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Dem Papst entgleiten die Zügel

Spekulationen über seinen Gesundheitszustand, unverhohlene Kritik an seinem Staatssekretär und die obskure Nachricht über ein Mordkomplott: Papst Benedikt erlebt ein "annus horribilis".

Von Luisa Brandl, Rom

  Finstere Zeiten: Kaum sind die Skandale um Pädophilie und Vertuschung der Missbrauchsdelikte verhallt, muss sich Papst Benedikt XVI. um seine interne Führungsposition sorgen.

Finstere Zeiten: Kaum sind die Skandale um Pädophilie und Vertuschung der Missbrauchsdelikte verhallt, muss sich Papst Benedikt XVI. um seine interne Führungsposition sorgen.

Sie sollen sehr vertraulich miteinander gesprochen haben: der "lider máximo", seit 50 Jahren unangefochtener kommunistischer Herrscher Kubas, und das Oberhaupt der katholischen Kirche. Fidel Castro habe sich nach den Aufgaben eines Papstes erkundigt, berichtete das "Wall Street Journal". Der alte bärtige Mann habe seinen gleichaltrigen Gast auch gefragt, wie er es denn schaffe, in seinem Alter die Kirche zu führen. Was Joseph Ratzinger geantwortet hat, ist nicht kolportiert. Aber die Frage muss ihm einen Stich versetzt haben, denn daheim im Vatikan entgleiten dem Kirchenchef allmählich die Zügel.

Das geht so weit, dass einige Kardinäle der römischen Kurie mit der sakrosankten Verschwiegenheit offen gebrochen haben, nachdem im Januar die ungeheuerliche Nachricht eines Mordkomplotts gegen Benedikt XVI. ans Licht kam. In der vertraulichen Mitteilung, die der kolumbianische Kardinal Dario Castrillon Hoyos am 30. Dezember 2011 dem Staatssekretariat im Vatikan überbrachte, hieß es, Ratzinger werde vor November 2012 ermordet. Hoyos berief sich auf Informationen, die der Kardinal aus Palermo, Paolo Romeo, ihm gesteckt habe. Romeo wiederum will von dem Komplott während einer Reise nach China erfahren haben. Was den Sizilianer aber nach China trieb, liegt weitgehend im Dunkeln.

Die legendäre Zurückhaltung der Kardinäle ist dahin

Die Intrige erschütterte derart die Gemüter, dass der jesuitische Vatikan-Sprecher, Pater Federico Lombardi, sich gezwungen sah, die "Existenz der Mitteilung zu bestätigen". Laut Romeo habe Seine Heiligkeit auch schon heimlich seinen Nachfolger in der Person des Kardinals Angelo Sodano bestimmt. Die Nachricht ist pikant, denn Ratzinger hatte im September Sodano befördert und den einstigen Patriarchen von Venedig zum Erzbischof von Mailand ernannt, der weltweit mächtigsten Diözese mit 4,8 Millionen Gläubigen und Sprungbrett auf den Petristuhl in Rom. Ist die künftige Kandidatur Sodanos nun vermasselt? Ein altes Sprichwort besagt: Wer als Papst ins Konklave geht, kommt als Kardinal wieder heraus.

Eines ist sicher: Die legendäre Zurückhaltung der Kardinäle ist nun dahin. Die Nachfolge Benedikts ist kein Tabu mehr. Kurz vor seinem 85. Geburtstag am 16. April sieht sich Ratzinger den wildesten Spekulationen um seinen Gesundheitszustand ausgesetzt. Hinter den Vatikanmauern wird getuschelt, er habe Krebs und würde das Jahr nicht überleben. Andere verweisen auf seine Herz-Kreislauf-Beschwerden, seine Angst vor Reisen, die ihn anstrengen und die er deshalb auf ein halbes Duzend im Jahr begrenzt hat. In Mexiko sah man den Papst zum ersten Mal auf einen Stock gestützt aus dem Flugzeug steigen. Er müsse Medikamente einnehmen, heißt es, zur Vorbeugung von Thrombosen.

Benedikt hält das Zepter nicht mehr in der Hand

Für Ratzinger hat ein "annus horibilis" begonnen. Kaum sind die Skandale um Pädophilie und Vertuschung der Missbrauchsdelikte verhallt, muss sich das Kirchenoberhaupt um seine interne Führungsposition sorgen. Da prangert der Generalsekretär der Vatikan-Verwaltung, Kardinal Carolo Maria Vigano, ganz unverhohlen mangelnde Transparenz bei der Kontenführung und der Vergabe von Bauaufträgen an und fordert, die Vatikan-Bank IOR müsse die internationalen Standards einhalten, um auf die so genannte Weiße Liste der sauberen Geldinstitute zu gelangen. Dabei ist die IOR-Bank seit Jahrzehnten ein Hort des eisernen Schweigens.

Dass Benedikt das Zepter nicht mehr in der Hand hält, wird auch an der ungebremsten Kritik an seinem Staatssekretär Tarciso Bertone deutlich. Bertone sei inkompetent auf internationalem Parkett, wird in der Kurie gemäkelt. Er spreche keine Sprache außer Italienisch und habe sich in einem kleinen Kreis Vertrauter abgezirkelt. Ratzinger gebietet weder der Kritik Einhalt noch hat er den Mut, sich von dem Getreuen zu lösen. Er steht weiter unter dem Einfluss seines Staatssekretärs. Bei der Ernennung 22 neuer Kardinäle im Februar war darunter kein einziger aus Afrika und nur einer aus Südamerika, dem Kontinent mit den meisten Katholiken. Der Chef der Weltkirche hat indes die Europäer begünstigt, darunter sieben Italiener, die Bertone nahe stehen. Ein derartiges Ungleichgewicht schafft Frustrationen und schürt Rivalitäten unter den zahlreichen italienischen Kirchenmännern.

Rom setzt sich über die Kirche hinweg

Auch in den Beziehungen zur italienischen Regierung ist nichts wie früher. Hatte der Heilige Stuhl bis vor Kurzem noch die politische Agenda diktiert: keine Abtreibungen, keine Homo-Ehe, keine Sterbehilfe und vor allem Kohle für die katholischen Schulen und Steuergeschenke, setzt sich die neue Regierung Monti über die Prälaten hinweg. Sie soll es nicht einmal für nötig gehalten haben, den Vatikan zu informieren, dass die Befreiung von der Grundsteuer für den riesigen Immobilienbesitz der katholischen Kirche abgeschafft wird. Kardinal Angelo Bagnasco soll davon auf der Website des Finanzministeriums erfahren haben, schreibt das französische Wochenblatt "Paris Match". In anderen Zeiten wäre ein Emissär des Papstes, so die Expertenmeinung, in aller Diskretion zum italienischen Finanzminister geeilt und hätte verhindert, dass dem Vatikan ein sattes Steuerprivileg von jährlich 700 Millionen Euro auf einmal entzogen wird.

Luisa Brandl/print
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