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Die Kasse der Herren

1967 schafft ein Männerbund in einer evangelischen Kirchengemeinde 1,5 Millionen Mark aus Kirchensteuern beiseite. 43 Jahre bleiben die Konten geheim und wachsen auf 50 Millionen Euro an – bis einer nicht mehr mitmachen will. Die Geschichte von fehlgeleiteten Wohltätern.

Von Philipp Elsbrock

Weil Michael Krause nicht mehr schweigen wollte, stand im Kirchenkreis Herford neulich die Staatsanwaltschaft vor der Tür, nahm einen Computer mit und ermittelt nun gegen 17 angesehene Bürger, darunter einen Dezernenten, ein Ratsmitglied und mehrere Pfarrer. Wenn die Sache schlecht ausgeht, sind sie vorbestraft und dürfen nicht mehr für die Kirche arbeiten. So geht das, wenn ein paar alte Männer denken, sie hätten eine gute Idee.

Es ist eine 43 Jahre lange Geschichte, die sich im westfälischen Herford zugetragen hat und am Freitag mit der Vorstellung eines Prüfberichts zu Ende ging. Die "Schwarze Kasse" des Kirchenkreises war illegal, aber offensichtlich gut gemeint. Das ist zumindest das Ergebnis der Rechnungsprüfung, die die evangelische Kirche von Westfalen nun in Bielefeld vorgelegt hat.

Michael Krause ist derjenige, der die Geschichte an die Öffentlichkeit gebracht hat. Krause, Anfang 40, ist ein gewinnender Typ, mit braunem Haar und rosa Gesichtsfarbe. Er vertritt den Kirchenkreis Herford als Superintendent nach außen und führt neue Priester ein – so ähnlich wie bei den Katholiken der Bischof. Kurz bevor er im Sommer 2009 sein Amt antrat, sagte ihm sein Vorgänger: „Wir haben noch etwas zu besprechen." Er zeigte ihm eine Akte mit Dokumenten über knapp 50 Millionen, die geheim auf zwei Konten lagern. So viel, wie der Kirchenkreis sonst nicht im ganzen Jahr ausgibt.

"Blutsynode"

Niemand außer ein paar Eingeweihten wusste davon. Schweigen – das gehörte zur unausgesprochenen Pflicht in diesem Amt, zur Tradition des Kirchenkreises. Doch Krause will nicht schweigen. Er will aufklären. "Dass diese Kasse unrecht war, war mir von Anfang an klar", sagt er. Krause berichtet der Landeskirche, die eine Prüfung anordnet. "Ich war froh, als ich diesen Schritt gemacht hatte", sagt er. Als er seinen Gemeindemitgliedern von der Kasse erzählt, sind sie wütend und enttäuscht.

Krause weiß noch, wie er die Menschen damals beschwichtigen musste, nachdem das Kirchenparlament beschlossen hatte, zahlreiche Mitarbeiter zu entlassen. Menschen wie die Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, die mit 45 auf der Straße stand. Den Umweltbeauftragten, der sein halbes Leben bei der Kirche beschäftigt war. Die Küster, Musiker und Pfarrer in den Gemeinden, denen nur ein paar Jahre bis zur Rente fehlten. Ihre Stellen wurden gekürzt oder gleich ganz gestrichen, weil die Kirche sparen musste. Weil kein Geld da war, wie es offiziell hieß.

"Blutsynode" nennen sie in der Gemeinde die Sparrunde, in der das Kirchenparlament die jährlichen Kosten um 3 Millionen Euro senkte. Michael Krause war dabei, er konnte nichts machen und erinnert sich mit Schrecken. Andere, die von dem Geld wussten, schwiegen.

Christliches Schweigegelübde

Dabei war die Kasse genau für einen solchen Zweck ursprünglich gedacht: als ein Polster für schlechte Zeiten. Heimlich angelegt schon im Jahr 1967, von einem betagten Männerbund aus Pfarrern und Presbytern. Pro Pfarrstelle zogen die Männer 25.000 Mark aus Kirchensteuern ab - so kamen 1,5 Millionen Mark zusammen, die in den folgenden Jahren kräftig aufgestockt wurden. Die Kasse der Herren. Immerhin: Es habe sich die erste Einschätzung bestätigt, wonach sich niemand persönlich bereichert habe, sagte Oberkirchenrat Arne Kupke am Freitag.

Jeder Vorstand sagte das Geheimnis seinem Nachfolger weiter, nach außen schwiegen sie. Neben dem Superintendenten waren meist nur die hauptamtlichen Funktionäre eingeweiht, seltener der gesamte Vorstand. Mal wussten nur drei davon, mal waren es acht. Indem die Hüter der Kasse eisern die Finger auf das Vermögen hielten und nur die Zinsen ab und zu in den Haushalt schleusten, verfünfundsechzigfachte sich der Geldberg über die Jahre. Angeblich nur durch konservative Wertpapiere, eine Rendite von sieben Prozent haben die Prüfer berechnet. Michael Krause stand vor dem Geldberg und wollte zunächst wissen, ob jemand selbst in die Kasse gegriffen hatte. Hat niemand, so bestätigt auch der zuständige Staatsanwalt. Weil das Geld aber nie im offiziellen Haushalt auftauchte, ermittelt er gegen 17 Personen wegen Untreue und Betrug.

Willkürlich entschieden sie, für welchen Zweck sie Geld aus der Kasse nahmen und wann nicht. Eine Gemeinde konnte ein Darlehen nicht begleichen? Okay, gezahlt. Die Stelle im Jugendreferat sollte verlängert werden? Nein, dafür gab es kein Geld. Paternalistisch findet Michael Krause das. Warum das System über Jahre unentdeckt blieb, kann er sich nicht erklären. "Wir hatten Angst", sagt Pfarrerin Anke Hülsmeier. Angst vor dem, was bei einem Geständnis passieren würde. Hülsmeier war zwei Jahre lang im Kreissynodalvorstand und wusste davon. Es habe jemand gefehlt, mit gutem Beispiel voranging, sagt sie. Einer wie Michael Krause.

Dass es unrecht war, was die Verantwortlichen taten, hat sich bis heute nicht bei allen durchgesetzt. "Ich war als Beamter nur ein ausführendes Organ", sagt Eberhard Nolte, der knapp vier Jahre Verwaltungsleiter im Kirchenkreis war. Er habe sich nicht gegen seinen Dienstherrn, den damaligen Superintendenten Gerhard Etzien stellen wollen. Die Aufregung um die Millionen findet Nolte übertrieben. Niemand sei auf der Straße gelandet, auch diejenigen, die ihre Stelle verloren hätten, hätten Abfindungen bekommen. Zu kurz gekommen sei jedenfalls niemand, befindet Nolte.

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