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Auf dem Weg zu einer gemeinsamen Sprache

Imame, Vorbeter, sind Schlüsselfiguren bei der Integration von Muslimen in Deutschland. Doch was genau predigen diese Geistlichen? In Köln hat nun ein Kurs begonnen, der türkischen Imamen Deutschland näher bringen soll. Ein Ortsbesuch.

Von Ulrike Pape, Köln

Und jetzt. Eine aktuelle Frage: Wie ist das an Weiberfastnacht? Stimmt es, dass Frauen Männern an dem Tag auch Haare und Bärte abschneiden dürfen? Die Antwort kommt sofort: Mehmet Fatih Günes lacht, schüttelt den Kopf und zupft an seiner Krawatte: "Falsch!", sagt der Imam, "Frauen dürfen den Männern nur die Krawatten abschneiden, nicht die Haare oder Bärte!" Yonca Erman, die Lehrerin, nickt zustimmend. Einem ihrer Schüler reicht das noch nicht. Er will es ganz genau wissen. "Ist es nicht möglich, dass die Frauen den Männern doch auch die Haare und Bärte abschneiden?" hakt der Kursteilnehmer nach. "Dann wäre der Karneval schnell vorbei", sagt Erman. Der ganze Kurs lacht.

Die Szene spielt sich in Köln ab, wenige Tage, bevor der Karneval seinen Höhepunkt erreicht. Sie ist eine Momentaufnahme einer ungewöhnlichen Ausbildung: Hier in der Zentrale der Türkisch-Islamischen Union (Ditib) werden 16 muslimische Prediger fortgebildet und auf ihre Arbeit in Deutschland vorbereitet. Der Kurs dauert zehn Monate. Vier Stunden täglich wird unterrichtet, nur freitags nicht, da halten die Imame das Freitagsgebet in ihren Gemeinden. Behandelt werden Themen wie das Ausbildungssystem in Deutschland, die Vereinsarbeit - und natürlich wird Deutsch gelehrt. Denn Günes und seinen Mitschülern - 14 Männern und einer Frau - fällt die sprachliche Verständigung noch schwer.

Das Projekt soll Vorurteile abbauen

"Imame für Integration" heißt das bundesweit einmalige Programm, ein Gemeinschaftsprojekt des Goethe-Instituts, der Ditib und des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Insgesamt an neun Standorten will das Goethe-Institut in den nächsten fünf Jahren rund 130 Imame mit der deutschen Lebensart vertraut machen, in Nürnberg und in Köln läuft das Projekt bereits seit Dezember. Den Großteil der Kosten übernimmt das Bundesamt. Die Ditib stellt Räume und Ausstattung zur Verfügung. Der mit knapp 900 Vereinen größte Zusammenschluss deutscher Moscheegemeinden wird auch festlegen, wo ab Herbst die nächsten Kurse stattfinden. Angedacht sind Berlin und das Ruhrgebiet.

Das Projekt soll Vorurteile abbauen, Verständnis schaffen - auf beiden Seiten. An vielen Imamen haftet das Image von Hasspredigern, das einige, wenige radikale Imame in Deutschland geprägt haben. Dabei gelten die Gemeindevorsteher als Schlüsselpersonen für die Integration der Muslime in Deutschland. Sie sind Vorbild für den Rest der Gemeinde. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass die Imame in der Pflicht des türkischen Staats stehen. Während der meist vierjährigen Zeit in Deutschland beziehen sie ihr Gehalt vom türkischen Amt für Religionsangelegenheiten.

Auch Mehmet Fatih Günes hat die türkische Regierung nach Deutschland geschickt - und zwar ins Bergische Land, nach Radevormwald, 50 Kilometer nordöstlich von Köln. Wie wichtig - und auch prägend - seine Arbeit in der sunnitischen Gemeinde ist, beschreibt er so: "In Deutschland bin ich nicht nur Vorbeter, sondern auch Seelsorger, Berater und Erzieher, alles in einer Person." Wie er seinen Auftrag sieht? "Unsere Aufgabe als Imame ist, den Muslimen den Islam zu erklären, aber gleichzeitig müssen wir Kontakt haben mit den Deutschen", sagt Günes.

"Hinein in die Öffentlichkeit"

Angelika Kaya, die für das Modellprojekt "Imame für Integration" von Seiten des Goethe-Instituts verantwortlich ist, erläutert, wie das Verständnis der Imame für Deutschland verbessert werden soll: "Als Multiplikatoren müssen die Imame mittendrin sein", erläutert die Regionalleiterin. Bei Hospitationen in städtischen und kirchlichen Einrichtungen sollen sie lernen, wie Behörden hierzulande funktionieren und wie sie sich einbringen können, um dies an die Gemeindemitglieder weiterzugeben. "Weg von den Hinterhöfen, hinein in die Öffentlichkeit", definiert Kaya das Ziel des Programms, das auf eine Empfehlung der Deutschen Islam-Konferenz zurückgeht. Diese wurde 2006 zur Förderung des Dialogs zwischen Muslimen und Staat einberufen.

"Im Moment ist unser Ziel, mit dem Projekt zur Öffnung der muslimischen Gemeinden beizutragen", sagt auch Steffi Redmann vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, "Auf lange Sicht unterstützen wir aber den Vorschlag der Deutschen Islam-Konferenz und des Wissenschaftsrats, Imame und islamische Religionslehrer an deutschen Universitäten auszubilden, wenn sie hier dauerhaft leben." Ende Januar hatte der Wissenschaftsrat, das wichtigste Beratungsgremium von Bund und Ländern in der Hochschulpolitik, vorgeschlagen, unter Einbeziehung der muslimischen Religionsgemeinschaften an zwei oder drei staatlichen Universitäten Zentren für islamische Studien einzurichten.

Das Projekt "Imame für Integration" hat einen ähnlichen Ansatz, auch wenn es hier weniger um islamische Theologie als vielmehr um Alltag und Kommunikation in Deutschland geht. Bisher ziehen alle Beteiligten ein positives Fazit. "Die Teilnehmer sind wirklich sehr motiviert", berichtet Kursleiterin Yonca Ermann begeistert.

"Wir müssen Integration machen mit den Deutschen"

Kann ein zehnmonatiger Landeskunde- und Sprachkurs helfen, Ängste und Vorurteile abzubauen? Angelika Kaya vom Goethe-Institut betont, wie offen die Ditib bei Abstimmung des Kursinhalts gegenüber kritischen Fragen war, beispielsweise beim Thema Frauenrechte: "Konkret informieren wir die Imame in den Kursen über Notrufnummern und Adressen für Fragen zu häuslicher Gewalt, damit sie die weiterleiten." Alles wird der Kurs dennoch nicht zur Sprache bringen. "Strittige Themen wie zum Beispiel die Kopftuch-Debatte werden wir nicht erörtern", schildert Lehrerin Yonca Erman die Praxis. "Eine solche theologische Diskussion führt zu weit. Das können wir im Unterricht nicht leisten." Und auch die Ditib ist nicht unumstritten. Kritiker behaupten, sie sei der verlängerte Arm der türkischen Regierung in Deutschland - und unterstellen ihr eine unzulässige Nähe zur türkischen Regierungspartei AKP.

Dennoch ist die Kursleiterin überzeugt, dass das Projekt seine Wirkung nicht verfehlt: "Die Sprache zu beherrschen, ist die Grundlage", sagt die Kursleiterin. Der nächste Schritt sei der Kontakt: "Das bestätigen mir alle Teilnehmer, sie wünschen sich mehr Kontakt zu den Deutschen." Genau darauf soll sie dieser Kurs vorbereiten: die Begegnung mit den Menschen in Deutschland. So bringt es dann auch Mehmet Fatih Günes auf den Punkt: "Wir müssen Deutsch lernen. Wir müssen Deutsch sprechen mit den Deutschen. Wir müssen Integration machen mit den Deutschen."

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