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Jenseits von Eton

Neue Zielgruppe für Internate: Der schlechte Ruf staatlicher Schulen und halbgare Reformen sorgen dafür, dass immer mehr Kinder aus der Mittelschicht fern der Heimat lernen.

Von Carina Kamps, Spiekeroog

Der Mast der "Albatros" ist widerspenstiger als erwartet. Jonathan stemmt sich mit voller Kraft dagegen. Noch einmal kräftig geruckelt, und das Teil gibt nach. Nun kann der 20-Jährige den Mast des Segelboots abschleifen und mit der Hilfe seiner Mitstreiter von der "Bootsbaugilde" neu lackieren. 100 Meter weiter buddelt die "Deichbaugilde". Einmal in der Woche treffen sich deren Mitglieder, um Dämme auszubessern und Strandgut einzusammeln.

Die Arbeit in sogenannten Gilden ist Teil des Alltags der 89 Bewohner der Hermann-Lietz-Schule auf der Nordseeinsel Spiekeroog. Körperliche Betätigung gehört zum Konzept. Genau wie die Gewächshäuser und eine Rinderzucht - Selbstversorgung am "Rande der bewohnbaren Welt", sagt Lehrerin Ute Hildebrand-Henke. Das klingt wie ein Leben in längst vergangenen Tagen, wird jedoch von Eltern und Schülern stark nachgefragt.

Mittelschicht statt reicher Problemkinder

Bundesweit lernen etwa 40.000 Schüler in rund 250 Internaten. Ihre Eltern zahlen zwischen 300 und 2800 Euro im Monat plus Taschengeld und Reisekosten. Nur etwa 25 Prozent aller Internate sind in öffentlicher Trägerschaft. "Die Eltern wollen ihre Kinder individuell fördern lassen. Im staatlichen Schulwesen ist das ihrer Meinung nach oft nicht möglich", sagt Roman Friemel, der beim Verband Deutscher Privatschulen für Internate zuständig ist.

Zwar wächst die Zahl der Internate nicht sprunghaft wie die der Privatschulen. Doch ändern sich ihr Kundenkreis und Image. Weg von reinen Eliteanstalten und letzten Stationen für Problemschüler, hin zu einer Alternative für die Mittelschicht, die zunehmend bereit ist, in Bildung zu investieren. "Früher wurden Schüler wegen schlechter Noten und auffälligen Verhaltens aufs Internat geschickt", sagt Friemel, "heute verstärkt wegen guter Leistungen."

"Allgemeinbildende Schulen sind mit der G8-Reform überfordert"

Die neuen Zielgruppen sorgen dafür, dass Internate heute ganz unterschiedliche Angebote machen. So fördert zum Beispiel das Sächsische Landesgymnasium Sankt Afra Hochbegabte, die Stephen-Hawking-Schule in Baden-Württemberg nimmt technikbegeisterte Schüler auf, und das Sächsische Landesgymnasium für Musik richtet sich an musisch begabte Kinder und Jugendliche.

Das Landheim Schondorf am bayerischen Ammersee hat seine Kapazität aufgrund der großen Nachfrage von 200 auf 300 Internatsplätze ausgebaut, dieses Jahr musste trotzdem ein Aufnahmestopp ausgesprochen werden. Nur 40 Prozent aller Schüler zahlen den vollen Preis von 2595 Euro pro Monat, die anderen erhalten Stipendien oder eine Ermäßigung. Einen reduzierten Satz zahlen zum Beispiel Eltern, die alleinerziehend sind.

"Das Bildungsbürgertum will eine optimale Förderung. Daher melden immer mehr Eltern aus der Mittelschicht ihre Kinder bei uns an", berichtet Schulleiter Armin Eifertinger. Auch die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre habe dem Internat mehr Anmeldungen beschert: "Allgemeinbildende Schulen sind mit der G8-Reform überfordert", sagt Eifertinger. Viele Jugendliche blieben angesichts des neuen Tempos auf der Strecke.

Im Durchschnitt sind nur 16 Kinder in einer Klasse

Auch Bootsbauer Jonathan fühlte sich in seiner alten Schule nicht wohl: "Ich habe gemerkt, dass ich mehr kann", sagt er. Die Lehrer kamen mit dem auffälligen Jungen, der sich oft langweilte und dann auch störte, nicht zurecht. Jonathan wechselte in der achten Klasse an die Hermann-Lietz-Schule und verbesserte seinen Notendurchschnitt innerhalb eines halben Jahres von 4,9 auf 1,6: "Das lag sicher nicht daran, dass ich plötzlich einen Intelligenzschub bekommen habe", sagt er lachend. Eher an der besseren Betreuung auf Spiekeroog. Im Durchschnitt sitzen nur 16 Kinder in einer Klasse, in den Oberstufenkursen sogar deutlich weniger.

Doch trotz guter Betreuungsrelationen, mit denen sich Internate neue Kundenkreise erschließen, haben es insbesondere Anbieter in ländlichen Regionen schwer, genügend Schüler zu finden, sagt Roman Friemel vom Privatschulverband. "Auch die wachsende Zahl der Ganztagsschulen ist eine ernsthafte Konkurrenz." Armin Eifertinger, Leiter des Landheims Schondorf, setzt in Elterngesprächen daher auf eine traditionelle Stärke der Internate: ihr Netzwerk. Er berichtet über die guten Kontakte zu Ehemaligen und Unternehmen.

Schüler haben Zugriff auf eine Netzwerkelite

Eliteforscherin Julia Friedrich hat diesen Vorteil für die Nobelinternate Schloss Salem und Schloss Neubeuern nachgewiesen: "Die Schüler bekommen Zugang zu einer Netzwerkelite. In Salem wenden sie sich zum Beispiel an Altschüler, wenn es um Jobs und Praktika geht." Zum Abitur bekomme jeder Absolvent ein Buch mit den Adressen aller Alumni in die Hand gedrückt. "Auch Eltern aus der Mittelschicht wünschen sich zunehmend so ein Netzwerk für ihr Kind", sagt Eifertinger. "Deshalb kommen sie zu uns."

Viel Geld verdient die Schule trotz der wachsenden Schülerzahl jedoch nicht. Wie bei allen Internaten darf der schulische Teil keinen Gewinn erwirtschaften, der Internatsteil hingegen schon. Das Landheim Schondorf ist eine gemeinnützige Stiftung, Überschüsse fließen in neue Bücher, Computer und Stipendien. So läuft es in den meisten Internaten, bestätigt Friemel. Die Schulgebühren werden größtenteils für Personalkosten und Investitionen gebraucht.

Gerade die schönen, alten Gebäude, die einige Internate beherbergen, können durchaus zur Belastung werden. So kostet Schloss Salem am Bodensee seinen Besitzer Bernhard Prinz von Baden jedes Jahr 2 Millionen Euro Unterhalt. Er verhandelt mit dem Land Baden-Württemberg über den Verkauf. Die Schule darf allerdings in jedem Fall im Schloss bleiben - egal, wem es gehört. Sie hat ein Mietrecht für die nächsten 89 Jahre.

FTD

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