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"Alle für alle statt jeder gegen jeden"

Unbeirrbar konstruktiv denkt Wolfgang Gründinger über eine zukunftsfähige Gesellschaft nach. Im Interview fordert der 27-Jährige die wachstumsverwöhnten Alten auf, ihre Verantwortung zu übernehmen.

Warum interessieren Sie sich für das Thema "Alter"?
In meinem Freundeskreis sind gerade viele 30 geworden oder bekommen Kinder. Und auf einmal fällt einem auf, dass das Leben kurz ist. Da macht man sich schon Gedanken, wie es weiter geht.

"… weil Zukunft eine Lobby braucht!" lautet der Claim Ihrer Homepage, denn seit Jahren engagieren Sie sich für die Rechte zukünftiger Generationen. Welche Rechte müssen verteidigt werden?
Vor allem das Recht, auf einem gesunden Planeten zu leben. Heute verpulvern wir die Rohstoffe, heizen das Klima auf, vernichten die Regenwälder. Das werden unsere Kinder und Enkel bitter spüren. Auch sonst leben wir auf Kosten der Zukunft: Neue Schuldenrekorde, stagnierende Ausgaben für Bildung, die Rückkehr der Altersarmut – das sind nur die drängendsten Symptome der Zukunftsvergessenheit.

Was können Sie diesen entgegensetzen?
Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein. Wir müssen die Straße und das Internet besetzen, Parteien und Wirtschaft kapern.

In Ihrem Buch fordern Sie einen neuen Generationenvertrag. Was können hierzulande die Alten dafür tun? Was die Jungen?
Was können hierzulande die Alten dafür tun? Was die Jungen? Um das Land enkeltauglich zu machen, brauchen wir einen mächtigen Bündnispartner: die Alten, die heute an den Hebeln der Entscheidungen sitzen, die Masse der Wähler stellen, das meiste Vermögen besitzen. Umgekehrt wird die junge Generation verkraften müssen, länger zu arbeiten und mehr von ihrem Einkommen für Rente und Gesundheit abzugeben. In einer wohlhabenden Volkswirtschaft sollte das machbar sein.

Welche politischen Entscheidungen fordern Sie?
Erstens: Kinderbetreuung und Bildung müssen oben auf die Agenda. Das geht nicht ohne Geld, das man durch einen »Zukunftssoli« auf große Privatvermögen auftreiben könnte. Zweitens: Die Rente muss wieder gerecht werden. Wer arbeitet, muss im Alter gut leben können. Drittens: Die drückenden Zinslasten dürfen das Parlament nicht handlungsunfähig machen. Ich hoffe, dass die Schuldenbremse nachhaltig wirkt und nicht den Zukunftsinvestitionen den Hahn zudreht. Viertens: Altersprivilegien bei Löhnen oder Kündigungsschutz müssen verschwinden. Jüngere sind keine Arbeitnehmer zweiter Klasse.

Da die demokratische Macht in den Händen der Alten liegt, wird sich dies wohl nur schwer durchsetzen lassen.
Die Jungen müssen mitentscheiden dürfen. Dafür brauchen wir eine radikale Senkung des Wahlalters, neben anderen Formen partizipativer Demokratie.

Es hat uns sehr eingenommen, wie engagiert Sie über die Positionen und das Lebensgefühl Ihrer Generation schreiben. Was zeichnet diese aus? Was hat sich verändert?
Die 68er wollten niemals Spießer sein, sind aber genau das geworden. Wir möchten gerne Spießer sein, werden dafür aber von den Altprotestlern schlechtgeredet. Wir sind praktische Visionäre, die lieber konkret Hand anlegen, auch wenn das nicht die Revolution bewirkt, anstatt Scheingefechte über den richtigen Weg zur Revolution auszutragen.

Sie leben "in Berlin und im Internet" erfährt der Leser Ihrer Vita. Welche Chancen und Gefahren sehen Sie im Internet?
Das Internet macht den Planeten zum Dorf, macht Zensur zum hoffnungslosen Unterfangen, und ist unverzichtbar für politischen Protest. Klar gibt es Schattenseiten, aber Mobbing oder Kriminalität sind keine Phänomene, die es erst seit dem Internet gibt. Helmut Schmidt meinte einmal, das Internet würde das Niveau der Konversation senken. Das ist Quatsch. Auch Kaffeekränzchen im Seniorenheim sind nicht die Inkarnation abendländischer Hochkultur, und trotzdem werden sie nicht als niveaulos abgetan.

Was werden Ihre Enkel Ihnen vorwerfen?
Wenn ich einmal alt bin und – wie Peter Fox – in meinem Haus am See sitze, meine 100 Enkel spielen Kricket auf dem Rasen, dann wird mich meine Enkeltochter fragen: Opa, was hast du gemacht, dass ich noch genauso entspannt in meinem Haus am See sitzen kann, wenn ich einmal alt bin? Und ich werde hoffentlich keine Antwort schuldig bleiben.

Tippp:

Wolfgang Gründinger diskutiert am 18.07.2012 in Regensburg mit dem CSU-Politiker und Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück. Mehr Infos und Anmeldung

Ulrike Fritsching
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