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Aufruf zur Nazi-Jagd

Mit einer bundesweiten Plakat-Aktion wird die deutsche Bevölkerung um Mithilfe gebeten, die letzten Nazi-Verbrecher vor Gericht zu bringen. Es ist eine Belohnung von 25.000 Euro ausgeschrieben.

Von Sophie Albers

  Der Historiker Efraim Zuroff: "Die verstrichene Zeit schmälert die Verbrechen nicht"

Der Historiker Efraim Zuroff: "Die verstrichene Zeit schmälert die Verbrechen nicht"

Seit 33 Jahren jagt Efraim Zuroff Nazi-Kriegsverbrecher. Menschen, die selbst gedemütigt, gefoltert und getötet oder Demütigung, Folter und Mord angeordnet haben. Menschen, die während des Zweiten Weltkriegs für den Holocaust "gearbeitet" haben, die industrielle Massenvernichtung menschlichen Lebens. Es ist eine Jagd gegen die Zeit, denn die Täter sterben aus. Um so drastischer werden die Mittel zur Suche.

Am Dienstag startet die Plakat-Kampagne "Spät. Aber nicht zu spät! Operation Last Chance II". In deutschen Großstädten wie Berlin, Hamburg und Köln sorgt die Wall AG dafür, dass Poster die Bevölkerung gut sichtbar dazu aufrufen, bisher unbehelligt lebende Nazi-Verbrecher unter der angegebenen Hotline-Nummer zu melden. "Für sachdienliche Informationen, die zur Verhaftung und Verurteilung von NS-Verbrechern führen", ist eine "finanzielle Belohnung" von 25.000 Euro ausgesetzt, steht auf den Plakaten zu lesen.

Sollen Nazi-Kriegsverbrecher bis zuletzt vor Gericht gestellt werden?

"Ich werde euch nicht vergessen"

Da sieht man schon die Schlagzeile vor sich: "Kopfgeld auf Altnazis". Grund für einen Anruf bei Zuroff, der in Jerusalem das Simon-Wiesenthal-Center leitet - übrigens nicht zu verwechseln mit dem Wiener Wiesenthal-Institut für Holocaust-Studien.

"Die verstrichene Zeit schmälert die Verbrechen nicht", erklärt der gelernte Historiker im Gespräch mit stern.de die Kampagne. Und das Alter schütze nicht vor Strafe. "Nur weil jemand 90 ist, wird aus einem Mörder kein guter Mensch." Vor allem aber, und das wird sehr klar, wenn man Zuroffs Buch "Operation Last Chance. Im Fadenkreuz des "Nazi-Jägers" liest, fühlt er sich zutiefst der Arbeit von Simon Wiesenthal verpflichtet. Dessen oberstes Gesetz lautete: "Ich werde euch nicht vergessen." Die Opfer verdienen den Aufwand, den es kostet, die Täter vor Gericht zu bringen, sagt denn auch Zuroff und zitiert Wiesenthals Worte "Diejenigen, die die Mörder der Vergangenheit ignorieren, bereiten den zukünftigen Mördern den Weg".

Und das "Kopfgeld"? "Die besten Informationen kommen immer von Menschen, die dafür kein Geld haben wollen", so der 64-Jährige. Und natürlich sei die Belohnung auch ein Mittel zum Zweck. Um so viele Menschen wie möglich von der Kampagne wissen zu lassen, brauche man die Medien. Und die lockt die "Belohnung" an - wie man sieht.

Seit 2002 ist die Aktion in insgesamt 22 Ländern angelaufen - von Litauen über Österreich bis Chile. So sind 661 Namen auf Zuroffs Liste dazukommen, "Namen Verdächtiger, die wir noch nicht kannten". 106 wurden nach genauer Prüfung den Behörden übergeben, sagt Zuroff. In acht Fällen sei es bisher zu weiterführenden Untersuchugen, Auslieferungen und Verhandlungen gekommen. "Das ist wenig mehr als ein Prozent. Aber jede Anklage ist ein Erfolg für uns."

Gerechtigkeit, nicht Rache

Ist das Rache, Herr Zuroff? "Ich weiß, wer die Leute sind und wo sie wohnen, wenn es um Rache ginge, könnte ich sie jederzeit nehmen", sagt der "Nazi-Jäger". Es gehe um Gerechtigkeit, darum Recht und Ordnung in der Gesellschaft zu erhalten, um Tragödien in der Zukunft zu verhindern.

Und warum passiert das alles erst jetzt? 68 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz? Erst die Verurteilung des ehemaligen KZ-Wärters John Demjanjuk habe die Haltung der zuständigen Gerichte geändert, sagt Zuroff. Das Urteil gelte als Präzedenzfall. Helfer, denen nicht einzelne Verbrechen nachgewiesen werden konnten, seien bisher nicht belangt worden. Denn - und das ist ein Gedanke, der mit Widerhaken im Kopf reißt: Nach dem Krieg, als Deutschland die Verantwortung für sein Gerichtssystem übernommen habe, sei eine "strategische Entscheidung" getroffen worden, so Zuroff. Man habe schlicht nicht alle Menschen, die sich am Holocaust beteiligten, zur Rechenschaft ziehen können, weil es zu viele waren. Erst in den vergangenen Jahren sind es "wenige genug" geworden.

Bleibt am Ende schließlich die Botschaft, die Zuroff und all die Menschen aussenden möchten, die sich an die Fersen der NS-Verbrecher heften: Wenn du solche Verbrechen begehst, wirst du auch Jahre später dafür belangt werden.

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