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"Alle murksen vor sich hin"

Stirbt wieder mal ein Kind - verhungert, von den Eltern getötet -, dann fragen wir uns: was machen die eigentlich im Jugendamt? 600 Ämter gibt es, doch keines ist organisiert wie das nächste. Ob ein Kind in Not zuverlässig Hilfe bekommt - Glückssache. Und Familienbetreuung, eine der sensibelsten Aufgaben des Staates, ist komplett privatisiert.

Von Walter Wüllenweber

Ohne die Farbtupfer würde man es gar nicht merken. Ausgerechnet die lustigen, bunten Muster verraten: Dies ist kein fröhlicher Ort.
Rathaus Bielefeld, vierter Stock, Flur F. Die Bürotüren führen zu ganz normalen deutschen Amtsstuben. Auf der Fensterbank steht der Kaktus. Daneben röchelt die Kaffeemaschine. Das hinterlässt die üblichen Spuren: pizzagroße, braune Flecken auf blassgrünem Teppichboden. Hier könnte das Bauamt sein oder das Liegenschaftsamt. Doch oben auf dem Aktenschrank liegen sie, die leuchtend bunten Arbeitsgeräte dieser Staatsdiener: Kindersitze.

Dies ist das Jugendamt. Wenn die Kindersitze vom Schrank geholt werden, erleben die Mitarbeiter ihre dramatischsten Augenblicke. Dann holen sie ein Kind aus seiner Familie, um es zu Pflegeeltern zu bringen oder in ein Heim. Manchmal wehren sich die Eltern. Mit Händen und Füßen. Klammern sich mit einem Arm an den Türrahmen und mit dem anderen um das Kind. Aber das ist selten. Meistens sind die Eltern einverstanden. Oft lassen sich die Kinder einfach so an die Hand nehmen und verlassen grußlos ihr altes Leben. Die Wohnungstür wird hinter ihnen geschlossen. Die Kinder folgen den Fremden die Treppe hinunter, auf den Parkplatz, zum Auto und lassen sich auf dem Kindersitz festschnallen. "Wenn keiner weint, die Eltern nicht und die Kinder nicht, das ist das Allerschlimmste", sagt Herbert Oberst, Teamleiter im Jugendamt Bielefeld.

Das Jugendamt soll keine Kinder wegnehmen

Genau das ist die Vorstellung vom Jugendamt: das Amt, das den Familien die Kinder wegnimmt. Doch die eigentliche Aufgabe ist das genaue Gegenteil. Sie sollen verhindern, dass es so weit kommt. Denn die Transportschäden, die der Kindersitz des Jugendamtes verursacht, sind fast immer irreparabel. Für die Seelen der Kinder. Aber auch für die Kassen der Kommunen. Ein einziger Platz in einem Heim kostet im Jahr rund 50.000 Euro, etwa so viel wie das Gehalt eines Sozialarbeiters. Ob das Jugendamt gut arbeitet, ist also nicht nur wichtig für Kinder in Not. Es entscheidet maßgeblich mit über die finanzielle Situation einer Kommune. Das erhöht den Druck.

Gleichzeitig verändert sich die Gesellschaft dramatisch. Immer mehr Eltern sind aus den unterschiedlichsten Gründen über- fordert. Seit 1991 hat sich der Anteil der Familien versechsfacht, die Hilfe vom Jugendamt benötigen. Offensichtlich spürt der Staat die Folgen der gesellschaftlichen Veränderungen nicht irgendwo, sondern zuerst im Jugendamt. Im Gefüge der staatlichen Institutionen haben die Jugendämter daher eine ganz neue Bedeutung. Nie waren sie so wichtig wie heute.

Bei ihren Entscheidungen sollen die Leute vom Jugendamt wirtschaftliche Überlegungen weitgehend ausblenden. Für sie ist nur wichtig: Wie groß ist die Gefahr für das Kind? Familie oder Heim, was schadet dem Kind mehr? Manchmal sind es Entscheidungen um Leben und Tod. Alle paar Tage wird in Deutschland ein Kind getötet. Einige der Namen der Kinder und ihr Schicksal kennt fast jeder: Jessica aus Hamburg, verhungert. Lea-Sophie aus Schwerin, verhungert und verdurstet. Kevin aus Bremen, erschlagen und im Kühlschrank versteckt. Jedes getötete Kind löst eine neue Welle der Empörung aus.

Jugendämter stehen im Scheinwerferlicht

Jahrzehntelang haben die Jugendämter weitgehend im Verborgenen gearbeitet. Jetzt stehen sie im Scheinwerferlicht. "Die meisten Mitarbeiter sind hoch verunsichert. Manche haben regelrecht Angst und Panik", sagt Professor Manfred Neuffer, der an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg Sozialarbeit lehrt. Bei Fortbildungen in Jugendämtern lernt er die Nöte der Sozialpädagogen kennen. Wenn ein getötetes Kind gefunden wird, stehen sie im Feuer. Dann diskutiert die Öffentlichkeit: War das Jugendamt schuld? Bohren die nur in der Nase? Was tun die den ganzen Tag?

Was macht ein Jugendamt? Keine allzu komplizierte Frage. "Aber beantworten kann das niemand", sagt Mike Seckinger. Dabei müsste er es können, denn der Sozialwissenschaftler des Deutschen Jugendinstituts erforscht seit 15 Jahren die Arbeit der staatlichen Kinder- und Jugendhilfe. "Es gibt in Deutschland über 600 Jugendämter, doch keine zwei, die gleich organisiert sind." Kinder- und Jugendhilfe ist Aufgabe der Kommunen, und denen kann niemand vorschreiben, wie sie ihre Verwaltung aufbauen. Die Selbstverwaltung hat Verfassungsrang. So sind in manchen Rathäusern die Sozialarbeiter vom Jugendamt gleichzeitig für Senioren zuständig. In anderen werden Kleinkinder vom Sozialamt betreut. Manche Bürgermeister nehmen den Schutz der Kinder sehr ernst. Viele jedoch nicht. "Es gibt in Deutschland Jugendämter, in denen die Verhältnisse schlicht katastrophal sind", sagt Seckinger. Ob ein Kind in Not schnell und zuverlässig Hilfe bekommt, das ist in Deutschland eine Frage des Glücks. "Die Jugendhilfe ist ein System, in dem das Zufallsprinzip regiert", sagt Georg Ehrmann, Vorsitzender des Vereins "Kinderhilfe Direkt".

"Seit Kevin sind wir wer", sagt Teamleiter Oberst. Die Stadtverwaltung in Bielefeld versucht, aus den Fehlern zu lernen, die in anderen Städten gemacht wurden, und investiert Personal und Mühe in die Kinder- und Jugendhilfe. In den Amtsstuben sieht es nicht nur so aus wie beim Bauamt, es wird auch so gearbeitet. Handwerkszeug ist die Akte. Arbeitsplatz ist das Rathaus, nicht die Straße. Die Sozialarbeiter des Jugendamtes sind "Case-Manager", Fallmanager. In den Wohnungen der Familien, in den Heimen, dort, wo die betreuten Kinder leben, findet man sie nur sehr selten. "Die haben die Klienten fast nie mehr vor Augen", sagt Professor Neuffer aus Hamburg. Georg Ehrmann kennt Jugendämter, "in denen gibt es Dienstanweisungen für die Mitarbeiter, das Büro nicht zu verlassen".

Die Sozialarbeit leisten Unternehmen

Und wer betreut die Kinder, wer geht in die Familien? Sozialarbeiter, die bei "freien Trägern" angestellt sind, also bei Firmen, Vereinen oder kirchlichen Organisationen. Das Jugendamt trifft die Entscheidung und zahlt. Die eigentliche Sozialarbeit wird also nicht vom Staat geleistet, sondern von Unternehmen. Vom freien Markt. Im Bürokratendeutsch heißen diese Unternehmen "Leistungserbringer". In vielen Kommunen wird erbittert darüber gestritten, ob der öffentliche Nahverkehr oder die Müllabfuhr von der Privatwirtschaft übernommen werden darf. Doch eine der sensibelsten Aufgaben staatlichen Handelns überhaupt, der unmittelbare Eingriff in die Intimsphäre der Familien, ist in Deutschland komplett privatisiert. Diese Konstellation ist kein Resultat der Sparpolitik, sondern Gesetz. Bei der Kinder- und Jugendhilfe sind Vereine und Firmen den Mitarbeitern des Staates vorzuziehen. Die entscheidende Frage lautet also nicht: Was macht das Jugendamt? Sondern: Was macht der freie Träger?

"Die im Jugendamt müssen sich voll auf mich verlassen", sagt Guido Braun. Er ist der Sozialarbeiter, der tatsächlich selbst mit Jugendlichen arbeitet. Sein Arbeitgeber sind die "Wohngemeinschaften", ein hochprofessionell geführter Verein, in dem 53 Sozialpädagogen beschäftigt sind. Braun betreut fast ausschließlich Jungs in der Pubertät. Gleich nach Schulschluss kommt Michael*, ein 14-jähriger Junge. Guido Brauns Büro ist ein Apartment in der Bielefelder Innenstadt. Er und Michael stehen in der Küche, kochen Nudeln und reden ganz nebenbei über die traurigsten Sachen. Über Michaels Leben. Seine Eltern zeigen ihm bei jeder Gelegenheit, wie gleichgültig er ihnen ist. Deswegen wollte Michael von sich aus in eine betreute Wohngruppe ziehen. Kinderheime mit riesigen Schlafsälen gibt es heute nicht mehr. Als die Eltern von Michaels Plänen hörten, haben sie gesagt, es sei ihnen egal. Guido Braun hat ihn schließlich davon überzeugt, es noch einmal zu Hause zu versuchen. Gestern hat Michael diese Entscheidung den Eltern mitgeteilt. "Und, was haben sie gesagt?" Michael zieht die Schultern hoch. "Na, nix. War ja klar."

Michaels ältere Schwester lebt bereits in einer Wohngruppe. Betreiber ist jedoch ein anderer Träger. Die Konkurrenz. Seine jüngere Schwester wird in einer Tagesgruppe betreut, die vom Jugendamt bezahlt wird. Wieder ein anderer Träger. Zweimal im Jahr spricht Guido Braun beim "Hilfeplangespräch" mit dem Sozialarbeiter vom Jugendamt über Michael. Und wie oft spricht er mit den Betreuern von Michaels Schwestern? Nie.

Die Träger wissen mehr

"In manchen Familien sind acht, neun, zehn verschiedene Betreuer, die nach verschiedenen Methoden arbeiten, verschiedene Philosophien verfolgen, die nichts voneinander wissen und sich nie absprechen", klagt Professor Wolfgang Hinte von der Uni Duisburg-Essen. Theoretisch soll der Fallmanager die Arbeit der Träger koordinieren. "Aber die Kollegen in den Trägern wissen ja zwangsläufig viel mehr als wir. Da müssen wir schon aufpassen, dass nicht die uns steuern", gibt Teamleiter Oberst zu. Michaels Betreuer, Guido Braun, erklärt: "Ich sehe meine Jungs drei-, viermal die Woche. Das Jugendamt sieht sie nur zweimal im Jahr. Da ist es klar, dass die in der Regel auf meine Vorschläge eingehen."

Das Bielefelder Jugendamt arbeitet mit etwa 140 "Leistungserbringern" zusammen. Manche dieser freien Träger haben über 100 Mitarbeiter. Es gibt aber auch Freiberufler, die auf Honorarbasis für diverse Unternehmen arbeiten, als Subunternehmer. Wie in jeder anderen Branche sind auch bei der Jugendhilfe die Anbieter Konkurrenten. Alle kämpfen ums Überleben. Es geht um Arbeitsplätze. Und meistens um viel Geld.

Eine ambulante Familienhilfe kostet zwischen 500 und 1000 Euro im Monat und läuft meist über Jahre. Eine stationäre Unterbringung in einem Heim ist etwa so teuer wie in einem guten Hotel, zwischen 120 und 140 Euro am Tag. Wer entscheidet eigentlich, in welchem Heim ein Kind untergebracht wird? In den meisten Jugendämtern können die Fallmanager solche Aufträge freihändig vergeben, bis zu einer bestimmten Obergrenze. In Bielefeld liegt sie bei 130 Euro Unterbringungskosten pro Tag. Das wissen die Träger in Bielefeld natürlich und verlangen als Tagessatz 128 Euro. So muss der Fallmanager nie seinen Amtsleiter fragen. Eine praktische Lösung. Beim Bauamt würde man sofort Korruption wittern. Beim Jugendamt kommt niemand auf den Gedanken.

Die Interessen können auseinandergehen

Die ökonomischen Ziele des Trägers sind nicht immer identisch mit den Interessen des Jugendamtes oder denen der Familien. So laufen die Verträge für ambulante Familienhilfe in der Regel zunächst über ein halbes Jahr. Wenn nun aber der Sozialarbeiter nach einem Monat Betreuung der Familie feststellt: Die Krise war nur vorübergehend. Ich werde nicht mehr gebraucht. Wird er den Auftrag und die monatlichen Zahlungen von sich aus zurückgeben? Oder aber er stellt fest: Alles viel schlimmer. Die Kinder sollten aus der Familie geholt werden. Das bedeutet Wohngruppe. Das bedeutet anderer Träger. Das bedeutet Auftrag futsch. "Einige freie Träger geben ihren Mitarbeitern die Anweisung, niemals einen Auftrag zurückzugeben", sagt Peter Bringewat, Juraprofessor und Richter am Landgericht Lüneburg.

Inzwischen hat sich in Deutschland eine regelrechte Kinder- und Jugendhilfeindustrie entwickelt. Die Mitarbeiter in den Jugendämtern ersticken in Werbebroschüren und -Mails von Einrichtungen. Manche Wohnheime schicken ihre Vertreter auf deutschlandweite Rathaustour. Hilfsdesigner starten Marketingoffensiven in Schulen und Kindergärten, wo sie ihre neuesten Entwicklungen präsentieren. "Am nächsten Tag rappeln hier die Telefone", berichtet Teamleiter Oberst. Und dran sind Lehrer, die ein Kind in so eine teure Maßnahme stecken wollen. "Viele Träger sind stärker damit beschäftigt, neue Hilfen zu beantragen, statt tatsächlich Hilfe zu leisten", sagt Professor Neuffer.

Das rechtliche Fundament dieser Industrie ist das Kinder- und Jugendhilfegesetz von 1990. In dessen Zentrum stehen nicht die Kinder, sondern die Eltern. Kinderrechte sind in Deutschland Elternrechte. Vor dem Gesetz hat der Staat zu Kindern das gleiche Verhältnis wie zum Hund. Mit dem darf der Halter machen, was er will. Nur nicht quälen. Wenn der Staat davon erfährt, steckt er das Tier ins Heim. Dasselbe Prinzip gilt auch bei Kindern. Niemand kann die Eltern zu etwas zwingen, auch das Jugendamt nicht. Nur bei "Kindeswohlgefährdung" - analog zur Tierquälerei - kann ein Gericht entscheiden, den Eltern das Kind wegzunehmen. Alles oder nichts.

Familienhilfe ist ein Recht, keine Pflicht

Darum kann das Jugendamt den Eltern auch keine Betreuung durch einen Sozialarbeiter vorschreiben. Ganz im Gegenteil: Die Familienhilfe ist ein Recht, auf das Eltern Anspruch haben. Diese Hilfe können sie beantragen, wie man Sozialhilfe oder Hartz IV beantragt. Aber man muss es nicht. Das Jugendamt ist lediglich die Behörde, die solche Anträge genehmigt. Das Gesetz geht stets von mündigen Eltern aus. Das gilt auch für die überforderten Eltern, sie schaffen es nicht, morgens aufzustehen, haben Probleme mit Drogen oder Alkohol, vermüllen die Wohnung, oder sie sind psychisch krank. Doch man erwartet, dass sie sich in einem Hilfedschungel zurechtfinden, der so komplex ist wie das Steuersystem. Die hilfsbedürftigen Eltern sollen selbst wählen, welcher Träger für sie richtig ist. Formal ist nicht das Jugendamt Auftraggeber, sondern die Eltern.

Die Folgen sind weitreichend. Wenn ein Betreuer wie Guido Braun in einer Familie mal Tacheles redet, dann kann es ihm passieren, dass der Vater oder die Mutter - also sein Auftraggeber - sagt: Maßnahme beendet, morgen brauchst du nicht mehr zu kommen. Davor haben alle Angst: der freie Träger und das Jugendamt. Und die Kinder wären im Wortsinn die Leidtragenden. Oberste Priorität der Kinder- und Jugendhilfe ist es also, die Eltern bei Laune zu halten.

Was bei denen ganz schlecht ankommt, ist Kontakt mit der Polizei. Nun arbeitet die Jugendhilfe oft in einem Milieu, in dem es zu Straftaten kommt. Der Stiefvater verprügelt die Mutter, oder der Bruder dealt. Das bekommen die Betreuer mit und auch die Mitarbeiter vom Jugendamt. Sollen sie die Straftaten anzeigen und damit die Kooperationsbereitschaft der Familie riskieren?

"Der Täter ist in der stärkeren Position"

"Von denen bekommen wir null Informationen. Das ist für uns ein Bermudadreieck", klagt Klaus Jansen, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter. "Die Sozialarbeiter spielen sich auf wie Staatsanwalt und Richter in einem. Die meinen, sie könnten entscheiden, wann eine Straftat verfolgt wird und wann nicht. Wer sich das anmaßt, stellt sich außerhalb unseres Rechtsstaates", sagt Jansen. Besonders beunruhigend finden die Kriminalbeamten die Position der freien Träger. "Wenn der Straftäter dem Sozialarbeiter jederzeit kündigen kann, ist ja der Täter von Haus aus in der stärkeren Position. Das ist doch unerträglich."

Vermutlich wäre es unverhältnismäßig, wenn ein Sozialarbeiter seine Klienten anzeigt, wenn sie schwarzfahren oder Graffiti sprühen. Doch wo ist die Grenze? Regeln oder zumindest Standards existieren nicht. Das Gesetz lässt die Sozialarbeiter in diesem Dilemma allein. "Ich sage meinen Klienten immer, dass ich von ihren Straftaten gar nichts wissen will", sagt Guido Braun. Das bedeutet jedoch: Über ganz wesentliche Erfahrungen und Probleme im Leben der Kinder kann nicht gesprochen werden.

Zwischen den Polizisten und Sozialarbeitern stehen Weltanschauungen. So problematisch das Verhältnis auch ist: Die Polizei ist immer noch der beste Partner, den die Jugendämter haben. Mit allen anderen Institutionen klappt die Zusammenarbeit noch schlechter. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Deutschen Jugendinstitutes. Um das Wohl der Kinder sorgen sich in Deutschland neben der Polizei, den Jugendämtern und ungezählten freien Trägern auch die Gesundheitsämter, die Sozialämter, Kindergärten, Schulen, Ärzte, Krankenhäuser, Krankenkassen und Therapeuten. "Es gibt viel Hilfe. Es ist auch genügend Geld im System. Aber alle murksen vor sich hin, und niemand koordiniert die Hilfen und die Geldströme", sagt Professor Hinte aus Essen. "Wir brauchen dringend ein integriertes System."

Isoliertes Wissen durch den Datenschutz

Über ein Kind in Not sammeln diverse Institutionen Informationen. Aber keiner teilt sein Wissen mit einem der anderen. Nicht aus bösem Willen. Datenschutz. So darf das Jugendamt die freien Träger nicht in die Akten schauen lassen. Was das Amt über eine Familie weiß, darf Guido Braun noch lange nicht wissen. Auch zwischen Jugendamt und Schule herrscht oft Funkstille. Schulen werden von den Ländern gesteuert, Jugendämter von den Kommunen. Nur in wenigen Ländern ist die Zusammenarbeit der Schulen mit dem Jugendamt im Schulgesetz geregelt. Lehrer dürfen sich nicht einfach so ans Jugendamt wenden. "Viele Lehrer haben zudem absolut keine Ahnung, wie das Jugendamt arbeitet", sagt Mike Seckinger vom Jugendinstitut.

Oft erschwert diese Geheimniskrämerei lediglich die Arbeit. Bei Kinderärzten wird sie lebensgefährlich. Nur im absoluten Notfall darf der Arzt seine Schweigepflicht verletzen. Aber wem soll er sich anvertrauen? Dem Gesundheitsamt? Der Polizei? Dem Jugendamt? Und wann ist die Grenze erreicht? Es gibt keine Regeln. Auch der Arzt muss das Dilemma mit sich allein aushandeln. Jeder macht es, wie er gerade denkt. Inzwischen schließen sich einzelne Kliniken und niedergelassene Kinderärzte in Netzwerken zusammen. Sie bauen Datensysteme auf, in denen Auffälligkeiten bei Kindern registriert werden. Prügelnde Eltern wechseln nämlich oft den Kinderarzt. Dann bleiben sie länger unentdeckt. Doch selbst wenn die Vernetzung der Ärzte klappt - sie warnen sich nur gegenseitig. Das Jugendamt hat keinen Zugriff auf ihre Informationen.

In der Realität bekommen dessen Mitarbeiter täglich Anrufe von Ärzten, von Kindergärtnerinnen oder von Lehrern. Die Informanten verhalten sich verantwortungsvoll. Aber häufig illegal. Ganz oft funktioniert der Schutz der Kinder in Deutschland also nicht wegen des Systems, sondern dem zum Trotz.

Manche laufen vor dem Jugendamt davon

Am problematischsten ist die Zusammenarbeit der Jugendämter jedoch mit den Jugendämtern. So ein Problem liegt gerade auf dem Schreibtisch der Sozialpädagogin Birgit Neuheuser. Im Bielefelder Jugendamt gehört sie zum Team von Herbert Oberst. Sie bearbeitet die Akte eines Jungen, der von seiner Mutter allein erzogen wird. Besser gesagt von der Sozialarbeiterin eines freien Trägers. Die Mutter ist psychisch krank. Manchmal geht's ihr gut, und sie bewältigt ihr Leben einigermaßen. Dann wieder stürzt sie ab, säuft und liegt Wochen nur im abgedunkelten Schlafzimmer. Keine eindeutige Kindeswohlgefährdung, aber ein typischer Grenzfall. Birgit Neuheuser hatte bereits darüber nachgedacht, mit der Mutter über eine Heimunterbringung des Sohnes zu sprechen. "Und schon ist sie weg. Umzug in eine andere Stadt", sagt Neuheuser. "Viele Eltern ziehen weg, wenn sie merken, dass es eng wird. Hier lebte die Frau auch nicht lange. Vermutlich ist sie schon oft vor dem Jugendamt davongelaufen."

Vermutlich? Wieso weiß das Jugendamt nichts über die Vorgeschichte? "Wir dürfen unsere Akten nicht einfach an andere Jugendämter weitergeben", erklärt Neuheuser. Sie weiß, wohin ihre Klientin gezogen ist. Den Kollegen, die jetzt für sie zuständig sind, darf das Bielefelder Jugendamt allenfalls mitteilen, dass die Mutter in Bielefeld betreut wurde. Mehr nicht. "Die Akte bleibt hier im Schrank kleben." In der neuen Stadt beginnen Mutter und Kind wieder bei null. Das Kind bleibt ohne Hilfe. Das System wartet. Und wartet. Und wartet. Bis die Mutter wieder im dunklen Zimmer liegt. Auch davon muss das Jugendamt erst noch erfahren. Eine weitere Verzögerung. Irgendwann kommt endlich ein neuer Sozialarbeiter. Bald darauf der nächste Umzug. Datenschutz geht vor Kinderschutz.

Damit mag Birgit Neuheuser sich nicht abfinden. Zwischen Akte-Weiterleiten und totaler Verschwiegenheit gibt es eine rechtliche Grauzone. Irgendwie schafft sie es meistens, dass die Kollegen im neuen Jugendamt den Ernst der Lage begreifen. Und wieder gelingt der Schutz des Kindes nur, wenn man geschickt mit den Regeln jongliert. "Aber das ist natürlich sehr heikel. Die meisten machen das nicht. Das erleben wir ja, wenn Klienten zu uns ziehen. Vom abgebenden Amt kriegen wir in der Regel null Informationen."

Oft fehlt einfach die Zeit

Nicht nur der Datenschutz hindert die Jugendämter an der Zusammenarbeit. Oft fehlt einfach die Zeit dazu. In Bielefeld ist jeder Mitarbeiter im Jugendamt für 55 Fälle zuständig, für 55 Kinder. "Das ist die absolute Grenze. Mehr wäre unverantwortlich", sagt Teamleiter Oberst. In vielen Jugendämtern muss ein Mitarbeiter jedoch 100, 200, manchmal sogar 300 Fälle gleichzeitig im Blick behalten. In einer solchen Situation, wenn ein Mitarbeiter im öffentlichen Dienst seine Aufgaben nicht mehr verantwortlich erledigen kann, schreibt er eine "Überlastanzeige". Das ist die Notbremse. Damit macht man sich nicht beliebt. Oft bedeutet es das Ende der Karriere. "Die Mitarbeiter schreiben eine Überlastanzeige nach der anderen, aber nichts passiert", weiß Professor Bringewat aus Lüneburg. Seine Kollegin Anne Lenze, Professorin für Kinder- und Jugendhilferecht an der Hochschule Darmstadt, berichtet von Jugendämtern, "in denen können die Mitarbeiter gar keine ambulanten Erziehungshilfen mehr gewähren. Die sind so überlastet, dass sie nur noch Feuerwehreinsätze machen können. So ein Zustand widerspricht eindeutig den gesetzlichen Verpflichtungen".

Wenn die Lebenssituation in einer Familie der Entwicklung eines Kindes bereits schadet, dann muss das Jugendamt Hilfe anbieten. Das ist eine Pflichtaufgabe des Staates. Doch wenn viele Jugendämter nicht mal in der Lage sind, ihre Pflicht zu erfüllen, wie sieht es dann wohl mit den Aufgaben aus, die sinnvoll und notwendig sind, zu denen die Kommune aber nicht absolut verpflichtet ist? Dazu gehört die Prävention. Dafür zu sorgen, dass einem Kind erst gar kein Schaden zugefügt wird, ist für den Staat nur eine Kann-Aufgabe. "Die Jugendämter geben immer weniger für die Prävention aus, weil sie das Geld für die Rehabilitation brauchen", sagt Mike Seckinger vom Jugendinstitut. Immer mehr für Rehabilitation, also für Reparatur, immer weniger für Vorbeugung. Doch es gibt kein Entrinnen: Die Probleme der überforderten Eltern lösen sich nicht von allein. Irgendwann geht es dem Kind schließlich schlecht genug, und das Jugendamt muss eingreifen. Jetzt wird es richtig teuer. Und damit ist noch weniger Geld für die Prävention übrig. Der klassische Teufelskreis. "Im Moment haben viele Jugendämter genau den kritischen Punkt erreicht, an dem die Kosten explodieren", sagt Professor Hinte aus Essen.

Im Bielefelder Jugendamt versucht man, die Explosion zu verhindern und legt darum Wert auf Prävention. "Nicht nur aus moralischen Gründen. Schon in wenigen Jahren zahlen sich die Investitionen für die Stadt aus", sagt Tim Kähler. Er ist Sozialdezernent der Stadt und damit oberster Chef des Jugendamtes. Bei den Sparrunden der vergangenen Jahre blieb der Kinderschutz stets verschont. Es werden sogar neue Mitarbeiter eingestellt. Bielefeld ist zudem kein sozialer Brennpunkt, sondern eine der sichersten deutschen Städte. Ideale Verhältnisse. Kählers Jugendamt gilt bundesweit als ein Vorzeigebeispiel seiner Disziplin. Vermutlich kann man in der Universitätsstadt das Maximum dessen besichtigen, wozu ein deutsches Jugendamt fähig ist. Mehr geht nicht.

Tim Kähler könnte also zufrieden sein. Doch genau das ist er nicht. Das Ergebnis beunruhigt ihn zutiefst. Dass sein Jugendamt mit seinen vielen Unzulänglichkeiten bereits zum Besten gehört, was die Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland überhaupt leisten kann, das hält er für ein Alarmsignal. "Das ganze Jugendhilfesystem war doch gedacht für die Gesellschaft der 80er Jahre. Dafür hat es vielleicht mal gepasst. Aber heute haben wir eine komplett andere Gesellschaft."

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