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BahnCard 50 Grad

Sitzplatzgarantie? Von wegen. "Schwitzplatzgarantie"? Sicher! Die Bahn muss Hohn und Spott erdulden. Zurecht. Denn seinen technischen Pannen hat der Konzern ein PR-Desaster folgen lassen.

Von Till Bartels und Theresa Breuer

Es sollte beruhigend, beschwichtigend klingen, was Bahn-Sprecher Jürgen Kornmann am Sonntag in die Mikrophone des ZDF flötete: "Wir fahren jeden Tag 1400 Fernverkehrsverbindungen, und wir hatten gestern Probleme - große Probleme, zugegebenermaßen - mit drei Zügen. Man sieht also, ein Großteil der Reisenden kommt sicher, bequem und komfortabel an." Ein, zwei, drei ICEs mit Problemen, lautete die Botschaft. Peanuts.

Peanuts? Von wegen. Denn längst ist klar, dass es nicht nur bei drei ICEs Probleme gegeben hat. Immer mehr Fahrgäste melden, dass die Klimaanlagen ihrer Züge ausgefallen sind - in Medien, auf Facebook, über Twitter. Allein der Fahrgastverband "Pro Bahn" hat seit dem Wochenende mehr als 100 Hinweise auf Probleme mit Klimaanlagen in Zügen erhalten - normalerweise, so Pro-Bahn-Sprecher Rainer Engel, gingen bei der Organisation im ganzen Jahr rund 1000 Beschwerden ein. Glaubt man den vielen Einträgen in Internetforen, dürfte es bei zig Zugverbindungen hitzebedingt technische Probleme gegeben haben. So schreibt Facebook-Userin Julia K. auf der stern.de-Seite, dass sie zweimal die Woche zwischen Hannover und Magdeburg pendele und bisher noch nicht einmal die Klimaanlage korrekt gelaufen sei. Und stern.de-User "Kepe" schildert einen Vorfall vom 2. Juli: "Ich bin von Basel nach Frankfurt gefahren, auch da waren es über 30 Grad. Bereits am Abgangsbahnhof Basel war der Zug voll, so dass man ohne Platzkarte in der 2. Klasse stehen musste. Die Klimaanlage war bereits vor der Abfahrt ausgefallen und es war unerträglich warm."

Alle Zuggattungen sind betroffen

Die Beschwerden über den "Brutkasten Bahn" beziehen sich dabei laut "Pro Bahn" längst nicht nur auf jene ICE-Züge vom Typ 2, die kurz vor einer Generalüberholung stehen. Das Problem mit den Klimaanlagen trete flächendeckend und bei allen Zuggattungen auf. Bei Waggons eines Intercity (IC) sind die Folgen einer kaputten Klimaanlage allerdings nicht so gravierend wie bei einem ICE. Denn in den ICs kann die Lüftung weiterlaufen oder in vielen Waggons, zumindest in den Abteilwagen, können auch die Fenster geöffnet werden. In ICE-Wagen ist das alles generell nicht möglich. Dort herrscht bei einem Ausfall der Klimaanlage sofort brütende Hitze.

Es gibt also eine Menge unbestätigter Vorwürfe und Schilderungen, nur überprüfen lassen sie sich kaum. Denn was macht die Bahn, jener Staatskonzern also, der für all das verantwortlich ist, in dieser Krisensituation? Er mauert. Auch knapp 72 Stunden nach dem Hitze-Desaster der ICEs kann der Konzern noch immer keine genauen Angaben machen, wie viele Fahrgäste betroffen waren - und was eigentlich konkret schief gelaufen ist. Aus der DB-Pressestelle heißt es am Dienstag auf wiederholte Anfrage nur lapidar, dass man die Vorfälle vom Samstag, als mehrere Menschen in Zügen aufgrund der Hitze zusammen gebrochen waren, weiter untersuche. Angaben zu dem vollen Umfang der Ausfälle? Konkrete Erläuterungen zu den Ursachen der Pannen? Fehlanzeige.

PR-Debakel erster Klasse

Die Bahn hüllt sich in Schweigen und macht so alles nur noch schlimmer. Aus der technischen Pannenserie ist ein PR-Debakel erster Klasse geworden. "Das Krisenmanagement der Bahn ist ausgesprochen schlecht", sagt "Pro Bahn"-Sprecher Engel, "die Pressesprecher wiegeln erstmal ab." Auch beim Eisenbahn-Bundesamt, der Aufsichtsbehörde der Bahn, können bislang keine Angaben zu Umfang und Ursache der Pannen gemacht werden.

Dabei ist weniger verwunderlich, dass es zu technischen Pannen gekommen ist, sondern eher, dass die Bahn offenbar schlecht auf die Probleme mit den Klimaanlagen vorbereitet war. Schließlich berichten viele Fahrgäste jetzt erst öffentlich von Fällen, die bereits mehrere Wochen zurück liegen. Probleme mit den Klimaanlagen in einzelnen Waggons gab es auch schon in zurückliegenden Sommern. Aber dass die Klimatisierung in ganzen Zügen ausfällt, ist offenbar ein Phänomen, das erst in diesem Jahr massiv aufgetreten ist. Nach Einschätzung von Pro Bahn liegt das nicht nur am besonders heißen Sommer, sondern auch an "Alterungserscheinungen und Wartungsmängeln". Nach Informationen von "Pro Bahn" weiß das Bahnpersonal an der Basis seit Tagen über die technischen Schwierigkeiten Bescheid. "Das PR-Desaster besteht darin, dass der Informationsfluss über negative Entwicklungen von unten nach oben der Bahn nicht funktioniert", so Sprecher Engel.

Keine Auskunft, keine klare Ansage, nur vage Versprechen von Wiedergutmachung für die Kunden. Im Internet werden die Bahn und ihr miserables Krisenmanagement mit Hohn und Spott übergossen. So fragt "FrankWallitzek" auf Twitter, ob es stimme, dass die Bahn den ICE in "Transpirapid" umbenennen wolle. Und "simonbeeck" nimmt die Bahn nur vermeintlich in Schutz: "Von wegen kundenfeindlich und uneinsichtig. Die Deutsche Bahn reagiert sofort. Mit der neuen BahnCard 50Grad", twittert er. Das Satiremagazin "Quer" des Bayrischen Rundfunks ätze über Twitter, dass man bei der Bahn keine Schwitzplatzgarantie habe. Die Bahn schafft unendlich viel Raum für Schenkelklopfer.

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Theresa Breuer und