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27 Minuten für das Thema Emanzipation

Ein Ort, wo Zuwanderer die in Deutschland geltenden Werte und Normen kennenlernen, ist der sogenannte Orientierungskurs. Der sei allerdings kein Mittel gegen das, was in Köln passiert ist, sagen Kursleiter. Und fordern eine gründliche Überarbeitung des Lehrkonzepts.

Von Sophie Albers Ben Chamo

In einem Integrationskurs

Im Integrationskurs lernt man Deutsch - und am Ende ein bisschen Werte und Normen

Angeblich konzertierte sexuelle Übergriffe durch männliche Migranten auf Frauen am Silvesterabend in Köln sind zu einem schrillen Symbol für gescheiterte Integration geworden. Lautstark wird nun über die Reduzierung von Flüchtlingszahlen, härtere Strafen und schnellere Abschiebung diskutiert, dabei wird allerdings übersehen, was in der Bundesrepublik für die Integration von Neuankömmlingen bisher getan wurde: offensichtlich zu wenig.

Das vom Staat vorgesehene pädagogische Instrument zur Vermittlung deutscher Werte und Normen ist der sogenannte Orientierungskurs, ein Appendix des eigentlichen Integrationskurses. Integrationskurse gibt es offiziell seit 2005 – als man endlich eingesehen hat, dass Deutschland wohl doch ein Zuwanderungsland ist – fast in jeder Stadt. Sie sind ein Angebot des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) und grundsätzlich freiwillig. Wer sich allerdings überhaupt nicht verständigen kann, wer auf staatliche Hilfe angewiesen oder wer "auf besondere Weise integrationsbedürftig" ist, der kann gemäß §44a des Aufenthaltsgesetzes zur Teilnahme verpflichtet werden. Das sei ein Großteil der Neuzuwanderer, heißt es aus dem Bamf.

"Mal eben Werte eintrichtern"

So ein Kurs entspricht 600 Unterrichtseinheiten à 45 Minuten zum Erlernen der deutschen Sprache sowie 60 Unterrichtseinheiten à 45 Minuten zur besagten "Orientierung". In der Praxis bedeutet das einen Ritt durch Geschichte, Politik und Rechtsordnung der Bundesrepublik. Und das reicht nach Ansicht von Orientierungskursleitern nicht aus.


"Es gehört in die Kategorie frommer Wunsch, dass durch die Belehrung über das Grundgesetz und den Artikel 3 gewährleistet werden kann, dass in Köln nicht wieder Frauen angegangen werden von Leuten, die offensichtlich nicht damit umgehen können, dass Frauen hier freier leben", sagt Dorothea Hartkopf, Fortbilderin für Integrations- und Orientierungs-Kursleiter in Mannheim, die über das Thema Integrationskurs promoviert hat.
Der Orientierungskurs sei eine gute Idee, "für die Lehrenden, aber die Quadratur des Kreises", so Hartkopf weiter. "Die haben volle Kurse, in denen zum Teil Menschen sitzen, denen ganz andere Werte wichtig sind. Denen können wir nicht mal eben unsere Werte eintrichtern. So läuft der Lernprozess nicht, vor allem nicht bei Erwachsenen."
"Orientierungskurse allein bringen nichts. Das ist nur ein Stück vom Puzzle der Integration", sagt auch Aziz Cacik, der in Berlin unterrichtet. "Man müsste mehr über das Frauenbild reden, unabhängig davon, was in Köln passiert ist. Das wäre wünschenswert. Aber in den Lehrwerken, die vom Bamf zugelassenen sind, kommt es eben nicht so vor." Das Thema werde "nur angekratzt", sagt ein weiterer Berliner Kursanbieter, der seinen Namen hier nicht lesen möchte. Das hänge auch von der Lehrkraft ab, vor allem aber sei die Stoffmenge einfach sehr groß.

"Rolle der Frau ein Thema unter vielen"

Tatsächlich ist der explizite Lerninhalt "Emanzipation, Rolle der Frau" eines von fünf Themen, für die insgesamt laut Curriculum im Modul I drei Unterrichtseinheiten vorgesehen sind, also knapp zweieinhalb Stunden. Das macht für das einzelne Thema im Durchschnitt 27 Minuten. 27 Minuten für das Umkrempeln eines Weltbilds?


Der Zeitmangel im Orientierungskurs scheint dabei ein bekanntes Problem zu sein: Seit 2005 wurde die Kursdauer zwei Mal erhöht: 2007 von 30 mal 45 Minuten auf 45, 2011 von 45 auf 60, so eine Sprecherin des Bamf. Immer noch "viel zu kurz", sagt Cacik. Eine andere Kursleiterin sieht es dagegen eher pragmatisch: Es gehe vor allem darum, dass die Kursteilnehmer "den Test bestehen".

Denn am Ende eines jeden Kurses steht ein Test mit dem Titel "Leben in Deutschland", dessen Bestehen für die Niederlassungserlaubnis und Einbürgerung kein Muss, aber gewünscht ist. Die darin gestellten Fragen kann man auf der Website des Bamf einsehen. Es sind 33 aus einem Pool von rund 300. Die erste Frage, in der es im aktuellen Gesamtfragenkatalog um Frauen geht, ist die Nummer 104 und lautet: "Eine Frau in Deutschland verliert ihre Arbeit. Was darf nicht der Grund für diese Entlassung sein?"

Quadratur des Kreises

"Wir sind am Thema dran", sagt der Sprecher des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge und verweist auch auf vom Bamf geförderte Projekte, eine ganz neue App für Flüchtlinge, Mentoren- und Begegnungs-Programme, Migrationsvereine und Broschüren. "Und wir achten immer darauf, dass Werte ein integraler Bestandteil sind." Das Budget für die Integrationskurse sei außerdem von 250 Millionen Euro im vergangenen Jahr auf 559 in diesem Jahr gestiegen, so der Sprecher. Weil auf Grund der Menschenmenge so viel mehr Kurse gebraucht werden. Dass allerdings das Konzept des Orientierungskurses überarbeitet werde, darüber sei im Bamf nichts bekannt. Und: Für den Inhalt des Lehrmaterials sei das Innenministerium verantwortlich.

Das antwortet wiederum mit folgenden Worten: "Das Bamf erarbeitet derzeit ein Konzept zur Wertevermittlung bestehend aus Unterrichtsmodulen, Broschüren, Filmen, und einer App, welches in den Erstaufnahmeeinrichtungen, in den Integrationskursen, in der Migrationsberatung, bei den Orientierungsangeboten der Länder, bei unseren Integrationsprojekten, unseren Sportprogrammen etc. eingesetzt werden kann und soll."

Jetzt müssen Bamf und Innenministerium nur noch zusammenfinden.



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