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Wilde Brüder

Dröhnende Harleys, tätowierte Arme und viel Testosteron: An diesem Wochenende treffen sich 1500 Mitglieder der Hells Angels aus ganz Europa in Hannover. Ihr Ruf könnte schlechter nicht sein. Doch wer sich auf die Rocker einlässt, erlebt eine eigene Welt mit strengen Regeln.

Von Kuno Kruse

  • Kuno Kruse

Wie begegnet man einem Hells Angel? "Mit Achtung", sagt der Angel, "so, wie man jedem Menschen begegnen sollte." Ein Händedruck, und man denkt an seine Krankenversicherung. Django legt die Pranke auf den Stehtisch in der Sansibar, Szenelokal und Tor zum Rotlichtviertel von Hannover.

Und was sind die Hells Angels? "Eine Bruderschaft", antwortet Django, "sie beruht auf vier Prinzipien. Respekt, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit und Freiheit." Die Grundregeln: Nicht lügen, nicht betrügen, die Frau des anderen nicht anbaggern - und ihn niemals im Stich lassen. Klingt ein bisschen konservativ, oder? Django zögert. "Hmm. Darüber muss ich nachdenken." Draußen lässt ein Biker seinen Reifen zum Burnout durchdrehen und legt beißenden Gummiqualm über Go-go-Girls und Grillfleisch. Die Hells Angels haben zur Harley-Davidson-Party geladen. Geboten werden Technik, Tattoos, Titten und viel Testosteron. Von der Bühne röhrt Jimmy Cornett: "Old Angel, young Angel, feel all right ..."

Sind es die Bizeps? Die tätowierten Gladiatorenkörper in Lederkutten mit dem Totenkopf auf dem Rücken? Ist es diese immer leicht schwingend bewegte Körpermasse, das durchgestreckte Kreuz? Kampfstiere auf strotzenden Harleys. Muskeln, Motoren, archaische Männlichkeit - Hells Angels umgibt ein Kraftfeld. Es zieht an, und es schreckt ab.

Oder ist es der Nachhall vergangener Schlagzeilen? Es gab Zeiten, da prangten die Untaten der Rocker an jedem Kiosk. Drei große Prozesse in sieben Jahren: Zuhälterei, Erpressung und Körperverletzung. Und immer wieder Meldungen über den Kampf bis aufs Messer. Drogendealer, Mädchenhändler, Schutzgeldeintreiber - Hells Angels haben keine gute Presse.

Die Verflechtung über fünf Kontinente, die Abschottung, das Schweigegebot gegenüber der Polizei, die Hierarchie - der Leiter des Dezernats Organisierte Kriminalität der Berliner Polizei, Axel Bédé, hatte gewarnt. "Glauben Sie ihnen nichts. Es geht um Machtstreben und Expansion unter Einsatz brutalster Gewalt." Rund 56 Prozent der deutschen Hells Angels seien vorbestraft. "Die Organisation ist weltweit massivst in kriminelle Aktivitäten verwickelt." Ein Sportverein unterhalte keinen Fonds zur Unterstützung der inhaftierten Brüder. "Wir haben vor acht Jahren 300 Kilo Kokain beschlagnahmt. In das Geschäft war auch ein Hells Angel verwickelt. So etwas macht niemand nebenher." Und er warnte vor Gewalt und Eigenmacht. Die Rocker blockieren, nur zum Beispiel, gern ganze Kreuzungen, damit sie im Konvoi über die rote Ampel fahren können. Ein einzelner Streifenwagen könne da nicht viel ausrichten.

"Gewalt ist Teil unserer Natur"

"Natürlich lehne ich Gewalt nicht ab", erklärt Django, "sie ist Teil unserer Natur. Wie Sex." Während der Rocker in der verkehrsberuhigten Ecke der Sansibar in norddeutsch rollendem Bass in das Selbstverständnis der Angels einführt, klammert sich seine kleine Tochter an den tätowierten Arm. Er hebt sie behutsam an den Bauch, sie heftet sich an die Kutte, erklimmt die Brust, prüft den Sitz der Hornbrille, um dann auf seinen Schultern zu thronen. Auch Rocker sind beherrschbar. "Willst du wirklich schreiben, wer wir sind?" Mehr als drei Jahrzehnte trägt Django den geflügelten Totenkopf auf dem Rücken, so lange wie es Angels in Deutschland gibt. Sie waren eine wilde Dreizehn, damals im ersten "Charter" in Hamburg. Heute sind sie 700. Er lädt ein, jeden der 42 deutschen Clubs zu besuchen. Vor ihm steht ein Mineralwasser.

Ein kleiner Motorradladen in Kassel, hell, sauber, die Farbe ist kaum getrocknet, alles Eigenarbeit. "Wenn stimmen würde, was man uns vorwirft, müssten wir nicht so hart arbeiten", sagt Rosi Schmidt. Die Werkstatt war gerade eingerichtet, da barsten im Morgengrauen Schaufenster und Schlafzimmerscheiben. Vor ihrem Bett richtete ein vermummter SEK-Beamter eine Pistole auf sie. "Dann habe ich gefesselt auf dem Flur gelegen, fast nackt, über eine Stunde." 500 Polizisten hatten an diesem Oktobermorgen 24 Wohnungen in vier Bundesländern gestürmt.

Und alles wegem einem faulen Ei

Rosi Schmidt ist die Ehefrau von Michael Schmidt, Präsident der Kasseler Hells Angels. Mehr als ein halbes Jahr saß der gesamte Charter im Untersuchungsgefängnis. Die bestellten Harleys konnten nicht an die Kunden ausgeliefert werden, das Finanzamt hatte die Konten gesperrt. "Härter kann einen nur eine schwere Krankheit treffen", sagt ein befreundeter Motorradhändler, der im Geschäft aushalf. Rosi sagt: "Und alles wegen einem faulen Ei."

Gemeint ist "der Ulli mit seiner ewigen Leberzirrhose". Er hatte mit Kokain gedealt - wer das mache, fliege aus dem Club, versichern die Angels. Im April hatten sie deshalb dem jähzornigen Dealer zu mehreren die Kutte abgenommen. Denn nach Satzung und Selbstverständnis bleibt die Lederweste mit dem Totenkopf Eigentum des Clubs. Monatelang bettelte er per SMS um Vergebung. Nach einem halben Jahr nahm sich die Polizei seiner an. Von nun an war er im Zeugenschutz. "Verlogener Kokser", sagt Rosi Schmidt, "der von nun an auf Staatskosten spazieren gehen konnte." Die Polizei präsentierte der Presse nach der Razzia eine "geringe Menge" Kokain, eine Pulverpresse, sieben beschlagnahmte Harleys und ein Waffenarsenal.

Es ging um die Kutte

Erst auf Nachfrage erklärte der Staatsanwalt, dass die gewaltsame Rückforderung der Kutte den Großeinsatz ausgelöst habe. Für ihn erfüllt dies den Straftatbestand des schweren Raubs, zu ahnden mit 3 bis 15 Jahren Haft. Das Kokain allerdings wurde nicht bei Hells Angels gefunden, keines der beschlagnahmten Motorräder war gestohlen. Blieben die Waffen, einige davon Jagdgewehre, die alle dem Vater eines Clubmitglieds gehören.

Als es dann nach Monaten endlich zur Gerichtsverhandlung kommt, ist der Prozess in knapp zwei Stunden beendet. Die Staatsanwaltschaft verzichtet inzwischen auf die Vernehmung ihres Kronzeugen. Die Angels streiten ein gewaltsames Eindringen in die Wohnung des ausgeschlossenen Mitgliedes und die rabiate Rücknahme der Kutte nicht ab. Die Strafen werden zur Bewährung ausgesetzt. Alle Rocker können nach Hause gehen. Die Werkstatt lag lange brach, aber die Kunden sind wiedergekommen. Vielleicht lässt sich das Motorradgeschäft retten.

Die Rocker als Projektionsfläche

Wenn es um Hells Angels geht, zeichnet sich das immer gleiche Schema ab. Auf der einen Seite Hunderte Polizisten mit einem Sicherheitsbedürfnis. Auf der anderen Seite völlig überraschte Rocker. Weil sie sich abschotten und demonstrative, latente Gewalttätigkeit zu ihrem Image gehört, traut ihnen jeder alles zu. Angels sind auch Projektionsfläche. "Wir haben immer ein Auge auf sie gehabt", sagt ein Sprecher der Kasseler Polizei, "bis auf ein paar Raufereien ist bis zu diesem Raubüberfall wegen der Kutte aber nie etwas Bedeutendes passiert." Ein stillgelegtes Bahnareal in Stuttgart, ein Kerl in Bikerstiefeln, auf dem Rückenleder der Totenkopf. Er steht vor einer Schulklasse und erzählt, wie die Fotos entstanden sind, die hier auf großen Tafeln aufgestellt sind. Weichen sind darauf, Prellböcke, psychedelisch verätzt.

Und er erzählt vom Holocaust. Denn von diesen Gleisen des Nordbahnhofs fuhren ab 1941 die Züge zu den Konzentrationslagern. Deshalb hat er die Bilder aufgenommen, eingegraben und dann ausgestellt. "Damit die Erde was draufschreibt." Der Fotograf heißt Lutz Schelhorn, er ist Präsident der Hells Angels Stuttgart. Amerikanische Brüder trugen SS-Embleme, erst als Trophäe, dann "um zu schocken", sagt Schelhorn. Auf Wunsch der deutschen Angels wurden sie abgelegt.

Die Razzia von Kassel war für Schelhorn ein Déjà-vu. Er sieht seinen Haftrichter noch vor sich, im dünnen Hemd, durch das die Feinrippwäsche schimmerte. "Alles sehr dünn", sagte das dünne Hemd damals, "aber jetzt setzen wir Sie erst mal rein, mal sehen, was noch kommt." Es kam: Bildung einer kriminellen Vereinigung, Zuhälterei, bewaffneter Raub, ein Mord, zuletzt eine Vergewaltigung. "Was meine Mutter da durchgemacht hat!" Der Ruf der Angels wirkte nicht nur beim Richter. Er saß keine Viertelstunde in seiner Zelle, da hatte der Schließer schon Tabak und Schreibpapier bei anderen Gefangenen besorgt. "Ein echter Fan."

Falsche Anschuldigung

Schelhorn hatte das vergewaltigte Mädchen nie gesehen, und sie hatte ihn auch nie beschuldigt. Die Anschuldigung kam von einem Kronzeugen. Sie war falsch, wie alle anderen, wie sich später durch Tonbänder der Polizei aufklären ließ. Ein Jahr U-Haft, dann Freispruch, Haftentschädigung.

Dass die beiden Ermittler in Rocker-Kutten posierten, ist für Schelhorn "wie der Koran im Klo von Abu Ghreib". Aber das war alles damals, in den wilden Achtzigern, als der Hamburger Club verboten wurde, die Mitglieder im Knast saßen und die Stuttgarter aushalfen. "Fast jedes Wochenende auf dem Starrrahmen nach St. Pauli, Kutte gezeigt, durchgesoffen und zurück." Rauf zum ersten Rockerkrieg nach Skandinavien. In der Zeitung sein Foto: rittlings auf einem anderen Rocker, das Messer in der Hand - an seinem Kopf zwei Pistolenläufe. Heute ist er den Polizistinnen dankbar. "Wenn ich mir heute vorstelle, dass der tot gewesen wäre." Als sein Sohn zum Club wollte, mahnte der ruhig gewordene Angel erst einmal eine solide Berufsausbildung an. Der Stuttgarter Bürgermeister begrüßt den beachteten Fotografen mit Handschlag.

Drogen sind tabu

Angels Place, das Clubhaus in Hannover. Eine alte Werkshalle, der Deathhead als Wandgemälde, Fotos verstorbener Brüder, zwei aufgebockte Harleys, ein abgewetztes Sofa. An der Theke lehnen, zwei Meter hoch, 130 Kilo Kampfgewicht. Energisches Kinn, Muskeln wie Marmor und Fäuste wie Haubitzengranaten. Das ist Frank Hanebuth. Seine Worte Hammerschläge, jeder Satz eine gemeißelte Gesetzestafel: "Keine Drogen! Keine Waffen! Keine Lügen im Club!" Vor einigen Monaten hatte auch sein Charter noch einen Koks-Delinquenten.

Also: abgestimmt und raus mit ihm. "140 Kilo, so einen Kerl verliert man nicht gern, aber soll keiner denken, weil er so ein Ochse ist, kriegt er eine Extrawurst." Kokain drohte vor Jahren einiges aus dem Ruder laufen zu lassen. Deshalb steht es unter "Eighty-six". Das ist Angel-Kabalistik. "86" steht für die Buchstaben H und F und bedeutet: "Heroin forbidden". Ein Edikt von Sonny Barger, damaliger Präsident des Leit-Clubs in Oakland, noch aus jener Zeit, als sich Angels zusammen mit Janis Joplin das Zeug in die Venen drückten. "Drogen, Alkoholprobleme", sagt Hannover- Präsident Hanebuth und winkt ab, "alles schon gehabt".

"86" wird in seinem Club so umgesetzt: Jeden Morgen holt ein anderer den Gefährdeten aus der Kiste. Ab gehts ins Sportstudio, stemmen, reißen, laufen, schwitzen. Monatelang, einmal sogar Jahre, unter wachsamen Blicken. "Es hat schon mal länger gedauert. Aber wir haben bis jetzt jeden wieder klargekriegt." Wer die Clubs besucht, bekommt überall ähnliche Auskunft. "Bandenkriege um Drogenreviere, dieser Zeitungsquatsch hat noch nie gestimmt", sagt der Stuttgarter Präsident Lutz Schelhorn. Und auch Micha, kantige Präsident des Berliner Charters, mit Pferdeschwanz und Maschinenöl in den Fingerpillaren, winkt ab: "Das bringt den Blättern Auflage. Und weil sie alle selbst auf Kohle aus sind, können sie nur an Kohle denken. Aber wir haben keine harten Drogen im Laden."

"Wir sind keine Chorknaben!"

Die Hells Angels, eine bisher missverstandene Subkultur? Da protestieren selbst die Rocker: "Wir sind keine Chorknaben!" Andererseits: "Niemand muss unseretwegen die Straßenseite wechseln", sagt Micha. Tatsächlich fällt bei der Durchsicht der Artikel, die über die Jahre erschienen sind, auf, dass kaum ein Journalist einen Hells Angel selbst gefragt hat. Auskunft über Hells Angels gibt die Pressestelle der Polizei.

Wenn sich Rocker treffen, rücken Polizeikolonnen an, Hubschrauber steigen auf. "Die spielen jedes Mal verrückt. Wir gehen doch nicht mit 300 Mann irgendwo hin, um etwas zu zerlegen", sagt Micha, kantiger Präsident des Berliner Charters. Jeder sehe doch ihr Patch mit dem Totenkopf, die Polizei kenne alle aus der beobachtenden Fahndung. Aber seit 16 Jahren sei keiner aus seinem Charter eingefahren. Tatsächlich besteht die "Big House Crew", wie Angels ihre Leute im Knast nennen, bundesweit aus 16 Leuten. Das sind 2,3 Prozent.

Viele arbeiten im Rotlichtmilieu

Die Rocker, denen man in den Clubs begegnet, sind im Hoch-, Tief- und Gerüstbau tätig, Gärtner, Trucker, oft Schlosser, Steinmetze, Dreher, Mechaniker, Kaufleute, IT-Manager, sie sind Betriebsrat oder haben ihren Kleinbetrieb. Mancher macht für die Harley, wie es einer sagt, "Klimmzüge im Brotkasten". Viele arbeiten in Sicherheitsfirmen - und sehr viele im Rotlichtgeschäft.

Jeder aber auf eigene Kasse, behaupten sie. "Die Vorstellung von den Hells Angels als krimineller Vereinigung ist grundfalsch", sagt Wolf Kemper, Sozialwissenschaftler an der Universität Lüneburg. Die Halbstarken seien einst aus proletarischen Stadtteilen gekommen. Sie saßen in Zimmermannshosen auf ihren Zündapps und rebellierten gegen das Schild an den Tanzbars: Eintritt in Lederkleidung verboten. "Sie suchten Bindung, Sicherheit durch die gleiche Sprache, durch Regeln, die Bereitschaft, füreinander einzustehen."

Aussteiger und Ausgestoßene zugleich, besetzten sie jene lukrativen Nischen, in denen der Faustschlag noch etwas galt. "Als Wirtschafter im Puff zu hocken ist für Leute, die gepolt sind wie wir, einfach besser als beim Bosch Bohrmaschinen zu schrauben: Nachts, gut bezahlt, man kann seine Kumpel treffen und darf sich auch mal prügeln", sagt ein alter Rocker.

Bordelle sind manchmal Kriegsgebiete

Norbert zum Beispiel betreibt ein Bordell in Paderborn. Wände in frischem Toskana-Gelb, sauber gewischte Flure, im Untergeschoss kümmert sich sein erwachsener Sohn um das Sportstudio. "Zustände waren das vorher", sagt der Rocker und zieht genüsslich am Zigarillo, "da soffen Zuhälter und Wirtschafter und gingen dann selbst die Mädchen an." Verjagt die Bande, wie die Pharisäer aus dem Tempel.

Amüsiert präsentiert er den jüngsten Drohbrief eines Konkurrenten in gebrochenem Deutsch und imitiert, tief krächzend, einen slawischen Akzent: "Ich bin Russe." Diese Kerle dächten, das sei schon eine Drohung. Da antwortet der Boxer dann: "Und ich bin schneller." Reden sähen die als Schwäche.

Bordelle sind manchmal Kriegsgebiete. "Wenn ein im Irak durchgeknallter Tommy hier bei den Mädchen randaliert, kann ich nicht warten, bis die Polizei kommt." Statt 110 ruft ein Angel dem Gast den Krankenwagen.

Und Rotlichtbezirke sind globalisierte Wirtschaftszonen, in denen Unternehmern gegen viele ausländischen Wettbewerber oft Entschlossenheit abverlangt wird. Einen großen Schatten zu werfen gehört hier zur Eigenvorsorge. So behaupten sich nicht nur Rocker im Milieu, auch Männer aus dem Milieu sind gezielt zu den Rockern gestoßen. "Natürlich", sagt Hanebuth, "ist es für machen auch eine Zweckgemeinschaft." So ist in manchen Chartern nicht einer im Rotlicht unterwegs, in anderen fast jeder.

Es ist diese Überschneidung der Club-Strukturen mit dem Rotlichtmilieu, die die Polizei in Alarmbereitschaft hält. Wer sich aber in die Seelenwelt der Angels begibt, stößt irgendwo hinter der letzten Tankstelle vor Mittelerde auf ein versunkenes Reich, in dem sich trotzköpfige Recken an strenge Regel halten, auch wenn diese dem Strafgesetzbuch oft zuwiderlaufen. "Du musst dieses eigene Ding schon in dir haben, oder du schaffst das nicht", gibt Berlin-Präsident Micha jedem mit auf den Weg, "ich kannte die Gesetze schon, als ich noch gar nicht wusste, dass es sie gibt." Da fuhr er den Rockern auf dem Moped hinterher.

Man muss sich zum Hells Angel hochdienen

Es ist eine Welt der Männer, sie streiten um Fragen der Ehre in einer Gesellschaft außerhalb der Gesellschaft. Und sie "machen sich gerade", wie sie es nennen. Für ihre Ideale, für den Club, den Rang. "Okay", hatte der Hannoveraner Präsident Frank Hanebuth gesagt, "dann tragen wir es aus. Aber einer fliegt auf den Arsch." Ein Angel hatte sich mit seinem Schatzmeister angelegt. So etwas delegiert ein Präsident nicht. Der andere war Europameister in Bodybulding und Kampfsportler.

Das reichte nicht, er lag wochenlang im Koma. Die Polizei fand das blutige T-Shirt, und Frank kam in den Knast. "Es tat mir leid, er war ein Bruder." Wer Hells Angel werden will, muss lange den Boden wischen. Und auch dann darf er nicht draufspucken. Er kreist als Hangaround um den Club, um sich endlich als Prospect hochzudienen. Nach einem Jahr wird er aufgenommen, nur einstimmig.

Dann sind die Riesen vor dem Ritterschlag nervös wie Kinder vorm Geburtstag. Glückselig fallen sie sich in die Arme, alles Furchteinflößende löst sich auf, sie sind ganz weich. Warum? Einer sagt: "Ich will Verlass, auch, dass sich Leute auf mich verlassen können." Mit der Aufnahme sind sie Teil einer weltweiten Bruderschaft, die dem Einzelnen die Macht eines Heeres verleiht.

Rocker gegen Libanesengang

Kourosh, freundlich, Walldorfschüler, Diplom-Sportlehrer, Europameister im Kontaktkarate und Betreiber einer Diskothek in Bremen, hatte Ärger mit einer Libanesengang, die Läden terrorisiert, um sie zu übernehmen.

Diese hatte sich gerade aufgebaut, da stand die Bruderschaft vor der Disko. Und Rocker sind nicht zimperlich. Als ein anderer Disko-Besitzer Kourosh um Hilfe bat, rasselte er nur noch mit der Telefonkette. Jetzt haben ihn die Libanesen gebeten, im Disko-Krieg mit Kurden zu vermitteln. Kourosh hat die Ehrung abgelehnt, ist aber für den Friedensprozess. Er hat den Militärdienst in Israel absolviert. Er ist Jude.

Hells Angels sagen: "Komm vorbei, wir beziehen dir ein Bett." Sie sagen Treffen ab, weil der Sohn eingeschult wird und die Großeltern nun doch länger bleiben. Sie sagen: "Natürlich versucht sich bei einem Reporter jeder von der besten Seite zu zeigen." Sie beißen den Schmerz weg, wenn "der Leasingvertrag mit meiner Freundin ausgelaufen" ist. Sie gehen zum Rauchen auf die Terrasse und sagen: "Ich bin so froh, dass ich diese Frau getroffen habe." Sie erzählen von späten Vaterfreuden oder der Dame aus der Oper, die immer zum Ficken kam. Sie sagen: "Bitte, kein Wort zu meiner Frau." Man steht um Feuertonnen, bis es morgens hell wird, und Hanebuth lehnt sich herüber: "Ich will die alten Werte wieder haben. Nicht die Nazi-Scheiße. Das, was lange davor war." Er spricht von Treue und Geradlinigkeit. Kollegen in der Redaktion fragen: "Ist es bei der Mafia nicht genauso?" Diese bösen Stiefbrüder der Hippies leben eine Romantik. Angels sind keine Engel.

Einige ihrer Straftaten sind eher Folgen ihrer Riten. Immer wieder sind es die Kutten, die sich verfeindete Clubs gegenseitig als Trophäen abziehen. Für den Staatsanwalt ist das schwere räuberische Erpressung.

"Brauchtumspflege" kann tödlich enden

Sie nennen es "Brauchtumspflege". Doch sie kann tödlich enden. So dass Kriminaloberrat Axel Bédé fragt: "Was ist das für eine Ehre, wenn sie in Überzahl mit Ketten und Messern aufeinander losgehen?" Ein Trauerzug auf Harleys am Friedhof von Ibbenbüren im Münsterland. Hells Angels aus ganz Deutschland, Delegationen aus den USA, Südamerika und Australien geben dem Sarg mit Totenkopfemblemen das letzte Geleit. Aus einem Lautsprecher klingt die Pink-Floyd-Ballade "Wish You Were Here". Am Grab steht neben der Witwe und den kleinen Söhnen ein Geistlicher vor 1000 Rockern. "Gut, dass ihr hier seid", ruft er ihnen zu. "Euren Zorn kann ich nicht wegpredigen, aber ich bitte euch: Richtet kein neues Leid an. Höllen werden von Menschen gemacht." Die Sonnenbrillen der Hells Angels sind heruntergeklappte Visiere.

Es war im Mai. Robert König, Produzent von Edelstahllenkern, hatte gerade seinen Laden aufgemacht. Da hielt ein Van vor der Glasscheibe. Der Beifahrer stieg aus, ging hinein und drückte fünfmal ab. Jetzt stehen zwei Männer in Münster vor Gericht. Beide sind Bandidos. Oberstaatsanwalt Wolfgang Schweer sagt: "Es ging um Ehrverletzungen." Weil einer der beiden bei einer Prügelei mit Bremer Hells Angels an die Falschen geraten war, sollen die Bandidos beschlossen haben, ein beliebiges Mitglied der Angels zu töten.

Wenn sich Hells Angels und Bandidos begegnen, gibt es kein Ausweichen. Im Oktober vergangenen Jahres setzte die Polizei in Brandenburg 130 Bandidos fest, die sich für eine Schlacht mit Hells Angels bewaffnet hatten. Im Frühjahr ließ ein Bandido eine Schusswunde an der Schulter in einem Krankenhaus behandeln. Er konnte sich die Verletzung nicht erklären.

Als Angel Leitwolf, im Geschäftsleben Manager

Hannover, Steintorviertel. Kneipen, Puffs, Table-Dance-Bars. In den Läden legen DJs auf, sonnabends ist jeder gestopft voll wie Köln im Karneval. Das Steintor ist eine Partymeile, über die auch Eltern ihre Töchter ziehen lassen. Das Geschäftsprinzip heißt Sicherheit, vor jeder Tür wacht ein Mann von Frank Hanebuth - ein Angel oder ein Mitarbeiter seiner Security-Firma. "Wir haben uns jetzt für den geraden Weg entschieden." Hanebuth ist Leitwolf im Angels-Club. Und im Geschäftsleben Manager: Immobilienverwaltung, Sicherheitsdienst.

Er organisiert Schlagerstarparaden oder Strandnächte mit Lastwagen voller Sand. "Die Mischung aus Event-Gastronomie und Halbwelt muss stimmen." Die Biertische im Angels Place sind zum Hufeisen gestellt. Das wöchentliche Plenum im wahrscheinlich größten Charter der Welt. Rotkohl und Rouladen dampfen. Die Runde zahlt Mario, er hatte Geburtstag.

Eine Glückwunschkarte geht herum, ein Prospect ist Vater geworden. "Haben alle unterschrieben?", hakt der Präsident nach. Einer stößt den Reporter an: "Warte, wir beginnen das Essen immer gemeinsam."

Mitarbeit: Iris Hellmuth

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