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"Mütter müssen zur Schallplatte werden"

70 Prozent der Kinder sind gestört, sagt Psychiater Michael Winterhoff. Der Erziehungsbuchautor macht dafür die Eltern verantwortlich. Im stern.de-Interview erklärt er seine provokanten Thesen.

Herr Winterhoff, Ihr Buch "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" hat großes Aufsehen erregt. Das ist nicht verwunderlich: Sie werfen Eltern, die einen partnerschaftlichen Umgang mit ihren Kindern pflegen, "emotionalen Missbrauch" vor. Das sind harte Worte. Wollen Sie zurück zur autoritären Erziehung?

Genau so möchte ich nicht verstanden werden. Es geht nicht um Vorwürfe und auch nicht um die Frage, autoritäre oder antiautoritäre Erziehung. Ich bin Psychiater und kein Pädagoge. Mir fällt auf, dass mit dieser Gesellschaft etwas nicht stimmt. 70 Prozent der Kinder sind gestört.

Wie kommen Sie auf diese Zahl?

Da gibt es einen ganz einfachen Test: Gehen Sie in eine Schulklasse und bitten Sie die Kinder, ihr Deutschbuch hervor zu holen. Sie werden Ihre Bitte mindestens drei Mal wiederholen müssen und einzelne Kinder auch dann nicht dazu bringen, wenn Sie sie mit Namen ansprechen. Ein Drittel der Kinder wirkt abwesend, ein Drittel macht andere Dinge, sie reden, hören Musik, toben durch den Raum. Das ist der blanke Horror. Schulkinder sind heute entwicklungspsychologisch gesehen auf dem Stand von unter Dreijährigen.

Dass ein Lehrer eine Aufforderung mehrmals wiederholen muss, ist doch nichts Ungewöhnliches. Wieso kommen Sie gleich mit der Entwicklungspsychologie?

Weil es nicht nur darum geht, dass Kinder hin und wieder etwas frech sind. Es geht um eine auffällige Diskrepanz, die mir in meiner psychiatrischen Praxis schon lange zu schaffen macht: Zu mir kommen engagierte Eltern, die alles für ihr Kind tun möchten, intakte und vollständige Familien - eigentlich optimale Bedingungen, um ein Kind groß zu ziehen. Trotzdem sind die Kinder verhaltensauffällig und meist respektlos. Sie wirken wie behindert, aber sind es nicht. Die Eltern sind ratlos, schließlich tun sie alles für ihr Kind. Und genau da liegt das Problem. Das ist ein Problem der modernen Erziehung.

Früher war also alles besser? Wie lange ist ihr früher her?

Nicht lange. Noch vor 20 Jahren hatten wir eine ganz andere Gesellschaft. Sie wirkte geordnet und in sich abgegrenzt. Und es gab einen eindeutigen Konsens: Kinder wurden als Kinder gesehen. Partnerschaftliche Umgangsformen gab es erst gegenüber älteren Kindern oder Jugendlichen. Die Erziehung bestand aus zwei Systemen: Dem traditionellen Hierarchiedenken und dem modernen Denken, nach dem Kinder erst begreifen sollen, wieso etwas erlaubt oder verboten ist und auf dieser Grundlage handeln. Seit 16 Jahren behandelt man Kleinkinder als wären sie Erwachsene.

Was hat das mit der geordneten Gesellschaft zu tun?

Seit Anfang der Neunziger hat sich ein enormer Wohlstand ausgebildet, dazu kommt ein großer technischer Fortschritt. Die Erwachsenen kümmern sich mehr um sich selbst, die Menschen sind egoistischer geworden. Das liegt auch daran, dass die Gesellschaft weniger Orientierung bietet und weniger Sicherheit. Wir haben uns zu einer angstschürenden Gesellschaft entwickelt, die nicht mehr positiv zukunftsweisend ist. Diese Veränderung verkraften wir nicht, die Menschen sollten sich die Sinnfrage stellen. Stattdessen wird über das Kind kompensiert.

Sie haben drei Beziehungs-Störungen zwischen Eltern und Kindern in der modernen Gesellschaft ausgemacht: Partnerschaftlichkeit, Projektion und Symbiose. Ein komplexer Ansatz. Muss man heutzutage Psychologie studieren, um ein Kind erziehen zu können?

Nein, natürlich nicht. Es war nicht einfach, die Störungen zu erkennen. Aber sie sind einfach zu verstehen, deshalb habe ich ja das Buch geschrieben. Ich habe das Thema seit ein paar Jahren in der Schublade. Jetzt ist die Gesellschaft so weit, meinen Ansatz verstehen zu können und etwas zu ändern.

Machen Sie ein einfaches Beispiel: Was ist das Problem einer partnerschaftlichen Beziehung?

Kleine Kinder sind damit überfordert. Ihre Nervenzellen müssen zuerst trainiert werden und das geht nur durch Wiederholung, nicht durch Verstehen. Eine Mutter muss ihrem Kind vier Jahre lang jeden Tag sagen, dass es nach dem Essen seinen Teller wegräumen soll. Mütter müssen zur lebenden Schallplatte werden von morgens bis abends. Sonst werden die Nervenzellen nicht trainiert.

Das klingt biologistisch und ein bisschen altmodisch. Wieso ist es ein Fehler, einem Kind zu erklären, wieso der Tisch abgeräumt werden muss?

Weil die Psyche erst gebildet werden muss. Stellen Sie sich einen Tennistrainer vor, der seinem Schützling erklärt, wie Tennis geht. Dann macht er es ihm vor. Und dann meint er, der Schüler kann Tennis spielen. Das kann er aber nicht. Er wird Jahre brauchen und immer wieder die gleichen Bewegungen trainieren müssen. Er lernt nicht durch Verstehen, sondern durch Tun. So ist das bei kleinen Kindern. Man darf sie nicht als Erwachsene behandeln und ihnen zumuten, alles selbst einzuordnen und zu entscheiden.

Aus diesem Grund verurteilen Sie Freiarbeit an Grundschulen: Kinder sollen nicht entscheiden dürfen, was sie wann lernen wollen. Andererseits sind Freie Schulen sehr erfolgreich mit genau diesem Konzept: Wie erklären Sie sich das?

Es geht um mehr als Schreiben und Rechnen lernen. Die Frage ist doch: Was soll dieser Mensch in 20 Jahren können? Ihm wird der Sinn für Pünktlichkeit, Fleiß und Autoritäten fehlen. Schon heute wird die mangelnde Ausbildungsreife der Jugend beklagt. Diese Menschen haben auch als Erwachsene keine Chance, wenn wir die moderne Erziehung nicht überdenken.

Freiarbeit führt zu mangelnder Ausbildungsreife?

Ich verurteile Freiarbeit nicht prinzipiell, aber sie muss gelenkt sein. Ein Lehrer, der die Kinder als Partner sieht, wird sie selbst entscheiden lassen. Kinder müssen aber als Kinder gesehen und gelenkt werden, sonst werden ihre Nervenzellen nicht trainiert und am Ende wird das Thema an einen Therapeuten abdelegiert. Vor allem wenn die zweite Beziehungsstörung der Projektion dazu kommt: Immer mehr Eltern wollen von ihrem Kind geliebt werden.

Ist das nicht verständlich?

Kinder lieben ihre Eltern so oder so. Selbst wenn sie sie missbrauchen oder schlagen. Es ist keine Kunst, von seinem Kind geliebt zu werden. Aber es ist eine problematische Motivation, ein Kind zu haben, um von jemandem geliebt zu werden. Auch das ist ein Problem der modernen Gesellschaft, die keine Orientierung und keine Anerkennung bietet.

Wieso entwickeln sich Kinder, deren Eltern geliebt werden wollen, zu kleinen Tyrannen?

Weil Eltern dann nicht mehr nein sagen können. Sie haben Angst, Grenzen zu setzen und dann nicht mehr geliebt zu werden. Das ist wie in einer Firma: Ein Chef, der geliebt werden will, kann kein Chef sein. Noch schwieriger ist es, die Symbiose anschaulich zu machen. In einer Gesellschaft, die nicht positiv zukunftsweisend ist, sehen immer mehr Eltern ihr eigenes Glück in dem ihres Kindes. Sie leben eine Symbiose. Diese Eltern merken überhaupt nicht, wenn ihr Kind rotzfrech ist. Sie fühlen sich angegriffen, wenn man sie darauf anspricht. Ich mache weder Eltern, Erziehern oder Lehrern Vorwürfe. Das ist ein Problem der Gesellschaft: Kinder bieten sich zur Kompensation an. Aber das ist Missbrauch des Kindes.

Sie sagen, Sie beobachten diese Störungen schon seit Jahren. Wie kann die Gesellschaft aus solchen eingefahrenen Strukturen ausbrechen? Was ist die Lösung?

Wir sind noch nicht bei der Lösung, sondern bei der Diagnose. Alle pädagogischen Konzepte versagen. Ich habe einen Erklärungsansatz dafür geliefert, der zeigt, dass sich das Dilemma nicht mit immer neuen pädagogischen Konzepten lösen lässt. Jeder Erwachsene ist gefordert zu überprüfen, ob er unbewusst über sein Kind kompensiert. Erst nach dieser Einsicht können wir über Lösungen reden.

Wie lange geben Sie der Gesellschaft für so eine Einsicht? Sind Sie optimistisch?

Mein Buch hat heftige Diskussionen ausgelöst. Das ist gut. Wenn man diese Strukturen erstmal erkennt und begreift, kann man sie relativ schnell verändern. Für viele Menschen haben die Erkenntnisse meines Buches ein Aha-Erlebnis ausgelöst. Die Menschen erkennen sich wieder, Störungen sind nachvollziehbar - und das birgt die Chance zur Veränderung.

Interview: Eva Wolfangel

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