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"Zurück, hier sterben Menschen"

Loveparade 2010. Das sind Menschen, die tot am Boden liegen, Schreie, die sich ins Gedächtnis brennen, Bilder, die den 18-jährigen Max und seine Freunde schockten. Das Protokoll einer Katastrophe.

Eigentlich wollten sie Party machen. Max Fleischhacker und seine 14 Freunde hatten sich dazu am Samstag auf den Weg vom rund 150 Kilometer entfernten Dillenburg nach Duisburg gemacht. Der 18-jährige Gymnasiast will das erste Mal bei einer Loveparade dabei sein. Er ahnt nicht, dass ihn die dramatischsten Stunden seines Lebens erwarten, als er mit den anderen 17- bis 20-Jährigen fröhlich in die Bahn steigt:

Keiner wusste, wie es weiterging

Schon im Zug merkten wir, wie viele Leute zur Loveparade wollten. Als wir in Dillenburg einstiegen, war es fast nicht mehr möglich einen Sitzplatz zu bekommen. Je näher wir Duisburg kamen umso voller wurde es und wir saßen schließlich im Zug von Köln nach Duisburg im Zugeingang, der so voll war, dass man kaum mehr Luft bekam.

In Duisburg angekommen, folgten wir erst einmal dem Strom der feiernden Menschen aus dem Bahnhof raus in die Innenstadt. Es gab Stände mit Musik und Verpflegung. Das erste Gedränge kam auf und keiner wusste, weshalb es nicht wirklich weiter ging. Wir sind in eine Nebenstraße eingebogen, um in einem Supermarkt noch Verpflegung zu kaufen.

Gegen 16.30 Uhr schlossen wir uns der Menge wieder an und kämpften uns nach vorne. Dort haben wir bemerkt, dass der Stau wegen einer Durchsuchungsstation mit acht Eingängen entstanden ist. Es stauten sich Menschen einen halben Kilometer weit. Kein Wunder, wenn nur acht Menschen pro zehn Sekunden weiter konnten. Doch als wir ankamen, war die Durchsuchung bereits aufgegeben worden, da sich durch den Druck die Eisengatter an der Kontrollstelle verbogen. Die Security war nur damit beschäftigt, so schnell wie möglich die Menschen da durchzuschubsen.

Hier muss ich auch rauf

Gegen 17 Uhr gingen wir durch den Tunnel. Der war einigermaßen passierbar, denn er war breit genug. Doch nach dem Tunnel blieb plötzlich alles stehen und es ging nicht mehr weiter. Keiner wusste wieso. Die weiter vom Tunnel kommenden Menschenmassen gerieten nun auch in das Gedränge und es baute sich Druck auf. Die Menschen kletterten die Traversen rauf und oben standen die Polizisten und halfen ihnen. Dies war das Zeichen für die anderen: Hier muss ich auch rauf.

Ursprünglich waren Bauzäune davor gestellt worden, die aber auch durch den Menschendruck niedergerissen wurden. Es gab auf der anderen Seite eine Treppe, die etwa einen Meter breit war, die ursprünglich wegen des Zaunes davor nicht für Besucher freigegeben war. Doch die an der Treppe stehenden Menschen wurden gegen den Zaun gedrückt, der riss nieder und sie stürmten hinauf. Es gab einen Schub nach vorne, weil die, die vorne am Zaun standen, nun zwei Meter weiter vorne an der Wand waren. Security und Polizei lief herbei und half den an die Wand Gepressten nach oben auf die Treppe. Dadurch, dass alle aus dem Tunnel die Treppe sehen konnten, drückten sie in Richtung Treppe. Ich stand mitten drin und verlor einen nach dem anderen meiner 14 Gruppenmitglieder.

"Hier liegt jemand"

Die Masse schob sich weiter Richtung Treppe und vorne wurden schon verdreckte Leute rausgezogen. Ich stand schließlich zwei Meter vor der Treppe. Alles schrie und heulte, weil der Druck so groß war, dass man kaum atmen konnte. Von vielen Seiten wurde geschrien: "Hier liegt jemand" oder "Wir brauchen einen Arzt". Aber es war so eng, man konnte nicht mal die Arme am Körper vorbei nach oben heben. Oben standen Gäste, die uns befahlen, weiter nach rechts zu gehen, einige Polizisten standen oben und filmten das Spektakel und unten waren zehn Polizisten am Werk, die Passanten auf die Treppe zu ziehen. Die Menschen sahen schlimm aus.

Plötzlich schaute ich nach unten und sah, dass vor mir ein Betonsockel vom Zaun war. Die Menge schob immer hin und her und ich bekam Panik darüber zu stolpern, dann auf einmal passierte es und ich musste alle Kraft aufbringen, wieder rauf zu kommen. Noch ein Schub vorwärts und ich sah vier verdreckte Männer oder Frauen aufeinander mitten in der Menge liegen. Ich schrie: "Zurück - hier sterben Menschen", doch es war unmöglich, weil die riesige Menschenmasse vom Tunnel aus nach vorn drückte.

Ich bekam Panik, weil man von dem unten Liegenden nur noch die Füße ohne Schuhe gesehen hat. Und weil die Masse immer weiter von hinten drückte und ich keine Luft mehr bekam. Ich sprang, um einen tiefen Luftzug zu nehmen und kämpfte mich, nachdem ich über die Füße der einen Person gestiegen bin, nach rechts. Mit aller Mühe und nach drei Metern war plötzlich der Druck weg, denn da war der wirkliche Eingang, der breit genug ausgelegt war, dass diese Menschenmasse im Nu da durch kann. Ich lief nach oben und fand sofort meinen Bruder, der direkt nach rechts ging, und dem Getümmel entfliehen konnte.

Leichensäcke am Ausgang

Ich wollte die Polizisten oben warnen und lief zum oberen Ende der Treppe. Ich schrie einen Polizisten an: "Sperren sie die Treppe, da unten sterben Menschen." Der Polizist antwortete: "Wir tun bereits unser Möglichstes." Genau in dem Moment liefen zwei Rote-Kreuz- Mitarbeiter mit einem Defibrillator an mir vorbei. Mir war nun endgültig die Laune vergangen und wir suchten erstmal unsere Gruppe. Nach zwei Stunden haben wir uns gefunden. Das hat so lange gedauert, weil das Handynetz nicht funktionierte.

Als wir gegen 19 Uhr das Gelände verließen, sah ich da, wo ich stand, bestimmt acht Säcke mit Leichen liegen. Das Gebiet war bereits umzäunt und von Polizei umstellt. Wir wollten zum Bahnhof, doch es war alles abgeriegelt. Gegen 21 Uhr beschlossen wir, ein Taxi nach Düsseldorf zu nehmen und von dort mit dem Zug zu fahren. Doch auch dort kam man nicht weg und wir mussten uns von unseren Familien und Freunden abholen lassen. Auch jetzt, am Tag danach, bin ich noch total geschockt und kriege einfach nicht die Bilder der Leichen aus dem Kopf.

stern.de hat weitere kurze Augenzeugenberichte von der Loveparade zusammengetragen

Aufgezeichnet von Manuela Pfohl
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