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Der Mann, der den Papst verriet

Paolo Gabriele, Benedikts Kammerdiener, galt als gläubig und brav. Dass er noch anderen Herren diente und Geheimnisse weitergab, brachte ihn ins Gefängnis. Jetzt soll er auspacken.

Von Luisa Brandl, Rom

  So nah wie Paolo Gabriele (vorne links) kam dem Papst kaum ein anderer.

So nah wie Paolo Gabriele (vorne links) kam dem Papst kaum ein anderer.

  • Luisa Brandl

Als Paolo Gabriele seinen Dienst im Vatikan antrat, schrubbte er zunächst die Fliesen der päpstlichen Wohnung. Er begann als Gehilfe des damaligen Kammerdieners von Johannes Paul II. und galt als tugendhaft. Schnell arbeitete sich der elegante Mann mit dem makellosen Aussehen hoch, wurde selbst Kammerdiener und kam damit dem Papst so nah wie kaum ein anderer Mensch auf dieser Welt. Natürlich half es ihm, dass er religiös war, devot, sowie pflichtbewusst und vor allem reserviert. Dass Gabriele in der ganzen Zeit aber noch anderen Herren diente, brachte ihn ins Gefängnis.

Das war vor zwei Wochen, nun wurde er erstmals vernommen: Es drang nicht viel davon nach außen, doch was zu erfahren war, zeichnet ein anderes Bild von Paoletto, wie er von der italienischen Presse genannt wird. Der Mann habe viele Kontakte in den Vatikan und nach außen gepflegt, hatte Beziehungen bis in das Staatssekretariat - der Regierung des Heiligen Stuhls - unterhalten und sei mit mindestens zwei Kardinälen befreundet gewesen. Ist das ein normaler Umgang für den Kammerdiener Papst Benedikts? Führte Gabriele gar ein Doppellleben?

Das Verhör dauert von morgens bis abends

Der 46-jährige Familienvater soll mit seinen illustren Kontakten über die Angelegenheiten des Papstes gesprochen habe sowie alle vertraulichen Dokumente, die ihm in die Hände fielen, mit dem Handy abfotografiert habe, schreiben die italienischen Zeitungen. Das Verhör habe morgens begonnen und mit einer Mittagspause bis in den Abend gedauert, heißt es weiter. Eine offizielle Bestätigung dafür gibt es nicht. Zum Verhörmarathon hatte Vatikansprecher Federico Lombardi gerade einmal einen einzigen Satz zu sagen: Gabriele arbeite mit der Justiz zusammen und werde womöglich schon bald unter Hausarrest gestellt.

Seit 14 Tagen sitzt der bislang einzige Beschuldigte im Vatileaks-Skandal in einer vier Mal vier Meter großen Zelle der vatikanischen Gendarmerie ein. Wegen schweren Diebstahls. Ihm wird vorgeworfen, vertrauliche Dokumente wie Briefe an den Papst, Interna über die Vatikanbank und Protokolle von Audienzen an den Enthüllungsjournalisten Gianluigi Nuzzi und andere weitergegeben zu haben. Einige der Dokumente hatte Nuzzi in seinem Buch "Seine Heiligkeit" abgedruckt.

Bereits nach dem Tod von Papst Wojtyla 2005 soll der "Corvo" (Rabe), wie Italiener Verräter nennen, begonnen haben, systematisch geheime Unterlagen zu fotokopieren. Warum tat Gabriele das? Machte er es für Geld? Die Motive sind unklar. Nach außen wirkte der Kammerdiener stets vertrauenswürdig und seriös. Das Höchste an Zerstreuung, das sich der Papstvertraute zugestand, war ein Spaziergang während des Sommerurlaubs des Pontifex im Aostatal mit den anderen drei Mitgliedern der päpstlichen Familie: dem Privatsekretär Georg Gänswein, dessen Stellvertreter und dem Leibarzt von Benedikt.

Don Georg, mittlerweile selbst Opfer der Vatikan-Aufständler, war der Erste, der Gabriele im Verdacht hatte, nachdem Papiere von seinem Schreibtisch verschwunden waren. Er stellte den Diener schroff zur Rede, doch der bestritt jeden Vorwurf. Von nun an muss Gabriele gewusst haben, dass ihn die Gendarmen im Vatikan im Visier haben. Als der "Rabe" Wochen später am 24. Mai verhaftet wurde, fanden die Polizisten vier Kartons mit Geheimdokumenten in seiner Wohnung in der Via di Porta Angelica innerhalb der vatikanischen Mauern, die Gabriele mit seiner Frau und drei Kindern bewohnte. Warum hat er das belastende Material nicht verschwinden lassen, wo man ihm schon auf der Spur war?

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Gabriele wahrscheinlich nicht der einzige Verräter im Vatikan ist - und was vermutlich mit ihm geschehen wird.

Unstrittig ist: Gabriele ist nicht der einzige Verräter

Eine Erklärung dafür könnte sein, dass Gabriele ein doppeltes Spiel spielte. Wie ein Doppelagent schaffte er heikles Material aus dem Vatikan nach draußen, ließ sich aber dann bereitwillig überführen. Vielleicht um andererseits seine Komplizen zu verraten? Dass Gabriele nicht allein gehandelt hat, ist unstrittig. Auch nach dessen Verhaftung gelangten drei geheime Briefe aus dem Vatikan an die Redaktion von "La Repubblica".

Aber es ist weiterhin unklar, mit wem der bislang unauffällige Diener Kontakt hatte. Im Vergleich zu seinem charismatischen Vorgänger Angelo Gugel wirkte er farblos. In klerikalen Kreisen galt er als anständig. "Nur Gugel hatte schon bei seiner Ernennung zum Kammerdiener seine Zweifel und sprach sich gegen ihn aus", sagt Vatikanjounalist Marco Politi.

Wie groß ist das Netz der Vatikan-Aufständler?

Nun steht Gabriele im Zentrum eines Machtkampfes, der im Vatikan gegen den Kardinalstaatssekretär Tarciso Bertone tobt. Ein Verteilungs- und Verdrängungskampf, bei dem sich Netzwerke aus illustren Kardinälen wie dem Präsidenten der Bischofskonferenz Kardinal Bagnasco, dem früheren Erzbischof von Mailand Kardinal Tettamanzi oder dem Kardinal Nicora, Chef der vatikanischen Finanzaufsicht, gegen den zweiten Mann im Vatikan, Bertone, verschworen haben.

Auf unterer Ebene agierten ebenso Netzwerke, die gezielt geheime Dokumente ans Licht zerrten, sagt Politi. "Wir wissen aber nicht, wie viele Laien darunter sind und wie viele Kleriker." Papst Benedikt wolle von Gabriele die Namen seiner Komplizen wissen, und der Kammerdiener hat laut seines Rechtsanwalts begonnen auszupacken.

Wird Gabriele bis zu seinem Lebensende schweigen?

Steht nun eine Säuberung im Vatikan bevor? Die Erklärung von Sprecher Lombardi, es seien keine Rechtshilfegesuche bei der italienischen Justiz gestellt worden, um gegen verdächtige Italiener zu ermitteln, spricht nicht dafür. Längst wird in Rom gemunkelt, der Vatikan-Skandal würde darauf hinauslaufen, dass der Papst Gabriele begnadigt unter der Bedingung, dass er bis an sein Lebensende über die ganze Affäre schweigt. Dann würde der unscheinbare "Maggiordomo" in die Anonymität versinken, aus der Vatileaks ihn vor zwei Wochen heraus katapultiert hatte.

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