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Frauen im Gazastreifen für ihre Rechte

Der Gazastreifen hat sich zu einer erzkonservativen Männerwelt entwickelt. Noch mehr, seit die radikal-islamische Hamas die Macht an sich riss. Aber Frauen begehren auf. Als Kellnerin zum Beispiel.

  Said arbeitet als eine der ersten Frauen in Gaza-Stadt als Kellnerin

Said arbeitet als eine der ersten Frauen in Gaza-Stadt als Kellnerin

Ich bin so stolz auf meine Arbeit", sagt die 20-jährige Saida. Mit strahlendem Lächeln sitzt sie im Restaurant "Avenue" in Gaza-Stadt. Sie ist seit April die erste weibliche Bedienung in einem öffentlichen Restaurant in dem Gebiet am Mittelmeer mit 1,5 Millionen Einwohnern. In Wirklichkeit heißt Saida anders, aber ihr richtiger Name soll besser nicht genannt werden, bittet der Betreiber der Gaststätte mit Mittelmeerblick, Mazen Annan.

"Die Vorstellung, dass eine Frau als Kellnerin arbeitet, ist für die Mehrheit der Palästinenser im Gazastreifen immer noch völlig tabu", begründet Annan seine Vorsicht. Ein palästinensischer Journalist sagt: "Wenn ich ein normaler Familienvater wäre und mich meine Tochter fragen würde, ob sie als Kellnerin arbeiten darf, dann würde ich ihr eine knallen, und damit wäre die Sache erledigt."

Im Gazastreifen herrschen strenge Regeln - vor allem für Frauen. Die meisten Ehen werden noch arrangiert. Das geht so: Wenn ein Mann ein Auge auf eine Frau geworfen hat, gehen er oder seine Mutter zur Familie der Auserwählten. Stimmt der Vater der künftigen Braut zu, dann ist die Hochzeit vereinbart. Die Braut wird nicht gefragt. So war es auch bei Saida. Aber als ihr Mann später im Gefängnis landete, musste sie sich und ihr Baby plötzlich allein durchbringen.

Ein Eisbrecher für Frauenrechte

Also begann sie, als Bedienung bei Hochzeitsgesellschaften im "Avenue" zu arbeiten. Bei solchen geschlossenen, familiären Veranstaltungen durften schon immer nur Frauen bedienen, weil die weiblichen Gäste dabei ihre Schleier und Kopftücher ablegen. Das aber darf eine männliche Bedienung nicht sehen. Irgendwann kam Restaurantbetreiber Annan dann die Idee, Saida auch unter der Woche als ganz normale Kellnerin anzustellen. Inzwischen sind es schon vier. "Ich finde es gut und nur gerecht, dass Frauen selbst bestimmen dürfen, welchen Beruf sie wählen möchten", sagt der 47-Jährige.

Die starren Regeln der konservativen Gesellschaft haben zum Teil schockierende Konsequenzen. Die Familienehre hat einen höheren Stellenwert als das Leben. "Wenn ein Bruder seine Schwester erschießt, weil sie unverheiratet schwanger geworden ist, oder ein Mann seine angeblich untreue Frau umbringt, passiert ihnen gar nichts. Nach einem Ehrenmord schickt die Polizei die Täter einfach nach Hause", erzählt ein Familienvater.

"Warum sollen Frauen nicht als Kellnerinnen arbeiten?", meint der Avenue-Besitzer. So ein Arbeitsplatz sei öffentlich und es könne deshalb gar nicht zu unsittlichem Verhalten kommen. In Büros, wo schon jetzt viele Frauen arbeiteten, sei es viel verschwiegener. Saida pflichtet ihm bei: "Ich bin noch nie belästigt worden. Die Leute sind eher angenehm überrascht, wenn ich die Bestellung aufnehme", sagt sie. "Es bringt unglaublich viel Spaß. Das ist Fortschritt. Ich fühle mich ein wenig wie ein Eisbrecher für Frauenrechte", fügt sie hinzu.

Und als ihr Mann aus dem Gefängnis kam und sie wieder zurück zu Heim und Herd beordern wollte, da hat sie ihn einfach in die Wüste geschickt. Weil er straffällig geworden war, durfte sie das nach traditionellem Recht auch.

Jan-Uwe Ronneburger, DPA/DPA
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