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Kirchenglocke mit Hitler-Spruch - ein Dorf findet nichts schlimm daran

In dem Pfälzer Weindorf Herxheim hängt seit 83 Jahren eine Kirchenglocke mit einem Adolf-Hitler-Spruch. Eine pensionierte Lehrerin empörte sich darüber und musste feststellen: Die meisten Dorfbewohner stört das herzlich wenig.

Herxheim-Bürgermeister Ronald Becker

Ein bisschen stolz ist er schon schon auf die "Nazi-Glocke": der Herxheimer Bürgermeister Ronald Becker

Bis vor Kurzem war die Welt in am Berg noch in Ordnung. Vom idyllischen Weindorf mit seinen rund 750 Einwohnern in Rheinland-Pfalz hat man einen wunderschönen Blick auf die Weinberge und das umliegende Land. Worms, Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg sieht man vom Schlossgarten hinter der Kirche aus, auch den Dom zu Speyer und die Atomkraftwerke in Biblis und in Philippsburg kann man erkennen. Das stört den pittoresken Ausblick ein wenig, aber ansonsten ist man in dem Ort stolz auf die Lage und die ländliche Ruhe.

Doch mit der Ruhe ist es seit einigen Monaten vorbei. Zahlreiche Journalisten kamen in den Ort, um über diese eine Geschichte zu berichten, die die Herxheimer und noch mehr die Medien in Aufregung versetzt hat: die Geschichte von der Nazi-Glocke, die seit 83 Jahren im Kirchturm der Jakobskirche hängt und täglich läutet. Auf der Glocke steht der Spruch: "Alles fuer's Vaterland, ."

In Herxheim war Existenz des Spruches bekannt

Dass die Nazi-Glocke einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, liegt an der pensionierten Lehrerin Sigrid Peters. Sie hat früher einige Male die Orgel in den Gottesdiensten gespielt. Sie wusste nichts von der Glocke, vielleicht auch deshalb, weil sie im Nachbarsdorf wohnt und nicht aus der Region stammt. Im Mai dieses Jahres machte ein Freund sie auf die Inschrift der Glocke aufmerksam. Peters recherchierte und wandte sich an die Lokal-Zeitung "Rheinpfalz", die einen Artikel zu dem Thema brachte - seitdem herrscht Aufruhr in Herxheim.


Peters ist immer noch schwer empört darüber, dass sich in all den Jahren niemand an der Inschrift der Glocke gestört hat: "Wenn ein Täufling in die Kirche getragen wird, ein kleines Kind, und zum Einzug läutet eine Glocke, auf der 'Alles fuer's Vaterland' steht, dann frag ich mich: Dieser Säugling auch? Das ist ja, als würde man sagen, Kanonenfutter für Hilter," sagte sie der "Süddeutschen Zeitung." Und gegenüber dem ARD-Polit-Magazin "Kontraste" äußerte sie, dass aufgrund der Geschichte die Aufschrift "nicht einfach so stehen bleiben kann".

Mit ihrer Meinung steht Peters in dem Ort allein. Die Bürger verstehen die Aufregung um die Glocke nicht. Dumm nur, dass Bürgermeister Ronald Becker durch ungeschickte Aussagen die Empörung außerhalb von Herxheim nochmals vergrößerte. Er sorgte erst Recht dafür, das die Glocke ein Thema blieb. Becker sagte zum Beispiel über den Nazi-Spruch: "Das hat damals wunderbar in die Zeit gepasst, heute ist dieser Spruch etwas zu hart. Aber ich denke, jeder Deutsche sollte ein bisschen Nationalstolz haben, wie ihn auch viele Franzosen und Engländer haben." Zudem sei die Glocke eine von nur drei ihrer Art in Deutschland: "Wir sind stolz, eine Glocke mit solcher Inschrift zu haben. Diese Glocke jetzt als Hitler-Glocke zu bezeichnen, das ist immer so negativ." Unterstützung erhält der Bürgermeister von anderen Dorfbewohnern: "Das ist bei uns seit Jahrzehnten bekannt. Jetzt so hysterisch reagieren? Muss nicht sein," sagte ein Gastwirt. Der Pfarrer von Herxheim, Helmut Meinhard, stört sich ebenfalls nicht an der Glocke: "Warum sollten wir sie jetzt abstellen? (...) Was rüberkommt, ist ein zwei gestrichenes C." Sehen könne man die Glocke ja nicht.

Gemeinderat schiebt Entscheidung auf

Das Problem ist: Eine neue Glocke würde rund 50.000 Euro kosten. So viel Geld habe die Gemeinde nicht, sagt sie. Die Inschrift einfach wegschleifen, geht auch nicht. Das würde den Klang verderben. Das Gleiche würde passieren, wenn man sie einfach abhängt. Die beiden verbleibenden würden im Duett schaurig klingen.

Zumindest hat es die Kritikerin Peters geschafft, dass sich in Sachen "Hitler-Glocke" etwas tut. Bürgermeister Becker ist für eine Hinweistafel, andere sind dagegen. Sie befürchten, dass die Kirche dann zu einem Wallfahrtsort für Nazis werden könnte. Ende August kam schließlich der Gemeinderat zusammen, um darüber zu beraten, was aus der denkmalsgeschützten Glocke werden soll. Das Ergebnis: Man beauftragt einen Gutachter, der soll eine Empfehlung aussprechen. So hat man sich selbst vor einer klaren Entscheidung gedrückt. Fortsetzung folgt.


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