HOME

Außer Rand und Band?

Sie sind uns kostbar, sie sind niedlich und doch kleine Monster, die - oftmals mit Gebrüll - die völlige Unterwerfung ihrer Eltern verlangen. Die werden um des lieben Friedens willen schwach, statt Regeln zu setzen. Wie gehen wir mit unseren Kindern um? Gibt es noch so etwas wie Erziehung?

Von Stefanie Rosenkranz

Was ist klein, rund und süß, liegt quer in der Kinderkarre, brüllt so laut, dass die Regale im Supermarkt scheppern, weil es keinen Schokoriegel bekommen hat, und wird von seiner Mutter angeraunzt? Es ist ein ganz normales Kind mit einer ganz normalen Mutter.

Was ist klein, rund und süß, liegt quer in der Kinderkarre, brüllt so laut, dass die Regale im Supermarkt scheppern, weil es keinen Schokoriegel bekommen hat, und wird von seiner Mutter geduldig darüber aufgeklärt, dass Schokolade nicht gut sei für die Gesundheit, worauf sie einen Fußtritt bekommt, worauf sie dem unterdes puterroten Winzling eine makrobiotische Scheibe Puffreis anbietet, die das niedliche Monster ablehnt und unter eine Pyramide von Tomatendosen im Sonderangebot schmeißt, worauf die Kassiererin dem Kind einen Lolli in die Patschhand drückt, worauf die Mutter dem Monster den Lolli entreißt - "Julian isst nur Vollwertkost!" -, worauf der Alien im Buggy noch lauter schreit, worauf die Kassiererin mit 140 Dezibel brüllen muss: "16 Euro 20!", worauf die Mutter ihre Produkte der Firma Frosch endlich bezahlt, aber wegen ihres quer hängenden Sohnes nicht weiterkommt, worauf ein älterer Herr ihr dabei hilft, die Karre nebst Inhalt über die Kasse hinwegzuhieven? Es ist ein deutsches Kind mit einer deutschen Mutter.

Jeder kennt solche Bonsai-Terroristen; manchmal sind es sogar die eigenen Kinder.

Keine Manieren, aber vielleicht hochbegabt

Da ist die entzückende Lea* aus Halle. Dass wir den wirklichen Namen des kleinen Engels nennen, möchten die Eltern - aus nachvollziehbaren Gründen - nicht. Lea also. Mit vier saß sie noch im Kinderwagen, zugleich bekam sie Englischunterricht. Jetzt ist sie neun Jahre alt und zerreißt bei ihrer Erstkommunion ein Buch, das ihr gerade von ihrem Patenonkel geschenkt wurde. Während die Eltern - sie Germanistin, er Unternehmensberater - entschuldigend lächeln, blicken alle anderen betreten zu Boden. Später, beim Essen, erzählt die Mutter von der Hochbegabung ihrer Tochter, die von unfähigen Ost-Ärzten partout nicht diagnostiziert werden kann, während der Vater den gnadenlosen Frontalunterricht in der Schule geißelt, auf der seine Tochter im Übrigen auf das Schlimmste gemobbt würde. Derweil klatscht Lea mit dem Handteller in ihren Teller, dass die Sauce nur so spritzt. "Kinder sind eben so", sagt die Mutter, wobei ihr nicht auffällt, dass außer ihrer Tochter noch vier weitere davon anwesend sind, die artig und mit Messer und Gabel ihre Mahlzeit zu sich nehmen. Allerdings ergreifen sie bei der ersten Gelegenheit die Flucht, um bloß nicht mit Lea spielen zu müssen, die inzwischen unterm Tisch liegt und Essensreste auf dem Fußboden verschmiert.

Da ist der engelsgleiche Gabriel* aus Hamburg, blond gelockt und allerliebst, vier Jahre alt, der die schneeweiße Terrasse des Ferienhauses in Italien mit seinen Exkrementen beschmiert, genau in dem Moment, in dem sich seine Eltern und deren Freunde dort zum Aperitif niederlassen wollen. Die Freunde fliehen, die Eltern wischen. Gabriel wischt nicht, niemand hat es von ihm verlangt. Stattdessen beißt er seiner Mutter mit Wucht in die Wade, sie schreit: "Aua! Spinnst du?", worauf Gabriel anfängt zu brüllen und sich einige Tränen abpresst. Prompt kniet seine Mutter vor ihm nieder und nimmt ihn in den Arm. "Ich habe es nicht so gemeint! Es tut mir so leid!" Anschließend wischt seine Mutter weiter, Gabriel kippt derweil das Tablett mit den Gläsern um.

Knapp über 680.000 Kinder werden dieses Jahr in der Bundesrepublik geboren werden, rund hunderttausend weniger als vor zehn Jahren. Längst haben sie hierzulande den Status von Pandas: Sie sind rar, sie sind niedlich, und nicht selten sind sie höchst sonderbar. Je weniger Kinder es gibt, desto mehr interessieren sich die Deutschen für sie, als wären minderjährige Bundesbürger so exotisch wie wilde Schimpansen. Fasziniert betrachten sie Sendungen wie "Die Super Nanny", darin das Kinderzimmer als dunkle, wenngleich keineswegs lockende Welt dargestellt wird, gebannt verfolgen sie Dramen über Gewalt gegen Kinder und gewalttätige Kinder, gespannt lesen sie Bücher über die Apokalypse im Laufstall - beziehungsweise auf dem ökologisch einwandfreien Schaffell.

Am Rande der Katastrophe

Derzeit steht das Buch "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" vom Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff hoch im Kurs. Der wähnt Deutschland - nicht ganz ohne Wollust - am Rande einer Katastrophe, vergleichbar nur mit dem Zweiten Weltkrieg. Unsere Gesellschaft werde immer komplexer, die Erwachse- nen immer verstörter, die Kinder zunehmend komplizierter. Sie könnten nicht richtig sprechen, sich nicht konzentrieren, seien motorisch unterentwickelt, machten mit drei immer noch in die Hose, seien unfähig zu Freundschaften, könnten Frustrationen nicht ertragen.

Und die Eltern der Brut? Keineswegs nur sinistere Sozialfälle, die Schnapsflasche in der linken und die Fernbedienung in der rechten Hand. Sondern vielfach Akademiker, bemüht um ihre Deszendenz, die Regale proppenvoll mit Erziehungsratgebern. Wie zum Beispiel Stephanie und Thomas aus einem Vorort bei Köln. Als ihre Tochter Anna* auf die Welt kam, waren sie sich beide über ihr Erziehungsideal einig: Sie wollten ihre Tochter freiheitlich erziehen. Mit Liebe statt Grenzen. Mit Argumenten statt Vorschriften. Heute, vier Jahre später, beschleicht sie nicht selten das ungute Gefühl, dass dabei irgendwas auf der Strecke geblieben ist. Sie selbst zum Beispiel.

Wenn sie mit Anna im Restaurant sitzen und sie fragen: "Was möchtest du denn gern essen?", und die Vierjährige ruft: "Scampis, ganzen Teller voll", dann bestellen sie Scampis. Doch wenn der Teller kommt, so schreit sie: "Nein, will keine Scampis! Will Pizza!" Dann bestellen sie Pizza - und das Spiel wiederholt sich. Inzwischen zerrt ihre Tochter Tag für Tag an ihren Nerven. So blond, so süß, so unerträglich. Im Auto bestimmt Anna, wer am Steuer sitzt und wer auf dem Rücksitz - also hockt Stephanie meistens hinten. Ins Bett will sie nicht vor halb elf - also verbringen die Eltern ihre Abende mit Puppenspiel und Lego. Gespräche mit Freunden in Anwesenheit von Anna sind inzwischen völlig undenkbar, weil die Kleine geteilte Aufmerksamkeit nicht erträgt.

Traurige Domestiken-Eltern

"Wir haben uns bewusst dazu entschieden, Anna möglichst antiautoritär zu erziehen. Nicht komplett ohne Grenzen, aber eben nur mit wenigen, die wir immer gut begründen wollten. Inzwischen bestimmt Anna unser ganzes Leben", sagt Thomas. Das tragische Ergebnis all der Mühe: traurige Eltern, die sich selbst zu Domestiken reduziert haben, und ein zutiefst unglückliches Kind. Denn Anna, der goldige Kotzbrocken, wird vermutlich in der Schule herumzappeln, nie zuhören, wenig Freunde haben und der Schrecken ihrer Klassenkameraden und Lehrer werden.

Auch bei denen liegen die Nerven längst blank, zumal sie von den Eltern kleiner Terroristen häufig auf das Heftigste angefeindet werden, weil sie die schlummernden Talente der Mini-Diktatoren angeblich weder erkennen noch fördern.

"Manchmal frage ich mich: Was sind wir eigentlich - Familientherapeuten, Streitschlichter, Psychologen, Psychiater, Ersatzmütter?", rätselt etwa Monika Huber, Lehrerin an einer Grundschule in Karlsruhe. "Tatsache ist, dass uns immer mehr Aufgaben zuwachsen, die eigentlich Sache der Eltern sind. Das fängt schon morgens an: Pausenbrot? Fehlanzeige. Jedes zweite Kind in meiner Klasse kriegt von den Eltern Geld in die Hand gedrückt mit den Worten: 'Kauf dir was!'" Beim Treppensteigen müssten sich manche Erstklässler noch am Geländer festhalten, im Sportunterricht brauchten sie beim Balancieren auf einer Bank eine stützende Hand. "Viele können nicht mehr richtig rennen. Da schlackert immer ein Arm oder ein Bein mit. Sie haben Angst, eine Sprossenwand hochzuklettern. Mit zwei Jahren wurden sie aufs Schaukelpferd gehievt, mit vier an der Kletterwand hochgehoben. Diese Kinder haben nie gelernt, wie man sich durch eigene Kraft etwas erobert."

Besonders Eltern aus der Mittelschicht lebten in ständiger Angst um den Nachwuchs und wollten ihn immerzu behüten. "Die Kleinen dürfen auf dem Spielplatz nicht auf die Kletterspinne, weil die Mütter das zu gefährlich finden. Auch zu Fuß zur Schule zu gehen ist zu gefährlich, deshalb fährt sie Mama. Später sitzen solche Kinder am liebsten vor dem Computer. Das ist Mama lieber, weil es sicherer und bequemer ist." Hubers Fazit: "Manche Eltern haben einfach aufgegeben, zu erziehen. Oder nie damit begonnen."

Eine Brigade von Ekelpaketen

Zunehmend ratloser steht die Gesellschaft vor einer Brigade von Ekelpaketen außer Rand und Band, mal gewandet in Prada und ausgerüstet mit Handys, Fernsehern sowie Computern, mal genährt mit makrobiotischer Kost, gekleidet in ökologisches Textil und hochgerüstet mit Anthroposophen- Puppen und Holzspielzeug.

Die Saddam Husseins im Taschenformat terrorisieren in ihrem Allmachtswahn Heerscharen von Erwachsenen, die ihrer nicht Herr werden können - Eltern und Pädagogen, Erzieher und Lehrer.

Freundeskreise und Ehen zerbrechen an den Tyrannen, die einst geistig genährt wurden mit allerliebsten Janosch-Kinderbüchern, um mit 13 gleichwohl am liebsten "The Texas Chainsaw Massacre" zu gucken und zu ihrer Lehrerin zu sagen: "Verpiss dich, du alte Fotze." Derweil kriechen ihre Eltern auf der Schleimspur um sie herum, kleiden sich wie ihre Sprösslinge, sprechen wie sie - "Hey, Alter!" - und versuchen verzweifelt, ihren Kindern ein Partner zu sein, was regelmäßig mit dem Urteil quittiert wird: "Ihr seid einfach nur total peinlich."

Die Intuition fehlt

Wie konnte das passieren? "Was den meisten Eltern heute fehlt, ist die Intuition", findet der Kinder- und Jugendtherapeut Wolfgang Oelsner aus Köln. Doch gerade die haben Pädagogen aller Schattierungen den Eltern hierzulande in den vergangenen vier Jahrzehnten systematisch ausgetrieben. Nirgendwo in Europa wird seit dem Zweiten Weltkrieg der an und für sich banale Vorgang der Aufzucht des Nachwuchses dermaßen mit Ideologie überfrachtet wie in der Bundesrepublik; wohl kaum ein Land der Welt ist so anfällig für neue pädagogische Konzepte, und seien sie auch noch so wirr.

Hin und her schlägt das Pendel der ultimativen Erfolgsrezepte. Auf die autoritäre folgte die antiautoritäre Erziehung, auf den Frontalunterricht die Gruppe, auf das Lernen das Kuscheln, auf den Zwang die Freiheit, auf Regeln das Laissez-faire, auf die Rechtschreibung die kreative Rechtschreibung, auf die Abschaffung der Erziehung der Schrei nach Zucht und Ordnung, auf die Verdammung der Eliten die Forderung nach Leistung. Völlig auf der Strecke bleibt dabei der gesunde Menschenverstand, der geradezu systematisch unterdrückt wird.

Muss ich wirklich zum Vollidioten mutieren, damit meine Süße glücklich wird? Ist es normal, dass wir jeden Abend heulend auf der Bettkante sitzen, um unseren Sohn in eine Lichtgestalt zu transformieren? Auf diese Fragen antwortet ganz Deutschland mit Ja. Hierzulande Kinder zu haben ist ein Martyrium, das ist man den kleinen Teutonen irgendwie schuldig; auch nach dem 1654. Mal darf man auf die Frage "Warum?" nicht zurückbellen "Weil es einfach so ist!", sondern muss sagen: "Schätzchen, du hast das alles echt toll gemacht, nur wird das Wort ‚und‘ einfach nicht mit einem t am Ende geschrieben, aber ich bin echt stolz auf dich, wirklich."

Ein Alltag ohne Anstrengung

Während junge französische Eltern den Klassiker "J'élève mon enfant" - "Ich erziehe mein Kind" - von Laurence Pernoud lesen, wird deutschen Eltern gern "Auf der Suche nach dem verlorenen Glück" geschenkt, ein Buch der amerikanischen Anthropologin Jean Liedloff, die darin den reichlich schrägen Vergleich zwischen Industrienationen und den Yekuana-Indianern am Amazonas wagt, die ihre Kinder offenbar gar nicht erziehen. Während Pernoud empfiehlt: "Auf Dauer sollten nicht Sie sich an den Rhythmus des Kindes anpassen, sondern das Kind sich an Ihren", fordert Liedloff das genaue Gegenteil: permanente Leibesnähe und einen Alltag ohne Anstrengung.

"Ständig bezichtigen sich die Deutschen gegenseitig der Kinderfeindlichkeit", so die Französin Béatrice Durand, Dozentin für Romanistik an der Universität Halle, die seit 1990 mit ihrem deutschen Mann und drei Kindern in Berlin lebt und in ihrem Buch "Die Legende vom typisch Deutschen" ironisch über ihre Erfahrungen als Mutter in der Bundesrepublik geschrieben hat. "Ich finde sie nicht kinder-, sondern elternfeindlich. Alles muss kindgerecht sein; immer, ständig und überall geht es um das Wohl des Kindes. Nie aber ist die Rede vom Wohl der Eltern."

Ein Baby zur Welt zu bringen bedeute hierzulande, "vor einer sakralen Aufgabe zu stehen, die man einerseits nur selbst erledigen kann und an der man andrerseits scheitern muss. Man schuldet seinem Kind all seine Zeit, all seinen Schlaf, all seine Liebe, all seine Mühe, und es ist doch nie genug. Eine gute deutsche Mutter ist eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, die sich trotzdem schuldig fühlt".

Das Kind ist der edle Wilde

Alles, was das Zusammenleben mit einem kleinen Kind noch komplizierter macht, wird in Deutschland begieriger als anderswo aufgenommen - keine Pampers, sondern Stoffwindeln, keine Antibiotika bei Mittelohrentzündungen, sondern von Hand ausgepresster Zwiebelsaft, keine Fläschchen, sondern Stillen bis zur Einschulung. Manche Eltern gehen so weit, selbst große Errungenschaften des 20. Jahrhunderts von ihren Kindern fernzuhalten, wie etwa Impfstoffe gegen Masern, Windpocken oder Keuchhusten. In einer technologisch hochgerüsteten und globalisierten Welt ist das Kind der edle Wilde, dem man nicht einmal mehr den Gang aufs Klo zumuten will. Während man früher einfach sagte: "Du gehst jetzt ins Bett, und damit basta!", wird endlos mit dreikäsehohen Analphabeten verhandelt, die dadurch hoffnungslos überfordert sind.

Längst ist die Kindheit, die unterdes etwa bis zur Vollendung des 30. Lebensjahres dauert, zu einem "Fall" mutiert, über den sich die ganze Nation beugt. Auf Augenhöhe robben dort Eltern ihrer Brut entgegen und fragen besorgt: Möchtest du dieses Jahr lieber nach Sizilien oder nach Dänemark? Willst du Nutella oder Honig? Möchtest du jetzt ins Bett oder lieber später? Und züchten mit ihrer Wohlfühl-Pädagogik ungewollt unglückliche Despoten heran, die zwar die eigenen Eltern manipulieren können, aber eben doch nicht die böse Welt, vor der sie immer gewarnt wurden. Aufgewachsen in einem einzigen Schlaraffenland und mit Erwachsenen, die sich ihretwegen stets zum Affen machen, werden sie die allergrößte Mühe haben, sich zu sozialisieren.

"Sobald heute ein Baby auf die Welt gekommen ist, geht es los mit Pekip, Krabbelgruppe und Babyschwimmen", sagt Regine Schneider, Mutter einer Tochter und Autorin des Buches "Die kleinen Bosse - wenn der Nachwuchs die Führung übernimmt". "Der Säugling bestimmt das Leben seiner Eltern rund um die Uhr fremd. Plötzlich ist nicht mehr die Mann- Frau-Beziehung wichtig, sondern die Beziehung zum Kind."

"Starke Persönlichkeiten"

Aus den Wunschkindern, die heute geboren würden, sollten "gefestigte und starke Persönlichkeiten werden. Will doch jeder mit seinem gelungenen Kind glänzen. Und statt autoritär wollen Eltern partnerschaftlich und demokratisch erziehen".

Das Ergebnis sei ziemlich deprimierend. "Aus lauter Angst, beim ‚Projekt Kind‘ etwas falsch zu machen, den Nachwuchs etwa durch Nichtbeachtung zu frustrieren, ihn durch ein lautes Wort oder Verbot zu demotivieren, sein Urvertrauen zu erschüttern, machen Eltern viel zu viel", sagt Schneider. "Sie verwechseln Liebe und Geborgenheit mit Geben und Grenzenlosigkeit." Die Kinder seien maßlos verwöhnt, hielten sich für den Nabel der Welt und entwickelten eine unglaubliche Anspruchshaltung. "Als unerträgliche Tyrannen werden sie ihre Eltern zur Weißglut treiben und ihren Mitmenschen auf der Nase herumtanzen. Sie haben gelernt: Ich bin die Sonne, alles dreht sich um mich. Sie quengeln, quatschen dazwischen und wollen alles sofort."

Eltern sollten "Leuchttürme" sein, verlässlich und klar, findet der dänische Familientherapeut Jesper Juul, Gründer des "Familylab", eines Beratungsforums im Internet. "Dann können Kinder lernen, wie man navigiert. Nun ist in manchen Familien in den vergangenen Jahren das Gegenteil passiert. Die Kinder sitzen auf dem Fahrersitz, und das ist furchtbar. Sie können sich nicht entwickeln, sie werden krank davon - und die Eltern natürlich auch."

Eltern brauchen Führungsqualität

Spätestens, wenn die sich nur noch als Cateringunternehmen fühlten und zugleich die Empfindung andauernder Selbstaufgabe hätten, müssten sie die Reißleine ziehen und Hilfe suchen - oder endlich "Leadership" an den Tag legen, nämlich Führungsqualitäten. Mit anderen Worten: Sie sollen endlich anfangen, ihre Kinder zu erziehen.

Und die kleinen Tyrannen, die Teufelsbrut? Die sträubt sich nicht mal groß. "Also, meine Meinung zur Erziehung ist", schreibt die zehnjährige Nini aus der Münchner Grundschule Maria Ward in einem Aufsatz, "dass es manchmal so richtig nervend ist. Man fühlt sich wie ein Sklave, der in seine Arbeit eingeweiht wird. Doch es kann auch manchmal hilfreich sein, das muss ich zugeben."
*Namen geändert

Mitarbeit: Anette Lache, Kerstin Schneider; Rupp Doinet, Ingrid Eißele, Karin Kontny, Matthias Lauerer, Franziska Reich, Holger Witzel

print

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools

  • Stefanie Rosenkranz