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Du kommst ins Internat!

Die Ansprüche wachsen, viele Schüler sind überfordert, viele Eltern ratlos. Auch deshalb boomen Deutschlands Internate. Sie versprechen, woran Eltern und Schulen oft scheitern: Erziehung.

Von Beate Flemming

Eigentlich hatte Youcef mit 16 seine Zukunft schon ziemlich vermasselt. Die 7. Klasse der Realschule in Erlangen hat er "freiwillig wiederholt", in der 9. hingen die Noten wieder im Keller. Und dann noch die Sache an Halloween: Da wollte Youcef seinen Lehrer besuchen. Der war aber nicht zu Hause. Ging er eben in den Garten und riss ein paar Bäume aus. Das trug nicht zur Besserung der Lage bei. Notendurchschnitt: 5,1.

Keine Realschule der Umgebung wollte Youcef aufnehmen. Da kam er auf die Idee mit dem thüringischen Internat Haubinda. "Ein Freund hatte mir davon erzählt. In Thüringen ist die Schule viel einfacher als in Bayern, und außerdem sind in Haubinda die Lehrer besser." Weil seine Eltern das Schulgeld nicht aufbringen konnten, überredete er das Jugendamt, das Projekt zu sponsern. Jetzt hat Youcef in Haubinda seinen Realschulabschluss gemacht, Notenschnitt: 2,1. Und hat dazu einen Ausbildungsplatz zum Krankenpfleger.

Bayern als Hauptlieferant

Auch Linda scheiterte am bayerischen Schulsystem - "unsere eifrigste Zulieferindustrie", wie Haubinda-Direktor Burkhard Werner sich ausdrückt. Erst besuchte Linda in München das Gymnasium, durchaus erfolgreich, außer in Mathe. "Ich habe gebüffelt, aber die Lehrer haben mich entweder angeschrien oder gesagt: ‚Du bist faul.‘" Sie verließ das Gymnasium Richtung Realschule. Auch dort war Mathe unbesiegbar, die anderen Noten reichten nicht zum Ausgleich. "Es drohte die Hauptschule", meint Linda - und kam von München nach Haubinda. Mathe? "Hab ich jetzt endlich im Griff ", sagt sie, Notendurchschnitt im letzten Zeugnis: 2,4.

Solche Happy-End-Geschichten sind in Haubinda keine Ausnahme. "In der Regel schafft hier jeder seinen Abschluss", sagt Schulleiter Werner. Weil er hinterhergeschmissen wird? "Weil die meisten hier sehr viel Ehrgeiz entwickeln", sagt Werner.

Haubinda ist eins von 180 Internaten in Deutschland. Die Nachfrage boomt laut Auskunft der Internatsverbände, und auch die Zahl der angebotenen Plätze hat sich in den vergangenen Jahren um zehn Prozent erhöht. Ursachen gibt es genug: vollgestopfte Lehrpläne, überforderte Schüler und ratlose Eltern. Vor allem der gesellschaftspolitische Trend, Kinder als zukünftige Leistungsträger in Wissenschaft und Wirtschaft zu betrachten, als Rohstoff, der veredelt werden muss mit mindestens zwei Fremdsprachen, möglichst viel Naturwissenschaften und natürlich: Teamkompetenz.

Während die öffentlichen Schulen an Ganztagskonzepten basteln, um die hohen Ansprüche zu erfüllen und die Eltern zu entlasten, liefern Internate schon lange mehr: vormittags Lernen nach Lehrplan, nachmittags Lernen fürs Leben - Verantwortungsbewusstsein, Selbstständigkeit, Pflichtbewusstsein. Alles das, was die staatlichen Lehrpläne fordern, wozu die Schulen aber oft keine Zeit haben und viele Eltern keine Kraft.

70 Hektar Land gehören zum Internat Haubinda, am oberen Ende thront ein lichtes Fachwerkschlösschen, drum herum liegen die Wohnhäuser der Schüler. 600 Obstbäume werden von den Kindern beschnitten und geerntet. 20 Entenküken bevölkern jedes Frühjahr den Teich, werden im Herbst geschlachtet und gerupft. Jedes Jahr muss einem Schwein die Koppel gerichtet werden, auf der es herumtobt, bis die Schüler Wurst aus ihm machen. Dann sind da noch Stallhasen wie "Erkan" und "Stefan", gepflegt von Fünftklässlern, und rund 50 Coburger Hausschafe mit Bock und Lämmchen. Das Ziel des landwirtschaftlichen Betriebs ist, rein ökonomisch betrachtet, dass er sich selbst trägt. Pädagogisch wirft er mehr Gewinn ab als die Tennisplätze und Golfanlagen, mit denen andere Internate um Kinder werben. Nach wechselvoller Nazi- und DDR-Vergangenheit nahm Haubinda 1993 den Internatsbetrieb wieder auf - mit acht Schülern. Heute sind es 143, dazu kommen noch 267 Tagesschüler aus der Region.

Wenn öffentliche Schulen scheitern

Der Schulleiter sieht mehrere gesellschaftliche Gründe für den wachsenden Bedarf: zum einen die Globalisierung und Flexibilisierung des Arbeitsmarkts. So bekommt Haubinda immer öfter Schüler von Eltern, die plötzlich für unbestimmte Zeit ins Ausland versetzt wurden. Und fast die Hälfte seiner Zöglinge sind Scheidungskinder. Als Hauptursache betrachtet Werner aber "die hochgeschraubten Ansprüche der staatlichen Schulen" in vielen Bundesländern. Statt individueller Förderung betreibe das staatliche System weithin Selektion nach Leistungsstärke, sagt Hartmut Ferenschild, Vertreter der Vereinigung der Landeserziehungsheime, zu denen auch Haubinda gehört.

Internate hingegen, so Volker Ladenthin, Pädagogikprofessor an der Uni Bonn, bieten, woran herkömmliche öffentliche Schulen im Halbtagsbetrieb zusehends scheitern: Erziehung. Bis in die 80er Jahre hinein betrachteten die Eltern die als ihre Aufgabe, jetzt wachse die Gruppe der Überforderten. Unter den Grundschülern seien immer mehr nicht schulfähige Kinder mit motorischen, sprachlichen und sozialen Defiziten, stellt Ladenthin fest. Am anderen Ende des gesellschaftlichen Spektrums wachse die Zahl der anspruchsvollen Bildungsbürger-Eltern auf der Suche nach der besten Förderung für ihr Kind.

Vor diesem Hintergrund bieten Internate ihren Zöglingen eine Riesenchance. Im Gegensatz zum Familienleben richtet sich das Internatsleben ganz nach den Kindern aus und liegt in der Hand von Erziehungsprofis mit Konzepten im Kopf. Da gibt es kein Mittagessen aus der Mikrowelle, und im staatlichen Internat Marquartstein zum Beispiel dürfen die Kinder frühestens ab Klasse 8 fernsehen - und nie vor dem Abendessen.

"Völlig unzeitgemäß, dass es in Deutschland immer noch heißt: Wenn du nicht brav bist, kommst du ins Internat", findet Haubinda-Leiter Werner. Und maßlos teuer muss der Lernspaß nicht sein: Rund 220 Euro monatlich zahlen die Eltern der Umgebung für ihre Kinder, die Haubinda als Tagesschüler besuchen. Am Spätnachmittag rollen für die 267 Schüler die Busse vor. Für die 143 Internatsbewohner verlangt Haubinda 1806 Euro plus 250 Euro Nebenkosten. Zu viel für das deutsche Durchschnittsgehalt von gut 3000 Euro, aber noch günstig im Vergleich zu anderen Internaten.

Verschiedenste Beweggründe

2290 bis 2590 Euro beträgt die Monatsgebühr für die 170 Internatsschüler im Birklehof bei Hinterzarten, Statussymbole wie Designertäschchen und besondere Gürtelschnallen sieht man entsprechend öfter als in Haubinda. In der Nähe des Internats gibt es auch einen Neun-Loch-Golfplatz und einen Skilift. Die Ausstrahlung von Schulleiter Christof Laumont ist eher betriebswirtschaftlich.

Ein Internat zu betreiben verschlingt Unsummen. Unter anderem weil die oft in verträumten, sanierungsaufwendigen Schlösschen residieren. Auf der Sollseite stehen auch hohe Personalkosten: Küche, Erzieher und ein Lehrerkollegium, das an einer öffentlichen Schule fast doppelt so viele Schüler zu betreuen hätte. Rund 4100 Euro schießt das Land Baden-Württemberg dem Birklehof jährlich pro Schüler zu, die Mehrkosten muss Laumont reinholen. Unter anderem mit der Kostenstelle Öffentlichkeitsarbeit. Traditionell tragen die Internate untereinander einen Kampf ums Kind aus.

Die umworbene Kundschaft ist, entgegen herkömmlicher Annahmen, nicht elitär, sondern repräsentiert, wie Laumont formuliert, "die Bandbreite der Gesellschaft". Natürlich gibt es nach wie vor Diplomatenkinder, Sprösslinge der Großindustrie, Hochbegabte und ein paar Von-und-Zus. Sehr viele bringen Probleme in die vermeintlich heile Welt mit - vom wohlstandsverwahrlosten Scheidungskind, das bei der Suche nach dem neuen Partner nicht im Weg sein soll, bis zum magersüchtigen Opfer widriger familiärer Umstände aus einfachen Verhältnissen. Ein Heimplatz kostet 4000 bis 5000 Euro, ein anständiger Internatsplatz ist für die Hälfte zu haben, das wissen auch die Mitarbeiter der Jugendämter, die in besonderen Fällen schon mal die Kosten übernehmen.

Auch im Birklehof sind jede Menge Kinder, die im staatlichen System Schiffbruch erlitten haben - das Internat nimmt zu jedem Zeitpunkt des Schuljahres Schüler auf. Besonderer Ansturm gilt den 8. und 9. Klassen, wenn die Pubertät auf die Betroffenen und ihre Angehörigen in Tornadostärke trifft. Dennoch muss die Mischung stimmen: "Mehr als vier oder fünf Feuerwehrkinder" vertrage eine 9. Klasse nicht, so die Erfahrung von Laumont. Erleichterung verschafft man sich im Birklehof und anderen Internaten mit Stipendiaten: ausgeglichene, begabte, ehrgeizige und sozial kompetente Kinder, die von einem Internatsleben wie bei Harry Potter träumen, den Laden zusammenhalten, den Pädagogen zuarbeiten, die Mitschüler anspornen und bis zum Abitur den Klassenschnitt glattbügeln. Die Stipendiatenquote im Birklehof liegt bei 20 Prozent, eine höhere wäre nicht zu finanzieren.

Rund fünf Schüler pro Jahr muss Rektor Laumont der Schule verweisen. Ein paar, weil manche Eltern das Internat mit einer Therapie-Einrichtung verwechseln, ein paar andere, weil sie straffällig geworden sind, oder wegen Drogen- und Alkoholkonsums. Nicht selten helfen aber auch in diesen Fällen die Schulleiter, trotz Konkurrenzkampfs in Seilschaften verbunden, den Geschassten weiter.

Spürbare Unterschiede

So gibt es Jugendliche, die regelrechte Tourneen durch Deutschlands Internate machen. Manche kommen auch wieder an ihre alte Wirkungsstätte zurück. "Hab ich da gerade ein Déjà-vu gehabt?", fragt ein Lehrer beim Mittagessen die Schulleiterin von Schloss Hagerhof in Bad Honnef. "Nein", beschwichtigt Gudula Meisterjahn-Knebel, "der ist nur zu Besuch da."

Meisterjahn-Knebel ist eine gut gelaunte, anpackende Vollblutpädagogin, Präsidentin von Montessori Europa. Montessori, übersetzt sie, bedeutet: "Die Kinder suchen selbst ihren Weg." Dazu bekommen sie pro Schulwoche vier Doppelstunden Zeit. Die Lehrer haben einen Aufgabenpool erstellt, den die Schüler bearbeiten sollen. Die müssen entscheiden: Mache ich erst Deutsch oder Mathe oder Bio, die Gruppenarbeit oder das Werk für Kunst? Klassenlehrer Olaf Dörr, 39, wandert mit einem Klappschemel von Tisch zu Tisch, erklärt Rechenschritte, spornt Träumer an.

Die Arbeit an so einer Schule sei deutlich umfangreicher als an einer herkömmlichen, sagt er. Der Unterrichtsbetrieb dauert von morgens 8 bis 16.15 Uhr. Danach setzt sich Dörr zu Hause an die Unterrichtsvorbereitung, korrigiert Klassenarbeiten. Im Internat Birklehof ist auch samstags Schule. Wer dann noch neben dem Unterricht eine Wohngruppe betreut, die Kinder ins Bett bringt, nächtens Fieber misst, mit einem aufgestellten Ohr auf verdächtiges Knarzen von Fußbodendielen schläft und die Bagage morgens aus den Federn scheucht, der rechnet sein Engagement längst nicht mehr in Arbeitsstunden um. Die Fluktuation unter den Internatserziehern ist hoch.

Internatssuche als Geschäft

Um Lehrer wie Schüler werben die Internate auf den Anzeigenseiten der überregionalen Zeitungen. Auch einige "Internatsberater" mischen mit. Eine der bekanntesten Adressen: die Euro-Internatsberatung in München. Poliertes Messingschild neben der Haustür, viel moderne Kunst an hohen Altbauwänden. Das Geschäft dieser Firma funktioniert ähnlich wie bei Immobilienmaklern: Die Interessenten, sprich Eltern, bitten telefonisch um Rat und bekommen im Gegenzug Internate genannt, "breit gestreut", wie Geschäftsführer Wolfgang Tumulka erklärt - alles kostenlos. Entscheiden sich die Beratenen für eines der genannten Häuser, fordern die Makler 13 bis 20 Prozent einer Jahresgebühr, rund 3500 bis 6000 Euro - zu zahlen von den Internaten. Rund 80 Prozent der vermittelten Kinder bekommen die Berater nicht mal zu Gesicht.

Viel bleibt bei dieser Art von Beratung nicht von der Objektivität und Neutralität, die in den Hochglanzprospekten angepriesen wird. Selbst wer sich einen Internatsaufenthalt nicht leisten kann, ist für die Berater interessant, denn vielleicht springt ja der Staat ein. Dafür geben sie den Eltern auch praktische Tipps: Statt beim Jugendamt mit der Aussage "Mein Sohn hat drei Fünfen" vorstellig zu werden, empfehle sich die Formulierung "Mein Sohn hat seelische Probleme".

Fernab dieses kapitalistischen Wettkampfs führt Ephorus Tobias Küenzlen das evangelische Seminar Maulbronn, das auf eine Ahnengalerie berühmter Eleven verweisen kann. Auf den Astronomen Johannes Kepler ist man stolz, den Weltliteraten Hermann Hesse hingegen, der seinen traumatischen Maulbronn-Aufenthalt in der Erzählung "Unterm Rad" verarbeitete, empfindet Küenzlen bis heute als PR-untauglich. Im Prinzip ist noch vieles so, wie Hesse es beschrieb. Die Bewerber um die jährlich zu vergebenden 25 Plätze in der 9. Klasse werden im viertägigen "Landexamen" getestet, Zugangsvoraussetzung ist in der Regel ein Schnitt von mindestens 2,0 in der 8. Klasse und ein Empfehlungsschreiben des örtlichen Pfarrers.

Jeder Tag ist exakt durchgeplant

Maulbronn setzt statt Werbung auf Familientradition: Vater, Mutter, Onkel oder Tanten sind oft Ex-Seminaristen, nicht selten Pfarrer oder Lehrer. Seine Schüler bezeichnet Küenzlen als "Bildungselite". Sie sollen in Maulbronn durch nichts am Lernen gehindert werden, schon gar nicht durch das Auffangen gesellschaftlicher Missstände in Form von Mitschülern.

Der Tag hinter den dicken Klostermauern (Unesco-Weltkulturerbe) ist straff organisiert: Er beginnt um 6.50 Uhr mit Frühstück und Andacht, geht weiter mit Unterricht, Mittagessen, Unterricht, Arbeitszeit, Musikstunden oder Chor, Abendessen. Um halb zehn abends muss jeder Seminarist in seinem Wohntrakt sein, um 22 Uhr geht in den Mehrbettzimmern das Licht aus. Die Eleven nehmen den Stress mit Humor: "Wenn du hier allein sein willst, musst du aufs Klo." Sie streiten sich nicht mehr mit ihren Geschwistern, wenn sie am Wochenende zu Hause sind: "Dafür ist die Zeit zu kostbar."

Aber selbst diese Musterschüler sind in der Phase, "wo aus dem braven Hänschen der wilde Hans wird", wie der Ephorus formuliert. Er war selbst mal hier und kennt alle Schleichwege rund um die drei Todsünden, die in Deutschlands Internaten meist zum Rausschmiss führen: Auszusteigen und, noch schlimmer, beim anderen Geschlecht einzusteigen sind zwei von ihnen. Die Dritte besteht im Konsum von Drogen. Alkohol zählen fast alle Internatsbetreiber dazu. Ab 22 Uhr werden deshalb, zur Vereinfachung der Kontrolle, Deutschlands Internate zum Knast.

Dienstagabends, wenn seine Schützlinge zugunsten eines Hilfsprojekts auf das Abendessen verzichten, setzt Ephorus Küenzlen sich in die örtliche Pizzeria und beobachtet den Pächter beim Entgegennehmen nächtlicher Hungernotrufe. Bald darauf drückt sich der Pizzabäcker schwer bepackt am Rektor vorbei, läuft über den Innenhof der Klosteranlage und füllt einen an der Mauer heruntergelassenen Korb.

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