HOME

Das muslimische Opfer der "Charlie Hebdo"-Terroristen

Ahmed Merabet hat als Polizist die Werte und Normen des europäischen Westens geschützt. Und wurde dafür auf den Straßen von Paris von Terroristen hingerichtet.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Seit dem Terroranschlag auf die Redaktion des französischen Satire-Magazins "Charlie Hebdo", bei dem zehn Journalisten und zwei Polizisten ermordet worden sind, ist "Je suis Charlie" (Ich bin Charlie) zu einem Internet-Mem geworden. Ob als Hashtag, Satz oder Bild, Menschen nutzen die drei Worte, um öffentlich Mitgefühl und Solidarität auszudrücken und sich für die Meinungsfreiheit zu positionieren.

Doch gibt es ein zweites Mem, das sich zunehmend verbreitet und das zeigt, dass es eben genau der falsche Weg ist, nun möglichst viele Mohammed-Karikaturen zu drucken: "Je suis Ahmed" (Ich bin Ahmed). Ahmed Merabet ist der Name des Polizisten, der von den Terroristen mit einem Kopfschuss hingerichtet wurde, als er bereits am Boden lag. Er habe mit seinem Mörder sogar noch gesprochen, berichten französische Medien. Ahmed Merabet war Moslem.

Während die einen den sinnlosen Tod eines Menschen betrauern, andere (perfide) einen "guten Moslem" ehren, nutzen wieder andere das Mem als Ausdruck einer Wut unter Moslems, die sich gegen die reflexartige Pauschalverurteilung zu wehren versuchen und die zuweilen ungenaue Berichterstattung kritisieren. Ein Tweet, der bereits rund 18.000 Mal retweetet wurde, stammt von dem nicht unumstrittenen arabischen Polit-Aktivisten Dyab Abou Jahjah, der einen Tag nach dem Anschlag schrieb:

("Ich bin nicht Charlie, ich bin Ahmed, der tote Polizist. Charlie hat meinen Glauben und meine Kultur verspottet, und ich gestorben, als ich sein Recht, das zu tun, verteidigt habe")

Andere tweeten rationaler, aber ebenfalls mit dem Hinweis darauf, dass der anti-muslimische Rundumschlag die Falschen treffe.

("Ich stimme dem, was Sie sagen nicht zu, aber ich werde bis auf den Tod verteidigen, dass Sie es sagen dürfen" Anmerkung der Redaktion: Das Zitat stammt nicht von Voltaire, sondern von dessen Biografin)

Soviel zur Instrumentalisierung, nun zum Menschen.

Wer war Ahmed Merabet?

Ahmed Merabet war mit einer Kollegin auf Fahrrad-Patrouille im 11. Arrondissement unterwegs, wo seine Wache und auch die Redaktion von "Charlie Hebdo" liegt. Als der Notruf über eine Schießerei einging, fuhr Merabet sofort hin, berichtet der "Guardian". Und der 42-Jährige fuhr den Terroristen direkt in die Arme, die sich nach ihrem Massaker in der Redaktion gerade zu ihrem Fluchtwagen flohen. Merabet zog seine Waffe, um die vermummten, mit AK47-Gewehren bewaffneten Angreifer aufzuhalten. Sie schossen ihm in die Leiste. Ein Amateurvideo, das mittlerweile zum größten Teil vom Netz genommen werden konnte, zeigte, wie einer der beiden daraufhin zu dem am Boden liegenden Polizisten ging und ihm in den Kopf schoss. Angeblich, so berichten französische Medien, habe der Terrorist Merabet gefragt, ob er sie töten wolle, woraufhin der Polizist gesagt haben soll: "Alles okay, Kumpel". Dieser Dialog wurde mehrfach falschherum zitiert.

Merabet, der angeblich aus dem nordöstlichen Pariser Vorort Livry-Gargan stammt, sei ein "ruhiger, besonnener und gewissenhafter" Polizist gewesen, zitieren der "Guardian" und "Le Figaro" Polizeisprecher Rocco Contento. Merabet habe seinen Job gemacht, "es war seine Aufgabe". Seine Eltern stammten aus Tunesien, heißt es weiter. Seit acht Jahren habe er als Polizist gearbeitet und sollte gerade zum Kriminalbeamten aufsteigen. Offiziell galt er als Single, doch er habe eine Freundin gehabt, so Contento.

An der Polizeistation im 11. Arrondissement hätten Menschen Blumen, Nachrichten und Kerzen niedergelegt, berichtet Anne Penketh für den "Guardian". Bewaffnete Polizisten stehen an Straßenblockaden.

"Kein Krieg der Religionen"

Auch UN-Generalsekretär Ban Ki-moon hat sich schon zu Merabet geäußert: Dass er Moslem sei, erinnere uns daran, "mit was wir es zu tun haben. Es sollte niemals als Religionskrieg - für oder über Religion - betrachtet werden. Es ist ein Angriff auf unser aller Menschlichkeit, um uns zu verängstigen und aufzuhetzen."

Ein User der britischen Zeitung "Daily Mail" schrieb dagegen eher lapidar in die Kommentare: Der Mord an Merabet werde "viele Rechts-Gesinnte verwirren."

Twitter-User Roozbeh Ahmadi schließlich schrieb "Wenn dein Glauben durch eine Zeichnung ins Wanken gerät, hast du keinen" und postete diese Karikatur dazu.

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools