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Der Mann ohne Gedächtnis

Er saß eines Tages auf einer Bank in Hamburg und wusste nicht, wo er war. Auch nicht, wer er war. Seitdem kämpft sich Jonathan Overfeld mühsam aus den Tiefen seiner Amnesie. Gefunden hat er eine Kindheit im katholischen Westfalen - und tiefe Wunden auf seiner vergewaltigten Seele, die nie verheilt sind.

Von Kuno Kruse

  • Kuno Kruse

Er riecht Rasierwasser, streicht sich über das glatte Kinn. Sein Blick gleitet die Knopfleiste hinunter. Weißes Hemd, blaue Krawatte, Blazer in gedecktem Blau, dazu Jeans. Der Duft ist ihm zuwider. Warum sitzt er auf der Parkbank? Er steht auf, geht ein paar Schritte, denkt: "Komisch, ganz fremde Gegend." Weiße Stühle, ein Café. Er setzt sich. Es ist frisch, aber die Sonne wärmt. "Was kann ich Ihnen bringen?" - Was soll er der Kellnerin jetzt antworteten? Er macht eine Kopfbewegung zum Nachbartisch: "Das da." Sie serviert etwas, das aussieht wie heiße Milch. Aber es riecht nach Kaffee. "Ein Cappuccino", sagt sie. Er kennt weder das Wort noch das Getränk, zeigt auf "Das da!" und bekommt ein Stück Kuchen dazu. Aber da ist dieses andere Verlangen, das nervös macht.

"Das da" ist ein Apfelkuchen

Wieder ist es ein Geruch. Er zieht herüber. Es ist: "Das da!" Das junge Paar am Nebentisch raucht. Er bestellt Zigaretten, reißt hastig die Packung auf. Er mag den Geschmack nicht. Aber es tut gut, den Rauch einzuziehen. Ist er Raucher? Er zahlt, geht zum Kiosk. "Das da, bitte!" Er zeigt auf eine blaue Packung mit einem Leuchtturm. "Papier?" "Papier, wozu?" "Zum Drehen." "Ach ja." Routiniert rollt er eine Dosis Schwarzer Krauser ins Blättchen.

Später wird Jonathan Overfeld die Stunden, in denen ihm die Erinnerung abhanden kam, die Phase des "Das-da" nennen. Jene Stunden, in denen er nicht mehr wusste, was ein Cappuccino ist, aber intuitiv, dass in der blauen Packung seine Tabakmarke steckte. In denen er über den Parkplatz irrte und sein Schlüssel mit dem BMW-Emblem in kein Schloss passte. In denen der Mann aus Berlin wohl wusste, was das Kennzeichen HH bedeutet, sich aber nicht erinnern konnte, was er hier in Hamburg wollte, wie er hierhergekommen war, ob er vielleicht hier lebte. An diesem Tag ahnte er nicht, dass es vielleicht gute Gründe dafür gab, dass er ein ganzes Leben vergessen hatte.

Sogar sein Alter muss er schätzen

Er war sich selbst entfallen, wie anderen eine PIN oder ein Schauspielername entfällt. "Amnesie fühlt sich nicht an", versucht er später zu erklären, "da ist nichts. Du bist einfach da." Das Gesicht, das ihn auf der Herrentoilette aus dem Spiegel ansah, erstaunte ihn nicht. "Es war klar, das war meins." Er schätzte sein Alter auf etwas über 50.

Zuerst kehren die Worte zurück. Da ist "ein Rummelplatz", über den er an diesem Tag im April 2005 irrt, "eine Kirche", in der er Konzentration sucht. Er will jemanden anrufen. Aber niemand fällt ihm ein. "Was", denkt er, "läuft hier eigentlich ab?" Fragen wie Stiche: Wie heißt du? Wie alt bist du? Welcher Beruf? Eine Frau, Kinder, Eltern, Freunde? Wieder und wieder durchwühlt er die Taschen. Ein Ausweis, ja, der könnte ihm auf die Sprünge helfen, diese blödsinnige Blockade lösen. Aber da ist keiner.

Keine Drogen im Blut

"Suchen Sie etwas?" Eine junge Frau spricht ihn an, als er vor der Bahnhofsmission auf die Vermisstenanzeigen starrt. Er erschrickt, sagt: "Ich suche mich selbst." Später im Krankenhaus sagt er: "Mir muss jemand etwas ins Glas getan haben." Die Untersuchung ergibt nichts. Keine Drogen im Blut, (später werden auch keine im Haar gefunden), kein Alkohol, Leberwerte normal, kein Hirnschlag. Ein Fall für die Psychiatrische.

"Fugue", ausreißen. Der behandelnde Psychiater hat noch einmal in der Fachliteratur nachgeschaut. Der französische Begriff kommt aus dem 19. Jahrhundert. Auslöser solcher Fluchten an einen anderen Ort, manchmal über Hunderte Kilometer und immer ins Vergessen, ist meistens Ausweglosigkeit, Angst. "Weggelaufen. Aber wovor?" Der Mann aus dem Park hat jetzt wirklich Angst. "Was kann so lebensbedrohlich gewesen sein?" Dunkle Gedanken halten ihn nachts wach: Bin ich in ein Verbrechen verwickelt?" Die Polizisten, die seine Fingerabdrücke abgenommen haben, können ihn beruhigen: Dann wüssten wir längst, wer Sie sind."

Langzeit-Gedächtnissysteme

Der Hamburger Psychiatriearzt nimmt Kontakt auf zu Hans Markowitsch, Professor für physiologische Psychologie an der Universität Bielefeld und einer der führenden Erforscher jener Flucht aus einem Leben, das zur Bedrohung wurde. Professor Markowitsch kann erklären, warum jemand lesen, schreiben, sich scheinbar normal unterhalten kann, Politiker auf Plakaten erkennt, aber nicht weiß, wer er selbst ist: Das Gehirn verfügt über verschiedene Langzeit-Gedächtnissysteme.

Da ist das für die Motorik: Fahrradfahren, einmal gelernt, immer gekonnt. Dann das perzeptuelle Gedächtnis: Ob Sommersonne oder Schnee, jeder erkennt die Landschaft wieder, ob Golf oder Lamborghini, wir ordnen es als ein Auto ein, Kaffeeduft signalisiert Frühstück. Das semantische Gedächtnis speichert kontextloses Weltwissen: Paris ist die Hauptstadt von Frankreich. Das wissen wir, aber nicht unbedingt, von wem wir das wann erfahren haben. Das entscheidende Gedächtnissystem setzt ein Bewusstsein von uns selbst voraus. Es speichert unser Leben. Dieser Teil ist der anfälligste.

Schnittbilder der Positronen-Emissions-Tomografie (PET), einem nuklear-medizinischen Durchleuchtungsverfahren, bei dem biochemische Vorgänge abgebildet werden, zeigen, dass bei Jonathan Overfeld der autobiografische Teil des Gedächtnisses deaktiviert ist.

Das Gehirn löscht nicht. Es packt Erlebnisse in "Schubladen". In Gefahr oder seelischer Not aber kann die Anlagerung von Stresshormonen die "Schlösser" verkleben - manchmal für immer. Die Psychologie benutzt dafür den Begriff der Abspaltung. Traumatische Erlebnisse werden weggeschlossen - und wehe, sie werden reaktiviert. Hier begegnen sich Freudianer und Neurologen. Menschen mit einer Amnesie wollen sich unbewusst nicht erinnern, sagen die Psychoanalytiker. Und sie können es auch nicht, sagen die Hirnforscher.

Erinnerungen werden wach

Eine Frau in Berlin hat eine Vermisstenanzeige aufgegeben, Beschreibung und Alter passen. Der Name des Verschwundenen: Heinz-Jürgen Overfeld, genannt Jonathan. Die Frau ruft in der Klinik an, aufgeregt, will sofort kommen. Jonathan und sie seien ein Paar gewesen. Er sagt: "Da ist nichts." Nicht ihr Name, Jutta, nicht der gemeinsame Hund. Kein Gesicht erscheint, keine Szene. Sie hatte in der Beschreibung angegeben: Seine beiden kleinen Finger sind verkrüppelt. Das ist ihm auch schon aufgefallen. "Aber warum?", fragt er. Er wird nach Berlin verlegt.

Die Hände kennen die Tasten

Es ist Sonntagmorgen, einer dieser leeren Vormittage nach schlaflos leerer Nacht. Sonnenlicht fällt durch die Fenster des Aufenthaltsraums der Psychiatrischen Station der Berliner Charité. Jonathan hebt den Klavierdeckel, rückt den Schemel heran, setzt die Hände auf die Tasten. Das "Ave Maria" aus dem Präludium C-Dur des 1. Teils des "Wohltemperierten Klaviers" von Johann Sebastian Bach, es ist in den Händen. Er braucht keine Notenblätter. Auch die verkrüppelten kleinen Finger gehorchen einem inneren Befehl.

Er bemerkt nicht, dass andere Patienten, angelockt, auf den Stühlen hinter ihm Platz nehmen, auch einige der Schwestern. Als sein Publikum applaudiert, in diesem Moment, der einer des Glücks hätte sein können, blickt der Pianist in einen Abgrund. Bilder sind plötzlich da. Eine Halle an der Nordsee, er sieht sich selbst am Flügel, ein Knabe, noch mit langem, blondem Lockenhaar. Adventszeit. Erwachsene nehmen ihn nach dem Konzert mit. Ein Mann droht, ihm den Finger abzuschneiden, wenn er nicht willig ist.

"Wie kann jemand so wohnen?"

Er erinnert sich plötzlich an mehr: Wieder zu Hause in einem Dorf bei Rheine in Westfalen, zerriss er seinem Lehrer die Noten, beim Hochamt hämmerte er mit den Ellenbogen auf die Orgeltasten. Er weiß es jetzt wieder: Da ist sein Baumhaus draußen im Wald, es ist Winter. Er nimmt einen dicken Ast, legt die klammen Hände auf das Holz, schlägt zu. Jetzt weiß er, warum die beiden zertrümmerten Finger sein Erkennungsmerkmal sind.

Der Name Overfeld steht auf der Klingel der Wohnung in Berlin-Neukölln. Der Schlüssel, den ihm die Freundin geschickt hat, passt. Im Wohnungsflur Kartons, durchwühlt. Jonathan fragt: "Wie kann jemand so wohnen?" Ein schäbiges Sofa mit einer Decke darauf, zwei alte Sessel. Eine leere Packung Schwarzer Krauser ist die einzige Spur zu ihm selbst. Er kann nicht erklären, warum er bei seinem ersten Restaurantbesuch nach der Entlassung aus der Charité gerade Rosé- Wein bestellt: Als ihn ein Fußballspiel im Fernsehen in eine Eckkneipe zieht, begrüßt ihn die fremde Wirtin wie einen alten Bekannten. "Hallo Jonathan, wie immer?" Er nickt. Sie bringt ein Glas Rosé.

So vergehen die Tage voller Überraschungen, und es vergehen Monate, ohne dass ihm ein Gesicht bekannt vorkommt. Die Panik bleibt. Er wechselt den Stadtteil, der Psychologe Kai Christoph vom Sozialpsychiatrischen Dienst lotst ihn durch Alleinsein und Krisen. Sein Zuhause? Zuerst lösen sich Marienfiguren aus dem Nebel des Vergessens, der Gekreuzigte taucht auf, aus den Händen blutend, Kerzen, ein Altar, eine Orgel. Statt einer elterlichen Wohnstube erscheint in seiner Vorstellung eine Kapelle. Er sagt: "Aber ich muss doch eine Mutter gehabt haben, einen Vater. Hat doch jeder."

Erinnerungen an die Kindheit

Erst später gewahrt er Tante Resi in der Kapelle, der Nebel in seinem Kopf klart auf: ein aufgeräumtes Ziegelhaus, gleich daneben der Bauernhof ihres Bruders, dazwischen der kleine Weiher mit der Insel darin. Nur Gänse waren dort, und er, übergesetzt mit seinem Floß, unter einer Trauerweide. Gertrud, so hieß seine Lieblingsgans. Als er eines Tages von der Schule kam, wurde sie gerade gerupft.

Die Erinnerung an die Kindheit, sagen Psychologen, kehre zuerst zurück. Eigentlich erstaunlich, denn in frühen Jahren Verdrängtes legt jener Angst ein Gleis, die später die Seele des Erwachsenen in die Fugue treibt. "Fast alle Amnesiepatienten", sagt Gehirnforscher Markowitsch, "hatten bedeutende negative Erlebnisse in der Kindheit. Die frühen Erfahrungen haben diese Menschen dünnhäutig gemacht." Auch Bilder von Filax sind jetzt wieder da. Wie der Schäferhund ihn von der Schule abholt, knurrt, wenn sich die Dorfjungen auf ihn stürzen wollen. Er fletscht auch bei Tante Resi die Zähne, wenn sie ihn schlagen will, und beim Bauern, wenn der mit dem Riemen kommt.

"Als der Junge zu mir kam, hatte er schon keine Tränen mehr"

Tante Resi ist heute eine Dame mit schlohweißer Dauerwelle, die im Rollstuhl sitzt und für Besucher Kuchen backt. Die heute 80-jährige Heilpraktikerin wollte ihrem Pflegekind "einfach gut sein". Der Jürgen, erinnert sie sich, erkundete schnell das ganze Dorf: Hauenhorst bei Rheine in Westfalen, mit einem Dom neben der Schule. Die Praxis des damals ledigen Fräuleins war immer voller Patienten. Sie hatte Dienstmädchen.

"Als der Junge zu mir kam, hatte er schon keine Tränen mehr", sagt sie heute. Da war er neun, und Röntgenbilder zeigten bereits elf Knochenbrüche. Sie war seine fünfte Lebensstation. Von der jungen Mutter nie angenommen, Säuglingsheim, Pflegefamilien, die ihn zur Feldarbeit statt zur Schule schickten, ein Kinderheim, wo die Nonne das Kind auspeitschte, nackt und vor allen anderen, die sich aufstellen mussten. Das alles findet sich in Akten des Heims und in Berichten anderer wieder.

Note eins in Mathe und Musik, aber schlecht in "Betragen", ungezogen, faul und rebellisch. Was hatte Tante Resi für Sorgen! Nicht einmal der Rektor, der gegen so viele Rabauken erbarmungslos die Rute führte, sei dieses Jungen Herr geworden. Immer Widerworte und mit schmutzigen Schuhen ins Haus! Zur Strafe in die Speisekammer gesperrt, trinkt er den Saft aus den Einmachgläsern. Nachts läuten die Kirchenglocken, weil er beim Küster die Uhr verstellt hat. Es ist ihr, als stecke der Dämon in dem Jungen. Oft weint die junge Frau, immer wieder nimmt sie den Stock, "zu seinem Besten".

Der Organist gibt dem Jungen Klavierunterricht. Er ist begabt. Und sehr tierlieb. Er hängt an dem Hund. Und er hängt an Tante Resi. Stumm sitzt er da, als sie heiratet. Sie hat ihren Mann über eine Anzeige in einem Kirchenblättchen gefunden. Mit ihm, Onkel Willi, wurden die Gebete inbrünstiger, ganze Nächte betete die verschworene Gemeinde, die jetzt ins Haus kam, ins Wohnzimmer, das eine Kapelle wurde.

Es gab noch einen klaus und eine Petra

Tief seufzend sagt Tante Resi heute: "Wenn mein Mann nur mitgezogen hätte. Ich hätte die Kinder gern behalten." Dass es bei Tante Resi noch einen Klaus gab und eine Petra, zwei weitere Pflegekinder, das weiß Jonathan Overfeld heute nicht mehr. Klaus, der heute in Hannover Krankenpfleger ausbildet und zwei Kinder hat, erinnert sich gut. "Ich war als Erster hier, und ich bleibe der Erste", habe Jonathan damals gesagt. Jonathan war Anführer der Dorfkinder, er hatte immer Spielideen, und wenn er durch das Gras robbte, dann tat es Filax, der vorher ein Polizeihund war, genauso. Wenn es Prügel setzen sollte, kroch Jonathan zu Filax in die Hundehütte. Niemand traute sich heran.

Klaus sieht den drahtigen Knecht noch vor sich, wie er, von den Pflegeeltern herbeigerufen, Jonathan mit einem Strick nackt über den Tisch bindet und mit dem Gürtel zuschlägt. Warum müssen die Strafen so schmerzvoll sein? Das hat Klaus damals Onkel Willi gefragt, der inzwischen Bischof seiner fundamentalkatholischen Sekte war. Es sei eine Gnade, sagte darauf der selbsternannte Bischof von Hauenhorst: "So hat er Teil am Leiden Christi."

Teufelsaustreibung? Niemand erinnert sich

Klaus hört auch noch die irren Schreie, die aus dem Kinderzimmer kamen, er wartete ängstlich unten an der Treppe. Sie waren mit Weihwasser, Weihrauch und Kerzen zu Jonathan ans Bett gegangen, sie beteten, und je mehr sich Jonathan wehrte, desto kürzer waren die Teufel davor, herauszukommen. Unter all den Schlägen hat Jonathan nie geweint. Nur einmal flossen ihm die Tränen. Mit dem Ehemann war auch eine Schwiegermutter ins Haus gekommen. Die mochte den Hund nicht. Als Jonathan von der Schule kam, war Filax weg.

Eine Teufelsaustreibung? Tante Resi dementiert das. Ein Knecht, der Kinder auf dem Tisch festbindet? Hier fehlt auch dem Knecht heute die Erinnerung. Klaus, das andere Pflegekind, erinnert sich gut. Nachdem er von dessen Existenz erfahren hatte, suchte Jonathan ihn vor einigen Monaten in Hannover. Aber Klaus, mit dem er damals das Zimmer teilte, blieb ihm ein Unbekannter.

Schlaflosigkeit gehört dazu

Die Todessucht der ersten Wochen ist lange überwunden. Er spürt jetzt: "Ich habe etwas Dringendes zu erledigen." Er ist aufgewühlt: "Ich wüsste gern was." Es treibt ihn um. Er ist nervös. Wenn ihn jemand fragt, was er mache, woher er komme, rennt er panisch davon. Er schläft nicht ein, vor dem Morgengrauen ist er wach. Nachts läuft er durch Wälder, weint und schreit in seine Einsamkeit hinein. Auch die Schlaflosigkeit ist Teil der Erkrankung. So als wehrte sich die Seele gegen Träume. Ein Spatz setzt sich auf seinen angebissenen Apfel. Endlich ein Lebewesen, vor dem Jonathan Overfeld keine Angst hat. Der Bielefelder Wissenschaftler Markowitsch kann auch das erklären. Die Farbbilder der Hirnaktivität deuteten darauf hin, dass bei Jonathan Overfeld zwar die Erinnerungen an die Ereignisse blockiert sind, aber nicht die damit verknüpften Gefühle, die er jetzt nicht mehr zuordnen kann. Also: umherirrende Emotionen, Aufregungen, Affekte ohne Anker.

Vier Jahre lebte Jonathan bei Tante Resi. Dann musste er wieder ins Heim. Er hatte mit einem Mädchen auf dem Sofa gesessen und den Arm um sie gelegt, sie hatten die Kissen zerdrückt, geraucht, und die Kleineren, Klaus und Petra, die noch einiges erwarteten, hatten gespannt zugesehen, als plötzlich Onkel Willi nach Hause kam und die sturmfreie Bude stürmte. Die Schwiegermutter, die den Hund nicht mochte, mochte nun auch Petra und Klaus nicht. Bald war "die fremde Brut", wie sie die Kinder nannte, wieder im Heim.

Ein Name bringt Erinnerungen zurück

Jonathan hatte lange keinerlei Erinnerung mehr an diese Verwahranstalt, in der er den Rest seiner Kindheit absaß: Salvator Kolleg in Klausheide bei Paderborn. Bis zu einem Treffen ehemaliger Heimkinder, zu dem der stern ihn begleitete. "Weißt du nicht mehr?", fragte ein Mann auf dem Treffen, ungefähr so alt wie Jonathan. "Lupo!" Wie ein Rammbock sprengte der Name das Tor zum Verlies lang zurückliegender Geschehnisse. "Bruder Clemens", sagt Jonathan, "das war Lupo!"

Worte können Schlüssel sein. Diese Hoffnung hatten Ärzte dem Amnesiepatienten gemacht. Nun erfüllte sie sich als Grauen. Das große, gelbe Haus bei Paderborn mit den Werkstätten und einer Kapelle darin. An alles erinnerte er sich jetzt wieder: Eisentür, Hocker, Pritsche. Die Priester nannten die Zellen "Besinnungsräume". Abends schloss der Mönch, der auch Krankenpfleger war, die Zellentür auf. Er brachte Kaba, Kaffee, Kuchen, auch mal Overstolz. Tröstendes Streicheln, eine Tablette zur Beruhigung, mit der die Schwindelgefühle und die Willenlosigkeit kamen. "Die Verletzungen am After wollten gar nicht wieder heilen", sagt der Mann, der den Namen Lupo in den Raum geworfen hat. Tränen stehen jetzt in seinen Augen. Und auch Jonathans Augen sind feucht.

Die Schmerzen dauerten oft Tage

Lupo erscheint ihm aus heutiger Sicht eher als "Safer-Sex-Typ". Er habe ihn ausgezogen und dann sich selbst befriedigt. Am Morgen sei es wie ein böser Traum gewesen. "Es ist etwas da, aber man kann nicht beschreiben, was da abgelaufen ist." Zehn Jahre später wurde Pater Clemens wegen Missbrauchs verurteilt.

Mit Lupo aber gehören auch andere Geistliche zu seiner Vergangenheit. Vor allem Pater V., der später von den Knaben zu den schweren Jungs ging, Gefängnispfarrer in einer Großstadt wurde und dafür später das Bundesverdienstkreuz bekam. Jonathan saß immer wieder lange in der Strafzelle mit den Glasbausteinen. Morgens etwas Wasser, mittags eine Scheibe Brot. "Wenn man hungrig ist, und es steht einer vor dir, mit Brot oder Kuchen, dann denkst du nicht, dass da jetzt eine Droge drin ist." Jonathan sagt: "V. und E., ein anderer Pater, das waren die brutal perversen Typen." Die Schmerzen dauerten oft Tage.

"Das Problem ist, dass ich mich selbst nicht kenne"

Jonathan hat Pater V. jetzt aufgesucht. Der kleine, rundliche Seelsorger riss ihm die Jacke herunter, weil er fürchtete, er könnte ein Mikrofon bei sich tragen. Herr Overfeld habe Kontakt zur Presse, war der Priester gewarnt worden. "Man muss auch vergessen können, das hat er gesagt", erinnert sich Jonathan.

Im Beobachtungsbogen, der sich im Archiv des Salvator Kollegs befindet und mehr über die Erzieher als die Zöglinge verrät, wird Jonathans "gutes Aussehen" vermerkt. Die Arbeitsleistungen des "jungenhaften" Neuzugangs beim Matratzenflechten seien "nicht befriedigend". Er "übernimmt zersetzende Reden". Dennoch darf er - ein großes Privileg - in der Tischlerwerkstatt eine Lehre beginnen.

Nicht jeder entkam lebend

Als Jonathan jetzt, gut drei Jahrzehnte später, bei einem Besuch im Salvator Kolleg an seiner alten Werkbank steht, fällt ihm auch Heinz wieder ein. Er war sein bester Freund in dieser Zeit. Oft lagen sie gemeinsam im Bett, hielten einander fest. Beim Herumalbern in der Werkstatt verletzte Heinz ihn mit einer Gummischleuder am Auge. Der Freund wurde wegen Körperverletzung zu einer dreiwöchigen Jugendstrafe verurteilt. Er musste sie in den Zellen des Kollegs absitzen, dort, wo sich die Geistlichen nachts um die Jungen bemühten. Heinz, glaubt Jonathan, habe sich in dieser Obhut erhängt. Andere Zöglinge erinnern sich nur an einen Leichensack. Aber eins weiß Jonathan wieder genau: Heinz' taubstumme Mutter kam damals ins Heim und prügelte in der Werkstatt verzweifelt auf ihn ein. Sie gab ihm die Schuld.

Jonathan war jetzt auch bei Pater Alfons Minas. Der hatte 1971 die Leitung des Kollegs übernommen. "Ich habe alle Türen aufgeschlossen." Nun gab es keine Fabrikarbeit in der Matratzen- und Lampenproduktion mehr. Es gab auch keine Schläge mehr und keine Vergewaltigungen. "Nach und nach haben Mitbrüder anderenorts neue Aufgaben übernommen." Pater Alfons glaubt Jonathan. Alles. Er sagt: "Wenn es überhaupt möglich ist, möchte ich mich für meine Brüder entschuldigen." Jonathan antwortet: "Wären Sie doch damals früher gekommen."

Amnesie ist auch Schutz

Auch drei Jahre nach dem Auftreten der Amnesie erinnert sich Jonathan nur an wenige Fragmente aus seinem Erwachsenenleben. Für seine frühere Lebensgefährtin Jutta ist ein Gefühl da, aber kein Bild. Er hat sie neu kennengelernt. "Das Problem ist", sagt Jonathan, "dass ich mich selbst nicht kenne." Ärzte sagen ihm, die Amnesie sei auch Schutz. Professor Markowitsch hat ihm geraten, sie als Chance zu begreifen und ein neues Leben anzufangen. "Das kann ich nicht", sagt Jonathan Overfeld, "dazu muss ich erst das alte wiederfinden."

Beim ersten Schritt könnte ihm Pater V. helfen. "Wenn er es wenigstens bereuen und sein Bundesverdienstkreuz zurückgeben würde", sagt Overfeld, dann könnte er sich an das machen, was ihn später als Erwachsenen in die Fugue getrieben hat. Pater Alfons hat angeboten, Pater V. und Jonathan noch einmal an einen Tisch zu bringen.

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