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Das Land der Nichtschwimmer

Erschreckende Zahlen: Fast 40 Prozent der Achtjährigen in Deutschland können nicht schwimmen. Viele Eltern und Lehrer scheinen Schwimmen nicht wichtig zu nehmen. Dabei kann es lebenswichtig sein. stern.de gibt Tipps: Ab wann macht ein Kurs Sinn? Wieviel kostet er und wie lassen sich Kinder motivieren?

Von Matthias Lauerer

Maximilian Birkenstock ist vier Jahre alt. Er steht mit roter Badehose und gelber Badekappe am Beckenrand des Lehr-Schwimmbades im Bonner Sportpark Nord. Vor seine Brust presst der Schwimmschüler fest ein blau-weißes Schwimmbrett aus Kunststoff. Immer wieder lugt Maximilian mit seinen blauen Augen skeptisch ins schwappende Wasser vor sich. Dann nimmt er seinen ganzen Mut zusammen und springt mit fest geschlossenen Augen hinein. Und taucht in den Armen von Ausbildungsleiterin Karin Reichwald wieder auf.

Die 40-Jährige hat Maximilian im 33 Grad warmen Wasser Hilfestellung geleistet. Hilfestellung, damit der Vierjährige im "Seepferdchen-Kurs" Schwimmen übt. Maximilian soll das mit zwölf anderen Schülern innerhalb von 14 Wochen erlernen. Hat der Junge alle Prüfungen am Kursende im September bestanden, so darf er ein orange-farbenes Emblem auf seiner Badehose tragen, dass ihn als "Seepferdchen"-Besitzer ausweist. Damit hat der Vierjährige den Nachweis erbracht, dass er vom Beckenrand gesprungen ist, 25 Meter im Becken schwamm und erfolgreich einen Gegenstand aus schultertiefem Wasser gefischt hat.

"Strampelbeine" gegen die Kälte

Doch noch muss Karin Reichwald, die im Verein Kindern seit zehn Jahren das Schwimmen beibringt, den blonden Jungen immer wieder neu motivieren. Maximilian friert außerhalb des Beckens: "Maxi, mach mal Strampelbeine" ruft sie ihm dann laut zu. Oder: "Los, mach dich ganz lang!", schallt es über das 12,5 Meter lange Lehrbecken.

Immerhin hat sich der schüchterne Junge mittlerweile mit dem Wasser angefreundet: "Am Anfang ging der nicht mal mit dem kleinen Zeh ins Wasser", erinnert sich Kursleiterin Reichwald an den ersten Kontakt mit dem jüngsten Schwimmschüler des Kurses.

Maximilian ist auf dem Weg, Schwimmer zu werden. Aber um diese Fähigkeit ist es bei deutschen Schulkindern schlecht bestellt. Dies belegen neue Zahlen der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Demnach können fast 40 Prozent aller Kinder im Alter von zehn Jahren nicht mehr schwimmen.

Schwimmbad-Mangel und lange Wartelisten

Über das "Warum?" macht sich Robert Freier seit Jahren Gedanken. "Die Lehrer sind fachlich nicht mehr qualifiziert genug und die Elternhäuser legen keinen großen Wert mehr auf diese, für ihre Kinder so wichtige Fähigkeit", sagt der 52-Jährige. Und führt einen weiteren Grund an: "Zudem wurden in den vergangenen Jahren viele Bäder geschlossen und von einem Schwimmbad-Neubau habe ich bislang jedoch noch nichts gehört."

Freier arbeitet seit Jahren als Sportreferent beim Schwimmverband Nordrhein-Westfalen. Ihn ärgert die negative Entwicklung maßlos, "denn Schwimmen ist für uns alle ein Menschenrecht". Weiter berichtet er von "langen Wartelisten" für die Schwimmkurse.

Ähnliche Gründe führt Stefan Formella an. Formella arbeitet als Referent für Öffentlichkeitsarbeit beim NRW-Landes-Sport-Bund in Duisburg. Seiner Meinung nach liegt es sowohl an den Eltern als auch den Schulen, dass so viele Kinder nicht schwimen können. "Selbst unsere Sportlehrer sind nicht mehr willens, sich dem Problem zu stellen. Es fehlt der Schwimmunterricht an den Schulen. Wir fragen uns mittlerweile: Wie kommen wir an die Kinder ran?"

Preisunterschiede bei Schwimmkursen

Wenn Familien die erste Hürde in Form langer Wartezeiten überwunden haben, folgt die zweite: Die Kosten. Denn der wöchentliche "Seepferdchen"-Kurs der Schwimm- und Sportfreunde Bonn, kurz SSF, kostet zwar für Mitglieder nur 40 Euro. Diese Summe zahlt Maximilians Mutter Irina Birkenstock gerne: "Ich will keine Angst um meinen Jungen haben. Er soll unbedingt Schwimmen können", sagt sie. "Und deswegen finde ich diesen Kurs sehr gut."

Doch in Gießen kostet ein zehnstündiger DLRG-Kinder-Schwimmkurs inklusive des Eintritts bereits 60 Euro und im Kölner "Aggrippabad" bezahlen Eltern für einen "Seepferdchen-Kurs" ihres Kindes bereits 80,40 Euro. Darin dann enthalten: nur die zwölf Kurstermine, der Eintritt ins Schwimmbad kommt noch hinzu.

Immerhin können Kinder mit dem "Frühschwimmerzeugnis Seepferdchen" später Bronze-, Silber- und Gold-Aufbaukurse belegen. Doch dann erhöht sich, je nach Stufe, auch die eingeforderte Leistung. So werden beim "Jugendschwimmabzeichen Bronze" bereits ein Sprung vom Beckenrand, mindestens 200 Meter Schwimmen in höchstens 15 Minuten und das Herausholen eines Gegenstandes aus circa zwei Meter tiefem Wasser erwartet. Selbst der Sprung aus einem Meter Höhe und die Kenntnis der Baderegeln werden in diesem Kurs geprüft.

Knapp 500 Tote bei Wasserunfällen

Wie wichtig Schwimmen ist, beweist die von der DLRG jährlich ermittelte Zahl der tödlichen Wasserunfälle. Demnach starben in deutschen Gewässern im vergangenen Jahr 484 Menschen. "Das ist für eine hoch einwickelte Gesellschaft entschieden zu viel und nicht zufrieden stellend. Es ist in den vergangenen Jahren grundsätzlich nicht gelungen, die Ertrinkungszahlen signifikant zu senken", sagt der DLRG-Präsident Klaus Wilkens.

Die DLRG ist mit einer Million Mitgliedern ehrenamtlichen Helfern laut eigener Aussage "die größte freiwillige Wasser-Rettungs-Organisation der Welt". Ihre Aufgabe: "Menschen vor dem Ertrinken zu bewahren." Deswegen nahm die in 2.200 örtliche Abteilungen gegliederte Organisation seit 1950 über 21 Millionen in Deutschland Schwimmprüfungen ab.

Doch Maximilian weiß davon nichts. Denn der Schwimm-Schüler kämpft nun mit einem anderen Problem: Vor seinen Augen versinkt schnell ein gelber Tauchring auf den Beckenboden. Diesen soll der Junge nun vom Grund wieder hinauf an die Wasser-Oberfläche holen. Maximilian schaut erst zur Mama, die am Beckenrand steht und kurz auf den schimmernden Ring. Mit einem Schwung taucht er dann hinab, ergreift den Ring und taucht an der Wasseroberfläche prustend wieder auf. Dann lacht Maximilian laut vor Freude auf und seine Mama freut sich sichtlich darüber, dass ihr Sohn wohl bald ein "Seepferdchen"-Schwimmer ist.

Korrektur: Liebe Leser, ursprünglich wurde in dem Text behauptet, dass 40 Prozent der Zehnjährigen in Deutschland nicht schwimmen können. Das war falsch. Es handelt sich um einen Anteil von 40 Prozent der Achtjährigen. Wir haben diesen Fehler nachträglich korrigiert. Wir bitten um Entschuldigung. stern.de

Ab wann sollen Kinder schwimmen lernen?

Experten empfehlen den Beginn des Unterrichts bereits im Kindergartenalter. Der Besuch eines "Seepferdchen"-Kurses macht bereits ab drei Jahren Sinn. DLRG-Ausbildungsleiter Klaus Stecher empfiehlt, "spätestens ab sechs, sieben Jahren massiv darauf zu drängen, Schwimmen zu lernen."

Doch der Kursbesuch will gut geplant sein, denn in zahlreichen deutschen Städten existieren lange Wartelisten. Besonders vor dem Beginn der Sommerferien ist eine Anmeldung zur Kursteilnahme schwierig.

Wieso können so viele Kinder nicht schwimmen?

Es heißt, fast 40 Prozent der deutschen Kinder im Alter von Achtjährigen könne noch nicht schwimmen. DLRG-Ausbildungsleiter Klaus Stecher führt als Hauptgrund für die Misere an, "dass sich Eltern nicht früh genug mit ihren Kindern ins Schwimmbad gehen und da ins Wasser trauen." Weitere Gründe seien der Mangel an Fachpersonal, die weiten Anfahrtswege zu den Schwimmbädern und viele Spaß-Bäder, in denen effektive Schwimmkurse nicht möglich seien.

Der Geschäftsführer des Referates Wasserwacht im Bayerischen Roten Kreuz Martin Rabl bezeichnet die Schließung der Bäder als zentrales Problem. "In den 1970er Jahren gab es einen Bauboom, nun müssen die Bäder kostenintensiv saniert werden. Die Wasserwacht profitiert davon, dass es dieses Training auch weiterhin gibt." Rabl erinnert noch an eine Zahl aus der Vergangenheit: "In den 1950er Jahren lag die Quote der Nichtschwimmer bei 88 Prozent." Dahin werde man zwar nicht mehr kommen, "doch nehme die Schwimmfähigkeit allgemein ab."

Welche Kurse werden angeboten?

Ob erstes Babyschwimmen, Seepferdchen-Kurs oder deutsches Jugendschwimmabzeichen in Bronze,-Silber,- und Gold - die Auswahl ist groß. Für schwimmwillige Kinder gilt, die Altersgrenzen zu beachten. So empfiehlt der Deutsche Schwimmverband die Teilnahme für das goldene Abzeichen erst mit neun Jahren, der Erwerb des Deutschen Schwimmpasses ist ab 18 Jahren möglich. Selbst Kurse für Erwachsene, die ihre Schwimmfähigkeit ausbauen wollen, werden angeboten. So lassen sich noch Kraulen oder Delfin-Schwimmen erlernen.

Wer bietet Kurse an?

Die DLRG, die DRK-Wasserwacht, die örtlichen Schwimmvereine und private Schwimmschulen bieten Kurse an. Informationen finden sich auch im Internet, etwa auf www.dlrg.de oder unter www.wasserwacht-online.de. Telefonisch ist die Hauptgeschäftsstelle der DLRG unter 05723/95 50 zu erreichen, die Wasserwacht gibt Auskunft unter 089/ 92 41 13 24.

Was kostet der Schwimmkurs für mein Kind?

Generell sind die Schwimmkurse des DLRG oder gemeinnütziger Schwimm-Vereine günstig, private Schwimmschulen teurer. Ein "Seepferdchen"-Kurs kostet für Mitglieder eines Bonner Schwimmvereins mindestens 40 Euro, Bronzekurse gibt es in Köln ab 80 Euro exklusive des Schwimmbad-Eintritt. Höher liegen die Kosten bei privaten Schwimmschulen. Für den Erwerb eines Schwimmabzeichens in Gold fallen in einer Erkrather Schwimmschule 109 Euro an, und in einer Münchner Privat-Schwimmschule kostet der Bronzekurs 150 Euro. In Berlin schießt der Preis für einen Kinderkurs gar auf 240 Euro.

Was kann ich tun, wenn mein Kind nicht schwimmen lernen will?

Der Geschäftsführer der Referates Wasserwacht im Bayerischen Roten Kreuz, Martin Rabl, rät Folgendes: "Auf alle Fälle sollten Eltern mit ihren Kindern ins Schwimmbad gehen und diese frühzeitig ans Wasser gewöhnen. Außerdem bieten wir in jedem Landkreis Wassergewöhnungs-Kurse an. Die Gebühr für den Besuch liegt bei um die 40 Euro."

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