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Die Tragödie der 71 erstickten Geflüchteten hätte vermieden werden können

Vor knapp zwei Jahren sind 71 Menschen qualvoll in einem Lastwagen erstickt. Flüchtlinge, die sich den Weg in ein sicheres Leben erhofft hatten. Wie Medien nun berichten, war die Tragödie eigentlich vermeidbar.

Im Lkw starben 71 Menschen: 29 Iraker, 21 Afghanen, 15 Syrer, 5 Iraner und ein Mann, der nicht identifiziert werden konnte. 59 Männer, 8 Frauen, 4 Kinder. Drei Familien. Das jüngste Kind war 11 Monate alt. Das Ziel ihrer Fahrt: Deutschland.

Im Lkw starben 71 Menschen: 29 Iraker, 21 Afghanen, 15 Syrer, 5 Iraner und ein Mann, der nicht identifiziert werden konnte. 59 Männer, 8 Frauen, 4 Kinder. Drei Familien. Das jüngste Kind war 11 Monate alt. Das Ziel ihrer Fahrt: Deutschland.

71 Menschen mussten sterben, weil sie im August 2015 in einen Laster stiegen, in der Hoffnung auf ein sicheres Leben. Mussten sie tatsächlich sterben? Laut Recherchen des NDR, WDR und der "Süddeutscher Zeitung" war es nicht unvermeidbar, dass die 71 Menschen bei der Schleuserfahrt im Kühl-Lkw qualvoll erstickten. Demnach hörten ungarische Ermittlungsbehörden die Telefone der wichtigsten Drahtzieher bereits zwei Wochen vor der tödlichen Fahrt ab und zeichneten ähnliche Taten auf, bei denen zum Teil kurz vor dem Erstickungstod standen. Und auch bei der Todesfahrt liefen die Aufnahmegeräte der ungarischen Ermittlungsbehörden. Dennoch schritten die Behörden nicht sofort ein - offenbar, weil die Gespräche nicht rechtzeitig ausgewertet worden waren.

In der Ermittlungsakte finden sich laut der Berichte hunderte Seiten Gesprächsprotokolle über lebensgefährliche Schleusungen desselben Netzwerks - auch aus der Zeit vor der entscheidenden Todesfahrt. Immer wieder berichten in den Telefonaten die zumeist bulgarischen Fahrer den Drahtziehern darin von klopfenden und schreienden Flüchtlingen, die Todesangst haben. So alarmiert ein Fahrer seinen Komplizen beinahe panisch: "Bitte ruf die Leute an, weil sie das Auto gleich kaputt machen. Sie klopfen sehr stark." Der Komplize meint daraufhin, er glaube, "dass sie keine Luft bekommen".

Mehrere Geschleuste hatten das Bewusstsein verloren

Das verantwortliche Schleppernetzwerk um einen afghanischen und einen bulgarischen Staatsangehörigen hatte vor der tödlichen Fahrt bereits mindestens 28 ähnliche Fahrten, zum Teil auch mit Kühl-Lkw, organisiert. Dabei war zwar kein Flüchtling gestorben, allerdings mussten Geschleuste mehrfach nach dem Auffinden notärztlich versorgt werden, weil sie das Bewusstsein verloren hatten. Bei diesen Fahrten wurden Fahrer von der Polizei in Deutschland, Österreich oder Ungarn gefasst und umfangreiches Beweismaterial sichergestellt. Die beiden Chefs der Schleuserbande waren den ungarischen Behörden schon mindestens seit Anfang Juli 2015 bekannt. Am 13. August, also 13 Tage vor der Todesfahrt, begannen ungarische Ermittler dann die abzuhören und die Gespräche aufzuzeichnen.

Allerdings hatten die ungarischen Behörden die Telefonate offenbar nicht rechtzeitig übersetzt und ausgewertet. Deshalb war ihnen das lebensgefährliche Vorgehen der Schleuser womöglich nicht aufgefallen. Wann die Telefonate konkret ausgewertet wurden, ließen die ungarischen Behörden auch auf wiederholte Nachfragen unbeantwortet. Da keiner der Drahtzieher verhaftet wurde, konnte die Organisation ungehindert weitere Schlepperfahrten organisieren - mit immer größer werdender Risikobereitschaft.

"Falls die Leute sterben, soll er sie im Wald abladen"

Auch die entscheidende Todesfahrt des Kühllasters zeichneten die Ermittler auf. In einem Telefonmitschnitt, der den Kollegen von NDR, und "Süddeutscher Zeitung" vorliegt, beklagt sich der Fahrer über die schreienden und klopfenden Flüchtlinge. Als er ihnen etwas Wasser geben wollte, verbot dies der afghanische Drahtzieher in einem Telefonat mit seinem Komplizen: "Das geht nicht, dass er die Tür aufmacht!" Der Fahrer dürfe nicht anhalten und solle immer weiterfahren. "Falls die Leute sterben sollten, dann soll er sie in Deutschland im Wald abladen", hört man ihn den Recherchen nach weiter sagen.


Auf Anfrage weist der Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft im ungarischen Kecskemet, Gabor Schmidt, die Vorwürfe zurück, nicht eingegriffen zu haben. Gegenüber NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" sagte er: "Wenn die ungarischen Behörden die Chance gehabt hätten, diese furchtbare Tat zu verhindern, dann hätte man das getan. Aber die Gespräche konnten erst zu einem Zeitpunkt übersetzt und ausgewertet werden, als diese tragische Schleusung schon durchgeführt war." Zudem sitze nicht dauerhaft ein Beamter am Kopfhörer, da "diese Fahrten in den Nachtstunden, also gegen drei Uhr am Morgen, fünf Uhr am Morgen abgewickelt wurden".

Am 21. Juni beginnt in Ungarn der Prozess gegen insgesamt elf Personen. Ihnen wird vorgeworfen, ein kriminelles Netzwerk gegründet zu haben. Die vier Hauptbeschuldigten sind zudem wegen Mordes angeklagt. Der führerlose Lkw war am 27. August 2015 in einer Pannenbucht bei Parndorf in aufgefunden worden. Darin fanden Ermittler 71 zum Teil völlig entstellte Leichen. Der Fall hatte weltweit für große Bestürzung gesorgt.

jen

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