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Chronik eines Rufmordes

Kirsten K. ist verhungert. Mitten in Hamburg, unter staatlicher Obhut. Sie war schizophren, hatte jahrelang ihren Mann beschuldigt, die gemeinsamen Kinder missbraucht zu haben. Heinz K. wäre an den Vorwürfen beinahe zerbrochen. Auch weil eine selbsternannte Kinderschützerin eine Mission hatte.

Von Kerstin Schneider (Text) und Marcus Vogel (Fotos)

Als die Polizei gegen Mittag die Wohnungstür im zweiten Stock des rot geklinkerten Hochhauses in Hamburg-Farmsen aufbricht, kommt für Kirstin K. jede Hilfe zu spät. Die Leiche der 40-jährigen liegt, nur mit Unterwäsche bekleidet, auf zwei übereinander liegenden Matratzen im Kinderzimmer. Die Wohnung ist, abgesehen von einem Regal, einem alten Kinderfahrrad und ein paar Kartons, leer geräumt. Mindestens acht Wochen muss die Tote in ihrer Wohnung gelegen haben. Sie wiegt 31,5 Kilo. "Hochgradige Abzehrung des Körpers", diktiert der Gerichtsmediziner kurz darauf bei der Obduktion in sein Diktaphon. "Todesursache: Verhungern."

Wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht

Nun, mehr als zweieinhalb Jahre nach dem Auffinden der Leiche im Dezember 2004, steht die 51-jährige Berufsbetreuerin Andrea S. in Hamburg wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht. Sie war 1999 als Betreuerin von Kirsten K. bestellt worden, weil die zweifache Mutter unter paranoider Schizophrenie litt. Schon damals aß Kirsten K. kaum und drohte zu verhungern. Obwohl sie von der Essstörung ihrer Klientin wusste, kümmerte sich die Betreuerin laut Anklage ein halbes Jahr lang nicht intensiv genug um Kirsten K., so dass die Betreute alleine in ihrer Wohnung verhungerte.

Doch der Fall von Kirsten K. erzählt mehr als nur die Geschichte einer kranken Frau, die unter staatlicher Obhut in der reichsten Stadt Deutschlands verhungerte. Der Fall erzählt auch die Geschichte eines Rufmordes, der fast die Existenz ihres Ehemannes Heinz K. ruiniert hätte. Ein Rufmord, der dafür sorgte, dass der Vater seine Kinder über fünf Jahre nicht sehen durfte.

Dass mit Kirsten "etwas nicht stimmt", merkt Heinz K. das erste Mal, als seine Freundin 1989 schwanger wird. "Sie wollte mich von einem auf den anderen Tag plötzlich nicht mehr sehen. Öffnete ihre Wohnungstür nicht. Als ich trotzdem zur Entbindung unserer Tochter Sandra ins Krankenhaus kam, tat sie, als wäre nichts geschehen."

Heinz K. schiebt das merkwürdige Verhalten seiner Freundin auf eine Schwangerschaftsdepression. Das Paar heiratet, zieht in einen Vorort von Hamburg, wo Heinz K., der gelernter Tischler ist, eine Anstellung als Hausmeister in einer Grundschule findet. Kirsten K. gibt ihren Job als Verkäuferin auf. Im November 1991 wird die zweite Tochter Jennifer geboren.

Nach der Geburt des zweiten Kindes, verhält sich Kirsten K. immer merkwürdiger. "Sie sprach ins Telefon, obwohl das Kabel gar nicht angeschlossen war", erinnert sich Heinz K.. Auch Christa B., die Mutter von Kirsten K., wundert sich darüber, dass ihre Tochter plötzlich "so wirres Zeugs redet". "Sie erzählte, dass sie im zweiten Weltkrieg gewesen sei, sagte: Mama, über Berge von Leichen bin ich gestiegen."

"Lästiger, aber harmloser Spleen"

Doch weil sich Kirsten K. über lange Zeiträume normal verhält, glauben Ehemann und Mutter an einen "lästigen, aber harmlosen Spleen". Sie ahnen nicht, dass die seltsamen Geschichten, die Kirsten K. erfindet, erste Anzeichen einer schweren Nervenkrankheit sind: Schizophrenie. Bei dieser Stoffwechselerkrankung des Gehirns sind die so genannten Neurotransmitter, die die Nervensignale im Hirn weiter leiten, gestört. Deshalb können Schizophrene zeitweise nicht zwischen Wahn und Wirklichkeit unterscheiden. Sie sehen mitunter Menschen, die nicht existieren, hören Stimmen, nehmen Gerüche wahr, für die es keine Quelle gibt. Die Krankheit beginnt schleichend, bricht zwischen dem 20ten und 30ten Lebensjahr aus.

Als Heinz K. am 1. April 1995 am späten Nachmittag nach Hause kommt, ist seine Wohnung komplett ausgeräumt. Alle Möbel sind weg. Die Gardinen abgehängt. Seine Frau ist mit den Töchtern Sandra, 5 und Jennifer, 3, verschwunden. Fassungslos steht Heinz K. in seiner leeren Wohnung, glaubt erst an einen "schlechten Aprilscherz", als das Telefon klingelt. Seine Schwiegermutter ist am Apparat. "Kirsten hat sich heimlich eine Wohnung gesucht und ist ausgezogen. Sie behauptet, Du würdest die Kinder missbrauchen. Ich glaube ihr kein Wort. Das ist wieder eine ihrer Horrorgeschichten."

Per Anwaltsschreiben teilt Kirsten K. ihrem Mann kurz darauf mit, dass er seine Kinder nicht besuchen darf. Heinz K. geht zum Jugendamt. "Ich habe der Sachbearbeiterin gesagt, dass meine Frau sich oft merkwürdige Geschichten ausdenkt und dass ich mir Sorgen um meine Kinder mache." Die Sachbearbeiterin des Jugendamtes lädt Kirsten K. vor. Die Mutter erzählt, dass ihr Mann die Kinder sexuell missbraucht habe. Die Mädchen sind völlig verängstigt, verstecken sich hinter ihrer Mutter. Alarmiert durch das "ungewöhnlich massiv gestörte" Verhalten der Kinder, empfiehlt die Sachbearbeiterin, die nicht wissen kann, dass Kirsten K. tatsächlich krank ist, dem Familiengericht, Heinz K. vorerst jeden Kontakt mit seinen Kindern zu verbieten.

Heinz K. sogar schon erkennungsdienstlich behandelt worden

Bei der Anhörung vor dem Familiengericht im August 1995 behauptet Kirsten K. wieder, dass ihr Mann Sandra und Jennifer missbraucht habe. Ihr Mann sei sogar schon erkennungsdienstlich von der Kripo behandelt worden, sagt Kirsten K. Trotz der schweren Vorwürfe, die seine Frau ihm macht, hegt Heinz K. keinen Groll gegen sie, zahlt ihr und den Kinder regelmäßig Unterhalt. Ihm ist inzwischen klar, dass Kirsten K. krank sein muss. "Ich habe dem Richter gesagt, dass meine Frau oft Dinge erzählt, die nicht stimmen. Aber der Richter meinte nur: "Jeder zweite Ehemann behauptet hier, dass seine Frau verrückt ist." Auch darauf, dass die Mutter von Kirsten K., die Schilderungen ihres Schwiegersohnes bestätigt, mag sich der Richter nicht verlassen. Er lässt die Vorwürfe mit Hilfe eines Gutachtens klären.

Nach der Anhörung sieht Heinz K., dass Kirsten K. auf dem Gerichtsflur mit einer blonden Frau tuschelt. Es ist, wie Heinz K. später erfährt, Christa Z., Vorsitzende eines Vereins, der in Hamburg gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern kämpft. Z. sieht sich selbst als Betroffene. 1987 beschuldigte sie einen Lehrer, ihren Sohn sexuell missbraucht zu haben. Das Verfahren wurde eingestellt. Die Schulbehörde ließ der Mutter zwei Mal unter Androhung eines Ordnungsgeldes verbieten, ihre Äußerung zu wiederholen. Dennoch gilt Christa Z. als Expertin, tritt im Fernsehen auf, gibt Interviews zum Thema sexueller Missbrauch ("Ich erkenne die Typen schon auf Fotos"). Im Gericht geht die Vereinsvorsitzende oft auf die Suche nach neuen Klientinnen. "Frau Z. hat meine Tochter missbraucht", sagt Christa B. heute. "Sie wollte Kirstens Fall nutzen, um ihren Verein bekannt zu machen."

"Besuche der Kinder beim Vater sind zu befürworten"

Das Gutachten fällt zugunsten von Heinz K. aus. "Besuche der Kinder beim Vater sind zu befürworten, da diese im Interesse des Kindeswohls liegen", schreibt die Psychologin in ihrem über 60-seitigen Gutachten Anfang 1996. Die Kinder hätten sogar "den Wunsch, ihren Vater zu sehen". Für einen sexuellen Missbrauch der Mädchen findet die Gutachterin "nicht den geringsten Hinweis". Wohl aber für einen Realitätsverlust der Mutter. Kirsten K. "vermittelte den Eindruck einer sehr ängstlichen Frau, die sich in Dinge hineinsteigert und die Realität ein wenig aus den Augen verliert." Die Kripo bestätigt dem Familiengericht, dass Heinz K. noch nie erkennungsdienstlich behandelt worden ist.

Heinz K. stellt den Antrag, ihm die elterliche Sorge zu übertragen. Anderthalb Jahre hat er seine Töchter nun schon nicht mehr gesehen. "Ich dachte, bald ist der Alptraum vorbei. Das Gutachten war ja eindeutig." Beim Blättern in der Zeitung erkennt er auf einem Foto die Frau, die er mit Kirsten K. im Gericht gesehen hat: Christa Z. Die Vereinsvorsitzende steht im Frühjahr 1996 wegen übler Nachrede vor Gericht. In einem Fax an verschiedene Redaktionen hatte Z. einen Journalisten zu Unrecht beschuldigt, gegen Schmiergeld auf eine Veröffentlichung über einen vermeintlichen Kinderschänder verzichtet zu haben. Der Richter lässt Milde walten, wertet das Fax als "freie Meinungsäußerung" und spricht Z. frei. "Die Löwenmutter mit der bösen Zunge", liest Heinz K. Er ahnt nicht, dass Christa Z. sich inzwischen seines Falles angenommen hat.

Christa Z. "verbal sehr ausfallend"

Im Sommer 1996 besucht Christa Z. die Rektorin der Grundschule, bei der Heinz K. arbeitet. Die "Löwenmutter" erzählt der Lehrerin, dass der Schulhausmeister seine Töchter sexuell missbraucht habe und fordert sie auf, Konsequenzen zu ziehen. Die Rektorin lehnt ab. Christa Z. sei "verbal sehr ausfallend" geworden, erinnert sich die Lehrerin. "Aber es gab ja weder eine Anzeige noch irgendwelche Beweise."

Dennoch leitet die Lehrerin den Verdacht weiter. Es ist ihre Pflicht. Personalrat und Kultusministerium prüfen den Fall. Heinz K. muss ein aktuelles Führungszeugnis vorlegen. "Ich hatte permanent das Gefühl, meine Unschuld beweisen zu müssen." Der Hausmeister wird zu seinem Dienstherrn, dem Bürgermeister, ins Rathaus zitiert. "Wenn es eine Anzeige gibt, muss ich Sie aus der Schusslinie nehmen", formuliert der Verwaltungschef diplomatisch. Heinz K. weiß genau, was sein Chef meint. "Ich hatte wahnsinnige Angst, meinen Job zu verlieren."

Kurz nach ihrem Besuch bei der Rektorin erstattet Christa Z. im Namen von Kirsten K. im August 1996 Anzeige gegen Heinz K. "Da der Beschuldigte jederzeit (er ist auch Jugendtrainer im Sportverein) Zugang zu Kindern hat, sehen wir uns verpflichtet, ein Ermittlungsverfahren nicht noch länger zu verzögern", schreibt Christa Z. auf dem Briefbogen ihres Vereins an die Kripo in Hamburg und Itzehoe. Die Vereinsvorsitzende fragt häufig nach, was aus dem Verfahren geworden sei, gibt sich fälschlicherweise sogar als Anwältin von Kirsten K. aus. Als sich die Polizei weigert, der Vereinsvorsitzenden Auskunft zu erteilen, schaltet Christa Z. die Presse ein.

K. möchte nicht mit der Zeitung sprechen

Im November 1996 bekommt Heinz K. einen Anruf von einem Reporter einer großen deutschen Boulevardzeitung. "Morgen erscheint eine Geschichte über Sie. Sie haben ihre Töchter sexuell missbraucht und arbeiten als Hausmeister in einer Grundschule. Möchten Sie eine Stellungnahme abgeben?" Heinz K. lässt sich nicht auf ein Gespräch mit dem Journalisten ein, ruft sofort seinen Anwalt an. Der lässt der Zeitung die geplante Veröffentlichung per Einstweiliger Verfügung verbieten. Der Anwalt kann bei Gericht ein Schreiben der Kripo vorlegen, aus dem hervorgeht, dass sich der Tatvorwurf des sexuellen Missbrauchs nicht erhärtet habe. "Ich war fix und fertig", erinnert sich Heinz K. "Ich dachte, lange halte ich das nicht mehr aus."

Wenig später spricht sich auch eine Mitarbeiterin des Jugendamtes dafür aus, Heinz K. die Kinder zu überlassen. Christa Z. schreibt ans Familiengericht. "Die ausgesprochene Empfehlung ist aus meiner Sicht nicht nachvollziehbar. In erster Linie sollte die enge Bindung der Kinder an ihre leibliche Mutter die ausschlaggebende Rolle spielen."

Der Vater bekommt Umgangsrecht

Im Januar 1997 - Heinz K. hat seine Töchter inzwischen fast zwei Jahre lang nicht mehr gesehen - räumt das Gericht dem Vater ein Umgangsrecht ein. Er soll seine Töchter wenigstens ab und an sehen dürfen. Der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs habe sich nicht erhärtet, schreibt der Familienrichter. Vielmehr bestehe der Verdacht, "dass die Mutter den Sinn für die Realität verliert und sich mit ihren Verdächtigungen in eine Situation hineinsteigert, die als pathologisch zu bezeichnen ist."

Kirsten K. legt Beschwerde ein und bekommt Recht. Sandra und Jennifer werden inzwischen wegen ihrer "schwerwiegenden psychosozialen Auffälligkeiten" in einer Langzeit-Kur behandelt. "Bei der labilen Verfassung von Sandra und Jennifer halten wir einen Besuch des Vaters für ungünstig", warnt die Psychologin des Kinderkurheims. "Das habe ich sogar eingesehen", erinnert sich Heinz K. "Ich dachte: Die Kinder sollen sich ruhig erholen und wollte keinen Druck ausüben."

Mutter bekommt überraschend das Sorgerecht

Doch im Juli 1997 überträgt das Familiengericht Kirsten K. überraschend das alleinige Sorgerecht. "Auch wenn die Sachverständigen den Vater für geeigneter halten, kann es nicht verantwortet werden, die Kinder einem Wechsel der Bezugsperson auszusetzen. Kein Mensch weiß, wie die Kinder darauf reagieren und ob sie diesen möglichen Wechsel ohne Schaden überstehen", schreibt der Richter in seinem Urteil. "Das Gericht ist sich im Klaren darüber, dass die Entscheidung zu Gunsten der Mutter dadurch mitbestimmt war, dass die Mutter seit April 1995 jeglichen Kontakt der Kinder zum Vater unterbunden hat. Der Vater muss den Eindruck haben, dass dieses Verhalten der Mutter am Ende belohnt wurde."

Heinz K. ist in der Tat "fassungslos". "Der Richter machte sich Sorgen, dass den Mädchen ein Wechsel der Bezugsperson nicht gut tun könnte. Aber daran, dass auch die Krankheit meiner Frau den Kindern schaden könnte, dachte er nicht."

Tatsächlich zieht Kirsten K. ihre Töchter, wie Gutachter später feststellen werden, immer mehr in ihre "Wahnwelt hinein" und überträgt ihre Ängste auf die Kinder. "Meine Mutter ging abends mit einem Messer in unserer Wohnung auf und ab, weil sie Angst vor bösen Menschen hatte. Sie drückte mir ein Messer in die Hand, damit ich meine kleine Schwester beschützen konnte", erinnert sich Sandra, heute 17. "Jede Nacht mussten wir in einem anderen Zimmer schlafen, weil meine Mutter meinte, unser Nachbar würde die Wohnung heimlich mit Röntgenstrahlen vergiften."

Ein halbes Jahr nachdem ihr das Sorgerecht übertragen wurde, erscheint Kirsten K. eines Abends völlig aufgelöst in der Notaufnahme eines Hamburger Kinderkrankenhauses. Die Mutter erzählt der Dienst habenden Ärztin, dass ihr Mann Heinz K. in ein Krankenhaus eingebrochen und Ampullen geklaut habe. Diese Ampullen habe er Sandra und Jennifer in die Bauchdecke gespritzt. Unter Narkose seien die Mädchen vom Vater, mehreren fremden Männern und mit Hilfe von Tieren missbraucht worden. Kirsten K. fordert die Ärztin auf, die "Kinder aufzumachen und nachzuschauen". Die Klinik informiert den Kindernotdienst, der das Jugendamt einschaltet.

Ein paar Monate später, im September 1998, erscheint Kirsten K. mit ihren Kindern und Christa Z. im Landeskriminalamt. Die Vereinsvorsitzende ist bei der Polizei zu dieser Zeit bestens bekannt. In einem sechsseitigen Brief an einen Anwalt, der im Internet kursierte, hatte Christa Z. Mitte 97 bekannte Persönlichkeiten, darunter Politiker, einen Musiker, einen Konsul, den Dienstherrn von Heinz K. und einen Hamburger Oberstaatsanwalt beschuldigt, Mitglieder eines Kinderschänderrings namens "Die 13" zu sein. Die Clique würde in einem unterirdischen Bunker Kinder missbrauchen und mit Genickschuss töten, hatte es in dem Brief, der von Z. unterschrieben ist, geheißen. Einer der Beschuldigten, ein Senator im Ruhestand, hatte Strafanzeige erstattet - ohne Erfolg. Christa Z. war nicht nachzuweisen gewesen, dass sie das vertrauliche Schreiben an den Anwalt ins Internet gestellt hatte. Ihr Verein ist inzwischen als gemeinnützig anerkannt, wird mit mehreren Tausend Mark im Jahr aus dem Bußgeldfond des Senats gefördert.

Die beiden Mädchen sollen vernommen werden

Beim Landeskriminalamt besteht Christa Z. darauf, dass die Beamten Sandra und Jennifer vernehmen. Die Aussagen der Mädchen, zu dieser Zeit sechs und acht Jahre alt, werden auf Video aufgezeichnet. Sie wirken verschüchtert und verstört - aber von einem Missbrauch durch den Vater erzählen sie nichts. Der Kripobeamte nimmt Kirsten K. zur Seite. Die Mutter erzählt dem Beamten, dass "Jennifer kleine Drähte hinter dem Ohr in ihren Kopf eingesetzt worden seien."

Im Februar 1999 entzieht das Familiengericht Kirsten K. das Sorgerecht für ihre Kinder, weil sie "nicht in der Lage ist, Verantwortung für Sandra und Jennifer zu übernehmen". Das Jugendamt hat die Mädchen inzwischen in einem Kinderheim untergebracht. Wenn ein Elternteil das Sorgerecht verliert und die Eltern verheiratet waren, geht das Sorgerecht im Regelfall auf den anderen Elternteil über. So jedenfalls steht es im Bürgerlichen Gesetzbuch. Im Fall K. entscheiden die Richter anders. Grund: Ein Gutachter hält es für besser, die Kinder im Heim zu lassen, um "ihnen einen erneuten Beziehungsabbruch zu ersparen." Der Kontakt zwischen dem Vater und seinen Töchtern soll langsam und unter Aufsicht eines Psychologen angebahnt werden. Und ob Heinz K. dann das Sorgerecht für seine Kinder bekommt, soll erst durch ein weiteres Gutachten geklärt werden. 13 Gutachter befassen sich im Laufe der Jahre mit Familie K.

Etwa zu dieser Zeit, Mitte 1999, wird Kirsten K. "völlig verstört und bis auf 35 Kilo abgemagert" in ihrer Wohnung aufgefunden und in die Psychiatrie eingeliefert. Die Ärzte diagnostizieren eine "paranoide Schizophrenie". Kirsten K. isst kaum noch, droht "ohne nervenärztliche Behandlung zu verhungern", wie es in einem ärztlichen Attest heißt. Im November 1999 stellt das Amtsgericht Kirsten K. deshalb die Betreuerin Andrea S. zur Seite. Sie soll auf den Gesundheitszustand von Kirsten K. achten.

Nach fünf Jahren das erste Wiedersehen

Im Februar 2000 sind Sandra und Jennifer soweit stabilisiert, dass Heinz K. seine Töchter nach fünf Jahren das erste Mal wieder sehen darf. "Ich war aufgeregt, wie noch nie in meinem Leben", erinnert sich Heinz K. Mit einer Tüte voller Geschenke kommt er ins Kinderheim. Sandra und Jennifer sitzen im Besucherraum stumm auf ihren Stühlen. "Das ist Euer Vater", stellt der Psychologe den Mädchen Heinz K. vor. Sandra und Jennifer gucken ihren Vater, den sie nicht mehr kennen, schweigend an. "Ich hätte sie am liebsten an mich gedrückt und nie wieder losgelassen. Ich musste mich beherrschen, um nicht zu heulen." Der Psychologe schlägt vor, Memory zu spielen. Als die Mädchen ihre Karten aufdecken und übers Spiel reden, erschrickt Heinz K. Er erkennt die Stimmen seiner Kinder nicht mehr.

Heinz K. sieht seine Töchter fortan fast jede Woche. Die Mädchen werden immer lockerer. Er geht mit seinen Kindern auf den Hamburger Dom, stellt ihnen seine neue Lebensgefährtin vor. Schließlich dürfen die Mädchen über Wochenende und in den Ferien bei ihm bleiben. Die Kinder sind ausgelassen, kommen gut mit dem Vater und seiner neuen Lebensgefährtin zurecht. Vor allem Sandra, die ihren Vater relativ schnell "Papa" nennt, fragt Heinz K. oft, wann sie endlich bei ihm wohnen darf. Der Vater weiß keine Antwort.

"Insgesamt betrachtet, vermittelt das soziale Umfeld von Herrn K. den Eindruck, dass es sich um einen guten sozialen Empfangsraum außerhalb der Einrichtung für Sandra und Jennifer handelt", schreibt der Gutachter im Juni 2000 ans Familiengericht. Doch obwohl "die Kontaktaufnahme durch den Vater als geglückt bezeichnet werden kann", rät der Sachverständige davon ab, die Kinder zu ihrem Vater ziehen zu lassen, "da es sich nicht vorhersagen lässt, ob eine Verlagerung des Lebensschwerpunktes von Sandra und Jennifer zu ihrem Vater in deren Interesse liegen würde". Als er das Votum des Gutachters liest, bricht Heinz K. weinend zusammen. "Wie viele Gutachten sollte ich denn noch über mich ergehen lassen, um meine Kinder endlich wieder zu bekommen?"

Kirsten K. nimmt den Kampf wieder auf

Kirsten K., die die Psychiatrie inzwischen auf eigenen Wunsch verlassen hat, nimmt den Kampf gegen den Vater ihrer Kinder wieder auf. Bei Gericht stellt sie den Antrag, Heinz K. sofort den Umgang mit seinen Töchtern wieder zu verbieten. "Es bestehen begründete Anhaltspunkte dafür, dass der Kindesvater in eine kriminelle Organisation eingebunden ist, die die Aufgabe hat, minderjährige Kinder einem bestimmten Täterkreis für Zwecke des sexuellen Missbrauchs und sexuell motivierter Rituale zuzuführen", schreibt ihre Anwältin ans Gericht. Um die Vorwürfe zu beweisen, sollen die Richter einen "instruierten Vertreter des Vereins" von Christa Z. vernehmen. Christa Z. spricht mit dem Psychologen, der den Annäherungsprozess zwischen dem Vater und seinen Töchtern überwachen soll, behauptet, Heinz K. und sein Dienstherr der Bürgermeister, seien Mitglieder eines Kinderschänderrings.

Nun erstattet Heinz K. Anzeige gegen Christa Z.. Alle Ermittlungsverfahren gegen ihn - in Hamburg und in Itzehoe - sind eingestellt worden. Weder die Gutachter, noch die Kripo haben Hinweise dafür gefunden, dass der Vater seine Töchter sexuell missbraucht hat. Im Juli 2002 empfiehlt der Gutachter, Heinz K. zum Ende des Jahres das Sorgerecht für seine Kinder zu übertragen. Wenig später wird Christa Z. wegen übler Nachrede zu einer Geldstrafe von 800 Euro verurteilt. Für Heinz K. eine "lächerliche Strafe". "Diese Frau hat versucht, mir die Existenz zu ruinieren", sagt er. Christa Z. dagegen fühlt sich zu Unrecht verurteilt, legt Berufung ein.

56 Mietparteien, lange, dunkle Flure

Kirsten K. zieht in ein rot geklinkertes Hochhaus nach Hamburg-Farmsen. 56 Mietparteien. Lange, dunkle Flure, von denen die Wohnungen abgehen. Aus dem Fenster blickt Kirsten K. auf den grauen Waschbeton der Garagendächer. Sie wirft alle Möbel weg, lebt spartanisch, behält nur ein Regal, ein altes Kinderfahrrad und zwei Matratzen. Sie bekommt 345 Euro Sozialhilfe, ist wegen ihrer Krankheit schon seit Jahren nicht mehr arbeitsfähig. Zu ihrer Familie hat sie keinen Kontakt mehr. Jennifer und Sandra leben inzwischen beim Vater, dem das Gericht inzwischen das alleinige Sorgerecht zugesprochen hat. Bis die Mädchen in einer Therapie gelernt haben, mit ihrer kranken Mutter umzugehen, sollen sie Kirsten K. nicht besuchen.

Kirsten K. freundet sich mit dem Nachbarn aus der achten Etage an, verbringt die meiste Zeit in seiner Wohnung. "Kirsten war eine sehr traurige Frau", sagt der Nachbar später. Noch immer ist die Betreuerin für sie verantwortlich. Im Februar 2004 besucht Andrea S. ihren Schützling. Kirsten K. stellt der Betreuerin ihren neuen Freund vor. Im April 2006 trifft sie Kirsten K. noch einmal zufällig auf der Straße. "Sie war dünn, aber nicht abgemagert". Deshalb regt Andrea S. bei Gericht an, die Betreuung zum September 2004 aufzuheben, da Kirsten K. "gut mit ihrer Krankheit zurecht" käme.

Im Juli fährt Andrea S. noch einmal zu Kirsten K. Die Betreuerin steht vor verschlossener Tür. Auch die Amtsärztin, die ein paar Tage später klären will, ob Kirsten K. wirklich keine Betreuerin mehr benötigt, erreicht sie nicht. Kurz darauf fordert das Sozialamt eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung von Kirsten K. Der Behördenbrief bleibt unbeantwortet. Im September 2004, Kirsten K. hat sich weder bei ihrer Betreuerin, noch beim Sozialamt gemeldet, setzt das Amt die Zahlung der Sozialhilfe aus.

Ihrem Freund erzählt Kirsten K., dass sie Ärger mit dem Sozialamt hätte und kein Geld mehr bekommen würde. Die Entscheidung des Sozialamtes mag Kirsten K. - die sich seit Jahren in einer Welt der Bedrohung wähnte, umzingelt von Feinden - vorgekommen sein, wie ein letzter Beweis dafür, dass sich alle Welt gegen sie verschworen hatte. Bald darauf verabschiedet sie sich von ihrem Freund. "Sie sagte, sie bräuchte ihre Einsamkeit." Als sich Kirsten K. wochenlang nicht mehr meldet, klingelt der Nachbar noch ein paar Mal an ihrer Tür. Kirsten K. öffnet nicht.

Am 15. November fährt Andrea S. zur Wohnung von Kirsten K. Die Betreuerin bittet den Hausmeister um Hilfe. Der klettert auf das Baugerüst vor dem Haus, guckt durchs Fenster in die Wohnung. Kirsten K. sieht er nicht.

Betreuerin erstattet Vermisstenanzeige

Zwei Tage später, am 17. November, regt die Vormundschaftsrichterin an, Vermisstenanzeige zu erstatten. Die Betreuerin wartet noch eine Woche, bevor sie am 24. November zur Polizei geht. Es dauert noch einmal sechs Tage, bis die Beamten die Tür aufbrechen. Am 1. Dezember 2004 wird Kirsten K. gefunden. Tot.

Der SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Dirk Kienscherf ist fassungslos, will vom Senat wissen, warum "Menschen in Hamburg verhungern müssen". "Man kann doch nicht von einer psychischen kranken Frau erwarten, dass sie rational reagiert und sich meldet, wenn ihr die Sozialhilfe gestrichen wird." "Ich weiß nur, dass sie psychisch krank war. Näheres war mir nicht bekannt", sagt dazu der Sachbearbeiter, der die Sozialhilfe "aussetzte" bei der Polizei. Er betreute Kirsten K. vier Jahre lang.

Pflicht gewesen sich "in kurzen Abständen" zu informieren

Die Staatsanwaltschaft erhebt im September 2006 Anklage gegen Andrea S. Nachdem das Amtsgericht die Eröffnung des Hauptverfahrens zunächst ablehnt, lässt das Landgericht die Anklage im April 2007 zu. Andrea S. hätte genau gewusst, dass Kirsten K. dazu neigte, zu wenig zu essen und Gefahr lief, zu verhungern. Schließlich sei sie nur deshalb als Betreuerin bestellt worden. Es wäre ihre Pflicht gewesen, so die Richter, sich "durchgängig" und "in kurzen Abständen" über den Gesundheitszustand von Kirsten K. zu informieren. Außerdem hätte die Betreuerin Kirsten K. viel früher als vermisst melden und die Wohnung aufbrechen lassen müssen. "Der Tod dieser Frau ist ein tragischer Unglücksfall, der nicht zu verhindern gewesen wäre", sagt dagegen Reinhard Daum, Anwalt der Betreuerin.

Christa Z. hat durch alle Instanzen gegen Heinz K. gekämpft und verloren. Im vergangenen Jahr wurde sie rechtskräftig wegen übler Nachrede verurteilt. Sie lebt in einer heruntergekommenen Villa am Stadtrand Hamburgs. Am Klingelschild steht über ihrem Familiennamen der Name des Vereins. Das Urteil gegen sie sei ein "Fehlurteil", bellt die Vereinsvorsitzende. "Die Richter stecken doch mit den Tätern unter einer Decke." Christa Z. glaubt noch immer, dass Heinz K. seine Töchter sexuell missbraucht hat, nennt ihn gar "Dutroux". Der Belgier wurde 2004 wegen Mordes zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt, weil er junge Mädchen entführt, vergewaltigt und ermordet hatte. Dass Kirsten K. krank war, ihren Mann zu Unrecht beschuldigt hat, sei eine "glatte Lüge. Das sind die Täter. Die stecken die Mütter in die Psychiatrie." Mit dem Zeigefinger hakt Christa Z. die Luft in schmale Scheiben. "Ich glaube auch nicht, dass Kirsten tot ist", sagt sie. "Vielleicht lebt sie irgendwo im Zeugenschutzprogramm unter falschen Namen."

Verein gilt immer noch als gemeinnützig

Über 40.000 Euro hat Christa Z. für ihr Engagement zwischen 1997 und 2006 aus dem Bußgeldfond des Hamburger Senats kassiert. Den Verantwortlichen seien die Vorwürfe gegen Z. "nicht bekannt gewesen", sagt ein Sprecher des Justizressort. Der Verein von Christa Z. ist noch immer als gemeinnützig anerkannt.

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