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Darum hat sich Aylin aus Essen vier Tage lang versteckt

Ein 15-jähriges Mädchen aus Essen verschwindet spurlos, die Polizei sucht mit einem Großaufgebot nach ihr. Nach vier Tagen taucht Aylin wieder auf. Der Polizei hat sie nun die Umstände ihres rätselhaften Verschwindens erzählt. 

  Erleichterung in Essen: Aylin geht es gut

Erleichterung in Essen: Aylin geht es gut

Die Umstände von Aylins spurlosem Verschwinden in Essen waren rätselhaft. Vier Tage lang bangten Familie und Behörden. Dann tauchte die 15-Jährige am Sonntag wieder auf. Sie war "nur" ausgerissen. Und die vermummte Person im Keller des Wohnhauses, die am Tag ihres Verschwindens einen Nachbarn mit einem Messer verletzte - war sie selbst. Das verriet die Jugendliche am Mittwoch einem Ermittler.

Durch "eine unglückliche Abwehrbewegung" habe sie den 58 Jahre alten Mann an der Hand verletzt. Gegen sie wird deshalb nun wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt.

Aylins Verschwinden hatte bundesweite Aufmerksamkeit auf sich gezogen, weil die Umstände so rätselhaft waren. Vergangene Woche Mittwoch hatte die Gymnasiastin nach dem Schulbesuch noch den Hund der Familie ausgeführt. Danach verlor sich ihre Spur.

Im Keller kam es zum Handgemenge

Gegen 15 Uhr kam ihre Mutter, 46, nach Hause und rechnete dort mit Aylin. Stattdessen hörte sie verdächtige Geräusche aus dem Keller. Sie bat einen Nachbarn, der zufällig am Haus vorbeikam, mit ihr nachzusehen. Im Keller trafen die beiden auf jemanden, dessen Gesicht vermummt war. Ob es ein Mann oder eine Frau war, konnten weder der Nachbar noch die Mutter erkennen.

Bei einem kurzen Handgemenge im Keller wurde der Nachbar leicht mit einem Messer an der Hand verletzt. Die unbekannte Person konnte fliehen. Wegen des Einbruchs wurde die Polizei verständigt. Erst im Gespräch über den Einbruch wurde klar, dass Aylin immer noch verschwunden ist. Der Fall bekam eine unerwartete Wendung. Mysteriös: Der Familienhund war auch im Keller. Und Einbruchsspuren gab es auch keine.

Polizei suchte mit Spürhunden nach Aylin

War Aylin etwas zugestoßen? Hatten Unbekannte sie entführt? Oder war sie doch nur abgehauen? Die Polizei setzte jedenfalls alle Hebel in Bewegung, um das Mädchen wiederzufinden. Der Fall wurde wegen der Person im Keller als "herausragender Vermisstenfall" eingestuft. Weil nichts ausgeschlossen werden konnte, durchkämmte an mehreren Tagen eine Hundertschaft angrenzende Waldgebiete.

Eine Wärmebildkamera an einem Hubschrauber tastete mehrmals zusätzlich die Gegend ab. Noch am Tag des Verschwindens wurde aus Bielefeld ein Mantrailer-Spürhund mit einem Hubschrauber eingeflogen, der auf die Suche von Menschen spezialisiert ist. Allein: Aylin blieb verschwunden - spurlos.

In Essen ging die Angst um

Anteilnahme und Sorge in dem gutbürgerlichen Essener Stadtteil und weit darüber hinaus waren groß. Familien hatten Angst, ihre Kinder alleine vor die Tür zu lassen. Die Hoffnung war stets, dass Aylin doch "nur" abgehauen war. Und so war es schließlich auch. Am Sonntagabend tauchte sie bei einer Verwandten in Köln auf, unversehrt. Riesen-Erleichterung bei allen. Sie traf noch am Abend ihre Familie und kam dann in ärztliche Behandlung.

Warum hauen Jugendliche im Allgemeinen ab? "In der Regel liegen bei diesen Jugendlichen übermäßige psychische Belastungen vor, die durch Weglaufen aufgelöst werden sollen - in einer impulsiven Handlung", sagt die Essener Psychologin Monika Fallbrock. Sie ist die stellvertretende Leiterin des Jugendpsychologischen Instituts der Stadt Essen. Ursachen oder Auslöser seien zu einem sehr großen Teil Konflikte mit Gleichaltrigen, "zum Beispiel Erfahrungen des Abgelehntwerdens, Mobbingerfahrungen oder auch die Trennung von Freund oder Freundin".

"Psychische Ausnahmesituation"

Auch Konflikte mit den Eltern etwa wegen "übermäßigen Einschränkungen der Selbstständigkeitsbestrebungen" können Ursache sein. "Dann hat es eher das Motiv eines Protestes oder einer Auflehnung gegen die als starr empfundenen Vorgaben der Eltern." Auch schulische Probleme, etwa schlechte Noten, kämen als Grund infrage.

Warum Aylin weglief, ist offen. Dies soll aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes auch so bleiben. "Dem Polizisten gegenüber gab die Schülerin glaubhaft an, sich am vergangenen Mittwochnachmittag in einer psychischen Ausnahmesituation befunden zu haben", teilte die Polizei lediglich mit. Dies sei der Grund ihres Verschwindens gewesen. Und: Es gebe keinerlei Hinweise auf einen Konflikt im Elternhaus.

Aylin schlief in Zügen

Eine Rechnung von der Polizei für den großen Sucheinsatz bekommt die Familie übrigens nicht. "Das Retten von Leben hat für uns höchste Priorität", hatte jüngst ein Polizeisprecher betont. Niemand mache sich dabei Gedanken über die Kosten.

Über die vier Tage ihres Verschwindens gab die Polizei nur wenig bekannt. Nach ihrer Flucht sei die Jugendliche mit der S-Bahn nach Köln gefahren. In der Nähe ihres Elternhauses liegt eine S-Bahn-Haltestelle. Sie habe sich überwiegend in Köln aufgehalten. Und nachts? Geschlafen hat sie in Zügen - "lediglich stundenweise". Gut, dass nicht mehr passiert ist.

kis/DPA
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