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Friede, Freude, Kohle, Tod

Was als heiterer Freak-Tanz begann, endet als todbringendes Monster-Event: Die Loveparade hat sich in 20 Jahren nicht zum Guten gewandelt. Im Vordergrund stand zuletzt nicht Techno, sondern Geld.

Von Katharina Miklis

  Trauernde haben Blumen und Kerzen am Ort der Tragödie niedergelegt. Auf einem Schild die Frage, die sich jetzt viele stellen: Warum musste das passieren?

Trauernde haben Blumen und Kerzen am Ort der Tragödie niedergelegt. Auf einem Schild die Frage, die sich jetzt viele stellen: Warum musste das passieren?

  • Katharina Miklis

720 DM soll sie gekostet haben. Die allererste Loveparade 1989. Der Techno-DJ Matthias Roeingh alias Dr. Motte rief sie ins Leben, meldete die Demonstration für "Friede, Freude, Eierkuchen" in Berlin an. 150 Besucher kamen und tanzten auf dem Kurfürstendamm. Dr. Motte fuhr auf einem alten VW-Bus vorneweg.

Mehr als 20 Jahre später sterben 19 Menschen auf der wohl allerletzten Loveparade. Zu Tode getreten. Aus Dr. Mottes Idee von einst ist eine Massenveranstaltung geworden, bei der es zuletzt mehr um Kosten, Rekorde und Imagepflege ging als um friedliches Miteinander. Aus dem VW-Bus sind rund 40 Party-Trucks geworden. Aus 150 Besuchern 1,5 Millionen. In 20 Jahren hat sich die Parade zu einem kommerziellen Monsterevent entwickelt. Immer lauter, immer größer, immer mehr. Die Geschichte der Loveparade ist auch eine Geschichte von Gier, Geld und Unvernunft.

Berliner steht Mitte der 90er vor einem Problem

Schon wenige Jahre nach dem ersten Techno-Umzug platzt der Kurfürstendamm in Berlin aus allen Nähten. Die Loveparade war innerhalb weniger Jahre zum Massenphänomen geworden - und zum Aushängeschild Berlins. Neben der eigentlichen Parade steigt das Rahmenprogramm mit Raves und Aftershow-Partys und verbreitet sich über die ganze Stadt. Die Berliner Behörden stehen Mitte der 90er vor einem Problem: Der Kurfürstendamm ist inzwischen zu klein für die größte Technoparty der Welt. 1996 feiern die Massen erstmals zwischen dem Ernst-Reuter-Platz, vorbei an der Siegessäule, bis hin zum Brandenburger Tor. Größer, weiter, lauter. Die Loveparade ist im Mainstream angekommen. Mit der Ausweitung der Tanzzone kommen weitere Probleme: Immer mehr Müll sowie die Lärmbelästigung und Verschmutzung des Tiergartens durch mehr als eine Million Besucher lassen die Bewohner auf die Barrikaden gehen. Proteste von Tier- und Umweltschützern werden laut, die Streitereien zwischen Stadt und Veranstalter immer größer. Für viele Berliner hatte sich die Loveparade nach über zehn Jahren ohnehin zur Touristenattraktion und zu Disneyland für Möchtegern-Raver entwickelt. Dass der greise Gotthilf Fischer im Jahr 2000 auf der Parade auftritt, finden nicht alle Raver witzig. Vor allem die älteren Teilnehmer vermissen den Geist der ersten Stunde. Fernsehübertragungsrechte werden an RTL2 verkauft. Professionelle Gogo-Girls und "Big Brother"-"Promis" verdrängen die Raver auf den Trucks.

Auch wenn die Kritik an der Massenveranstaltung wächst, hält der Senat von Berlin an der Parade fest. Zu groß und bedeutend ist der Wirtschaftsfaktor für Tourismus, Gastronomie und Kultur. Schätzungen zufolge lassen allein 500.000 Besucher rund 50 Millionen Euro in der Hauptstadt. Die Kosten für die eintägige Veranstaltung sind jedoch bereits auf mehrere Millionen Euro gestiegen. 2001 geht die Parade nicht mehr als politische Demonstration durch. Die Veranstalter verlieren die finanzielle Unterstützung aus öffentlicher Hand und müssen selbst für Reinigung und vor allem auch für die Sicherheit der Teilnehmer aufkommen. Sie kämpfen um Sponsoren und Standorte. Zu viel Geld. Friede, Freude, Eierkuchen lohnt sich nicht mehr. Viele der DJs und Clubs, die auf ihren Wagen über die Straße des 17. Juni ziehen, können die Lizenzgebühren nicht mehr zahlen. Die hohen Sicherheitsauflagen und Vorgaben einiger Sponsoren können nicht mehr erfüllt werden. 2004 und 2005 fällt die Parade aus - Geldprobleme.

Fitnesskette McFit übernimmt Loveparade als Sponsor

Gründervater Dr. Motte ist Idealist. Kämpft zwischen Beats und Behördenstreit weiter für seine Idee des friedenstiftenden Tanzens für eine bessere Welt. Bis 2006. Da nimmt der Kommerz dann endgültig überhand. Die Fitnesskette McFit übernimmt die Loveparade als Sponsor. Die Werbeflächen auf den Trucks werden vergrößert, ebenso die musikalische Bandbreite. Dr. Motte, dem der Profit bei der ganzen Veranstaltung nebensächlich war, kann den Einstieg nicht verhindern, verkauft seinen Anteil und distanziert sich von der Parade. Die Loveparade war zu einer "Werbeveranstaltung" (Dr. Motte) verkommen. McFit-Chef Rainer Schaller, von Dr. Motte als Marketing-Heuschrecke bezeichnet, brachte die drei Millionen Euro mit, die zur Finanzierung nötig waren. Doch schon ein Jahr später kommt es zum endgültigen Bruch mit der Stadt Berlin. Die Wirtschaftsförderung Metropoleruhr GmbH und günstigere Bedingungen locken die Parade ins Ruhrgebiet. Für Berlin ein herber Verlust. Zwar hatte die Parade ihre besten Zeiten hinter sich, aber immer noch kamen Hunderttausende zu dem Mega-Rave. Die Kommunen im Ruhrgebiet freuen sich derweil über zusätzliche Einnahmen und den Imagegewinn, den das Jugendkultur-Großerereignis mit sich bringt. Zudem steigen die Besucherzahlen im mit Attraktionen nicht übermäßig gesegneten Ruhrgebiet wieder sprunghaft an, ja übertreffen selbst die Hochzeiten der Loveparade.

Die Massenparty wird zur "Loveparade Metropole Ruhr", findet 2007 zunächst in Essen statt und ein Jahr später in Dortmund. Mit 1,6 Millionen Besuchern ist die Ausgabe 2008 die größte ihrer Geschichte und so weit wie noch nie entfernt von der Ursprungsparty von 1989. "Ich habe gehört, dass neben dem BND auch Google und Facebook aufpassen", spottet Dr. Motte 2009. "Als freiheitsliebender Mensch kann ich mich daran nicht beteiligen." Die neuen Veranstalter brüsten sich derweil mit Rekorden. Immer mehr Besucher, immer größere Paraden - immer mehr Gewinn. Da gilt es, die Kosten niedrig zu halten. Statt der Polizei werden aus Kostengründen bei Massenveranstaltungen in Deutschland immer mehr private Sicherheitsfirmen eingesetzt. "Das Personal wird kurzfristig rekrutiert und mit vier oder fünf Euro Stundenlohn abgespeist", bemängelt am Tag nach der Duisburger Katastrophe der stellvertretende Vorsitzende der Polizei-Gewerkschaft, Michael Reinke.

Prestigeprojekt für Duisburg

2009 soll die Loveparade ursprünglich in Bochum stattfinden. Massive Sicherheitsbedenken sorgen jedoch dafür, dass der Event abgesagt wird. Der Bochumer Hauptbahnhof droht dem Ansturm von einer Million Menschen nicht standhalten zu können. Ein Jahr später ist das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt 2010. Die von Arbeitslosigkeit und Bevölkerungsschwund getroffene Region, die den Strukturwandel nur schwerlich meistert, feiert sich selbst. Hoffnung und Optimismus sind Trumpf. Auch in Duisburg. Risiken werden verdrängt. Und das obwohl Polizei und Feuerwehr mehrere Monate vor der Parade in Duisburg massive Vorbehalte gegen das Sicherheitskonzept geäußert haben. Die Loveparade ist für die schwer gebeutelte Stadt Duisburg ein Prestigeprojekt. Aufgrund der schwierigen Haushaltslage darf die Kommune zwar kein Geld für die Veranstaltung ausgeben, McFit leistet jedoch einen zusätzlichen Beitrag zum Finanzierungskonzept der Stadt. Zusätzlich bekommt Duisburg einen sechsstelligen Förderbetrag des Landes für Sicherheit und Verkehr. Die Loveparade findet statt. Mehr als eine Million Menschen werden erwartet.

Was folgt, ist bekannt. Menschen sterben. Dass es so weit kommen konnte, ist auch dem Wunsch geschuldet, an der Parade, die einst als anti-kommerzielle Friedensdemo begann, Geld zu verdienen. Die Polizeigewerkschaft Nordrhein-Westfalen spricht von "materiellen Interessen eines Veranstalters, der unter dem Deckmäntelchen der 'Kulturhauptstadt 2010'" Druck ausgeübt habe. Dr. Motte wirft den Veranstaltern in seinem Blog vor, die Katastrophe durch inkompetente Planung verschuldet zu haben: "Das Gelände abzusperren war ein Fehler. Die Loveparade war immer offen für alle in Berlin, mit Rückzugsmöglichkeiten in den Tiergarten". In Duisburg war also nicht nur der Profit programmiert. Sondern auch die Katastrophe.

P.S.: Von der idealistischen Techno-Party zum Kommerz - haben die Veranstalter ein zu hohes Risiko in Kauf genommen? Diskutieren Sie mit uns auf Facebook.

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