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Der bange Weg zurück nach Deutschland

Nach acht Jahren darf die abgeschobene Gazale Salame zurück nach Deutschland, zu ihrem Mann, ihren Töchtern. stern.de hat sie auf ihrem Flug in eine ungewisse Zukunft begleitet.

Von Karin Prummer

  Auf dem Weg zurück nach Deutschland: Gazale Salame mit ihren beiden Kindern Gazi und Schams.

Auf dem Weg zurück nach Deutschland: Gazale Salame mit ihren beiden Kindern Gazi und Schams.

Das Flugticket ist weg. Verloren. Oder gestohlen. Es ist mitten in der Nacht. Und Gazale Salame beginnt zu suchen. In der ganzen Wohnung. Wie eine Verrückte. Panisch. Stundenlang. Es dauert, bis sie es im Schein der Taschenlampe wiederfindet, dieses kleine Stück Papier, das alles ist, wovon sie geträumt hat. Es war unter das Bett gerutscht.

"IZMIR - HANNOVER", steht auf dem Ticket. Abflug: Samstag, 2. März, 23.15 Uhr.

Heute ist Donnerstag. Erst Donnerstag. Nach wenigen Stunden Schlaf steht Salame in ihrem kalten, dunklen Wohnzimmer, bindet sich die langen, schwarzen Haare zusammen und erzählt von ihrer Horrornacht. Sie fröstelt. Es ist ein quälender Countdown.

Was, fragt sie, wenn mir jetzt noch jemand das Visum klaut? Was, wenn sich eines der Kinder den Arm bricht, wir ins Krankenhaus müssen, den Flieger verpassen?" Ich habe so große Angst, dass es noch schiefgeht."

"Ich glaub das erst, wenn ich in diesem Flieger sitze"

Die Morgensonne legt mildes Licht auf Gümüspala, dieses ärmliche Arbeiterviertel in Izmir, dem Millionenmoloch an der türkischen Westküste. Viele Männer und wenige Frauen sind auf den engen Gassen unterwegs, die Stromleitungen hängen wirr und tief, der Putz blättert von den Häusern. Gazale Salame heizt den alten Kohleofen an, der mitten im Wohnzimmer steht, die einzige Wärmequelle in ihren vier klammen Räumen mit den verschimmelten Ecken. Dann kniet sie nieder und packt weiter: rosa Wollsocken, Kinderunterwäsche, die Mütze für den Kleinen obendrauf.

Noch drei Tage, dann wird sie ihren Mann wiedersehen und ihre zwei älteren Töchter. "Ich glaub das erst, wenn ich in diesem Flieger sitze."

Der Flieger. Er soll sie zurück in den Staat bringen, der ihre Familie vor mehr als acht Jahren auseinanderriss, am 10. Februar 2005 um 8 Uhr morgens. Deutschland, Niedersachsen. An jenem Tag setzten Polizisten sie, die schwangere 24-Jährige, Sohn Gazi im Bauch, und die einjährige Tochter Schams in ein Flugzeug und schoben sie ab. In die Türkei.

Buße für eine falsche Angabe, die 17 Jahre zurückliegt

Wegen einer angeblich falschen Angabe, die 17 Jahre zurücklag. Ihre Eltern waren damals, 1988, vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat Libanon nach Deutschland geflohen - und mit ihnen ihre Tochter Gazale. Die Eltern sollen damals verschwiegen haben, dass sie und ihre Vorfahren aus der Türkei stammen. Bevor die deutschen Behörden das herausfanden, galt Gazale Salame als Staatenlose aus dem Libanon, wurde geduldet. Danach galt sie als Türkin - und konnte abgeschoben werden.

Acht lange Jahre hat das Land Niedersachsen gebraucht, um alles wieder rückgängig zu machen. Die zerrissene Familie wurde zum Symbol für eine gnadenlose Flüchtlingspolitik, die der im Januar abgewählte Ministerpräsident David McAllister (CDU) selbst als einen Grund für seine Niederlage nannte. Es waren Jahre, in denen berühmte Menschen für Gazale Salame Briefe und Apelle an die Regierung schickten, ihre Rückkehr forderten. Grass, Käßmann, Süssmuth, Däubler-Gmelin. Namen, die Salame noch nie zuvor gehört hatte.

  Gazi und Schams haben acht Jahre lang mit Gazale Salame in Istanbul gelebt. Ihre Geschwister in Deutschland kennen sie nicht.

Gazi und Schams haben acht Jahre lang mit Gazale Salame in Istanbul gelebt. Ihre Geschwister in Deutschland kennen sie nicht.

"Was soll ich nur fühlen?"

Landung in Hannover: 1.35 Uhr. So steht es auf dem Ticket. Es steckt nun zusammen mit dem Visum in ihrer kleinen schwarzen Handtasche, die sie bis zum Abflug am Körper tragen wird. "Was soll ich nur fühlen?", flüstert Salame. "Freude, Angst, Erleichterung, Panik, alles geht durcheinander." Sie flüstert, weil die Kinder noch schlafen. Gazi, ihr Sohn, ein frecher Trotzkopf, heute acht Jahre alt, atmet gleichmäßig auf dem Sofa. Schams, ihre Tochter, zehn, eine hübsche Stille, wälzt sich unruhig im Bett nebenan.

Die beiden kennen ihre Geschwister in Deutschland nicht, auch nicht ihren Vater, der sie nicht besuchen konnte, weil er in Deutschland nur geduldet wird. Nach einer Reise in die Türkei hätte er nicht zurückgedurft. Einmal hat Gazi gefragt, ob sie sich nicht einfach einen Vater kaufen könnten.

Acht Jahre. Wie wird ihn sein Sohn wohl begrüßen? Was wird das für eine Situation am Flughafen? Seit Ahmed Siala weiß, dass sie wohl wirklich zurückkommen, quält ihn dieser Gedanke. Es ist später Abend in Dinklar, dem kleinem Dorf bei Hildesheim, in dem die andere Hälfte der Familie lebt. Gerade ist Siala aus dem Schneetreiben mit zwei Plastiktüten voller frischem Rindfleisch heimgekommen, vom Schlachthof, auf dem er arbeitet. Er hat sich neben seine Töchter in das warme Wohnzimmer mit dem weichen Teppich gesetzt und zieht an einer Wasserpfeife. Ein bulliger Mann, mit Stoppelbart, schwarzen Augen, lauter Stimme. Jetzt schweigt er.

"Mein Sohn kommt, aber ich kenne diesen Jungen nicht"

"Ich würde vor dieser Situation am liebsten weglaufen", sagt Amina. Nura nickt. Die beiden sind Teenager, 15 und 14, mit Röhrenjeans und den großen braunen Augen ihrer Mutter. "Mein Sohn kommt, aber ich kenne diesen Jungen nicht", sagt der Vater. "Wird er auf mich zu rennen?" Es sei ja nicht böse gemeint, sagt Amina. "Alle werden jetzt sagen: Das ist ein Happy End. Aber das stimmt nicht. Meine Mutter, die ist uns einfach fremd geworden."

Ja, sie haben telefoniert. Immerhin verbindet sie eine Sprache, Arabisch, die Muttersprache ihrer Eltern. Doch wenn sich Gazi im Hintergrund mit seiner Schwester stritt, dann verstanden sie nicht worüber. Die Kleinen sprechen meist türkisch, die großen Schwestern deutsch. Nur ihre Mutter beherrscht alle drei Sprachen. Das Telefonieren hat es oft nur schlimmer gemacht. Die Mutter hat viel geweint, am Ende haben sie nur noch alle paar Tage angerufen. Kurz.

Dann kamen die Polizisten. Überall Polizisten

So brannte sich vor allem die Erinnerung an ihren letzten gemeinsamen Tag ein, einem kalten Februarmorgen im Jahr 2005. Ahmed Siala hatte Amina und Nura, damals sieben und sechs, zur Schule gebracht. Gazale Salame war zu Hause geblieben mit Schams, der Einjährigen, ein Stillkind noch. Da kamen sie, die Polizisten, überall Polizisten, vor und in ihrem Haus. Sie solle sich beeilen, sagten sie, packen, sie werde abgeschoben, müsse gleich zum Flieger. Sie schrie und tobte. Siala kam zurück, wollte zuschlagen, sich wehren, irgendwie, doch er sank nur in einen Sessel und erstarrte, während Salame die Polizisten anflehte, die Kleine mitnehmen zu dürfen. Als die Mädchen von der Schule kamen, waren Mutter und Schwester weg.

Sie saß im Flugzeug nach Istanbul, mit vier Polizisten, die sie dort der türkischen Polizei übergaben. Die ließ sie gehen. Ins Nichts. Salame sprach kein Türkisch.

Sie und ihr Mann sind Flüchtlingskinder aus dem Libanon, suchten mit ihren Familien Schutz in Deutschland. Ihre Eltern gehören zur den Mahalmi, einer arabisch sprechenden Minderheit, die ursprünglich aus dem Südosten der Türkei stammt und seit Beginn der 1950er Jahre in den Libanon auswanderte. Dort ist Gazale Salame geboren, hatte die Türkei nur einmal betreten, als Zwischenstation auf der Flucht. Als Gazale in Deutschland ankam, war sie sieben Jahre alt, etwa so alt wie ihr Sohn Gazi heute.

  Gazales Mann Ahmed Siala hat sich in Deutschland durch die Instanzen gekämpft. Doch über die Jahre sind sich die Eheleute fremd geworden. Gazale wird zwar nach Hildesheim zurückkehren, aber zunächst mit Gazi und Schams eine eigene Wohnung beziehen.

Gazales Mann Ahmed Siala hat sich in Deutschland durch die Instanzen gekämpft. Doch über die Jahre sind sich die Eheleute fremd geworden. Gazale wird zwar nach Hildesheim zurückkehren, aber zunächst mit Gazi und Schams eine eigene Wohnung beziehen.

Ein Missverständnis, das acht Jahre dauert

"Gazi, Gazi", ruft Salame. Sie legt dem Jungen ein Stück Omelette auf ein Fladenbrot und schiebt es in seinen Mund. Sie essen auf dem Fußboden, haben wie immer ein Tischtuch auf den Wohnzimmerteppich gebreitet, Teller mit Tomaten, Oliven, Rucola daraufgestellt. Schams flüstert ihrer Mutter zu, sie freue sich auf Deutschland, dort gebe es bestimmt einen Tisch zum Essen.

Bis vor einem Jahr haben sie auf Matratzen auf dem Boden geschlafen. Dann besorgte eine Medizinerin von "Ärzte ohne Grenzen" ein Bett für die Kinder. "Wir dachten lange, das sei alles ein großes Missverständnis. Wir wären eh bald wieder weg", sagt Salame. Sie hat dieses Viertel immer gehasst. Weil man sie skeptisch beäugte, beobachtete, als junge Frau ohne Mann, mit Kindern. Weil Izmir hier in den Hügeln keine anonyme Millionenstadt ist, sondern ein anatolisches Dorf.

Sie sei krank geworden hier, sagt sie, habe ständig Schmerzen, an der Bandscheibe, Kopfweh, Depressionen. Sie öffnet den Küchenschrank, wo über dem Tee die Pillen liegen, die sie zwar ruhiger werden lassen, aber auch benebeln. Sie nimmt sie nur in Notfällen. In diesen aufregenden Tagen schwankt ihre Stimmung von herzlich zu abweisend, von geduldig zu gereizt.

Ganz zu Beginn wäre sie fast durchgedreht, 2005, als sie ihren Sohn zu Welt bringen musste, er schlimme Gelbsucht bekam, sie kein Wort der Ärzte verstand. Sie schrie und weinte ins Telefon, bis ihr Vater kam aus Deutschland.

Seitdem lebt er hier, ein humpelnder alter Mann, dabei erst 58 Jahre alt, wie er schätzt. Er wird hierbleiben müssen. Zurückbleiben. Die Eltern wurden nicht abgeschoben, weil die Kriegswirren Salames Mutter schwer traumatisiert hatten. Ein Gericht sprach ihnen Schutz zu. Aber mit dem Flug in die Türkei hat Salames Vater seine Duldung in Deutschland verwirkt. So lebt er mit seiner Tochter und den Kindern vor allem von den 400 Euro, die der niedersächsische Flüchtlingsrat und ihre Unterstützer monatlich überwiesen.

Gazales Mann kämpft sich durch die Instanzen

In Deutschland kämpfte sich Ahmed Siala durch die Instanzen und Institutionen. Zwang sie, sich mit dem Schicksal seiner Familie zu beschäftigen: das niedersächsische Innenministerium, den Petitionsausschuss, die Härtefallkommission. Verwaltungsgericht, Oberverwaltungsgericht, Bundesverwaltungsgericht. Auswärtiges Amt, deutsche Botschaft in Istanbul. Und auf allen Ebenen und Rängen schoben sich Beamte und Politiker die Verantwortung zu. Der Flüchtlingsrat hielt Mahnwachen, es gründete sich ein Unterstützerkreis aus Bürgern, Nachbarn, Empörten, sie sammelten Spenden für Salame, stützten Siala.

Er hat Kraft, ist jung, 33, ist das achte Kind eines mächtigen libanesischen Clanchefs und stolz, dass er es als Flüchtlingskind bis zum Hauptschulabschluss gebracht hat. Er zitiert aus Koran und Grundgesetz, spricht über Menschenrechte und Demokratie. Er sagt Sätze wie: "Wir dürfen die Vorzüge der deutschen Gesellschaft nicht ausnutzen, sonst höhlen wir sie aus." Doch er scheiterte immer und immer wieder, acht lange Jahre.

"Warum ist er nicht in die Türkei gekommen?"

Ahmed und Gazale wurden sich fremd. Jeder kämpfte seinen eigenen Kampf. Sie ums Überleben in Izmir. Er um die Gerechtigkeit in Deutschland. Irgendwann verloren sie das Verständnis für den Kampf des anderen. Oder die Kraft. Oder beides. Am Telefon stritten sie nur noch, sie weinte und schrie, er zog sich in sich zurück.

Sie sagt: Warum ist er nicht in die Türkei gekommen, als wir ihn so dringend gebraucht haben? Warum trennt er mich von meinen Töchtern, wie soll eine Mutter das aushalten, es zerreißt mir das Herz.

Er sagt: "Was soll ich in der Türkei, wie sechs Personen ernähren, ich kann kein Türkisch. Ich habe Gazale geschworen, dass ich sie heimhole." Sie: "Er ist so verschlossen geworden, ich verstehe ihn nicht mehr." Er: "Sie war eine lebensglückliche, starke Frau, jetzt ist sie zerbrechlich."

Zurück nach Hildesheim - aber nicht zurück zu Ahmed

Es ist so viel kaputtgegangen", sagt Gazale Salame. Sie wird nach ihrer Rückkehr nicht bei Ahmed und den Mädchen einziehen, sondern in eine eigene, kleine Wohnung. Der Unterstützerkreis hat sie für sie gemietet und frisch gestrichen. Es wurden Möbel gespendet, auch ein Küchentisch ist dabei. Drei helle Zimmer mit Balkon in Hildesheim. "Wir müssen erst sehen, ob wir wieder zueinanderfinden", sagt Siala.

Sie mussten das schon einmal schaffen. Sie sind Cousin und Cousine, ihre Eltern haben die Ehe arrangiert, die beiden waren 16 und 17 Jahre alt, als sie ihr arabisches Hochzeitsfest feierten. Salame hat die Hauptschule nach der sechsten Klasse verlassen, ein Jahr nach der Hochzeit kam das erste Kind. Siala sagt, "Wir waren selbst fast noch Kinder". Aber so sei es eben Tradition gewesen, eine Heirat in der Familie stärkt den Clan. Er habe es seinen Eltern nicht verübelt. Gazale und er hätten gelernt sich zu lieben.

Gazale will schön und modern aussehen - für ihre Töchter

"Was soll ich nur anziehen?" Es ist Freitagabend, Dunkelheit, der letzte Abend in Izmir. Neonröhren blenden aus den Billigläden einer Einkaufsstraße, Gazale sucht, die Kinder trotten neben ihr her. Ein helles Kopftuch wäre gut. Sie hat sonst nur ein braunes, viel zu dunkel. "Es soll nicht so aussehen, als käme da eine schwarze Frau aus der Türkei", sagt sie. "Ich will schön und modern aussehen, wenn mich meine Töchter wiedersehen."

Das Kopftuch ist ihr wichtig. Als sie nach den beiden Töchtern einfach nicht mehr schwanger werden wollte, hat sie Allah versprochen, sie werde ab jetzt eines tragen, wenn er ihr noch ein Kind schenkt.

Sie stoppt. "Da, das helle Blaue?" Schams und Gazi schauen, befühlen den weichen Stoff, nicken. Drei Euro, gekauft. Am nächsten Tag wird sie sich doch noch für das braune Tuch entscheiden, aber mit hellem Oberteil, nach langem Probieren. Viele Kameras werden am Flughafen sein, hat ihr der Flüchtlingsrat gesagt, und angeblich will auch der neue Innenminister kommen. Das macht sie noch nervöser.

  Landung in Hannover: Kameraleute, Journalisten, der Innenminister -und mittendrin eine hoffentlich bald wieder glückliche Familie. Gazale schließt ihren Mann und ihre beiden großen Kinder in die Arme

Landung in Hannover: Kameraleute, Journalisten, der Innenminister -und mittendrin eine hoffentlich bald wieder glückliche Familie. Gazale schließt ihren Mann und ihre beiden großen Kinder in die Arme

Schöne Symbolbilder für die Landesregierung

Schöne Symbolbilder wird das geben für Boris Pistorius von der SPD, weil die neue Regierung versprochen hat, mit der harten Flüchtlingspolitik von CDU und FDP zu brechen und weil der Fall Gazale Salame längst ein politischer geworden ist. Was der niedersächsische Landtag im Dezember einstimmig beschloss, ist bislang einmalig in Deutschland: Die Abgeordneten beauftragten die Regierung, die Familie wieder zusammenzubringen.

Samstagabend, eine Stunde vor Abflug. Flughafen Izmir. Auf dem Glashäuschen steht blau geklebt "Passport". Der Beamte betrachtet Gazale Salames Pass, runzelt die Stirn, sagt: "Da fehlt etwas." Salame atmet scharf ein. "Sie müssen da vorne noch einen Steueraufkleber kaufen, kostet 15 Lira pro Person." Salame atmet aus.

Zehn Minuten später sitzt sie vor Gate 231. Sie zittert immer noch. Draußen in die Nacht, nur ein paar Glasscheiben von ihr entfernt, steht die Maschine, in die sie gleich steigen wird. Still betrachtet sie das Flugzeug, feine Tränen laufen über ihre Wangen. Leise sagt sie: "Warum hat man uns nicht zurück gelassen, als wir noch stark waren?"

"Haben Sie wirklich nichts zu verzollen?"

Es wird ein ruhiger Flug. Die Kinder schauen Ice Age auf den Bordbildschirmen und aus dem Fenster hinunter auf die leuchtende Welt. Gazale Salame trocknet die Augen und schließt sie zur Entspannung, als wüsste sie von dem Wahnsinn, der sie in drei Stunden erwartet.

Bodenkontakt in Hannover. Aufstehen, Jacken suchen, Gedrängel. Eine Durchsage: Die Passagierin mit dem Namen Gazale Salame solle zuerst aussteigen, draußen warte der Innenminister. "Ich bin Gazale", ruft sie, sie stolpern, steigen, quetschen sich nach draußen. Dort warten zwei aufgeregte Polizisten, bringen sie ans Gepäckband. "Haben sie wirklich nichts zu verzollen?", fragt streng eine Beamtin. "Wir kümmern uns um die Koffer", ruft ein Flughafenangestellter. Sie muss jetzt raus, der Minister, dängen die Polizisten.

Da strafft sich Gazale Salame, hebt das Kinn, drückt den Rücken durch, nimmt ihre Kinder an die Hand. Tritt hinaus, in grelles Licht. Überall Fotografen, Kameramänner, es blitzt und blendet. Die drei blinzeln. Gazale entdeckt sie zuerst. Nura, Amina, Ahmed. Sie läuft los.

Mit Recherchen von Franziska Reich und Andrea Rungg
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