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Eine ganze Elterngeneration schweigt

Zu DDR-Zeiten saß Roland Jahn selbst im Gefängnis. Nun ist er der Herr der Stasi-Akten und versucht, die Fragen der nächsten Generation zu beantworten, zu denen die Eltern noch immer schweigen.

Vom Opfer zum Aufklärer: Roland Jahn wünscht sich für die Kinder-Generation der Stasizeit eine Ende der Sprachlosigkeit

Vom Opfer zum Aufklärer: Roland Jahn wünscht sich für die Kinder-Generation der Stasizeit eine Ende der Sprachlosigkeit

Herr Jahn, die 68er haben damals sehr vehement Antworten von ihren Vätern und Großvätern gefordert. Es gab einen gemeinsamen Zorn, eine gemeinsame Bewegung. Warum gibt es bei den Kindern der Stasi-Täter heute nichts Vergleichbares?
Was unter den Nazis geschehen ist, war so massiv, dass auch die Empörung bei der Kindergeneration eine ganz andere war. Die Verbrechen waren unvorstellbar in Art und Ausmaß, aber zugleich vollkommen offensichtlich und nicht zu leugnen. Da haben die Kinder natürlich gefragt: Was habt ihr gewusst, was habt ihr getan?

Solche Fragen wären in Bezug auf die DDR und das durch die Stasi begangene Unrecht aber durchaus auch angebracht.
Natürlich! Aber die Gräueltaten sind eben nicht so offensichtlich. Dadurch ist die Emotionalität nicht so groß.

Es fehlen die Gaskammern.
So könnte man es zuspitzen, ja. Viele Täter können jedenfalls heute noch immer so tun, als sei nichts geschehen. Sie ziehen sich darauf zurück, dass jemand, der gegen Gesetze verstößt, in jedem Staat zur Verantwortung gezogen wird. Das geht bis zur Rechtfertigung der Todesschüsse an der Grenze, nach dem Motto: Wer fliehen wollte, wusste doch, worauf er sich einließ.

Und die Täter selbst berufen sich darauf, nur geltendes Recht angewandt zu haben ...
... was aber kompliziert wird, wenn dieses "Recht" grundsätzlich Menschenrechte wie Meinungs-, Wahl- und Reiserfreiheit missachtet. Im Namen und Auftrag der SED wurde tausendfach Unrecht begangen, und die Stasi war als "Schild und Schwert der Partei" regelrecht dafür da, Menschenrechte zu unterdrücken. Aber die meisten ehemaligen Mitarbeiter des MfS sind nach wie vor überzeugt, das Richtige getan zu haben und stellen es natürlich auch gegenüber ihren Kindern und Enkeln so dar.

In Ihrer Antrittsrede zitierten Sie einen Satz, den Sie damals Ihren Stasi-Vernehmern ins Gesicht gesagt haben: "Irgendwann komme ich hier raus, und dann erzähl ich euren Kindern, was ihr hier getrieben habt."
Das war einer der Sätze, an denen ich mich im Gefängnis festgehalten habe. Sie hatten damals, 1983, auch meine Freundin Petra eingesperrt, weil sie Bekannten in Westberlin von meiner Verhaftung berichtet hatte. Sie drohten damit, unsere dreijährige Tochter Lina ins Heim zu geben, falls wir nicht aussagen. Petra haben sie gezwungen, abends im Radio das Sandmännchen zu hören – unsere Tochter liebte diese Sendung. Und mir haben sie Fotos von Lina in die Hand gedrückt und sich gefreut, wenn ich damit weinend in der Zelle saß. Ich habe mich damals schon gefragt: Wie sind die wohl zu Hause bei ihren Kindern und ihrer Frau?

Wie haben die Stasileute auf den Satz reagiert?
Ob er sie getroffen hat, kann ich nicht sagen. Sie saßen ja am längeren Hebel. Was konnte ich ihnen schon anhaben? Der Satz war vor allem Überlebensstrategie für mich.

Er hat sich aber bewahrheitet.
Ja, in gewisser Weise erzähle ich heute tatsächlich den Kindern, was ihre Väter getrieben haben. Mir ist es aber wichtig, sie damit nicht zu überrumpeln. Ich sehe meine Aufgabe darin, Material und Informationen bereitzustellen, sodass sie sich selbst ein Bild machen können. Ich kann doch nicht sagen: "Dein Vater war ein Schwein, und du musst dich jetzt damit beschäftigen."

Wie würden Sie heute den Kindern Ihres Vernehmers begegnen?
Mit Neugier und großem Interesse, aber völlig unvoreingenommen. Ich habe in der DDR erlebt, was Sippenverfolgung heißt. Wir dürfen nicht – etwa aus Unzufriedenheit über die strafrechtliche Aufarbeitung – das wiederholen, was wir damals als Unrecht empfanden. Die Kinder der Täter sind für mich frei. Aber mich interessiert, wie sie damit umgehen, dass Menschen, die sie lieben, menschenverachtende Dinge getan haben. Wie schaffen sie es, weiterhin eine gute Beziehung zu ihnen zu haben und selbst trotzdem klar Stellung zu beziehen?

Sind Sie diesen Fragen in Ihrer Zeit als Journalist mal nachgegangen?
Nicht systematisch, nein. Aber ich hatte das Thema immer im Hinterkopf, seit ich 1993 einmal den Kindern meines Vernehmers gegenübergestanden hatte. Ich recherchierte gerade für "Kontraste" einen Beitrag über den Tod meines Freundes Matthias Domaschk, der 1981 ein Verhör durch die Stasi nicht überlebt hat. Der Mann, der später mein Vernehmer war, war auch in den Fall Domaschk verwickelt. Also habe ich bei ihm zu Hause in Gera geklingelt. Da machten mir ein Junge und ein Mädchen auf, beide vielleicht so um die fünf oder sechs Jahre alt. In dem Moment dachte ich: Wenn sie erwachsen sind, mache ich einen Film über die Kinder der Täter. Es war ein intensiver Moment. Hier war ich, der Journalist, auf der Suche nach Antworten in einem Todesfall, und dort die beiden Kinder, die in dem ehemaligen Stasi-Offizier natürlich nur ihren Vater sahen.

Nun sind die beiden erwachsen, und Sie, Herr Jahn, sind Bundesbeauftragter für die Verwaltung jener gewaltigen Berge an Material, die dieser Vater und seine Kollegen hinterlassen haben ...
... und inzwischen kommen tatsächlich die ersten Kinder und Enkel zu uns in die Behörde und beantragen die Akten ihrer verstorbenen Eltern oder Großeltern. Sie wollen wissen, wie das System der Angst funktioniert hat und welche Rolle ihre Väter und Großväter darin spielten. Viele haben sehr konkrete persönliche Fragen, auf die sie zu Hause nie eine Antwort bekommen haben. Zum Beispiel warum sich die Mutter damals von ihnen losgesagt hat, nur weil sie einen Ausreiseantrag gestellt haben. Jetzt sind all solche Fragen fällig. Wir sind mittendrin in der Aufarbeitung.

Leider sind nicht alle an einer Aufarbeitung interessiert. Die Täter schweigen oder erzählen der Öffentlichkeit, dass zu DDR-Zeiten alles besser war. Viele Kinder von Stasi-Mitarbeitern machen die Erfahrung, mit ihren Eltern nicht reden zu können. Woran liegt das?
Unter den Stasileuten ist der Korpsgeist noch immer erschreckend lebendig. Er hat sich über Jahrzehnte in das Denken eingefressen. Es ist wie in einer Sekte: Wer das Schweigen bricht, gilt als Verräter.

Es geht also nicht um eine Überzeugung, sondern um Angst?
Natürlich spielt auch die Überzeugung eine große Rolle. Viele sind ja nach wie vor der Meinung, alles richtig gemacht zu haben. Sie halten sich an der Ideologie von damals fest, weil es sie mit den alten Kollegen verbindet. Das gibt Sicherheit und erspart einem das schmerzhafte Infragestellen des eigenen Lebens. Aber die treibende Kraft ist letztlich immer der Wunsch nach Anerkennung und die Angst, sie zu verlieren. Das ist das Wesen des Menschen. Gerade gegenüber der Enkel-Generation, die einen ja ganz anders kennen gelernt hat, ist es nicht leicht, einzugestehen, dass man zu DDR-Zeiten Menschen eingesperrt hat. Der liebe Opa will nicht der Stasi-Täter sein, also wird lieber verdrängt und geschwiegen.

Wiederholt sich gerade das große Schweigen und Verdrängen, das es auch nach 1945 gab?
Ja, die Gefahr besteht durchaus. Eine ganze Elterngeneration schweigt – und glaubt, so dem schlechten Gewissen entkommen zu können. Viel zu viele wollen sich nicht bewusst machen, welche Verantwortung sie dafür tragen, dass die DDR so lange existieren konnte. Ich wünsche mir einen Dialog zwischen den Generationen, damit die Sprachlosigkeit nicht zum Konflikt wird, der sich irgendwann nicht mehr auflösen lässt.

Aber wie soll das gehen, wenn die eine Seite sich der Auseinandersetzung schlichtweg verweigert?
Wichtig ist erstmal das Zuhören. Mit Vorwürfen und Schuldzuweisungen kommt man nicht weit. Fragen muss aber erlaubt sein. Ich bedaure es heute sehr, meiner Mutter nicht viel früher schon Fragen gestellt zu haben: nach der Nazizeit, aber auch nach der DDR. Wir haben erst kurz vor ihrem Tod angefangen, darüber zu reden. Für eine echte Auseinandersetzung war es da zu spät. Deswegen hoffe ich, dass die Jüngeren es heute besser machen. Vielleicht bedarf es auch einer gesellschaftlichen Unterstützung.

Wie könnte die aussehen?
Wir brauchen eine grundsätzliche Offenheit – auch für die Sicht der Täter – und keine verhärteten Fronten. Wir müssen ein Klima der Versöhnung schaffen, in dem ein 75-Jähriger sagen kann: Ja, ich habe mit meiner Arbeit dazu beigetragen, dass Menschen ins Gefängnis kamen. Ja, ich habe Unrecht getan. Was können wir dafür tun, dass jemand das sagt? Wie können wir die Kinder ermutigen, konsequente Fragen zu stellen? Und wie schaffen wir es, dass sie überhaupt begreifen, was in der DDR an Unrecht geschehen ist und inwieweit ihre Eltern darin involviert waren? Aufarbeitung sollte ein gesamtgesellschaftliches Projekt sein, an dem alle beteiligt sind.

Welche Rolle spielt dabei die Auseinandersetzung in den Familien?
Eine absolut zentrale. Im vertrauten, geschützten Kreis der Familie ist es viel wahrscheinlicher, dass Menschen sich öffnen und bereit sind, Schuld einzugestehen. Dort können Prozesse in Gang kommen, die letztlich auf die gesamte Gesellschaft ausstrahlen.

Ist die Aufarbeitung überhaupt für die ganze Gesellschaft relevant? Es hat doch nur ein Teil in der DDR gelebt.
Wir leben aber nun in einem Land, es ist unser aller Geschichte als Deutsche. Auch die NS-Zeit haben heute kaum noch Menschen selber erlebt, trotzdem beschäftigen wir uns immer wieder mit diesem Thema. Bei der Aufarbeitung der SED-Diktatur geht es ebenfalls um zentrale Fragen: Wie sind Menschen miteinander umgegangen? In welcher Weise wurden Menschenrechte missachtet? Welche Lehren stecken darin für uns alle heute?

Sie sprechen von einem Klima der Versöhnung. Was wäre dabei der Beitrag der Täter?
Sie sollen anerkennen, dass die DDR ein Unrechtsstaat war, in dem Menschenrechte verletzt wurden, denn daran gibt es nichts zu rütteln. Das ist keine Frage von Meinungen, sondern klar definierbar. Und wer bei der Stasi war, sollte zumindest so weit persönlich Verantwortung übernehmen, dass er sagt: Ja, ich habe einer Organisation gedient, die dazu da war, Andersdenkende zu unterdrücken. Die Anerkennung des begangenen Unrechts kann helfen, ein Klima der Versöhnung zu schaffen. Entscheiden müssen dann aber die Opfer – Vergeben kann ihnen nicht verordnet werden. Die Kinder haben hier eine Chance, den Eltern zu helfen, sich von der Last der Vergangenheit zu befreien. Wenn sie das Gespräch ermöglichen und zuhören, kann dieser Dialog Kreise in der Gesellschaft ziehen. Vielleicht haben die Täter dann auch die Kraft, den Menschen, denen sie Unrecht zugefügt haben, zu sagen, dass es falsch war. Das wäre für die Opfer enorm bedeutsam.

Interview: Ruth Hoffmann

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