein radikaler Imam zu sein, heißt Sven Liebich und ist ein stadtbekannter rechter Querulant. Von seiner Aktion Mitte Februar lädt Liebich ein Video auf seine Facebook-Seite "Halle Leaks" hoch. Die gefällt zwar nur rund 3000 Menschen, manche seiner Beiträge werden jedoch von weitaus mehr Menschen gelesen und geteilt, wie "Buzzfeed" herausfand.

Seine Methode? Liebich produziert Fake News. Er schnappt sich Artikel von Nachrichtenwebseiten, sucht sich den Aspekt heraus, der ihm am besten in sein rechtes Weltbild passt und verbreitet seine Texte dann mit verfälschten oder gänzlich erfundenen Zitaten. Für die Vorschaubilder auf bastelt er diese auf Fotos von Politikern und erweckt damit den Eindruck, diese hätten die Aussage so getroffen. "Buzzfeed" hat die Facebook-Interaktionen dieser Artikel, also wie oft sie geklickt, geliked oder geteilt werden, mit denen der etablierten Medien zum selben Thema verglichen. Dabei kam heraus: Durch die teils verzerrte, teils völlig verfälschte Darstellungen erreicht Liebich oft weitaus mehr Menschen als etwa "Bild", "Focus" und Co.


So zum Beispiel beim umstrittenen Gesetzesentwurf zu Kinderehen in vergangenen Herbst. Dieser sah vor, dass Kinderehen nicht per se anuliert werden müssten, sondern ein Gericht darüber entscheiden müsse, ob das Kindeswohl gefährdet sei. An sich schon eigentlich ein Thema mit genügend Aufregerpotenzial. Doch "Halle Leaks" bastelt dazu folgendes Bild:

Ein erfundenes Zitat von Justizminister Heiko Maas


In dem Artikel dazu, in dem das Vorschaubild dann nicht mehr zu finden ist, stehen lediglich ein paar einleitende, kommentierenden Sätze des Autoren. Dann werden drei Absätze der "Bild" kopiert und auf den dortigen Artikel verlinkt. Darin findet sich kein Zitat von Justizminister Heiko Maas, das dem aus der Fotomontage auch nur ähnelt - weil er das nie gesagt hat. Es ist schlicht erfunden und zielt besonders auf die Menschen ab, die bei Facebook Artikel nur anhand von Überschrift und Bild teilen, ohne den Text dazu überhaupt gelesen zu haben.

"Halle Leaks": Das sollen doch gar keine Zitate sein

Liebich wehrt sich gegenüber "Buzzfeed" gegen die Vorwürfe. Das seien ja gar keine Zitate, weil sie kein An- und Abführungszeichen hätten. Vielmehr seien es "meine Gedanken zu Thema". Nur mit "Einfältigkeit" oder "böswilliger Absicht" könne man diese als Zitate missverstehen. Es sei halt seine "komprimierte Interpretation von einer Äußerung, welche ein - manchmal der - abgebildete Politiker getätigt hat". Er verbreite "keine Fake News" und "verfälsche keine Zitate".

Das Bild eines Politikers nebst einem Zitat, teilweise aus der Ich-Perspektive formuliert, suggeriert jedoch ganz klar, dass der Mensch dies genauso gesagt hat. Liebich schnappt sich mitunter auch ein echtes Zitat und verfälscht es so, dass es ihm in den Kram passt, wie im folgenden Beispiel:

Ein verfälschtes Zitat eines Grünen-Politikers


Tatsächlich hat der Düsseldorfer Grüne Norbert Czerwinski gegenüber der "Bild" die Aufstellung eines Christbaumes als "unzeitgemäßes Ritual" bezeichnet. Die Verbindung zu "andersgläubigen Flüchtlingen" hat er jedoch nie gezogen. In dem "Bild"-Text werden Umweltaspekte als Gründe genannt. Dem Politiker ging es darum, dass jahrelang gewachsene Tannen gefällt werden, nur um sie vier Wochen aufzustellen und dann zu entsorgen. Von Flüchtlingen war keine Rede. Gleiches Muster wurde für folgende Meldung verwendet:

Ein verfälschtes Zitat von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz


Im "Spiegel"-Interview sagte Kanzlerkandidat Martin Schulz auf die AfD angesprochen: "Diese Typen muss man bekämpfen". Von "allen Mitteln" und "Umerziehungslagern nach DDR-Vorbild" spricht er jedoch nicht.

Nach "Buzzfeed"-Recherchen erreicht Liebich via "Halle Leaks" regelmäßig viele Menschen mit seinen verfälschten Zitaten. Das vermeintliche Maas-Zitat kam demnach auf rund 110.000 Facebook-Interaktionen - und damit doppelt so viele, wie die zweitplatzierte "Bild" bei diesem Thema. In der Top-Ten-Liste dazu kommen die anderen neun Posts zusammen gerade einmal auf 130.000. Das verfälschte Christbaum-Zitat erreichte mit rund 63.000 Interaktionen sogar mehr als die neun nächsten Posts zum Thema im Ranking zusammen. Die fünf Texte in den sozialen Medien, mit denen "Halle Leaks" im vergangenen Jahr am meisten Reichweite machte, kamen laut "Buzzfeed" auf 50 bis 110.000 Interaktionen - bei 3000 Facebook-Followern wohlgemerkt.

Überall geht´s zum T-Shirt-Shop

Und wie Liebich diese Reichweite zu Geld machen will, wird auf seiner Startseite bereits ersichtlich. An mehreren Stellen wird man auf seinen Online-Kleidungsladen "my.shirtzshop" verwiesen. Dort kann man T-Shirts mit so gehaltvollen Aussagen wie "Bei uns im Osten heißt das Negerkuss" kaufen - wahlweise auch ersetzbar durch das "Zigeunerschnitzel". Oder auch "Islamophobie ist Notwehr" und "Abschiebehelfer" kann man sich aufs Shirt drucken. "Political Incorrect" heißt die Rubrik dazu.

Von "Buzzfeed" darauf angesprochen, bestreitet Liebich, dass ihm dieser Shop gehöre. Er sei dort lediglich Angestellter und verweise auf seinem Blog zur "Arbeitsplatzsicherung" auf den Shop seines Arbeitgebers. Laut Impressum des Onlineshops ist Liebich Geschäftsführer der dazugehörigen GmbH und verantwortlich für den Inhalt. Die Adresse des Shops ist dieselbe Adresse, die Liebich für sich selbst im Impressum seines Blogs angegeben hat. Nach Angaben von "Buzzfeed" wird Liebich auch beim Bundesanzeiger als Geschäftsführer des Shops geführt.


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