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Der Pfarrer, der ein Jahr nicht an Gott glauben will

Anfang 2013 war Ryan Bell noch Christ, Priester sogar. Dann die Kehrtwende: Er beschloss, ein Jahr lang als Atheist zu leben. Ein Experiment, das viel über die Befindlichkeit der Gläubigen verrät.

Von Niels Kruse

  Ryan Bell verzichtet ein Jahr lang auf Gott - und berichtet darüber auf Facebook und seinem Blog

Ryan Bell verzichtet ein Jahr lang auf Gott - und berichtet darüber auf Facebook und seinem Blog

Ryan Bell kehrt seinem Gott den Rücken. Probehalber zunächst, denn es ist ja nicht so, dass er völlig vom Glauben abgefallen wäre. Noch nicht, aber Zweifel am Gott-Konzept hat Ryan schon länger. Andererseits: Wer streift schon seinen Lebensmittelpunkt ab? Einfach so, nach mehr als 40 Jahren als Adventist und nach 20 Jahren als Pfarrer und Dozent einer christlichen Hochschule? Ryan Bell will nur wissen, wie es sich ohne Gott lebt. Ein Jahr wird er Atheist sein: 365 Tage ohne Beten, Bibel und Beschwörung.

"Wir lieben Dich immer noch" - so lauteten die ersten Reaktionen seiner engsten Freunde und Kollegen auf die Entscheidung, schreibt er in seinem eigens für das Projekt eingerichteten Blog "Yearwithoutgod". Ganz so, als hätte er Vaterlandsverrat begangen oder kleine Kinder gemeuchelt und müsse froh sein über jedes Fitzelchen Solidarität. Ryans erster Gedanke war, so notiert er seufzend: "Na ja, das hoffe ich doch." Er habe wohl unterschätzt, wie schwer sich einige Menschen mit Gottlosigkeit täten, auch wenn sie nur temporär ist, schreibt er weiter. Das war am 4. Januar, kurz nach Beginn seines Experiments am Neujahrstag.

Niemand geht ungestraft auf Gott-Diät

Seitdem sind einige Tage ins Land gegangen und aus seinem persönlichen Projekt ist ein öffentliches geworden. Zumindest sind eine Reihe kleinerer und größerer Medien auf "Ein Jahr ohne Gott" aufmerksam geworden. CNN zum Beispiel, die BBC und die "Huffington Post" - Missverständnisse inklusive. Etwa dem, dass ihn seine kirchlichen Arbeitgeber gefeuert hätten (er habe seine auslaufenden Verträge nicht verlängert, sagt Ryan), dass er von der Amtskirche verlange, sie müsse Toleranz zeigen (dass könne man nicht von ihnen erwarten) und ehemalige Kollegen hätten sich von ihm abgewendet (das Gegenteil sei der Fall). Kurzum, so das erste Fazit von Außen: Niemand geht auf Gott-Diät, ohne das stehenden Fußes irgendeine Strafe folgt.

Doch bislang ist jegliche Form der Vergeltung ausgeblieben. Im australischen TV-Sender Sunrise sagte Ex-Pfarrer Bell, dass es einige Gläubige für sein Seelenheil beteten, andere, eher Ungläubige, an eine Art Unterwanderung der Atheismus-Bewegung glauben, aber die breite Masse dankbar sei für seinen Schritt. "Sie schreiben mir, dass sich mit den gleichen Zweifeln herumplagen, sich die gleichen Fragen stellen", sagt Ryan Bell und so wie er die Reaktionen schildert, klingen sie beinahe so, als wäre der christliche Glaube, die Kirche und Gott das Problem und nicht die Lösung. Vielleicht sogar für Ryan selbst: Ohne Details zu nennen, spricht er vielsagend von der "Entgiftung seines bisherigen Lebens".

Begonnen hatte das Projekt Gottlosigkeit Anfang 2013. Damals diskutierte er eher beiläufig mit Bekannten darüber, welchen Unterschied Gott mache. Weil keiner eine befriedigende Antwort darauf fand, beschloss er, es selbst herauszufinden. Obwohl er sich selbst als progressiven Christen sah, war er doch Teil einer konservativen Umgebung. Er wusste: Mit dieser Entscheidung würde er nicht länger an Hochschulen unterrichten können, er würde also ohne Einkünfte durchkommen müssen. Zu seinem Glück erfuhr ein Blogger namens "Friendly Atheist" von Bells Plan und rief zu Spenden auf. Aus den ursprünglich anvisierten 5000 Dollar sind mittlerweile 27.000 Dollar geworden.

Um ein "echter" Atheist zu werden, beschäftigt sich Ryan Bell mittlerweile auch mit den großen Zweifler-Klassikern wie Friedrich Nietzsche oder liest naturwissenschaftliche Abhandlungen. Solche, die etwa der Frage nachgehen, ob der Glaube eine Folge von Drogenmissbrauch sei. Ob er nach Ende seines Experiments tatsächlich ein Gottloser sein wird, kann und will Ryan Bell noch nicht beantworten. Im Gespräch mit Sunrise-TV sagte er, dass er sicher nicht in sein früheres Leben als Pastor und Dozent zurückkehren werde. Und dass er sich derzeit eher wie ein Agnostiker fühle, also wie jemand, der die Frage, ob es einen Gott gibt oder nicht, schlicht nicht beantworten könne. Eine erste Tendenz in welche Richtung es gehen könne, spürt er bereits: "Ich bezweifle zunehmend, dass Gott tatsächlich existiert." Es wäre ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer für einen Pfarrer.

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