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Die Unbarmherzigen

Eine Studie zeigt, wie sich die Amtskirche von ihrem Christenvolk entfremdet. In den Gemeinden macht sich Frust breit. Das hat fatale Folgen für das freiwillige soziale Engagement.

Von Rolf-Herbert Peters

  Es "brennt" in der katholischen Kirche. Das Christenvolk wendet sich von der Amtskirche ab.

Es "brennt" in der katholischen Kirche. Das Christenvolk wendet sich von der Amtskirche ab.

Das muss man erst einmal schaffen: Da hat die katholische Kirche die froheste aller Botschaften zu verkündigen – und scheitert daran auf ganzer Linie. Jetzt hat sie in Deutschland sogar ihre zuverlässigsten Anhänger verprellt, die kirchentreuen Konservativen. Das belegt die jüngste Studie des Sinus-Instituts eindrucksvoll. Die Heidelberger haben im Auftrag der Kirche die katholische Bevölkerung befragt, wie sie heute Glaube, Religion und Kirche erlebt. Um es kurz zu machen: So fremd war man sich noch nie.

Ein soziales Fundament zerbröselt

Egal? Ein Thema höchstens für die gut 24 Millionen Katholiken? Nicht egal. Denn selbst wer mit Glauben, Kirche und Messe nichts am Hut hat, wer Papst, Kardinäle, Bischöfe und den Pfarrer der Folklore zuordnet, sollte wissen: Die gesellschaftlichen Folgen der Entfremdung sind fatal. Jeder, der sich – wie der Autor - in seiner Kirchengemeinde ehrenamtlich für andere Menschen engagiert, kann diesen Trend Tag für Tag erleben. Ein soziales Fundament aus Hunderttausenden Freiwilligen bröselt in der Enttäuschung dahin.

In unserer Gemeinde gibt es Dutzende Mitglieder, die sich seit Jahren ohne Bezahlung für die gute Sache ins Zeug legen. Sie betreiben ein Kleiderstübchen für Bedürftige, Fahrdienste für Gebrechliche, organisieren Seniorenreisen und betreuen Kranke in Altersheimen und Krankenhäusern. Manche Bürgerinnen und Bürger haben sich auf eigene Kosten zum Sterbebegleiter im Hospiz ausbilden lassen oder zu Helfern von Demenzkranken. Die Damen der katholischen Frauengemeinschaft kfd backen Kuchen, um vereinsamten Rentner eine Freude zu machen, Jugendliche finden Gemeinschaft bei den Messdienern und Pfadfindern, kleine Kinder sammeln bei Schnee und Eis als Sternsinger für Schulprojekte in Tansania. Viele beliebte Gemeindefeste sind von Katholiken initiiert. Wie gut, dass es die Kirche gibt, sagen die meisten Bürger.

Herrschaft der Frauen und Mütter

Doch nun verlieren die Engagierten des Herrn zunehmend die Lust daran. Eine Null-Bock-Gemeinde wächst nach. Für Ehrenämter und Laiengremien wie den Pfarrgemeinderat oder den Kirchenvorstand ist kaum jemand mehr zu gewinnen. Schon lange kein Jugendlicher. Das ergeht Nachbarpfarreien nicht anders. Selbst wer fest an Gott glaubt und überzeugt ist von Jesu Auftrag zur aktiven Nächstenliebe, fühlt sich von der Amtskirche in seinem Einsatz nachhaltig düpiert.

Die Gründe für den Frust liegen nicht so sehr in den Punkten, die Außenstehende gern anprangern: Zölibat, Ausschluss Wiederverheirateter von den Sakramenten, Ordination von Frauen, lustfeindliche Sexualmoral. Kirche in der Gemeinde funktioniert anders als in den Amtsstuben der Erzbistümer. Zum Glück. Hier herrschen keine männlichen Alpha-Singles, sondern etwa drei Viertel der Aktiven sind Frauen und Mütter. Pfarrer und Kommunionhelferinnen verweigern weder wiederverheirateten Geschiedenen noch Homosexuellen die Hostie. Bislang jedenfalls nicht. Und was den Sex anbetrifft, halten es die Rheinländer traditionell mit der "Da simmer dabei "-Hymne der Karnevalskapelle "Höhner": "Wir lieben das Leben, die Liebe und die Lust, wir glauben an den lieben Gott und haben auch immer Durst."

Unbarmherzig

Der Hauptgrund für den wachsenden Frust bei den Engagierten liegt in dem Eindruck, die Amtskirche verrate die Sache Jesu: durch ihre Unbarmherzigkeit. Natürlich findet es die Mehrheit konsequent, gegen Abtreibung zu sein, weil nach christlichem Verständnis nur Gott über das Leben eines Menschen entscheiden darf. Aber wie herzlos ist es, wenn katholische Ärzte einer Vergewaltigten die "Pille danach", also die Schwangerschaftsverhütung, verweigern müssen, um nicht den Job zu verlieren? Wie kann man geschiedene Kindergärtnerinnen feuern, nur weil sie einen neuen Freund haben? Warum gibt es Missbrauch in der Kirche und warum müssen Missbrauchsopfer Jahrzehnte lang leiden, bevor die Kirche Schuld bekennt und sie für das Unrecht entschädigt? Unbarmherzig. Unbarmherzig. Unbarmherzig.

In früheren Jahrzehnten war der Frust der Kirchentreuen über die Erbarmungslosigkeit ihrer Kirchenfürsten gedämpft, weil in den Gemeinde die liberale Priestergeneration des 2. Vatikanischen Konzils amtierte. Die Gottesmänner segneten homosexuelle Paare und Wiederverheiratete, feierten die Osternacht gemeinsam mit Protestanten und beerdigten auf Wunsch Konfessionslose. Sie fuhren mit ihrer Gemeinde ins französische Taizé, um mit Konfessionen aus aller Welt den Glauben zu feiern. "Katholisch" verstanden sie wörtlich als "das Ganze betreffend", die unbestreitbaren Lehrsätze der Bibel – Nächstenliebe, Verzeihen, Gnade – standen für sie über aller Dogmatik.

Heute scheint die couragierte Priesterschaft entweder abgetaucht oder ausgestorben zu sein. Viele Seelsorger trauen sich nicht einmal mehr, bei ökumenischen Gottesdiensten mit evangelischen Christen als Abendmahlersatz an einem Stück Weißbrot zu knabbern.

Zwei Alphatiere treffen aufeinander

Erschwerend hinzukommt: Die Öffentlichkeitsarbeit der Katholischen Kirche ist grottenschlecht. Wie schwer fällt es ihr, selbst die Dinge, die sie richtig macht, öffentlich zu vermitteln. Wie wenig fällt den beredten Predigern ein, wenn der ehrenwerte Versuch, die Missbrauchsfälle mithilfe eines prominenten Kriminologen aufzudecken, an der Inkompatibilität zweier Alphatiere scheitert? Warum dauerte es Tage, bis Kardinal Meisner nach dem Fehlverhalten zweier katholischer Ärzte öffentlich erklärt, dass mutmaßliche Vergewaltigungsopfer selbstver-ständlich in den kirchlichen Krankenhäusern aufgenommen werden?

Wie soll solch eine Kirche im Grundrauschen der medialen Verlo-ckungen die froheste und ansteckendste aller Botschaften, die der unbedingten Nächstenliebe, vermitteln können, wenn sie diese Botschaft nicht selbst radikal vorlebt?

Einen Neuanfang wagen

In der Jugend sangen wir: "Die Sache Jesu braucht Begeisterte." Es war die Zeit von "Jesus Christ Superstar" und Rock-Jugendmessen. Wir fühlten uns cool als Katholiken, weil wir bereit waren, für das Gute zu kämpfen und uns gegen den Strom des Profanen zu stemmen. Oft übrigens Hand in Hand mit den jungen Grünen. Heute ist katholisch zu sein nicht mal mehr uncool. Man eckt kaum mehr damit an, sondern erntet vielleicht Kopfschütteln.

Trotzdem werden wir in der Gemeinde weiterkämpfen für die Sache Jesu. Im Kleiderstübchen, im Altenheim, im Demenz-Café. "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen", soll Jesus gesagt haben. Vielleicht sollten sich die katholischen Dogmatiker derweil in die Katakomben zurückziehen und noch einmal ganz von vorn anfangen.

Rolf-Herbert Peters

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