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Geschichte wird gemacht

Am 9. November wird vielem gedacht. Google baut mit dem Cultural Institute an einer neuen Art des Geschichtsunterrichts. Der ist allerdings nur der Anfang.

Von Sophie Albers

  Bilder, Texte, Dokumente, Videos: Online soll der Benutzer Geschichte fühlen können.

Bilder, Texte, Dokumente, Videos: Online soll der Benutzer Geschichte fühlen können.

Das Google-Doodle hält heute still. Angemessenheit ist ja auch schwierig am deutschen "Schicksalstag": Mauerfall, Kristallnacht, Hitlerputsch, Novemberrevolution. Doch große Mühe gibt sich Googles Cultural Institute, das 2010 ans Netz gegangen ist, um "zu helfen, die Kultur online zu erhalten und zu fördern " (Produktmanager Mark Yoshitake).

In diesem Online-Museum kann man in derzeit 43 Ausstellungen nacherfahren, wie das mit dem Eisernen Vorhang war, aber auch wie der Holocaust geplant und durchgeführt wurde, wofür D-Day steht, was Nelson Mandela für Südafrika bedeutet, wie süß das Dolce Vita in Roms Cinecitta war, wie wild der Mai '68 in Paris oder wie steif die Krönung von Elizabeth II. Das alles gibt es in kurzen Texten, Videos, abfotografierten Dokumenten und auf massenhaft Fotos zu sehen, die horizontal angeordnet wie auf auf der Zeitschiene liegen.

Das Ende der Geschichte

Museen und Archive - vom Yad Vashem in Israel bis zum Nelson-Mandela-Zentrum in Johannesburg - haben Google mit Inhalt "gefüttert". 13 Einzelausstellungen sind es allein für die Geschichte des "Eisernen Vorhangs" geworden, unter anderem mit dem Material des DDR-Museums Berlin und der Robert Havemann-Gesellschaft. Der Internetgigant hat die Technik zur Verfügung gestellt. Und die Partner sind begeistert: Avner Shalev von Yad Vashem nennt die Online-Ausstellungen einen "großen Meilenstein in der modernen Geschichte". Von einer "wahren Revolution" spricht Robert Kostro, Direktor des Museums für polnische Geschichte.

Und die hat die Geschichtswissenschaft dringend nötig, wie der jüngst verstorbene Historiker Eric Hobsbawm bereits 1994 in seinem Buch "Das Zeitalter der Extreme" festgestellt hat: "Die meisten jungen Männer und Frauen sind am Ende des Jahrtausend in einer Art Dauer-Gegenwart aufgewachsen, der jede natürliche Verbindung zu einer öffentlichen Vergangenheit vor der eigenen Zeit fehlt". Diese Zerstörung der Vergangenheit, beziehungsweise des sozialen Mechanismus, der das eigene Erleben der Gegenwart mit dem früherer Generationen verbindet, sei "das typischste und furchterregendste Phänomen" des späten 20. Jahrhunderts.

Googles Antwort steht in großen Lettern zwischen Fotos von Menschen auf der bröckelnden Mauer und einem Bild von Gorbatschow und ist der Dekonstruktivismus eines Francis Fukuyama. Der hatte in "Das Ende der Geschichte" über das Ende des Kalten Krieges geschrieben: Dies sei nicht nur das Ende dieser Auseinandersetzung oder das Vorbeiziehen einer bestimmten Nachkriegsperiode, sondern "das Ende der Geschichte als solcher. Der Endpunkt der Evolution menschlicher Ideologien sowie die Universalisierung der westlich-liberalen Demokratie als Schlussform der menschlichen Regierungsform."

Museum für das globale Publikum

Das sind große Wortbrocken, für die das Google Cultural Institute letztlich viele kleine Auffangbecken gefunden hat, in denen sich Bruchteile der zerschlagenen Geschichte sammeln. Dabei wird es selbst zum Archiv wird - ein Meta-Archiv, das die über der Welt verstreuten Holzkisten, Vitrinen und Schränke öffnet, um ihren Inhalt aufzunehmen. Der User muss nicht mehr nach Auschwitz oder Johannesburg fahren, um etwas über die Shoah und die Apartheid zu erfahren, so der Anspruch. Diese Geschichtsplattform mache die Museen für ein globales Publikum zugänglich. Und dafür muss man bisher nicht einmal Eintritt zahlen.

Bleibt die Frage, ob ein paar Klicks tatsächlich das Aufschlagen eines Buches oder den Gang durchs Museum ersetzen. Nach dem Surfen durch verschiedene Online-Ausstellungen des Google Cultural Institute und dem Browsen im umfangreichen Bildarchiv bleibt ein klares Nein. Einen ersten Eindruck, einen Überblick und Neugier verschaffen diese Ausstellungen ganz sicher. Doch ist es eben mehr "gefühlte" Geschichte. Anekdoten statt Einordnung, Details anstatt das große Bild, an dem sich seit Jahrhunderten die Gelehrten abarbeiten in dem Wissen darum, dass Geschichte immer von Siegern geschrieben wird.

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