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Wie viel Kind verträgt ein Vater?

Väter sind genauso gute Bezugspersonen wie Mütter, meint Vollzeit-Papa Harald Berger. Mit dieser Ansicht liegt er im Trend: Die Zahl der Väter, die zur Betreuung ihrer Kinder eine Pause im Beruf machen, hat sich seit Einführung des Elterngelds mehr als verdreifacht.

Von Nana Gerritzen

  Die finanzielle Hilfe durch das Elterngeld hat die Zahl der Väter, die nun auch den Nachwuchs hüten, verdreifacht

Die finanzielle Hilfe durch das Elterngeld hat die Zahl der Väter, die nun auch den Nachwuchs hüten, verdreifacht

Auf dem dunkelbraunen Couchtisch im Wohnzimmer liegt ein aufgeklapptes Buch, "Das kompetente Kind" von Jesper Juul. Direkt daneben, auf dem Sofa hält die einjährige Luise gerade ihre Mittagsschlaf. Zu sehen ist nur ein kleiner Kopf mit hellbraunem Flaum, zu hören ist nichts. Harald Berger nutzt die Pause, um seinen Terminplan auf dem Computer durchzusehen. Jeden Tag gibt es mindestens zwei Einträge. Wann findet welche Krabbelgruppe statt, an welchem Tag hat sich Besuch angekündigt, wann kommt die Bio-Kiste? Alles ist ordentlich eingetragen. "Schließlich bin ich Manager, da versuche ich schon, meine Tage etwas zu planen", sagt Berger. Als Produktmanager in einem großen Software-Unternehmen spielen Planung, Zeitmanagement und Organisation für ihn eine wichtige Rolle. In den vergangenen Wochen musste Berger sich von der Vorstellung, alles planen zu können, verabschieden. Die ordentlichen viereckigen Zeiteinheiten auf dem Rechner haben wenig mit der Realität zu tun. Den Alltag bestimmt Tochter Luise, denn Berger ist seit gut drei Monaten in Elternzeit.

Elterngeld erleichtert Vätern Entscheidung

Wie Harald Berger nutzen immer mehr Väter das Anfang 2007 eingeführte Elterngeld für eine berufliche Auszeit. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes hat sich die Zahl der Väter, die zur Betreuung ihrer Kinder eine Pause im Beruf machen, seit Einführung des Elterngeldes mehr als verdreifacht. Lag der Väter-Anteil vor der Reform bei rund drei Prozent, stieg er bereits im ersten Jahr nach der Änderung auf 10,5 Prozent. Viele Familien können sich durch die Neu-Regelung nun auch eine berufliche Auszeit des Hauptverdieners - in den meisten Fällen ist das immer noch der Vater - leisten.

Luise ist inzwischen aufgewacht. Sie sitzt bei ihrem Papa auf dem Schoß und brabbelt vor sich hin. Vor einigen Wochen hat sie ihren ersten Geburtstag gefeiert. "Nane", verlangt sie schließlich und ihr Papa versteht und holt einen Banane aus der Küche. "Klar war die neue Regelung auch für uns einer der ausschlaggebenden Gründe, die Elternzeit zu teilen", sagt Berger. Nicht, weil das Geld sein Interesse am Kind steigere, sondern weil sie andernfalls große Probleme hätten, die Miete für die Kreuzberger Altbauwohnung und die restlichen Lebenshaltungskosten zu bestreiten.

Am häufigsten in Berlin und Bayern

Das Elterngeld beträgt 67 Prozent des letzten Nettolohnes, mindestens 300 und höchstens 1800 Euro. Nimmt nur ein Elternteil die Leistung in Anspruch, wird das Elterngeld ein Jahr lang gezahlt. Teilen sich Mutter und Vater die Elternzeit, verlängert sich die Zahlungsdauer um zwei Monate. Im Ländervergleich wird die geteilte Elternzeit am häufigsten in Bayern und Berlin genutzt. Die wenigsten Elternzeit-Anträge stellen Väter aus dem Saarland.

Missen möchte Berger die Elternzeit jedoch auf keinen Fall. "Man hat ja ohnehin so selten die Gelegenheit, so viel Zeit mit seinem Kind zu verbringen und es so intensiv aufwachsen zu sehen." Das inzwischen zehn Prozent der Elterngeldanträge von Vätern gestellt werden, beeindruckt ihn wenig. "In Island bleiben immerhin 90 Prozent der Väter mit dem Nachwuchs zu Hause."

Teilzeit-Arbeiter sind Exoten

Berger bleibt nicht nur die obligatorischen zwei, sondern mehr als fünf Monate zu Hause. Die ersten neun Monate blieb seine Frau beim Baby, auch, um stillen zu können. Im Dezember haben sie Rollen getauscht. Mama geht zur Arbeit, Papa kümmert sich um Kind und Haushalt und sorgt dafür, dass abends etwas zum Essen auf dem Tisch steht. Auch nach der Elternzeit wollen beide Eltern so viel Zeit wie möglich mit dem Nachwuchs verbringen. Deshalb wird die junge Familie künftig auf zwei Vollgehälter verzichten und auf Dreiviertelstellen umsteigen. "Damit bin ich ein echter Exot in meiner Firma", so Berger. Unter den rund 200 Angestellten gäbe es zwar bereits einige wenige Väter, die Elternzeit beantragt hätten, aber keinen, der auf Teilzeit umgestiegen sei, um mehr Zeit mit der Familie zu verbringen.

Können Väter wirklich die traditionelle Mutterrolle übernehmen? In breiten Teilen der Gesellschaft ist das immer noch umstritten. Viele Menschen glauben nach wie vor, dass Kinder, insbesondere im Baby- und Kleinkindalter, in erster Linie zur Mutter gehören. "Die Nähe zwischen Mutter und Kind ist ein ganz wichtiger Faktor in der Bildung der kindlichen Seele", sagte so auch Altkanzler Helmut Schmidt diese Woche im Zeit-Magazin Leben. Väter würden erst später wichtig, aber nicht im Kleinkindalter.

Kaum "richtige" Argumente

Luise sieht das offensichtlich anders. Sie sitzt glücklich bei ihrem Papa auf dem Schoß und guckt sich ein Bilderbuch aus Holz an. Warum noch immer viele Männer die Elternzeit ablehnen, ist auch Berger unbegreiflich. "Ich habe bisher kein einziges richtiges Argument gegen Männer in Elternzeit gehört", sagt er und fügt grinsend hinzu: "Man muss ja nicht gleich anfangen, Brigitte zu lesen und jede Woche einen Kuchen backen." Auch in seinem Elternzeit-Blog www.ichundluise.blogspot.com berichtet er regelmäßig über seine Erfahrungen und macht auch anderen Vätern Mut: "Man(n) kann Hausmann sein ohne dabei zur Hausfrau zu mutieren", heißt es in einem Eintrag. Die häufig vertretene These, Elternzeit sei ein Karrierekiller, lässt er nicht gelten. Arbeitgeber seien vielleicht noch nicht auf Fulltime-Väter eingestellt, meint er, das größere Problem sei aber, dass viele männliche Arbeitnehmer sich nicht trauten, zu fragen.

"Früher habe ich auch gedacht, dass Mutter und Baby untrennbar zusammen gehören", gibt Berger zu. Die Frau habe schließlich die natürlichen Werkzeuge, ein Kind auf die Welt zu bringen und zu stillen. Heute ist sich der 35-Jährige aber sicher, dass Väter genauso gut betreuen und erziehen können wie Mütter. "Hier in Kreuzberg bin ich mit dieser Einstellung sowieso Mainstream", sagt er. Aus Geburtsvorbereitungskursen, Krabbelgruppen und dem weiteren Bekanntenkreis kenne er nur sehr engagierte Väter. Selbst wer nicht in Elternzeit gehe, beteilige sich aktiv am Leben des Nachwuchses. Die schönste Gegenleistung für die Teilung der Elternpflichten bekomme er jeden Tag von seiner Tochter, so Berger. "Für Luise ist es egal, ob Mama oder Papa da ist. Wir sind für sie völlig gleichberechtigt, und das, obwohl ich keine Brüste habe."

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