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Wunsch und Wirklichkeit

Seit Wochen kämpfen deutsche Erzieher für bessere Arbeitsbedingungen in Kindergärten und Kindertagesstätten. Wie erschütternd schlecht diese sind, zeigt beispielsweise der Vergleich mit der Situation in Finnland. Ein Zwiegespräch unter Kolleginnen.

Sie sind Erzieherin, Frau Rothenburger. Saunen und Rentiere waren sicher nicht der Grund, weshalb Sie von Deutschland nach Finnland gezogen sind?

Rothenburger: Nein, auch nicht die fürchterlich kalten Winter. Die Arbeitsbedingungen in den finnischen Kindertageseinrichtungen sind einfach viel besser. Hier macht es Spaß, mit Kindern zu arbeiten. Deutschland ist dagegen immer noch rückständigbehäbig, hinkt 15 Jahre hinterher. Hier in Finnland habe ich viele Freiräume, kann meine Ideen einbringen. Und dabei werde ich gefördert und gestützt - vom Staat, von den Städten und Gemeinden und von der Gesellschaft.
Rippert: Beneidenswert. Uns wird die Freude an der Arbeit immer mehr verdorben. Viele von uns sind am Limit, physisch und psychisch. Kaum eine glaubt noch daran, dass sie das Rentenalter gesund erreicht. Viele werden von Kopfschmerzen gequält, viele plagt der Rücken. Eine Studie sagt, dass nur 13 Prozent der Fachkräfte während oder unmittelbar nach der Arbeit keine gesundheitlichen Probleme haben. Das ist doch eine untragbare Situation.

Was macht Sie so kaputt?

Rippert: Die Arbeitsbelastung ist immens gestiegen. Wir haben nicht nur mit der wachsenden Kinderarmut und Vernachlässigung zu kämpfen. Da sind die vielen Trennungsfamilien und Migrantenkinder, die unsicheren Eltern. Und nicht zuletzt das Fernsehen: Wenn die Kinder montagmorgens zu uns kommen, sind sie wie durchgedreht. Hinzu kommt - typisch deutsch - die wachsende Bürokratie …

… und nach dem Pisa-Schock auch noch die Forderung nach frühkindlicher Bildung.

Rippert:

Ja. Zusätzlich zum "normalen" Betrieb sollen wir jetzt noch anspruchsvolle Bildungspläne umsetzen, Beobachtungsbögen ausfüllen und für jedes Kind einen Entwicklungsplan erstellen - das alles, ohne auch nur eine Erzieherin mehr bekommen zu haben. Das macht klar: In die Bildung und Entwicklung unserer Kleinsten wird nicht genügend investiert. Das geht zu unseren Lasten und zulasten der Kinder und Familien.

Rothenburger:

Der finnische Staat gibt 6,3 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Bildung aus, der deutsche nur 4,5 Prozent. Aber ein gutes Betreuungssystem kostet. Lange vor Pisa bauten Länder wie Finnland, Schweden und Norwegen die Kinderbetreuung quantitativ und qualitativ immer weiter aus. Deutschland lag dagegen im Dornröschenschlaf.

Wie sieht das konkret bei Ihnen in Kerava aus?

Rothenburger:

In Finnland macht man den Familien das Leben leicht: Schon seit über zehn Jahren steht jedem Kind ein Betreuungsplatz von Geburt an zu - viele Eltern nehmen das nicht in Anspruch, aber sie haben eben die Möglichkeit, jederzeit arbeiten zu gehen. Davon können deutsche Mütter trotz der Ringkämpfe Frau von der Leyens mit dem Finanzminister nur träumen …

Rippert:

… und den Traum müssen wir auch noch länger träumen.

Rothenburger:

In Kerava gibt es sogar Schichtkindergärten für Eltern, die zum Beispiel im Krankenhaus arbeiten. Diese Kitas haben 24 Stunden geöffnet. Für alle Betreuungsplätze kann man sich leicht im Internet bewerben. Den Platz bekommt man exakt zum Wunschdatum. In 90 Prozent der Fälle sogar im Wunschkindergarten.

Rippert:

Kaum vorstellbar.

Rothenburger:

Fehlen Plätze, werden umgehend neue Gruppen eröffnet. Niemand muss sich schon als Schwangere in lange Wartelisten eintragen, um dann am Schluss doch leer auszugehen. Mit zwei Jahren besuchen hier in Finnland fast alle Kinder eine Kita, meist ganztags.

Wie groß sind denn die Gruppen in Ihrem "Spielhaus"?

Rothenburger: Bei den Jüngsten bis zu drei Jahren werden höchstens zwölf Kinder von vier Erwachsenen betreut, in der zweiten Gruppe haben wir 21 Vier- und Fünfjährige. Um sie kümmern sich drei Erzieher oder Lehrer und ein Absolvent des Sozialen Jahres. Oft ist noch eine Praktikantin dabei. Also fünf Personen. Die zehn Vorschulkinder haben zwei Betreuer. Alle sprechen Finnisch und Deutsch.
Rippert: Deutschland erfüllt - von wenigen, teuren Privat-Kitas abgesehen - nirgendwo den von der EU empfohlenen Mindeststandard. Danach sollte sich eine Fachkraft um höchstens drei Kinder bis anderthalb Jahren oder vier Kinder bis zu drei Jahren kümmern. Die Realität sieht aber anders aus: Durchschnittlich muss sich eine Erzieherin um acht Ein- bis Dreijährige kümmern, in Hessen sogar manchmal um zehn. Und es gibt bei uns in der Kita immer wieder Tage, an denen wir zu acht 93 Kinder neun Stunden lang betreuen. Da drehen Sie ab!

Große Gruppen, wenig Personal haben meist auch viel Lärm zur Folge?

Rippert:

Und der belastet. Es gibt gemessene Spitzenwerte von 117 Dezibel. Das entspricht dem Wert eines startenden Düsenjets in 100 Meter Entfernung.

In Deutschland haben gerade mal 3,4 Prozent der Kita-Mitarbeiter eine Hochschulausbildung. Das leisten sich in der EU sonst nur noch Malta und Österreich. Wie ist das bei Ihnen, Frau Rothenburger?

Rothenburger:

Ich habe für meine 42 Kinder fünf Leute mit Fachhochschul- oder Uni-Abschluss. In jeder Gruppe ist also mindestens ein Akademiker oder eine Akademikerin. Auch bei den Kleinsten; zurzeit haben wir sogar zwei. Bei uns gibt es den Bildungsgedanken für Kitas schon lange, entsprechend gut werden Erzieher und Lehrer ausgebildet.

Wenn man nicht mehr Personal in die deutschen Kitas steckt, drohen dann nicht die ehrgeizigen Bildungspläne Makulatur zu bleiben?

Rippert:

Im schlimmsten Fall werden sie ad absurdum geführt. Selbst bei uns in Stuttgart, wo die Personaldecke dünn ist, aber noch nicht ganz so traurig ausschaut wie anderswo, müssen Abstriche gemacht werden. Ein Beispiel aus meinem Haus: In Baden-Württemberg haben wir den Plan "Einstein in der Kita", das heißt, wir bieten den Kindern Bildungsinseln in zehn Bildungsbereichen an. Sobald zwei Kollegen im Urlaub oder krank sind, können wir manche von diesen Angeboten nicht aufrechterhalten. Dann müssen wir die Insel "Lesen und Schreiben" schließen, oder im Bereich Naturwissenschaft fällt die Experimentierecke weg. Es werden dann eben keine Käfer mehr unterm Mikroskop betrachtet.

Frustriert Sie das nicht?

Rippert: Meine Kollegen und ich stehen voll hinter dem Bildungsplan für die Kitas, aber man muss ihn uns auch ordentlich umsetzen lassen. Sonst werden demnächst noch mehr von uns am Ende ihrer Kräfte sein. Stattdessen werden lieber Milliarden in das Projekt "Stuttgart 21" mit der Untertunnelung des Bahnhofs gesteckt. Vom Land allein 700 Millionen!
Rothenburger: Das klingt nicht nach einem fürsorglichen Arbeitgeber. Das ist in Finnland anders. Wenn hier in einer Kita Leute ausfallen, kann sofort eine Erzieherin aus einer langen Liste von "Springerkräften" eingesetzt werden. Das entlastet.
Rippert: Springerkräfte bekomme ich überhaupt nicht.
Rothenburger: Für angeschlagene Mitarbeiter gibt es bei uns dreijährige Rehabilitationsprogramme, für die sie mehrere Wochen im Jahr freigestellt sind und in denen sie sich um ihre Gesundheit kümmern können. Damit es aber gar nicht erst so weit kommt, gehen Arbeitsgesundheitsärzte immer wieder zu Gesprächen mit den Erziehern in die Kitas. Dazu wird jedes Jahr überprüft, ob alle gute Arbeitsbedingungen haben. Und es gibt so etwas wie ein Sabbatical für Erzieher, die zehn oder mehr Jahre in dem Beruf arbeiten. Sie können zwischen drei Monaten und einem Jahr pausieren und bekommen trotzdem monatlich rund 1000 Euro aus der Rentenkasse.
Rippert: Traumhafte Zustände! Mit solchen Maßnahmen würdigt man doch auch die anstrengende Arbeit der Erzieher. Um uns sorgt sich leider niemand so.

Und wie sieht die Bezahlung aus?

Rippert:

Bei uns erhält eine Erzieherin als Einstiegsgehalt 2130 Euro brutto. Es bleiben ihr also 1345 Euro, wenn sie Steuerklasse 1 hat. Oder noch weniger, wenn sie - was oft passiert - nur eine Teilzeitstelle bekommen hat. Ein Grund mehr dafür, dass immer weniger junge Leute in diesen Beruf wollen. Bei den hohen Mieten in Stuttgart ist oft nicht einmal ein Auto drin. Oder man muss sich einen Zweitjob suchen. Ein Kollege von mir bessert sein Einkommen mit Nachhilfeunterricht auf, eine Kollegin kellnert - und das nach siebeneinhalb Stunden Kinderlärm.

Rothenburger:

Das Bruttogehalt der Einsteigerinnen ist in Finnland in etwa gleich, aber sie bekommen ein paar Hundert Euro mehr heraus, weil es weniger Abzüge gibt. 2008 haben wir heftig gestreikt. Wir sind da sehr selbstbewusst. Das Ergebnis war über 20 Prozent mehr Gehalt. Das wird gerade umgesetzt. In Finnland ist alles gut gelöst für die Kinder, ihre Entwicklung und ihre Zukunft. Zeitgemäß eben.

Interview: Anette Lache/print

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