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Wenn Political Correctness sich selbst zerlegt

Dieter Hallervorden wird Rassismus vorgeworfen, und die Nazis sind überall. Warum politisch korrektes Jammern jede Diskussion unmöglich macht.

Ein Kommentar von Sophie Albers Ben Chamo

  Dieter Hallervorden unter Generalverdacht

Dieter Hallervorden unter Generalverdacht

Wenn so ein "Aufreger" wie der Rassismus-Vorwurf gegen Dieter Hallervorden Thema wird, fällt schnell das Wort "political correctness". Und dessen Nennung geht eigentlich immer mit einem Gähnen einher. Oder einem guten Witz von Harald Schmidt.

Dieter Hallervorden wird Rassismus vorgeworfen, weil er in einer Aktion der Berliner Verkehrsbetriebe die U-Bahnstation "Mohrenstraße" ansagt. Sie wundern sich zurecht. Das reicht natürlich nicht, zumal er sich die Station nicht selbst ausgesucht hat, sondern der Radiosender, der die Aktion produziert hat. Aber der Verein "Berlin Postkolonial" wertet die Ansage als Provokation. Hallervorden steht nämlich unter Generalverdacht.

Der Schauspieler hat vor zwei Jahren zugelassen, dass an seinem Berliner Theater ein Schauspieler mit geschwärztem Gesicht als Afroamerikaner auftritt. Passenderweise in einem Stück über Rassismus, aber das war damals egal. Erklärungen und Entschuldigungen schienen niemanden zu interessieren. Tun sie auch heute nicht.

Das Gefühl wird zum Argument

Genau das passiert nämlich auch, wenn "political correctness" ins Spiel kommt: Es wird nicht zugehört. Das verletzte, subjektive Gefühl wird zum Argument und beendet im selben Augenblick die Diskussion. Aber der Satz "Das beleidigt mich" ist eine Einbahnstraße. Er bedeutet ganz sicher nicht, dass man das Recht hat, nicht beleidigt zu werden. Diese Diskussion hatten wir eigentlich gerade im Zusammenhang mit "Charlie Hebdo". Wann schließlich aus Beleidigung Hetze wird, ist gesetzlich festgelegt. Die "Mohrenstraße" reicht jedenfalls nicht aus.

Aber "der Beleidigte" misst mit zweierlei Maß. Die Political-Correctness-Reflexe sind mittlerweile so stark, dass sich ein TV-Sender für das braune Hemd eines Moderators entschuldigt und die Sparkasse für eine rote Flagge.

Beleidigtsein ist Kindergarten

Schade, dass es nicht bei deutlich wirksameren Veräppelungen geblieben ist. Schade, dass "Berlin Postkolonial" Hallervorden nicht vier schwarze Schauspieler geschickt hat. Schade, dass es keine ernstzunehmende Aktion gegeben hat, um auf die durchaus historisch-rassistische Herkunft des Straßennamens hinzuweisen.

Das größte Problem des "politisch Korrekten" ist die Abnutzung. Ist das Drama zu groß, hört bald niemand mehr hin. Geschrei erhöht nicht die Glaubwürdigkeit. Kritik ist nötig und wichtig. Beleidigtsein ist Kindergarten.

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