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"Schämen Sie sich auch?"

Vom G20-Gipfel in Hamburg werden vor allem Bilder brennender Barrikaden bleiben. In einer Pressekonferenz erläutern Polizei und Politik das Vorgehen während der Randale. Bürgermeister Scholz nimmt Stellung zu heiklen Fragen.

Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz und Innensenator Andreas Grote

Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (l.) mit Innensenator Andreas Grote: "Der Bürgermeister ist verantwortlich für die ganze Stadt. Verantwortlich für die Straftaten sind die Gewalttäter."

Während im Stadtpark die Hamburger zur Normalität zurückkehren, auf der großen Wiese vor dem Planetarium Fußball kicken und erste Schwaden von Grillkohle durch die Luft ziehen, geht es rund 600 Meter entfernt im großen Sitzungssaal des Polizeipräsidiums ernst zu: "Herr Bürgermeister, viele Hamburger schämen sich für die Bilder, die aus in die Welt gehen. Schämen Sie sich auch?", fragt ein Journalist bei der Pressekonferenz zum Abschluss des G20-Gipfels. "Ja", antwortet Bürgermeister Olaf Scholz (SPD). Alle, auch er, stünden noch unter dem Eindruck der "schlimmen Bilder". "Viele sind erschrocken, ich bin es auch."

bedankt sich ausdrücklich bei den Polizeikräften – der Schutz des G20-Gipfels sei mit über 20.000 Einsatzkräften der größte Polizeieinsatz in der Hamburger Nachkriegsgeschichte gewesen. Er sei sehr berührt davon, dass viele Hamburger verletzten Polizisten Blumen ins Krankenhaus gebracht hätten. "Jeder bekommt eine", verspricht der Hamburger Bürgermeister.

G20: Video von Wärmebildkameras

Auch verspricht er den Opfern, vor allem im Hamburger , rasche Entschädigung vom Bund und der Stadt Hamburg. Er zeigt sich beeindruckt von der Aktion "Hamburg räumt auf" von der er sich vor Ort ein Bild gemacht habe. Auch vom HVV: Der Hamburger Verkehrsverbund hat allen Hamburgern, deren Fahrzeuge beschädigt wurden, angeboten, ein kostenloses Abo zu schenken. Scholz lobt dies als eine Geste von vielen.

Rund zweieinhalb Stunden erläutern der Bürgermeister, sein Innensenator Andy Grote, Polizeisprecher Timo Zill, Polizeipräsident Rolf Martin Meyer und Einsatzleiter Hartmut Dudde rund 50 internationalen Medienvertretern am Sonntagnachmittag die Vorkommnisse während des G20-Gipfels. Der Presse werden Videos mit Wärmebildern von der Nacht von Freitag auf Samstag gezeigt, die belegen sollen, dass die Polizei mit ihrem Eingreifen gegen die Ausschreitungen im Schanzenviertel zögern musste, weil sie befürchtete in einen Hinterhalt gelockt zu werden.

Dabei sind bis zu zehn Personen zu sehen, die sich auf einem Hausdach bewegen, Gegenstände werfen, einen Molotowcocktail zünden und ihn nach unten feuern. Einsatzleiter Dudde erklärt, man habe auf Kräfte des SEK warten müssen, die eigentlich zum Schutz der Gipfelteilnehmer vor Terror eingesetzt waren. Die seien "eingegraben" gewesen, so der Einsatzleiter, und hätten zum Teil erst mit Hubschraubern in die Schanze gebracht werden müssen. An den Wänden hängen Fotos von Waffen und Wurfgeschossen, die die gesammelt hat. "Die Gewalt hat Dimensionen angenommen, die wir bis dahin nicht kannten", so Einsatzleiter Dudde.

"Niemals lässt die Hamburger Polizei die Bürger im Stich!"

Es steht der Vorwurf im Raum, die Hamburger Polizei habe vor allem die Gipfelteilnehmer geschützt, dafür gesorgt, dass die Protokollrouten offenblieben und alle rechtzeitig zum "Familienbild" an der Elbphilharmonie eintreffen, und dafür in Kauf genommen, dass Besitz und Sicherheit der Hamburger Bürger gefährdet werde. "Niemals lässt die Hamburger Polizei die Bürger im Stich!", sagt Innenminister Andy Grote, räumt aber ein: "Niemand kann sagen, die Dinge sind gut gelaufen." Trotzdem beharrt Bürgermeister Scholz darauf, dass es möglich sein müsse, solche Treffen wie den G20-Gipfel in großen Städten wie Hamburg, Berlin oder München in liberalen Staaten abzuhalten.

Neu und überraschend war für die Polizei offenbar, dass die Gewalttäter sich immer wieder umzogen und Personen, die eben noch durch schwarze Kleidung eindeutig dem schwarzen Block zuzuordnen waren, plötzlich aussahen wie "der Gymnasiast von nebenan", so Einsatzleiter Dudde. Entsetzt zeigten sich die Einsatzkräfte auch vom Verhalten vieler Jugendlicher, Dudde bezeichnet sie als "Partyvolk", die – wie auf Videos der Polizei von der Demonstration "Welcome to Hell" vom frühen Freitagabend am Hafen, zu sehen ist – ebenfalls Flaschen auf die Polizisten im Einsatz warfen. Hier war offenbar eine Art von veränderter Realitätswahrnehmung und Verrohung zu erleben, die der Gesellschaft zu denken geben muss.

"Verantwortlich für die Straftaten sind die Gewalttäter"

Mehrfach wurde Olaf Scholz auf der Pressekonferenz nach politischen Konsequenzen gefragt, Fragen nach seinem Rücktritt wich er aus. Sein Fazit: "Der Bürgermeister ist verantwortlich für die ganze Stadt. Verantwortlich für die Straftaten sind die Gewalttäter." Er hofft, dass die 186 Festgenommenen harte Strafen erhalten. Und dann kündigte Scholz weitere Analysen und eine Regierungserklärung in der Bürgerschaft an.

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