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Party gegen den Terror

Zehn Jahre nach dem Nagelbomben-Attentat in Köln feiern Hunderttausende Menschen ein Fest der Solidarität und Erinnerung. Mittendrin ein türkischer Friseur - der den Bundespräsidenten beeindruckt.

Von Karin Prummer und Dominik Stawski, Köln

  Die Brüder Özkan (2.v.r.) und Hasan (r.) Yildirim erklären Bundespräsident Joachim Gauck (l.) und seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt (2.v.l.), was hier vor 10 Jahren geschah, als eine Nagelbombe vor dem Friseursalon explodierte.

Die Brüder Özkan (2.v.r.) und Hasan (r.) Yildirim erklären Bundespräsident Joachim Gauck (l.) und seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt (2.v.l.), was hier vor 10 Jahren geschah, als eine Nagelbombe vor dem Friseursalon explodierte.

Alle wollen zu ihm an diesem Wochenende, die Politiker, der Bundespräsident, die Tausenden Menschen, die an der Tür seines Friseursalons stehen bleiben, inne halten. Zehn Jahre danach.

Hasan Yildirim steht vor dem Laden an der Keupstraße 29 und zieht nervös an einer Zigarette. Er hat geahnt, dass zum Gedenkfest "Birlikte" viel los sein wird in seiner Straße im Kölner Stadtteil Mülheim. "Aber so viele, das ist erstaunlich", sagt er. "Und die meisten sind Deutsche." 70.000 Besucher waren es alleine während des Straßenfests am Sonntag, 50.000 Menschen am Montag. Sie sangen und tanzten gemeinsam, mal zu einem türkischen, mal zu einem deutschen Lied. Der Duft von Döner und Lahmacun lag in der Luft.

Fotos im Schaufenster erinnern an die Tat

"Birlikte" ist Türkisch und heißt "Gemeinsam, Zusammenstehen". Das Fest, das der stern mitorganisierte, soll erinnern an das, was vor genau zehn Jahren vor Yildirims Salon passierte. Er und seine Kollegen haben deswegen zwei riesige Fotos ins Schaufenster gehängt, die ihren Laden in Splittern und Scherben zeigen. Und sie haben ein Fahrrad aus Pappe auf den Bürgersteig gestellt.

Es war damals ein warmer Junitag, so wie heute, als der "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU) auf die Keupstraße kam, diese besondere Straße, in der vor allem Türken und Kurden wohnen. Ein Mann schob damals ein Fahrrad an eben diese Stelle, auf dem Gepäckträger ein Koffer, darin 702 Zimmermannsnägel und eine Gasflasche gefüllt mit Schwarzpulver. Als die Bombe explodierte, stand Yildirim im Salon. Die Nägel trafen auch ihn, unter den 22 Verletzten war er einer der vier, die es am schwersten traf.

  Hasan Yildirim (l.) mit seinem Bruder Özkan, dem der Friseursalon in der Kölner Keupstraße gehört. Bilder im Schaufenster zeigen den zerstörten Laden vor zehn Jahren, als dieser von einer Nagelbombe getroffen wurde.

Hasan Yildirim (l.) mit seinem Bruder Özkan, dem der Friseursalon in der Kölner Keupstraße gehört. Bilder im Schaufenster zeigen den zerstörten Laden vor zehn Jahren, als dieser von einer Nagelbombe getroffen wurde.

"Es bringt die Leute näher zusammen"

Erst mehr als sieben Jahre und viele falsche Verdächtigungen der Polizei später war klar, dass es kein Konflikt zwischen Türken und Kurden, keine Drogenkriminalität war, sondern rechter Terror. Seit mehr als einem Jahr wird diese Tat und die zehn Morde des NSU am Oberlandesgericht in München verhandelt, wo Beate Zschäpe auf der Anklagebank sitzt. Die zwei Haupttäter, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, sind tot.

Man sieht Hasan Yildirim nichts an. "Die äußeren Wunden sind geheilt", sagt er. "Aber die psychischen bleiben." Er ist jetzt 40 Jahre alt, trägt eine schwarze Tuchhose, weißes Hemd, die dunklen Haare zum Zopf gebunden. Er ist so nervös, weil sich für den Montagnachmittag der Bundespräsident angekündigt hat. In zwei Stunden soll er da sein. Wenn man ihn fragt, ob so ein Fest, ob diese zwei Tage Trubel wirklich etwas ändern, dann antwortet er: "Es hat etwas bewirkt, es bringt die Leute näher zusammen, die Türken und die Deutschen."

Anwälte thematisieren Versagen der Behörden

Ein Aktionsbündnis aus Bewohnern der Keupstraße, aus Künstlern wie dem Hamburger Sänger Mario Rispo, aus Politikern und Medien haben Birlikte organisiert. Haben Bühnen aufbauen lassen, Musiker wie die Fantastischen Vier, Clueso und die Höhner eingeladen. Peter Maffay und Udo Lindenberg konnten wegen des Unwetters am Abend allerdings nicht mehr auftreten. Auf Podien berichteten die Anwälte des NSU-Prozesses über die Probleme bei der Aufarbeitung, über geschredderte Akten des Verfassungsschutzes, so aufgebracht und anklagend, dass Bundesjustizminister Heiko Maas in seinem Stuhl immer verlorener wirkte.

Er sagte zwar, dass er sich schäme für das Versagen der Behörden, musste aber auch eingestehen, dass sich seit Bekanntwerden des Skandals rund um den Verfassungsschutz noch nicht genügend geändert habe. Zum gleichen Thema hat das Schauspiel Köln ein Stück inszeniert, bei dem Anwohner und Schauspieler gemeinsam auf der Bühne standen. Sie nannten es "Die Lücke", weil es auch zeigen sollte, wie viel Unverständnis die Behörden und Ermittler den Bewohnern entgegenbrachten.

Viele offene Fragen

Eines wurde überall offenbar: Es sind noch so viele Fragen unbeantwortet. Hatten Böhnhardt und Mundlos Helfer? War es Zschäpe oder gab es andere, die nun frei herumlaufen? Wie viel wusste der Verfassungsschutz über das Trio wirklich? Warum wurden die Akten geschreddert? Yildirim und die anderen Bewohner der Keupstraße haben hohe Erwartungen an den Untersuchungsausschuss in Nordrhein-Westfalen, der erst vor ein paar Tagen beschlossen wurde und natürlich an den NSU-Prozess. "Es würde mich erleichtern, wenn die Täter verurteilt würden", sagt Yildirim.

Das Besondere dieses Wochenendes waren nicht die offiziellen Termine, sondern das, was auf der engen Keupstraße zwischen den Häuserfassaden passierte. Da backte die türkische Konditorin eine "Birlikte"-Torte, auf der Zuckerfiguren mit unterschiedlichen Hautfarben saßen, da streiften sich die Straßenbewohner weiße Shirts über mit dem Schriftzug "Zusammen" und da verkauften Kölner Künstler die eigens für diesen Tag entworfenen Briefmarken zu Tausenden.

Schweigeminute um 15.56 Uhr

Am Montagnachmittag stieg dann in der sengenden Hitze #link;es bringt die Leute näher zusammen;Bundespräsident Joachim Gauck# gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin und zahlreichen Künstlern auf die Hauptbühne. Die Uhr zeigte 15.56 Uhr, genau zehn Jahre zuvor detonierte die Bombe, Gauck und die Tausenden schwiegen für eine Minute. Dann erzählte der Bundespräsident von seinem Besuch im Friseursalon.

Er sei vorher auf vieles gefasst gewesen, aber er hätte nie gedacht, dass er diesen Salon und die Keupstraße begeistert von der Stärke ihrer Bewohner wieder verlassen würde. "Wir schenken denen, die Gewalt und Schrecken verbreiten, nicht unsere Angst", sagte er. Das bunte Fest sei ein Geschenk für die Keupstraße, für Köln. "So wollen wir dieses Land und so verteidigen wir es."

Vor ihm in der Menge stand auch Hasan Yildirim, "ziemlich müde" von diesen drei Tagen, die hinter ihm liegen. Wenn der Trubel vorbei ist, wird er die Friseurstühle wieder in den Salon räumen, die er für Gauck und dessen Entourage rausgeräumt hatte. Und dann wird er weiterarbeiten. Trotz allem wollte er nie weg von hier. "Ich werde mich nicht verscheuchen lassen", sagt er, "nicht aus der Keupstraße und nicht aus Deutschland".

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